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Full text of "Naturgeschichte des Menschen. Grundriss der somatischen Anthropologie"

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3 0802 100914204 8 



NATURGESCHICHTE 
DES MENSCHEN 



ZWEITE AUFLAGE 



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FERDINAND ENKE IN STUTTGART 



i'-: 



PROF. DR. C. H. STRATZ 






WEDICAL CENTER LIBRARY/^ 



NATURGESCHICHTE 

DES MENSCHEN 

GRUNDRISS DER SOMATISCHEN 
ANTHROPOLOGIE 



ZWEITE AUFLAGE 

(UNVERÄNDERTER ABDRUCK) 



MIT 342 TEILS FARBIGEN ABBILDUNGEN UND 5 FARBIGEN TAFELN 




VERLAG VON FERDINAND ENKE IN STUTTGART 

1920 



,ci) m\ v^iKou 



LAlfi 



Druck der Uuion Deutsche Terlagsgesellscliaft in Stuttgart. 



Vorwort. 

Dem Einzelnen bleibe die Freiheit, sich 
mit ilem zu beschäftigen, was ihn iii- 
zieht, was ihm Freude macht, was ihm 
nützlich däucht; aber das eigentliche 
Studium der Menschheit ist der M ens c h. 
Goethe ( Wahlverwamltschaften). 

W ie (1er Titel, so ist auch der Zweck dieses Buches ein 
doppelter. 

Wissenschaftlich soll es die somatische Anthropologie, die 
Lehre vom menschlichen Körper, statt wie früher nur üher toten 
Reihen von Messungen und Wägungen, in l('l)endiger (jestaltung 
mit reichem photographischem Anschauungsmaterial auf dei- (inunl- 
lage der vergleichenden Anatomie und Entwicklungsgeschichte, der 
Embryologie und der Paläontologie aufbauen. 

Allgemeinverständlich soll es auch in weiteren Kreisen 
die wissenschaftlichen Bestreliungen und Ziele der Menschen- 
kunde fördern helfen, die schliesslich doch nur i]i'v allgemeinen 
Weiterentwicklung der Menschheit dienstbar ist und die theoretische 
Grundlage schatFt. von der die praktischen Versuche zur Verbesse- 
rung und Veredelung des Menschengeschlechts ausgehen müssen. 

Die Anthrojjologie ist eine sehr junge Wissenschaft. Durch 
die hohe Ausbildung der Photogra))hie Init sie in den letzten Jahr- 
zehnten eine mächtige Stütze erhalten, so dass sie besser als bishei- 
im stände ist. objektives Beweisniatei-ial zu saninndn. In ilieseni 
Buche ist gerade darauf besonderes (lewicht gelegt und --o viel wie 
möglich mit Photographien gearbeitet worden, füi- ilcrrn ti-ctfliclic 
Wiedergabe der sachverständige Verleger Herr Alt red Enke in 
gewissenhaftester Weise Sorge trug. 

Nur auf iliesem Wege ist dem Leser ein eigenes Urteil ci-- 
mögflicht. 



YI Vorwort. 

Den reichen Stoff habe ich seit vielen Jahren gesammelt. Dieses 
Buch ist gewissermassen die Grundlage, auf der sich meine früher 
erschienenen Werke aufhauen: trotzdem aber liildet jedes für sich 
ein geschlossenes Granze. Von den Abbildungen sind nur solche 
wiederholt verwendet worden, die für mich den Wert von fest- 
stehenden Formeln menschlicher Gestaltung angenommen haben. 

den Haag, im Herbst 1904. 

C. H, Stratz. 



Inhalt. 



Seite 

I. Ueheiblick über die anthropologische Forschung 1 

II. Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit 24 

III. Die Ontogenese des Menschen 91 

A. Die embryonale Entwicklung 93 

B. Das Wachstum des Menschen 1'26 

C. Die geschlechtliche Entwicklung l-"»3 

IV. Die körperlichen Merkmale des Menschen (Kraniologie, Anthropometrie, 

Proportionen) 1'^ 

V. Die Rassenentwicklung 207 

VI. Die menschlichen Rassen 258 

1. Die Australier 257 

2. Die Papuas 284 

3. Die Koikoins ^"1 

4. Amerikaner und Ozeanier 'jl3 

5. Die melanoderme Hauptrasse -^37 

6. Die xanthoderme Hauptrasse 352 

7. Die leukoderme Hauptrasse 3^^ 

Schlusswort ^^'^ 



Tabellen. 



Seite 

1. Geologische Zeitalter und erstes Auftreten von Tierformen .... 27 

2. Phylogenetischer Stammbaum des Menschen 48 

3. Absolute Hirngewichte 64 

4. Schädelkapazitäten 64 

5. Verhältnis von Körper- und (lehirngewichten 64 

(3. Schwangerschaftswochen und Kinderzahl 94 

7. Grössenwachstum des menschlichen Embryo 119 

8. Grössen- und Gewichtszunahme des menschlichen Säuglings .... 134 

9. Grössen- und Gewichtszunahme von 1^17 Jahren 134 

10. Zahndurchbruch 139 

11. Körpermaasse und Gewichte bei Mann und Weib 155 

12. Gehirn- und Gesichtsschädelverhältnisse 182 

13. Körperproportionen 203 

14. Körperkopfhöhenverhältnisse 205 

15. Rassenstammbaum 245 



Verzeichnis der Abbildiiri^(^ii. 



Seite 

Fig. 1. Die Veiteilung des Festlands im .luiii iiiich NemiKi.vr .... 89 

, 2. Schema des Urfisehes ö5 

„ 3. Schema des Uramphibiums 55 

„ 4. Schema des Ursäugers ."■).") 

„ 5. Brustflosse von Heptanchus Ö8 

„ 6. Schema der pentadaktylen (xliedmasse (nach (iegeuliiiur) . . . .")8 

„ 7. Hintere Gliedmasse von Salamandra maculosa (nach (tegenbaur) 58 

„ 8. Kopfskelett eines Haifisches (Acanthius) (nach Klauss) .... 60 

, 9. Kopfskelett eines Molches (Menopomü) (nach Wiedersheim) . . 60 

„ 10. Kopfskelett eines Neugeborenen (jO 

„ 11. (Jehirn eines Haifisches von oben (nach Wiedersheim) .... (j'J 

„ 12. Gehirn eines Frosches von oben (nach li. Hertwig) 62 

„ 13. Gehirn eines Kaninchens von oben (nach Wiedersheim) .... 62 

„ 14. Gehirn eines Menschen von oben 62 

„ 15. Gehirn eines Haifisches von unten (nacli Wiedersheim) .... 63 

„ 16. Gehirn eines Kaninchens von unten iii;iili Wiedersheim) . . . 63 

^ 17. <Tehirn eines Menschen von unten 63 

„ 18. Schädel eines Insektenfressers (Igel) ■ .... 67 

„ 19. Schädel eines Nagetiers (Sus Capybara) 67 

„ 20. Schädel eines Huftiers (Pferd) 67 

„ 21. Schädel eines Raubtiers (Löwe) , 67 

„ 22. Schädel eines Allen (Satanas) t;7 

„ 23. Schädel eines Menschenaffen (Oniiig) 67 

„ 24. Schädel eines Frosches 67 

„ 25. Schädel des Mensehen im Durchschnitt (iiacli Hanke) .... 69 

T, 26. Schädel vom Orang, verglichen mit dem Scliiiih'] von Spy und 

von einem Europäer 69 

, 27. Schema des Aortensystems bei Fisdi und .Menscli 74 

„ 28. Schema des Venens3"stems bei Fisch und Mensch 75 

^ 29. Menschlicher Embryo aus dem zweiten .Monat (naili lli.-) ... 78 

„ 30. Handskelett von Mensch. Gorilla und Lemur (nach Gegenbaur) . 80 

„ 31. Fu.ssskelett von Mensch, Gorilla und Lemur (nach (icgenlinur) xi) 

, 32. Ohrmuscheln von Mensch. Pavian und Riml ^l 



Verzeichnis der Abbildungen. 

Seite 

Fig. 33. Schädeldurchschnitt vom Pferd, Gorilla und Mensch .... 83 

34. Der blinde Darm verschiedener Tiere verglichen mit dem Menschen 84 

35. Humeruskaniile vonHafcteria, Katze und Mensch (nach Wiedersheim) 86 

36. Schema der überzähligen Milchdrüsen (nach Merkel) .... 87 

37. Das jüngste menschliche Ei von Peters bei schwacher Vergrösserung 102 
88. Der Keimschild mit Amnion und Dottersack bei stärkerer Ver- 
grösserung 102 

3!). Ei von Siegenbeek van Heukelom 103 

40. Graf Speesches Ei (v. H.) 104 

41. Keimanlage desselben 104 

42. Graf Speesches Ei (Gl.) 105 

43. Hisscher Embryo (E.) 106 

44. Costescher Embryo 106 

45. Hisscher Embryo (LG.) 107 

46. Hisscher Embryo (Seh.) 107 

47. Hisscher Embryo (B.) 108 

48. Zweimonatliches Ei im Uterus nach Hofmeier und Benckiser in 
natürlicher Grösse 109 

49 — .54. Menschliche Embryonen aus dem ersten Monat (nach His 

und Kabl) 112 

55. Menschlicher Embryo am Ende des ersten Monats (nach His) . 113 

56. Embryo vom Schwein von gleicher Größe (nach His) . . . . 113 

57. Embryo vom Huhn von gleicher Größe (nach His) 113 

58 — 62. Menschliche P^mbryonen aus dem zweiten Monat (nach His) 115 
63 — 67. Entwicklung des menschlichen Gesichts (nach Rabl und His) 116/117 

68. Embryo am Ende des zweiten Monats in '2 natürlicher Grösse 
nach His) 120 

69. Embryo am Ende des dritten Monats in '/-i natürlicher Grösse 
(nach Bumm) 120 

70. Embryo am Ende des vierten Monats in Vj natürlicher Grösse 
(nach Bumm) 120 

71. Schematischer Durchschnitt durch den Wirbeltierkörper . . . 121 

72. Anlage des Primordialkraniums (nach Wiedersheim) .... 128 

73. Ausbildung des Primordialkraniums (nach Wiedersheim) . . . 123 

74. Primordialkranium nach O. Hertwig, in den Kopf eines Neu- 
geborenen eingetragen ; ... 124 

75. Kopf eines Neugeborenen mit eingezeichnetem Schädel . . . 125 

76. Köriierverhältnisse eines Neugeborenen 127 

77. Kind von 14 Tagen 128 

78. Kind im Alter von 6 Tagen 128 

79. < Trossen Verhältnis des Erwachsenen und des Neugeborenen . . 129 

80. Wachstumskurven von E. v. Lange und Stratz 130 

81. Neugeborener und Erwachsener in gleicher Grösse 181 

82. Wachstumsproportionen 133 

83. Normale Stufen des Kindesalters 136 

84. Gebiss eines 1jährigen Kindes 140 



Verzeichnis der Abbildungen. XI 

Seite 

Fig. 85. Gebiss eines 6jährigen Kindes 140 

„ 86. Gebiss eines 25jährigen Mannes 140 

, 87. Knochenkerne des menschlichen Fasses nach Toldt 141 

, 88. Hand eines 10jährigen Kindes mit Röntgenstrahlen pliotographiert 142 
„ 89. Armskelett eines etwa 10jährigen Knaben (Traniond) .... 148 
„ 90. Beinskelett eines etwa 10jährigen Knaben (Traniond) .... 143 
^ 91. Montiertes Skelett des Neugeborenen, des vier-, acht- und zwölf- 
monatlichen Kindes (von Tramond) 144 

, 92. Männliches montiertes Skelett (von Tramond) 145 

„ 93. Weibliches montiertes Skelett (von Traniond) 145 

^ 94. Mediandurchschnitt eines siebenmonatlichen Fötus (nach Merkel) 147 
, 95. Mediandurchschnitt eines erwachsenen Mannes nach Braune bei 

gleichlanger Brustwirbelsäule wie Fig. 94 147 

„ 96 — 99. Schädel des Neugeborenen und Erwachsenen in vorderer und 
seitlicher Ansicht auf die gleiche Grösse gebracht (nach Henke 

und Langer) 148 

^ 100. Schädelumriss des Neugeborenen und Kiw;i( lispnen in gleicher 

Grösse auf die Stirnohrlinie eingestellt 149 

„ 101. Gesichts- undGehirnschädelumriss des Neugeborenen v(m der Seite 1-50 

„ 102. Gesichts- und Gehirnschädelumriss des Erwachsenen von der Seite 150 

, 103. Gesichts- und Gehirnschädelumriss des Neugeborenen von vorn 151 

„ 104. Gesichts- und Gehirnschädelumriss des Erwachsenen von vorn 151 

, 105. Männliche Normalgestalt nach Merkel von vorn 156 

„ 106. Weibliche Normalgestalt nach Merkel von vorn 156 

„ 107. Männliche Normalgestalt nach Merkel von hinten 157 

, 108. Weibliche Normalgestalt nach Merkel von hinten 157 

, 109. Weiblicher und männlicher Körper im Profil (nadi 'i'iiomson) 159 

. 110. Männlicher Singhalesenschädel (nach SarasinI 160 

, 111. Weiblicher Singhalesenschädel (nach Sarasin) KiO 

^ 112. Verteilung der Fettpolster am Rücken bei .M;inii und Frau 

(nach Richer) lÖl 

, 113. Muskelkräftiger Torso eines Mannes von hinten 162 

, 114. Durch Fettpolster abgerundeter Torso einer Frau v(.n hiiiti-n . 163 

. 115. Schema der Entwicklung der weiblichen Brust 165 

„ 116. Kindliche Brustwarze 167 

. 117. Areolomamma, Brustknospe 16« 

„ 118. Mamma areolata. Knospenbrust Ifi^ 

, 119. Zwei Ovambomädchen mit Knospenbrust und Kntcibrust . . 169 

. 12U. Mamma papillata (IVI jährige Oesterreicheri in 170 

. 121. Normaler männlicher Körper (Italiener). (I'hot. von l'lüschow) 172 

122. Normaler weiblicher Körper (Böhmin). (Pliot. O. Schmidt) . . 173 

. 123. Extreme Brachykephalie (nach Huxley) 177 

„ 124. Extreme Dolichokephalie (nach Huxley) 177 

, 125. Dolichopsie nach (Quatrefages) 1'8 

„ 126. Brachyopsie (nach Quatrefages) l'S 

, 127. Schädelumriss eines Schelltisches 180 



XII Verzeichnis der Abbildungen. 

Seite 

Fig. 128. Sehädelumrisö eines Pferdes 180 

„ 129. Schädelumriss eines Schimpansen 181 

130. Schädelumriss einer Weddafrau 181 

131. Schädelumriss eines Wieners (nach Toldt) 183 

:, 132. ümriss eines Spyschädels verglichen mit Orang-Utan .... 184 

133. Umriss eines Weddaschädels verglichen mit Schimpanse. . . . 185 

„ 134. Schädel zweier Schimpansen (nach Sarasin) 186 

„ 135. Schädel zweier Tamulen (nach Sarasin) 187 

,, 136. Sechs WeddaproHle (nach Photographien von Sarasin) . . . 188 

. 137—148. .Japanische Gesichtstypen. (Phot. Balz) 189—191 

„ 149. Unteres Uliedmassenskelett eines .Japaners und einer Europäerin 

(nach Klaatsch) .192 

„ 150. Schlanke und untersetzte Japanerin. (Phot. Balz) 194 

151. Kanon von G. Fritsch 197 

., 152. Kanon des Mannes von acht Kopfhöhen von (leyer verglichen 

mit dem Ivanon von Fritsch 200 

„ 153. Kanon des Weibes von acht Kopfhöhen von Geyer verglichen 

mit dem Kanon von Fritsch 201 

,, 154. Type heroique von Richer verglichen mit dem Kancni von Fritsch 202 

„ 155. Spyschädel I und Neandertalkalotte 210 

„ 156. Spyschädel 1 und Pithekanthropuskalotte 211 

„ 157. Cro-Magnonschädel verglichen mit Spy I , . 214 

„ 158. Zwei Schädel von Borreby (nach Quatrefages) 215 

„ 159. Spyschädel verglichen mit einem Sudanneger, einem Kskimo 

und einem Wedda 216 

„ 160. Spyschädel verglichen mit einem Oesterreicher 217 

„ 161. Australischer Schädel mit starker Aus]>rägung ininiitiver Merk- 
male (nach Klaatsch) 218 

„ 162. Zwei andere Australierschädel (nach Khiatsch) 219 

„ 163. Kskimoschädel (nach Quatrefages) 220 

„ 164. Schädel eines Sudannegers (nach Quatrefages) 220 

„ 165. Singhalesenschädel (nach Sara^in) 220 

„ 166. Vier Weddaschädel (nach Sarasin) 221 

,, 167. Kopf einer Australierin in Seitenansicht. (Phot. Günther) . , 227 

„ 168. Kopf einer Barinegerin in Seitenansicht. iPhot. Buchta) . . 227 

„ 169. Chinesin in Seitenansicht. (Sammlung ten Kate) 227 

„ 170. Russin in Seitenansicht. (Phot. Mazourine) 227 

„ 171. Schematischer Duri-hschiiitt durch einen gelben und weissen 

Rasseuschädel 228 

„ 172. Kopf einer Feuerländerin in Vorderansicht 229 

„ 173- Kopf eines Zulumädchens in Vorderansicht 229 

„ 174. Ivopf einer Chinesin in Vorderansicht 229 

„ 175. Kopf einer Oesterreicherin in Vorderansicht 229 

„ 176. Nasenformen nach Topinard-Broca 230 

„ 177. Europäerauge und Mongolenauge 231 

„ 178. Proportionen eines Feuerländers 232 



Verzeichnis der Abbildungen. XIII 

Seite 

Fig. 179. Proportionen eines Negers 233 

n 180. Proportionen eines Chinesen 234 

, 181. Proportionen eines Deutschen 235 

„ 182. Profiortionen eines Karayaniädchens 236 

„ 183. Proportionen eines Dschagganiädchens 237 

^ 184. Proportionen zweier Japanerinnen 288 

„ 18ö. Proportionen einer Rheinliinderin 239 

„ 186. Madiweib in Seitenansicht 242 

, 187. Japanerin in Seitenansicht 243 

, 188. Französin in Seitenansicht 243 

„ 189. Stammbaum der heutigen .Menst-henrassen 24.5 

, 190. Proportionen einer Australierin 259 

, 191. Proportionen einer Australierin nach Kanke 260 

„ 192. ISjähriger Mann und IGjähriges Mädchen aus yüdaustralien. 

(Phot. Günther) 262 

, 193. 22.jähriger Mann aus (Queensland, (l'liot. (Üintlier) 268 

„ 194/195. Männlicher Australierschädel. (Ethnogr. Museum Leiden) . 265 

„ 196/197. Weiblicher Australierschädel. (?:thnogr. Museum heiden) . 265 

„ 198. Australierin mit schlichtem Haar. (Phot. Günther) 266 

„ 199. Australierin mit gelocktem Haar. (Phot. Günther) 267 

„ 200/201. Ko]if eines jungen Australiers aus Queensland (Fig. 198) 268/269 
„ 202/203. Kopf eines älteren Australiers aus Queensland (Fig. 194) 270271 
204. Torso eines jungen Australiersaus Adelaide. (Ethnographisches 

Museum Leiden. Inv. 2532) 272 

„ 205- Torso eines 40jährigen Australiers aus Adelaide. iFthnogr. 

Museum Leiden. Inv. 2530) 273 

206. Torso eines 58jährigen Australiers aus Adelaide. (Kthnogr. 

Museum Leiden. Inv. 2529) 274 

„ 207. Torso eines jungen Mädchens aus .Vdelaide. i Kthnogra]ihisches 

Museum Leiden. Inv. 2535) 275 

„ 208. 27jährige Frau aus Adelaide. (Ethnographisrhes Museum Leiden. 

Inv. 2531) 276 

„ 209. Aeltere Australierin ans Adelaide. (Ethnograpliisiiies Museum 

Leiden. Inv. 2534) 277 

„ 210. Schlanker Australier in ganzer Figur. (Phot. Güntiier) ... 278 

„ 211. Australisches Mädchen in ganzer Figur. (Phot. Güntherj . . 279 

, 212. Aelteres australisches Mädchen in ganzer Figur. (Phot. Günther) 280 

„ 218. Untersetzter Australier in ganzer Figur. (Phot. Günther) . . 281 

, 214. Derselbe in Profil 281 

„ 215. 5 jähriger australischer Knabe 282 

„ 216. Proportionen eines Papua (Fig. 21 7j 286 

217. Mann aus Bogadjim am Strand. (Ethnographisches Museum 

Hamburg) 28 < 

„ 218. Jabim. (Phot. B. Hagen) 288 

, 219. Papuajünglinge aus der Humboldtbai. (Phot. ProL Moolengraaf) 289 

„ 220. Jünglingshaus zu Taubadji. (Phot. Moolengraaf) 290 



XIV Verzeichnis der Abbildungen. 

Seite 

Fig. 221. Papuamädehen Kandaze. (Phot. Günther) 291 

, 222. Mädchen aus Taubadji. (Phot. Moolengraaf) 292 

„ 223. Papuamädchen und Frau aus Engeros. (Phot. Moolengraaf) . 29S 

„ 224. Papua aus Taubadji mit zwei Knaben. (Phot. Pasteur) . . . 294 

, 225. Zwei Männer aus Taubadji und einer aus Slutani. (Phot. Pasteur) 295 

„ 226. Zwei .Jünglinge aus Taubadji im Festschmuck. (Phot. Pasteur) 296 

„ 227. Taubadjiniädchen. (Phot. Pasteur) 297 

, 228. Neuirländer. (Phot. Günther) 298 

„ 229. Derselbe in Profil 298 

, 230. Männer aus Neuirland. (Hamburger Ethnographisches Museum) 299 

„ 231. Proportionen eines Buschmanns. (Deniker. Anthropologische 

Sammlung, Paris) 303 

,, 232. Proportionen einer Hottentottin. (Prinz Koland Bonaparte) . 303 

„ 233. Buschmann. (Phot. G. Fritsch) 304 

„ 234. Buschweib. (Phot. G. Fritsch) 304 

, 235. Hottentottin. Vorderansicht. (Phot. G. Fritsch) 306 

, 236. Hottentottiu. Rückansicht. (Phot. G. Fritsch) 306 

„ 237. Kopf eines Buschmanns. Vorderansicht. (Phot. G. Fritsch) . . 307 

, 238. Kopf eimjs Buschmanns. Profil. (Phot. G. Fritsch) 307 

, 239. Kopf eines Hottentotten. Vorderansicht. (Phot. G. Fritsch) . . 307 

„ 240. Kopf eines Hottentotten. Profil. (Phot. (4. Fritsch i .... 307 

r, 241. Kopf eines alten Korana. Vorderansicht. (Phot. G. Fritsch) . 308 

„ 242. Kopf eines alten Korana. Profil. (Phot. G. Fritsch) .... 308 

„ 243. Kopf eines jungen Korana. Vorderansicht. (Phot. G. Fritsch) . 308 

T, 244. Kopf eines jungen Korana. Profil. (Phot. G. Fritsch) .... 308 

„ 245. Kopf eines jungen Buschmanns. (Phot. G. Fritsch) 309 

, 246. Kopf eines Buschweibs. (Phot. G. Fritsch) 310 

„ 247. Hottentottin mit Steatopygie 811 

„ 248. Buschleute der Kalahari (Farinis Erdmenschen). (Sammlung 

Fritsch) 312 

„ 249. Kopf eines Feuerländers. (Phot. Günther) 315 

„ 250. Kopf eines Feuerländers. (Phot. ('rünther) 315 

„ 251. Kopf eines Feuerländers. (Phot. Günther) 315 

„ 252. Derselbe in Profil. (Phot. Günther) 315 

„ 253. Kopf einer Feuerländerin. (Phot. Günther) 317 

„ 254. Aeltere Feuerländer, Mann und Frau. (Phot. Hyades u. Deniker) 818 

, 255. Feuerländerin Kamana. (Phot. Hyades u. Deniker) 319 

, 256. Gruppe von Feuerländern 321 

„ 257. Guaraniindianer. (Phot. Dr. v. Weickhmann) 322 

, 258. Dieselben in Profil. (Phot. Dr. v. Weickhmann) 323 

., 259. Südamerikanisches Indianermädchen von Ivinheinui. (Phot. Dr. 

V. Weickhmann) 324 

„ 260. Dieselbe in Rückansicht. (Phot. Dr. v. Weickhmann) .... 325 

„ 261. Kanake. I Phot. Ca nstabel, Honolulu) 326 

„ 262. Derselbe in Profil. (Phot. Cänstabel, Honolulu) 326 

„ 263. Kanakin. (Phot. Cänstabel, Honolulu) 327 



Verzeichnis der Abbildungen. XV 

Seite 

Fig. 264. Dieselbe in Rückansicht. (Phot. Cänstabel, Honolulu). . . . 327 

„ 265. 14jähriges Mädchen aus Samoa. (Godefroyalbuui) 828 

„ 266. ITjähriges Mädchen aus Samoa. ((iodefroyalbuni) P,29 

„ 267. Zwei Häuptlinge der Punans. Dajak, Borneo. (Phot. Nienwenhuisi 8:-]l 

„ 268. 20jähriger Kajan. Borneo. (Phot. Nieuwenhuis) 332 

„ 269. 23 jähriger Kajan. Borneo. (Phot. Nieuwenhuis) 333 

„ 270. 18jährige Kajanfrau. (Phot. Nieuwenhuis) 335 

„ 271. 10 jähriger Kajanknabe 336 

, 272. Akkamädchen. (Phot. G. Fritsch) 338 

„ 273. Akkamädchen, (Phot. R. Buchta) 339 

„ 274. Negerschädel aus Liberia. (Ethnographisches Museum Leiden | 340 

„ 275. Negerschädel aus Liberia von vorn. (Ethnogr. Museum Leiden) 340 

„ 276. Kopf eines jungen Kaft'ers. (Phot. Trappisten Marianhill) . . 341 

„ 277. Kopf eines älteren Kaffers. (Phot. Trappisten Marianliill) . . 341 

„ 278. Kopf einer jungen KaÖernfrau. (Phot. Trappisten Marianhill) 341 

„ 279. Kopf des Weibes eines Kaffernhäuptlings. (Phot. Trappisten 

Marianhill) 341 

„ 280. Zulu. (Phot. Günther) 342 

„ 281. Aelterer Zulu. (Phot. Günther) 343 

„ 282. Basutomädchen. (Sammlung v. d. Goot) 344 

„ 283. Aelteres Basutomädchen. (Sammlung v. d. Goot) 345 

„ 284. Vier Kongoneger. (Ethnographisches Museum Hamburg) . . 346 

„ 285. Sudanneger. (Phot. B. Hagen) 347 

„ 286. Hererogruppe. (Eigentum Deutsches Kolonialhaus) ,348 

„ 287. Loron, Häuptling von Gondokoro. (Phot. R. Builita) .... 349 

, 288. Schulimädchen. (Phot. R. Buchta) 349 

„ 289. Kopf eines Eskimo von vorn. (Phot. Günther) 354 

„ 290. Kopf eines Eskimo in Profil. (Phot. Günther) 3.54 

„ 291. Kopf einer Eskimofrau von vorn. iPhot. Günther) 354 

„ 292. Kopf einer Eskimofrau in Profil. (Phot. Günther) 354 

„ 293. Kurzer Mongolenschädel (Südchinese). (Ethnogr. Museum Leiden) 355 

„ 294. Kurzer Mongolenschädel, Vorderansicht. (Etnogr. Museum Leiden) 355 

„ 295. Langer Mongolenschädel. (Südchinese). (Ethnogr. Mu.seum Leiden) 355 

„ 296. Langer Mongolenschädel. Vorderansicht (Ethnogr.MuseumLeiden) 355 

„ 297. 19jähriger Chinese. (Phot. B. Hagen) 356 

„ 298. 83jähriger Chinese. (Phot. B. Hagen) 357 

, 299. .54jähriger Chinese. (Phot. B. Hagen) 357 

„ 300. 22jährige Chinesin. (Phot. B. Hagen) 858 

„ 301. 22jährige Chinesin. Seitenansicht 359 

r. 302. 22jährige Chinesin. Rückansicht 359 

„ 303. Makaochinesin mit verkrüppelten Füssen. (Phot. B. Hagen) . 360 

„ 304. Dieselbe in Seitenansicht 361 

, 305. Dieselbe in Rückansicht 361 

„ 306. .Japanischer Ringer. (Sammlung ten Kato , 362 

y, 307. Japanerin. (Sammlung Balz) 363 

„ 308. Rückansicht einer Japanerin. (Sammlung Balz) 365 



XYJ Verzeichnis der Abbildungen. 

Seite 

Fig. 309. Tochter eines Italieners und einer Japanerin. (Sammlung Balz) 366 

„ 310. Tochter eines Deutschen und einer Japanerin, (Sammlung Balz) 367 

„ 311. Männlicher Ainoschädel (nach Koganei) 369 

„ 312. Männlicher Ainoschädel (nach Koganei) 369 

„ 313. Weiblicher Ainoschädel (nach Koganei) 369 

,, 314. Weiblicher Ainoschädel (nach Koganei) 369 

„ 315. Ainogruppe. (Sammlung ten Kate) 370 

316. Zwei Ainomädchen. (Sammlung Balz) 371 

„ 317. Drei Weddafrauen. (Phot. Günther) 372 

, 318. Drei Weddamänner. (Phot. Günther) 373 

^ 319. Kopf eines Arabers 374 

„ 320. Kopf eines Singhalesen 374 

„ 321. Kopf eines Albanesen 374 

„ 322. Kopf eines Niederländers 874 

„ 323. Tamiljüngling. (Phot. B. Hagen) 376 

,, 324. Tamilmädchen 377 

„ 325. Singhalese 378 

„ 326. Singhalesin 379 

„ 327. Bayrischer Jüngling von acht Kopfhöhen. (Phot. Estinger) . . 381 

„ 328. Blonder Schwabe 382 

„ 329. Blonder Schwabe. Rückansicht 383 

„ 330. Brünetter Oesterreicher. (Sammlung Schwerdtner) 384 

„ 331. Brünetter Oesterreicher. Rückansicht. (Sammlung Schwerdtner) 385 

„ 332. Dunkelblonde Böhmin 386 

, 333. Kopf eines Somali. (Phot. G. Fritsch) 387 

,. 334. Kopt eines Somali. Profil. (Phot. G. Fritsch) 387 

„ 335. Lappländer, blonder, von vorn. (Phot. Günther) 388 

„ 336. Lappländer, blonder. Profil. (Phot. Günther) 388 

„ 337. Lappländer, brünetter, von vorn. (Phot. (Günther) 389 

„ 338. Lappländer, brünetter. Profil. (Phot. Günther) 389 

, 339. Birmane. (Phot. M. Ferrars) 391 

„ 340. Birmanischer Ballspieler. (Phot. M. Ferrars) 392 

„ 341. Birmanischer Schiffer, (Phot, M. Ferrars) 393 

„ 342. Anthropologisches Messungsschema 397 

Tafeln. 

Tatel I. P]rdkarte mit Einzeichnung der Tierregionen, der früheren und heu- 
tigen (Gletscher, der Vulkane und der Flachseegrenzen. 

Tafel IL Schema der Eibildung und der Entwicklung des Säugetiereis und 
Sauropsideneis aus dem Amphibien-, bezw, Fischei. 

Tafel IlL SchematischeDarstellungderEntwicklungdermenschlichenKeimblase, 

Tafel IV. Rassenkarte. 

Tafel V. Sprachenkarte. 




I. 
Ueberblick über die anthropologische Forschung. 

Wichtigste Literatur. 

P. Topinard, Elements d'Anthropologie generale. Paris 1885. C'hapitre T — VI. 

J. Ranke, Der Mensch. Leipzig. 2. Auflage. 1894. Bd. IL 

Quatrefages, Etüde des races humaines. Paris 1900. Chapitre I— V. 

H. Klaatsch, Entstehung und Entwicklung des Menschengeschlechts in Weltall 

und Menschheit. IL S. 1—339. Bong 1902. 
Haeckel, Anthropogenie. V. Auflage. 1902. 
Archiv für Anthropologie. Vieweg, Braunschweig. 
Revue d'Anthropologie. Paris 1872. 

ie Anthropologie oder Menschenkunde im weitesten Sinne 
des Wortes umfasst die Erkenntnis der körperlichen 
und geistigen Eigenschaften der Menschheit. 

Sie setzt sich zusammen aus der Anthropologie im engeren 
Sinne, der somatischen Anthropologie, welche sich aus- 
schliesslich mit den körperlichen Eigenschaften befasst, und 
aus der Ethnographie, welche sich mit den geistigen Er- 
rungenschaften der Menschheit beschäftigt. 

Die Grundlage der somatischen Anthropologie ist der Körper 
des Menschen, die der Ethnographie sind die seelischen Aeusserungen, 
wie Sprache, religiöse und soziale Zustände, Kleidung, Wohnung 
und Gewerbe, während die Seele selbst sich noch ebenso wie vor 
vielen tausend Jahren der naturwissenschaftlichen Betrachtung ent- 
zieht. Eine aus beiden Seitenzweigen sich aufbauende psychische 
Anthropologie gehört zu den frommen Wünschen der Zukunft, 

Wenn man darum heute schlechtweg von Anthropologie spricht, 
so kann darunter nur die somatische Anthropologie verstanden 
werden. 

Die Aufgabe der Anthropologie ist es, die lebende Menschheit 

Stratz, Die Xatiugeschiclite des Menschen. 1 



Ueberblick über die anthropologische Forschung. 

als Ganzes zu überblicken, ibre verscbiedenartigen Formen wissen- 
scbaftlicb zu bestimmen und die Gesetze zu ergründen, nacb denen 
ibre beutige Gestaltung sieb entwickelt bat. 

Um dieser Aufgabe gerecbt zu werden, genügt es nicbt, allein 
und ausscbliesslicb den menscblicben Mikroorganismus zu unter- 
sucben. Seine Stellung innerbalb der niedereren Lebewesen und seine 
Beziebungen zu diesen, die Naturgesetze, denen er gleicb diesen sieb 
unterordnen muss, fallen ebenfalls in das Bereicb der Betracbtung 
und bieten wertvolle Hinweise auf mancbe sonst unverständlicben 
Tatsacben. 

Jede neue Erkenntnis auf einem verwandten Gebiete bat desbalb 
aucb einen bedeutenden Einfluss auf die antbropologiscbe Forscbung 
ausgeübt, und ibr neue, oft ganz unerwartete Gesicbtspunkte eröffnet. 

Die drei wicbtigsten Wissenscbaften, auf denen die Antbropo- 
logie sieb aufbaut, sind die Anatomie, die Embryologie und 
die Paläontologie. 

Die normale und mikroskopiscbe Anatomie belebrt uns 
über die Gestalt, die Organe und die Gewebe des menscblicben 
Körpers, die patbologiscbe Anatomie über seine krankbaften 
Veränderungen, die vergleicbende Anatomie über die Unter- 
scbiede zwiscben dem menscblicben Körper und dem der böberen 
und niederen Tiere. 

Die Embryologie lässt uns die verscbiedenen Entwicklungs- 
stufen erkennen, die der menscblicbe Körper von der Geburt an 
durcblaufen bat und vergleicbt sie mit den entsprecbenden Zuständen 
bei Tieren. 

Die Paläontologie zeigt uns die Ueberreste früberer Menscben- 
gescblecbter im Zusammenbang mit der sie umgebenden Tier- und 
Pflanzenwelt, und ermöglicbt somit eine Vergleicbung der beutigen 
mit den früberen Formen von lebenden Wesen. 

Die Etbnograpbie berubt ibrerseits auf den Ergebnissen der 
Gescbicbte im weitesten Sinne, der Spracbwissenscbaft und 
der Präbistorie. 

Die Errungenscbaften der beiden Scbwesterwissenscbaften, der 
Antbropologie und Etbnograpbie, fübren aber von verscbiedenen 
Ausgangspunkten dem gleicben Ziele zu; sie ergänzen und bestätigen 



Ueberblick über die anthropologische Forschung. 

sich gegenseitig. Wo der Antliropolog nietlere somatische Merk- 
male entdeckt, findet der Ethnograph einen entsprechend niederen 
Kulturzustand, und umgekehrt. Die Uebereinstimmung der beider- 
seitigen Befunde erhöht und sichert für l^eide Teile die Richtigkeit 
der gemachten Beol)achtung. 

Wenn aber auch das Ziel das gleiche ist, so sind doch die 
Wege, die dahin führen, streng voneinander geschieden. Die Nicht- 
beachtung dieses Grundsatzes hat schon unsägliche Verwirrung gestiftet. 

Die Anthropologie hat sich ausschliesslich mit den somatischen 
Eio-enschaften der Menschheit zu beschäftigen und darf auf ethno- 
graphische Tatsachen nur so weit hinübergreifen, als sie deren 
zur Bestätigung ihrer eigenen Untersuchungen bedarf. 

Topinard führt die ersten Anfänge anthropologischer Forschung 
auf Herodot und noch weiter zurück. Diese schüchternen Ver- 
suche des Altertums können wir füglich mit Stillschweigen über- 
sehen. Wesentlich ist dabei nur der Hinweis auf die Zusammen- 
g-ehörio-keit des Menschen mit dem Tierreich. Diese Vermutungen 
hervorragender Geister entbehrten aber einerseits jeder streng- 
wissenschaftlichen Begründung, anderseits aber wurden sie durch 
philosophische und rehgiöse Spekulationen, namentlich aber durch 
das immer mehr um sich greifende monotheistische Dogma, welches 
dem Menschen eine Sonderstellung über der Tierwelt anwies, 
schon im Keime erstickt. 

Nicht zufrieden mit seinem uralten Adel, der ihn zum Be- 
herrscher der Erde machte, fügte der Mensch sich sein selbst- 
geschaffenes Gottesgnadentum bei und verschluss sich den Weg zur 
höheren Erkenntnis. 

Erst im 18. Jahrhundert fing die objektive wissenschaftliche 
Forschung an, sich durch die dogmatischen Irrtümer und Vorurteile 
Bahn zu brechen. 

Der berühmte schwedische Naturforscher Karl Linn^ (1707 
bis 1787, Professor in Upsala) war der erste, der in seinem „Systema 
naturae" dem Menschen wieder seinen Platz innerhalb der Säuge- 
tierreihe anwies und ihn mit den Affen, den Halbaffen und Fleder- 
mäusen zur Gruppe der Primaten vereinigte. 

Linne unterscheidet den Homo sylvestris sive troglodytes vom 



Ueberblick über die anthropologische Forschung. 

Homo sapiens und teilt diesen wieder in seclis Unterordnungen ein, 
in denen ausser dem Homo ferus, dem Wilden, und dem Homo mon- 
struosus, der Missgeburt, der weisse (europaeus), gelbe (asiaticus), 
schwarze (afer) und rote ( am ericanus) Mensch unterschieden werden. 
Wenn auch die Fledermäuse, und später auch die Halbaffen aus der 
Primatengruppe entfernt wurden, wenn auch die Linnesche Ein- 
teilung der Menschen selbst heute längst als überwundener Stand- 
punkt angesehen wird, so bleibt ihm doch das Verdienst, dass er 
als erster die enge anatomische Verwandtschaft von Mensch und 
Tier erfasst und öffentlich bekannt hat. 

Dass aber sein Einfluss auch heute noch fortbesteht, beweist 
unter anderem der Umstand, dass wie Linne den Homo raonstruosus, 
so auch heute noch viele anthropologischen Bücher die mensch- 
lichen Missbildungen ausführlich besprechen, trotzdem sie als krank- 
hafte Zustände ausserhalb des eigentlichen Gebiets der anthropo- 
logischen Forschung stehen. 

Linne war vorwiegend Systematiker. Seine Einteilung des 
Menschengeschlechts beruht auf der Farbe der Haut und der geo- 
graphischen Verteilung, ohne weitere anatomische Begründung. 

Der holländische Gelehrte Petrus Camper (1722—1789, 
Professor in Leiden) führte mit dem nach ihm benannten Gesichts- 
winkel das erste Schädelmaass in die Anthropologie ein. 

Wenn man vom vordersten obersten Punkt des Oberkiefers 
eine Linie zieht, welche die Stirne streift, und eine andere, welche 
zu dem vorspringendsten Punkt des Hinterhaupts geht, so bilden 
diese Linien zusammen den Camperschen Gesichtswinkel. Bei 
Tieren ist dieser Winkel sehr spitz und steigt bei den Menschen 
bis fast zum rechten Winkel. 

Man hat somit in der Grösse dieses Winkels einen objektiven 
Massstab zur Beurteilung der grösseren oder geringeren Entwick- 
lung des Gehirnschädels. 

Nach Camper kam Blum enb ach (1752 — 1840, Professor 
in Göttingen), welcher durch die Aufstellung von Schädeltypen 
für die verschiedenen Menschenrassen der Begründer der Kranio- 
logie wurde. Die Schädellehre hat bis zum heutigen Tage die 
systematische Anthropologie beherrscht. 



Ueberblick über die anthropologische Forschung. 

Im Jahre 1790 trat Blume nbach mit seinen Decades cra- 
niorum zum ersten Male an die Oeffentlichkeit. Er teilt die Men- 
schen hauptsächlich nach der Schädelform in fünf Rassen ein, die 
mongolische, amerikanische, kaukasische, malaiische und äthiopische. 

Damit war eine erste Grundlage auf rein anatomischer Basis 
scheinbar geschaffen. Im Grunde genommen hat Blumenbach 
nur den vier farbigen Rassen Linnes eine fünfte, die braune, zu- 
gefügt und einige Aveitere anatomische Unterscheidungsmerkmale 
festgelegt. 

Der bekannte schwedische Anthropologe Retzius der Aeltere 
baute die von Blumenbach und Camper geschaffene Grundlao-e 
systematisch weiter aus. 

Retzius führte die Schädelindices ein, die Verhältnis- 
zahlen des Schädels. Bei der Bevölkerung Schwedens, welche sich 
aus Schweden, Lappen und Finnen zusammensetzt, gelang es ihm,, 
eine scharfe Scheidung verschiedener Schädelformen zu machen. 

Nach dem Verhältnis der Längs- und Querdurchmesser stellt 
Retzius die Dolicho cephalen (Langköpfe) und Brachy- 
cephalen (Kurzköpfe) auf, denen er, auf dem Camper sehen 
Gesichtswinkel weiterbauend, die Orthognaten (Geradezähner) 
und Prognaten (Schiefzähner) zugesellte. Aus den verschiedenen 
Kombinationen dieser Schädeleigenschaften leitete er verschiedene 
Rassenmerkmale ab. 

Im Jahre 1842 verallgemeinerte er seine für Schweden ge- 
fundenen Messungsergebnisse auf die Menschheit im ganzen. 

Bald aber erwiesen sich mit der Zunahme von Schädelmessungen 
die von Retzius aufgestellten Unterscheidungsmerkmale als unzu- 
länglich. 

Broca schaltete 1861 die Mesocephalen (Mittelköpfe) ein 
und stellte ausserdem die Leptorhinen (Schmalnasen), Meso- 
rhinen (Mittelnasen) und Platyrrhinen (Breitnasen) auf. 

Kollmann fügte 1881 die Leptoprosopen (Langgesichter) 
und die Chamäoprosopen (Kurzgesichter) hinzu. 

Trotz der immer weiter ausgedehnten Schädelmessungen (bis zu 
3000 Maasse an einem Schädel von Török), trotz der schwierigsten 
Nomenklatur, die namentlich von.Sergi bis ins Aeusserste durch- 



Q Ueberblick über die anthropologische Forschung. 

geführt wurde, gelang es doch nicht, ein befriedigendes System zu 
erhalten, dem sich alle Menschenrassen fügten. 

Ranke, in dessen vortrefflichem Buch die mühevollen Arbeiten 
der Kraniologen ausführlich besprochen werden, veröffentlichte 1883 
eine sorgfältige Untersuchung über die Bevölkerung Oberbayerns, 
unter der er sämtliche Rassenschädel nebeneinander nachweisen 
konnte. 

Das Ergebnis der eigenen und anderen mit so unendlicher Ge- 
duld und Sorgfalt auf diesem Gebiete ausgeführten Forschungen 
fasst Ranke mit den Worten zusammen^): 

„Zwei mögliche Resultate können wir uns als einstiges Schluss- 
ergebnis der kraniologischen Forschung denken. Entweder es ge- 
lingt uns, trotz des gegenteiligen Anscheins, typische Diffe- 
renzen aufzufinden, welche eine exakte Klassifizierung der Mensch- 
heit in grösseren Gruppen zulassen, oder wir finden, dass die 
Menschheit in somatischer Beziehung, wie jede andere Säugetierart, 
eine in sich vollkommen geschlossene Formengruppe darstellt^)." 

Es lag auf der Hand, dass gerade die vorurteilslosesten unter 
den Kraniologen zuerst stutzig Avurden, und bei der mehr und mehr 
hervortretenden Unzulänglichkeit der Schädelmaasse nach weiteren 
Anhaltspunkten zur Bestimmung der Unterschiede der Menschen 
suchten. Ranke selbst hat zuerst in grossem Massstab die Berech- 
nung des Schädelinhalts wissenschaftlich festzustellen gesucht. 
Virchow und seine Schule dehnte die minutiöse Messung vom 
Schädel auch auf die übrigen Skelettteile und schliesslich auch auf 
die Körperteile des lebenden Menschen aus. Dadurch gesellte sich zu 
der Kraniometrie eine ebenso einseitig weiter entwickelte Anthropo- 
metrie, welche aber ebenfalls zu keinem befriedigenden Ergebnis 
führte. 

Ein weiterer Versuch, die Rassenunterschiede festzulegen, Avurde 
von Pruner-Bey 1863 durch die Bestimmung der Haare eingeleitet. 

Ihren Abschluss fand die Haaranalyse in Friedrich Müller, 
der die Beschaffenheit der Haare neben der Sprache als Einteilungs- 
prinzip benutzte. 



1) Ranke, Der Mensch. II. S. 205. 



IL Lissotriches, Schlichthaarige 



Ueberblick über die anthrojjologische Forschung. 

Müller unterscheidet: 

-r TTi , • 1 TTtr 111 • I a) lophokomoi: Büschelhaarige, 

I. Ulotriches, Wollhaarige , . . . . 

[ h) eriükomoi: Vlieshaarige, 

a) euthykomoi: Straff- 
haarige, 
h) euplokomoi : Locken- 
haarige. 

Haeckel hat in seiner Anthropogenie die Müll er sehe Ein- 
teilung übernommen. 

Abgesehen von der Form der Haare gründet sie sich auch auf 
die mikroskopische Beschaffenheit; das straffe Haar zeigt einen vor- 
wiegend runden, das gelockte einen mehr ovalen Querschnitt, Avährend 
das krause Haar einen unregelraässig elliptischen Querschnitt be- 
sitzt. Ausserdem finden sich zahlreiche Unterschiede in der Dicke 
und Pigmentverteilung. 

Trotzdem ist diese Einteilung nicht stichhaltig, schon allein 
aus dem einen Grunde, Aveil sich sämtliche Haarformen sowohl bei 
Europäern als auch bei Australiern nebeneinander vorfinden. 

Der Trichologie ist es bisher ebensowenig wie der Anthropo- 
metrie und Kraniologie gelungen, eine feste Grundlage für die 
anthropologische Forschung zu schaffen , trotzdem damit ein sehr 
wertvolles Material von sorgfältigen Einzeluntersuchungen angehäuft 
Avurde. Aber einmal hatten diese Methoden den Nachteil, dass sie 
allzu einseitig ein einzelnes körperliches Merkmal in den Vorder- 
grund stellten, dann aber trat die systematische Anthropologie zu 
sehr in den Dienst der Ethnographie und verlor dadurch mehr und 
mehr den Charakter der Selbständigkeit, ja den der Wissenschaft 
überhaupt. Schädel- und Körpermaasse, Haut- und Haarbestinimung 
waren Beigaben für ethnographische Untersuchungen geworden, 
welche mehr und mehr die anatomische Anthropologie als besondere 
Wissenschaft verdrängten. 

Während in Deutschland die systematische Anthropologie auf 
diesem Standpunkt stehen bheb und zum Teile noch steht, kam sie 
in Frankreich unter den mächtigen Einfluss des grössten unter den 
Systematikern, Georges Cuvier (1769 — 1832, Professor in Paris). 

Der orrosse französische Naturforscher besass einen ausser- 



Ueberblick über die anthropologische Forschung. 

ordentlich scharfen diagnostischen Blick und ein unvergleichliches 
Formengedächtnis , Avelches ihm ermöglichte, aus einem Zahn oder 
Knochenbruchstück die ganze Gestalt eines Tieres \vieder aufzu- 
bauen. 

Cuvier stand auf streng dogmatischem Boden und beo-nügte 

CTO n o 

sich auf seinem ganzen Gebiete mit der Feststellung der Tatsachen, 
ohne in deren Erklärung vom kirchlichen Glauben abzuweichen. 

Er darf als der Begründer der vergleichenden Anatomie 
angesehen werden. Nicht nur für den Menschen und die höher 
organisierten Tiere, sondern auch für die fossilen Tiere gelang es 
ihm, eine unendliche Fülle von anatomischen Tatsachen zu sammeln, 
und da die letzteren ihm Formen zeigten, die nicht mehr in der 
lebenden Tierwelt vertreten waren, und er umgekehrt lebende Tiere 
fand, die unter den alten Formen fehlten, so sah er sich genötigt, 
den Gedanken der Schöpfung dahin zu erweitern, dass nicht eine 
einmalige Schöjjfung sämtlicher Tierformen stattgefunden habe, 
sondern eine jeweilige Neuschöpfung, die sich an grosse Kata- 
strophen der Erdoberfläche anschloss. 

So wurde Cuvier zugleich auch der Schöpfer der systema- 
tischen Paläontologie, der Lehre von den fossilen, versteinerten 
Tieren. 

Von den drei Söhnen Noahs ausgehend, teilte er die Menschen 
in drei Rassen ein, die weisse, gelbe und schwarze, begründete 
aber diese ursprünglich biblische Einteilung durch eine sorgfältige 
und scharfe Umschreibung der körperlichen Eigenschaften, denen 
er auch ethnographische Unterscheidungsmerkmale beifügte. 

Seine Einteilung beantAvortet in der Tat den Charakter der 
drei herrschenden, höchstentwickelten Hauptrassen und liegt auch 
den neueren französischen Rassensystemen von Quatrefages, 
Topinard und Vernau zu Grunde. 

Wie für die Tiere, so stellte Cuvier auch für die Menschen 
feste, unveränderliche Typen auf, die als solche von Anfang an er- 
schaffen waren. 

Cuviers Auftreten bedeutet einen Wendepunkt in der Geschichte 
der Naturwissenschaft. 

Er hat durch seine umfassenden vergleichend-anatomischen und 



Ueberblick über die antliropologische Forschung. 9 

paläontologischen Arbeiten die Krone auf das systematische Gebäude 
gesetzt, zu dem Linne den Grundstein gelegt hatte. Er war der 
grösste und glänzendste, zugleich aber auch der letzte Vertreter 
der sogenannnten Ecole des faits, welche mit ihm die von Okcii, 
namentlich aber von Lamark und Geoffroy St. Hilaire ver- 
tretene Ecole philosophique erfolgreich bestritt. 

Im Grunde genommen beruhen beide Schulen, die Ecole philo- 
sophique ebenso wie die Ecole des faits auf der scharfen Beobach- 
tung von Tatsachen. Der Unterschied liegt allein darin, dass die 
Ecole des faits sich damit begnügte, die verschiedenartigen Formen 
der Tiere und Pflanzen mit dem biblischen Dogma in Ueberein- 
stimmung zu bringen, während die Ecole philosophique sich bestrebte, 
diese Verschiedenartigkeit auf Naturgesetze zurückzuführen. Für die 
erstere stehen die verschiedenen Formen polygenetisch nebeneinander 
fertig da, für die zweite haben sie sich monogenetisch aus der ein- 
fachsten Form heraus vielgestaltig entwickelt. 

Lamark stellte zur Erklärung dieser Tatsachen die Theorie 
von der erblichen Ueb ertragung erAvorbener Eigen- 
schaften auf. Durch Gebrauch wird ein Organ gekräftigt, durch 
Nichtgebrauch verkümmert es. Durch die erbliche Uebertragung 
wird die erworbene Eigenschaft allmählich verstärkt und dadurch 
entstehen im Lauf der Zeiten die verschiedenartigsten Formen von 
Tieren und Pflanzen. 

Neben der glänzenden Erscheinung Cuviers konnte die La- 
mark sehe Theorie sich keine Geltung verschaffen, und Avurde erst 
später von Geoffroy St, Hilaire Avieder aufgenommen und Aveiter 
fortgeführt. 

Li der damaligen Zeit musste Cuviers Lehre von den unver- 
änderlichen Tiertypen, wie Weis mann mit Recht hervorhebt, auf 
den unbefangenen Beobachter einen viel überzeugenderen Eindruck 
der Wahrheit machen, als die neue Lehre von der Einheit der 
Arten, fürAvelche die tatsächlichen BeAveise noch lange nicht genügten, 
um ihr den Charakter einer sehr gcAvagten geistreichen Hypothese 
zu nehmen. 

Mit dem durch jahrhundertelange Ueberlieferung eingewurzelten 
Glauben an die Schöpfung in der biblischen Auffassung Hess sich 



"IQ Ueberblick über die anthropologische Forschung. 

die Cu vi er sehe Kataklysmentlieorie ebenso wie seine unveränder- 
lichen Tierformen zwanglos vereinigen und gewann gerade dadurch 
den Schein der Wahrheit für sich. 

Von dem berühmten Engländer Lyell wurde 1830 die Kata- 
klysmentheorie endgültig widerlegt durch den geologischen Nach- 
weis, dass keine allgemeinen Erdrevolutionen stattgefunden haben, 
sondern die Schichten der Erde sich ganz allmählich in unendlichen 
Zeiträumen übereinander lagerten und nur auf eng umschriebenen 
Gebieten durch vulkanische Ereignisse gestört wurden. 

Im gleichen Jahre fand die berühmte Debatte zwischen Cuvier 
und Geoffroy St. Hilaire in Paris statt, von der Goethe 
schrieb , der Streit wäre ein Schausiaiel, wie es die Geschichte der 
Wissenschaft vielleicht nicht zum zweiten Male sehen werde. 

Geoffroy St. Hilaire war durch seine vorwiegend an niederen 
Tieren gemachten Beobachtungen zu der Anschauung gekommen, 
dass die höheren Tierformen sich aus den niederen entwickelt haben. 
Im Anfang seiner Laufbahn mit dem gleichaltrigen Cuvier eng 
befreundet, entfernte er sich immer mehr von jenem und trat im 
Jahre 1830 öffentlich aregen ihn in die Schranken. 

Geoffroy St. Hilaire hatte einen schweren Stand. Er musste 
einen völlig neuen Gedanken, den der natürlichen Entwicklung, ver- 
teidigen, Avährend Cuvier ihm mit einer gleich grossen Fülle von 
Beobachtungen und Tatsachen gegenüberstand, die er nur mit der 
biblischen Ueberlieferung zu vereinigen hatte. 

Cuvier war der bessere Redner von beiden und ging schein- 
bar als Sieger aus dem Streite hervor. Nur wenige erkannten die 
hohe Bedeutung der von Geoffroy verfochtenen Entwicklungslehre; 
unter diesen wenigen war Goethe. 

Aber weder ihm noch Geoffroy St. Hilaire war es ver- 
gönnt, den schliesslichen Sieg der neuen Lehre von der natürlichen 
Entwicklung zu erleben. 

Erst im Jahre 1858 fand diese in Charles Darwin ihren 
mächtigsten Apostel und wurde mit ihm und durch ihn die allgemein 
anerkannte wissenschaftliche Grundlage der Zukunft. 

In seinem berühmten Buche „Origin of species by means of 
natural selection" fasste Darwin die zerstreuten Gedanken und 



Ueberblick über die anthropologische Forschung. 11 

Aliiningen seiner Vorläufer unter scharf umschriebenen Gesichts- 
punkten zusammen , und vermehrte sie durch eine Fülle eigener 
Beobachtungen, welche die Aufstellung von Gesetzen für die natür- 
liche Entwicklung ermöglichten. 

Darwins Lehre gipfelt in den folgenden Grundsätzen. Alle 
zusammengesetzteren Formen von Lebewesen sind auf einfachere 
Formen zurückzuführen, und diese wieder auf die allereinfacbsten, 
aus denen sich alle in verschiedenster Richtuno; hin umgewandelt 
haben. 

Die Möglichkeit dieser allmählichen Umwandlung beruht auf 
der Tatsache, dass nicht zwei Lebewesen einander völlig fjleich 
sind, sondern stets eine, wenn auch noch so geringe individuelle 
Abweichung zeigen. Diese angeborene Eigenschaft, die jedes In- 
dividuum von sämtlichen anderen unterscheidet, heisst die A'aria- 
b ilität. 

Vermöge der Variabilität kann ein Individuum durch eine schein- 
bar ganz zufällige individuelle Abweichung sich vor seinen Ge- 
schwistern einen zunächst ganz unbedeutenden, kaum merkbaren 
Vorteil in der Anpassung an die gegebenen Lebensbedingungen 
sichern, oder es wird geeignet, seine Lebenstätigkeit in irgend einer 
Weise weiter auszubreiten als die übrigen ihm ähnlichen Indivi- 
duen. Somit ist dieses Individuum im Kampf ums Dasein besser 
fferüstet und kann sich weiter entwickeln als seine Geschwister. 
Von seinen Nachkommen werden jeweils diejenigen, welche die- 
selbe Eigenschaft in cjleichem oder etwas höherem Maasse besitzen, 
in gleicher Weise bevorzugt sein. Es entsteht dadurch eine 
Gruppe von Individuen, welche durch erbliche Anhäufung der guten 
Eigenschaft und durch Ausmerzung der weniger bevorzugten In- 
dividuen allmählich eine von den übrigen ganz abweichende Gestal- 
tung erhält. 

Dieser Vorgang heisst die natürliche Auslese (natural 
selection) oder natürliche Zuchtwahl. 

Nehmen wir z. B. an, dass eine gewisse Gruppe von Tieren 
ein bestimmtes Gebiet bewohnt, auf dem sie sich ausschliesslich von 
einer bestimmten Pflanze nährt. Eines dieser Tiere ist im stände, 
statt mit einer, mit zwei verschiedenen Pflanzen seinen Hunger zu 



12 Ueberblick über die anthropologische Forschung. 

befriedigen. Dadurch bat es doppelt günstige Daseinsbedingungen 
erlangt und sichert seinen Nachkommen durch erbliche Uebertragung 
dieselben günstigen Bedingungen. Solange reichlich Futter vor- 
handen ist, wird sich dieser Vorzug kaum bemerkbar machen. Wenn 
aber die Tiere sich stark vermehren, werden die Nachkommen des 
einen günstiger veranlagten Individuums im Kampf ums Dasein die 
anderen verdrängen , welche schliesslich aus Mangel an genügender 
Nahrung Hungers sterben müssen. 

Nun kann aber ein anderes Individuum derselben Gruppe in 
der Weise variiert sein , dass es eine etwas grössere Bewegungs- 
fähigkeit besitzt, und darum seine Nahrung auf einem grösseren 
Gebiet suchen kann als die anderen. Auch dieses Individuum wird 
seine individuelle Variante durch erbliche Anhäufung auf seine Nach- 
kommen übertragen, und damit zum Stammvater einer durch raschere 
Beweglichkeit ausgezeichneten Art werden, wie das erste der Stamm- 
vater einer stärker verdauenden Art wurde. 

Diese nach verschiedenen Richtungen hin durch Vererbung 
immer weiter ausgebildeten Eigenschaften führen durch lange Zeit- 
räume hindurch zum Entstehen neuer Arten. 

Neben dieser natürlichen Zuchtwahl nimmt Darwin bei den ge- 
schlechtlich sich fortpflanzenden Tieren noch eine geschlechtliche 
Zuchtwahl an. Diese besteht darin, dass bei der Paarung vom 
männlichen oder vom weiblichen Tier gewisse Eigenschaften bevor- 
zugt werden, welche sich auf die Nachkommen übertragen. 

Das bunte Gefieder eines Vogels z. B., das für den Kampf ums 
Dasein bei der natürlichen Zuchtwahl als individuelle Variante 
wertlos ist, kann für die geschlechtliche Zuchtwahl von hoher Be- 
deutung werden und sich durch erbliche Uebertragung bei in stets 
gleicher Richtung wirkender geschlechtlicher Auslese immer weiter 
vervollkommnen. 

Im Jahre 1871 dehnte Darwin seine für Pflanzen und Tiere 
gewonnene Naturanschauung auch auf den Menschen aus , bei dem 
jedoch die geschlechtliche Auswahl neben der natürlichen Auslese 
eine sehr viel grössere Rolle sjDielte, als bei den Tieren (Descent 
of man). 

Nach der Darwinschen Lehre ist somit der Mensch ebenso- 



üeberblick über die anthropologische Forschung'. 13 

wenig wie irgend ein Tier fertig und iniveränderlicli geschaffen 
worden, sondern er bildet nur ein Glied in der Kette der Lebewesen, 
das sich durch seine ganz besondere Entwicklung hoch über alle 
anderen Tiere erhoben hat. 

Gleich ihnen stammt er von niederen Tierformen ab. 

Der Grundgedanke der allmählichen Entwicklung, die Evolutions- 
lehre und die Deszendenztheorie, trat durch Darwin an Stelle der 
alten Schöpfungstheorie und wurde durch seine Nachfolger in Einzel- 
heitenberichtigt und ausgebaut. Weismann ^) erweiterte die Darwin- 
sche Lehre dahin, dass er den Kampf ums Dasein von der natür- 
lichen und geschlechtlichen Zuchtwahl der fertigen Individuen auf 
den Kampf der Zellen, der Lidividuenkeime ausdehnte. 

Li jeder Keimzelle finden sich bereits alle Eigenschaften des 
Lidividuums und seiner sämtlichen Vorfahren in Gestalt von Deter- 
minanten, die sich zu Iden zusammenordnen. Die befruchtete Ei- 
zelle enthält somit sämtliche Eigenschaften des Vaters und der 
Mutter, sowie von deren Vorfahrenreihen. Von diesen Determinanten 
können die jeweils zweckmässigsten im neuen Individuum zur Ent- 
wicklung kommen, andere aber in latentem Stadium bleiben und 
auch latent auf die Nachkommen übertragen werden. Unter günstigen 
Umständen können derartige Eigenschaften in einer späteren Gene- 
ration wieder manifest werden. Damit lassen sich eine Reihe sonst 
unverständlicher Tatsachen, wie z. B. der Atavismus, erklären. 

In allerjüngster Zeit hat die Evolutionslehre durch die Muta- 
tionstheorie von H. de Vries-) eine neue Erweiterung erfahren. 

Huffo de Vries beobachtete bei Hilversum in Holland, dass 
sich neben einer Pflanze, der Oenothera Lamarkiana, neue Va- 
riationen bildeten, welche gruppenweise auftraten, und neben der 
alten Art in festumschriebener Form sich fortpflanzten. Er machte 
daraus den Schluss, dass neben dem Wettstreit der Indivi- 
duen auch ein Wettstreit der Arten stattfindet, welcher an 
bestimmte zyklische Zeiträume, die sogenannten Mutationsperioden, 
gebunden ist, die sich durch sprungweise auftretende Gruppen- 
variationen auszeichnen. Zwischen den Mutationsperiodon liegen 



1) Vorträge über Deszendenztheorie. G. Fischer. Jena. 1902. 

2) Hu"-o de Vries, Die Mutationstheorie. 1901. 



14 Ueberblick über die anthropologische Forschung. 

lange Zeiträume von Rulie, in denen nur individuelle Varianten sich 
finden. 

Die Mutation entsj^i-iclit somit im Leben der Art der Variabilität 
im Leben des Lidividuuras. 

Die Richtigkeit der de Vri esschen Theorie ist bereits für ver- 
schiedene Pflanzen erwiesen. 

Wenn auch das von Darwin errichtete Gebäude noch lange 
nicht vollendet ist, wenn auch die letzte Frage nach der ursprüng- 
lichen Herkunft alles Lebens mit ihr noch ebenso rätselhaft bleibt 
wie bisher, so ist doch der Grundgedanke der natürlichen Entwick- 
lung ein bleibender Besitz der Naturwissenschaft geworden, der in 
allen ihren Zweigen ein mächtiges Aufblühen weiterer Erkenntnis 
zur Folge hatte. 

Für die Anthropologie war die nächstliegende Schlussfolgerung 
aus der neuen Lehre, dass sämtliche Menschenformen von einer 
Urmenschenform ausgegangen Avaren, und diese selbst wieder aus 
niedereren Formen der Tierwelt sich entwickelt hat. 

Dass diese Nutzanwendung mit allen ihren Folgen sich nicht 
unmittelbar Eingang zu verschaffen wusste, lag zunächst daran, dass 
die systematische Anthropologie unbeirrt ihren eigenen Weg weiter 
Avandelte. Hat doch Quatrefages es noch vor einem Jahre nötig 
gefunden, in einem langen Plaidoyer aufs neue für den monogene- 
tischen Ursprung des Menschengeschlechts einzutreten, trotzdem 
Darwin vor 30 Jahren denselben unzweideutig klargestellt hatte. 

Anderseits aber schadete ein allzugrosser Enthusiasmus wieder 
der gedeihlichen Entwicklung von Darwins grossen Grundgedanken. 

HaeckeH) ging so weit, dass er einen bis in alle Einzelheiten 
ausgearbeiteten Stammbaum der Menschen aufstellte, in dem der 
Affenmensch als gemeinschaftlicher Vorfahre der Affen und Menschen 
angeführt wird. Durch sein auch in Laienkreisen viel gelesenes 
Buch wurde sogar die Ansicht verbreitet, dass nach Darwin der 
Mensch vom Affen abstamme, während Darwin selbst aus Mangel 
an Tatsachen diese Schlussfolgerung niemals gezogen hat. 

Mit Haeckels Schrift trat das Interesse für die Verwandtschaft 



') Haeckel, Anthropogenie. Leipzig 1903. Engehnann. 



Ueberblick über die anthropologische Forschung. 15 

der Menschen und Affen in den Vordergrund der wissenscliaftlicben 
Forschung. Die verschiedenen niederen Menschenrassen wurden auf 
ihre Affenähnlichkeit geprüft, unter Virchows Leitung wurde eine 
Liste der pithekoiden (affenähnlichen) Merkmale des Menschen auf- 
gestellt und man suchte eifrig nach dem missing link, dem letzten 
verbindenden Glied zwischen Mensch und Affe. 

Während also auch hier wieder unter dem schwerwiegenden 
Einfluss Haeckels die Anthropologie in einseitiger Richtung weiter- 
forschte, bereitete sich in verwandten Wissenszweigen die durch 
Darwin angebahnte Umwandlung vor, Avelche mittelbar auch der 
Anthropologie zu statten kommen sollte. 

Zunächst Avar es die Zoologie und die vergleichende Ana- 
tomie, welche in dem neuen Lichte schöne, ungeahnte Früchte 
reifen sah. 

Da nach Darwin alle Tiere von einer gemeinschaftlichen Ur- 
form auso:ea'ano;en sind, so war anzunehmen, dass sich unter den 
niederen rezenten Exemplaren gewisse Formen erhalten hatten, aus 
denen sich höhere, in verschiedener Richtung weiter entwickelte 
Formen ableiten Hessen. 

Huxley suchte, von diesem Gedanken geleitet, nach den soge- 
nannten collective typ es, und trat zunächst im Jahre 1880 mit 
dem positiven Ergebnis zu Tage, dass der Igel (Erinaceus europaeus) 
eine solche primitive Form darstellt, aus der sich sämtliche höheren 
Säugetiere mit Ausnahme der Monotremen und Beuteltiere ableiten 
lassen ^). 

Mit zunehmender Erkenntnis svurde es immer deutlicher, dass 
der Mensch nicht in jeder Beziehung an der Spitze des tierischen 
Stammbaums steht, sondern dass die verschiedenen rezenten Tier- 
formen sich ebenfalls, nur in anderer Richtung, von der ursprüng- 
lich gemeinschaftlichen Wurzel entfernt haben müssen. Dabei wurde 
bald diese, bald jene Eigenschaft stärker ausgebildet, und in ein- 
seitio-er Richtung weiter entwickelt. Bei den Karnivoren haben die 
Waffen (Zähne und Klauen), bei den Ungulaten die Fluchtwerkzeuge, 
bei den Affen die Kletterwerkzeuge eine viel weitere Ausbildung 



') Huxley, On the Application of the Laws of Evolution to thc arrange- 
nient of Mammalia. 



16 Ueberblick über die anthropologische Forschung. 

erfahren, als dies jemals bei den direkten Vorfahren des Menschen 
der Fall gewesen sein konnte. 

Durch eine Fülle neuer Tatsachen machte sich das Bedürfnis 
nach einem Umbau des von L i n n e und C u v i e r begründeten 
systematischen Gebäudes geltend, ein Umbau, der auch heute noch 
nicht völlig abgeschlossen ist. 

Die schon von Geoffroy St. Hilaire und Cuvier be- 
gründete vergleichende Anatomie hat besonders durch Gegenbaur 
einen streng wissenschaftlichen Charakter l^ekommen. Ihm und 
seiner Schule ist es in erster Linie zu danken, dass die trockene 
beschreibende Systematik einer lebendigen analysierenden Forschung 
Platz machte, welche die Umwandlung der Organe und Körper- 
formen von den einfachsten Anfängen bis in die höchstdifferenzierten 
Zustände verfolgte und das Walten natürlicher Gesetze der Ent- 
wicklung nachwies. 

Von grundlegender Bedeutung waren die Untersuchungen des 
Selachierschädels von Gegenbaur, der damit den von k e n 
und Goethe angeregten Gedanken, dass der Schädel aus einer Um- 
bildung von Rückenwirbeln entstanden sei, wieder aufnahm. Gegen- 
baur zeigte, dass, der Verteilung der Nerven und Muskeln ent- 
sprechend, der wichtigste Teil des Kopfskeletts, das Primordial- 
er anium, in gleicher Weise wie die einzelnen Teile der Wirbelsäule 
aus Körpersegmenten hervorgegangen ist. 

Diese für das Verständnis des Tierkörpers ausserordentlich 
wichtige Segmentallehre Avurde von seinen Schülern, namentlich 
von 0. Hertwig, weiter ausgebildet. 

Ohne hier auf weitere Einzelheiten einzugehen , sei nur noch 
erwähnt , dass unter Gegenbaurs Schülern R a b 1 , Maurer 
und Klaatsch eine Reihe von direkten Analogien zwischen den 
höheren Säugetieren und AmjDhibien nachgewiesen haben , welche 
sich auf den Bau des Herzens, der Blutgefässe, der Gliedmassen 
und der Hautgebilde beziehen. 

Diese Beobachtungen machten ein direktes Hervorgehen der 
Säugetiere aus den Fischen und Amphibien ohne eine reptiloide 
Zwischenstufe wahrscheinlich, ein Verhalten, welches später auch 
aus embryologischen Gründen bestätigt Avurde. 



Ueberblick über die anthropologische Forschung. I7 

Wiedersheim M stellte im Jahre 1893 ein für kiiiifti..-(( For- 
schungen grundlegendes Werk zusammen, in dem er die rudimen- 
tären Organe der Menschen als Zeugen für früher durchlaufene Zu- 
stände des Menschengeschlechts ausführlich bespricht. Dabei begnügte 
er sich jedoch, die Analogien in den Organen hervorzuheben, ohne 
gleich Ha e ekel einen ausgearbeiteten Stannnbaum aufzustellen. 

Alle Untersuchungen der Zoologen und Anatomen konnten aber 
zur Vergleichung nur die rezenten Tierformen heranziehen, von denen 
von vornherein anzunehmen war, dass sie nur die einseitig weiter- 
entvvrickelten Ueberreste einer früher sehr viel ausgebreiteteren Fauna 
bildeten. Die Huxley sehen Kollektivtypen konnten unter den 
lebenden, so unendlich verschiedenen Formen nur Ausnahmen dar- 
stellen und nmssten jedenfalls in früheren Zeiten sehr viel zahl- 
reicher gewesen sein. Nur so liess sich die grosse Verscliiedenartig- 
keit scheinbar unvermittelter rezenter Formen, wie Fische. Vögel, 
Reptilien u. s. w., erklären. 

Diese Vermutungen wurden mit jedem neuen paliiontologi- 
schen Funde aufs neue und überraschendste bestätigt. Es fanden 
sich bereits zahlreiche Uebergangsformen zwischen den schein- 
bar verschiedensten Tiergruppen, so namentlich zwischen Reptilien 
und Vögeln und zwischen Amphibien, Reptilien und Säugetieren. 
Im Jahre 1891 entdeckte Dubois in Java den Pithecanthropus 
erectus, eine der Urform des Menschen entschieden nahestehende 
Affenart, die von Ha e ekel bereits als das heissersehnte missing link 
begrüsst wurde. 

Wichtiger aber als diese vielumstrittene Jieute waren ilic un- 
zweideutigen Spuren der Tätigkeit der Menschen und schliesslich die 
Skelettteile von solchen, welche durch die paläontologischen und 
urgeschichtlichen Forschungen für die Wissenschaft erschlossen 
wurden. 

Boucher de Perthes war der erste, der im .lahre 1839 
die zahlreichen Feuersteinsplitter, welche in diluvialen Schichten ge- 
funden wurden, als Artefakte und Ueberreste menschlicher Tätigkeit 
aus der Steinzeit zu deuten Avusste. 



1) Der Bau des Menschen als Zeugnis für seine Vergangenheit. 1893. Neue 
Auflage 1903. 

Stratz, Die Xatiirgescliiclite des Menschen. 2 



J8 Ueberblick über die anthropologische Forschung. 

Erst 1856 entdeckte Fullroth den berühmten Schädel im 
Neandertal. Die Bedeutnng dieses Fundes wurde lange verkannt. 
Auch die von Fraipont 1887 in Spy bei Lüttich gefundenen Ueber- 
reste von Menschen Avurden nicht in ihrer vollen Bedeutung ge- 
würdigt. Erst im Jahre 1901, als Kramberger bei Krapina in 
Kroatien ganz ähnlich gestaltete Menschenreste fand, und durch 
Schwalbe und Klaatsch nachgewiesen wurde, dass die Menschen 
dieser drei Fundstätten die gleichen, sehr niederen Merkmale einer 
uralten Rasse besassen, gewannen sie eine bleibende wissenschaft- 
liche Bedeutung. 

Das ffleichzeitigfe Vorkommen der Menschen mit zahlreichen 
ausgestorbenen Tierarten, wie Höhlenbär, Mammut, Rhinoceros anti- 
cjuus u. a., wurde durch stets sich mehrende paläontologische Be- 
funde bestätigt. 

Je tiefer man in das Innere der Erde hinabstieg, desto ein- 
facher wurden die Tierformen, aus deren Stufenfolge ein neuer Be- 
weis für die Evolutionstheorie erbracht Avurde. 

Die Schlussfolgerungen, die sich daraus für die phylogenetische 
Entwicklung des Menschengeschlechtes ergeben, fallen in den ältesten 
Zeiten mit denen der Säuger zusammen, unter denen der Mensch 
eine in vieler Beziehung sehr primitiv gebliebene Form darstellt. 

Zu den Fortschritten der Zoologie und Anatomie gesellten sich 
die reichen Ergebnisse der Embryologie, welche mit E. v. Baer, 
der im Jahre 1828 die menschliche Eizelle entdeckte, einen mäch- 
tigen Aufschwung genommen hatte. 

E. V. Baer^) ist der Begründer der Lehre von den Keim- 
blättern, aus denen sich die erste Anlage des embryonalen 
Körpers bei allen Tieren zusammensetzt. 

Diese Keimlilattlehre wurde namentlich von Remak") mit 
sorgfältigen histologischen Details weiter ausgearbeitet zu einer 
Form, die für alle späteren Untersuchungen grundlegend ge- 
blieben ist. 

Von der EntAvicklung des Hühnchens ausgehend, wurden die 
verschiedenen Stufen des Embryonallebens eingehend untersucht und 

^) Ueber Entwicklungsgeschichte der Tiere. Beobachtung und Reflexion. 1828. 
^) Untersuchungen über die Wirbeltiere. 1850. 



Ueberblick über die antbropologisclie Forschung. ^9 

mit den entsprechenden Zuständen bei anderen Tieren verglichen. 
Es zeigte sich, dass die Embryonen selbst, sowie deren Hüllen ein 
ebenso wechselvolles Bild boten, wie die daraus hervorgegangenen 
fertigen Tiere. 

Für manche, welche ihrer geringen Grösse wegen leichter mit 
dem Mikroskop übersehen werden konnten, Avie der Froscli, die 
Maus, das Kaninchen u. a. m., ist es bereits gelungen, eine ununter- 
brochene Reihe der verschiedenen Entwicklungsstadien von der 
einfachen Zelle bis zum fertigen jungen Tier zu verfolgen. Daraus 
Hess sich der Schluss ziehen, dass auch alle anderen Tiere eine 
ähnliche Entwicklung durchmachen mussten, und in der Tat zeigten 
sich bei allen bisher untersuchten Tieren Entwicklungsstadien, 
die den entsprechenden Stufen der bekannten ununterI)rochenen 
Reihen entsprachen. Dal)ei finden sich jedoch schon von der ersten 
Zelle ab geringfügige Unterschiede in Form und Einbettung, welche 
mit zunehmendem Wachstum immer deutlicher werden. Genau wie 
die Tiere verhält sich auch der Mensch. 

Für den Menschen sind besonders die schönen Untersuchungen 
vonHis und dessen mit peinlichster Sorgfalt ausgearbeitete Tafeln 
menschlicher Embryonen aus den ersten Lebensmonaten zu er- 
wähnen. 

Ein weiteres Verdienst erwarb sich His, indem er auf die 
schon im Embrjonalleben bestehenden Unterschiede der verschiedenen 
Tiere aufmerksam machte und damit Haeckels allzu voreiligen 
Schlüssen entgegentrat ^). 

Immerhin aber bleibt Ha e ekel das Verdienst, zuerst darauf 
hingewiesen zu haben, dass die individuelle Entwicklung des Keim- 
lings, die Ontogenese, im kleinen ungefähr denselben Weg geht 
wie die Entwicklung der Gattung, der Phylogenese, im grossen. 

Die Uebereinstimmung dieser ontogenetischen mit der phylo- 
genetischen Entwicklung ist aber nicht in der Weise zu verstehen, 
dass beide sich völlig gleichen und direkte Rückschlüsse aufeinander 
gestatten. 

^) Vgl. darüber: His, Unsere Körperform. Briefe an einen befreundeten 
Naturforscher. Vogel 1875. — His, Anatomie menschlicher Embryonen. Vogel. 
Leipzig. 1880. 1882. 



20 Ueberblick über die anthropologische Forschung. 

Dies ist schon aus dem Grunde einleuchtend, dass z. B. in der 
ontogenetischeu Reihe des Menschen ein amphibisches Stadium mit 
der Anlage von Kiemen besteht, während in der phylogenetischen 
Reihe aus einem ähnlichen Stadium sich ein fertiges Uramphibium 
entwickelt haben muss. 

Die ontogenetische Entwicklung bildet somit nur eine flüchtige 
Skizze der phylogenetischen Entwicklung, in der wahrscheinlich 
eine ganze Reihe von Zwischenstufen ausgefallen oder nur so leicht 
angedeutet ist, dass sie sich der Wahrnehmung entzieht. 

Vielleicht wäre Haeckel und mit ihm zahlreichen anderen 
Embryologen mancher Irrtum erspart geblieben, wenn nicht Alle die 
bei verschiedenen Tieren erhobenen Befunde immer wieder auf das 
Huhnchen als die einfachste Form zurückbezogen hätten. 

In allerjüngster Zeit erst hat H üb recht \) darauf aufmerksam 
gemacht, dass die eierlegenden Tiere in bestimmter Richtung sehr 
viel höher entwickelt sind als die lebendig gebärenden, da sie dem 
jungen Wesen zugleich eine grössere Masse Nahrungsstoff mit auf 
den Weg geben, welchen die letzteren dem Blute der Mutter ent- 
nehmen müssen. 

Die einfachsten Zustände fanden sich unter den niederen Säuge- 
tieren, insbesondere beim Igel, dessen primitive Stellung auf an- 
derem Wege schon von Huxley hervorgehoben wurde. 

Die niedersten Säugetierzustände schliessen sich am nächsten 
nicht den analogen Stufen bei Vögeln und Reptilien, sondern denen 
der Amphibien an, und so deuten die neuesten Ergebnisse der 
Embryologie ebenso wie die der vergleichenden Zoologie und Ana- 
tomie in gleicher Weise auf die nahe Verwandtschaft der Ur- 
amphibien mit den Mammaliern, und damit auch mit dem Men- 
schen hin. 

Die eierlegeuden Amphibien sind ebenso wie die Vögel und 
Reptilien einseitig hoher entwickelt, während der Mensch auch in 
dieser Beziehung der Drform der landbewohnenden Wirbeltiere viel 
näher geblieben ist. 

Trotzdem so von allen Seiten mächtige neue Bundesgenossen 



^) Die Phylogenese der Amnions und die Bedeutung des Trophoblasts. 1895. 



Ueberblick über die antbropologisclie Forschung. 21 

zur Erforscliung des Menschengeschlechts heranzogen, verharrte die 
systematische Anthropologie in ihrer alten Stellung und verschanzte 
sie immer mehr mit wertvollem Baustoff von Schädelmaassen, Körper- 
messungen und zahlreichen Einzeluntersuchungen, denen nur der 
belebende Gedanke fehlte, um sie zu einem liarmonischen Ganzen 
zu vereinigen. 

Erhöht wurde der Wert ihres Besitzes durch die stets sich 
mehrenden photographischen Belegstücke. Mehr und mehr machte 
sich auch der Gedanke geltend, dass es nicht genügte, totes Wissen 
hinter dem grünen Tisch aufzuspeichern. Zahlreiche Forschungs- 
reisende suchten die fremden Völker in ihren eigenen Ländern auf 
und brachten reiche Beute heim. Ich In-auche nur auf die ausführ- 
lichen Berichte von Fritsch über die Koikoin und die Aegvpter, 
von den Vettern Sarasin ülier die Wedda, von Hyades und 
Deniker über die Feuerländer, von Ehrenreich und von den 
Steinen über die brasilianischen Urvölker, von Bucht a über die 
oberen Nilvölker, von Balz über die Japaner, von Hagen über 
die Ostasiaten, von Nieuwenhuis über die Dajaks u. a. zu ver- 
weisen. 

Trotz alledem aber stellte sich die Anthropologie, vielleiclit im 
Gefühl ihrer eigenen SchAväche, ganz in den Dienst der Ethnographie, 
was für Deutschland schon allein aus dem Umstand hervorgeht, 
dass eine grosse Anzahl von ethnograi)hischen Lehrstelh'ii und Museen, 
dagegen nur ein einziges Professorat für Anthropologie in München 
besteht. 

In Paris vertritt die von Broca gegründete antlii-opologische 
Schule eine Mittelstellung zwischen Ethnographie und Anthro- 
pologie. 

Das scheinbar schon so stattliche Gebäude der Anthropologie, 
wie es sich in den Werken von Topinard und Quatrefages 
widerspiegelt, verliert sehr von seinem Wert, wenn man den Tat- 
sachen etwas näher auf den Grund geht und die Spreu von dem 
Weizen sondert. 

Einen sehr viel richtigeren Begriff" vom Stande der Anthro- 
pologie am Anfang des 20. Jahrhunderts l)ekommt man aus dem 
schönen Buch von Johannes Ranke, der offen eingesteht , dass 



22 Ueberblick über die anthropologische Forschung. 

unser heutiges anthropologisches Wissen nur aus unzusammenhängen- 
den Bruchstücken besteht. 

Eine wissenschaftliche Rasseneinteilung der jetzt lebenden 
Menschheit ist zur Einordnung der zahlreichen Einzeluntersuchungen 
ein unabweisbares Bedürfnis. Ein solches allgemein anerkanntes 
S3^stem besteht zur Zeit noch nicht. 

Als bleibendes Ergebnis der bisherigen Versuche kann allein 
gelten, dass weitaus die meisten Anthropologen mit Cuvier immer 
wieder zur Aufstellung von drei Haupttypen, der weissen, 
Q-elben und schwarzen Rasse, kamen, denen sich die anderen 
Menschenformen bei- oder unterordnen sollten. 

Diese drei Haupttypen entsprechen den drei zahlreichsten, ver- 
breitetsten Menschenrassen, die sich auch durch eine besonders hoch 
entwickelte Kultur auszeichnen. 

Neben ihnen bestehen aber zahlreiche andersartige Menschen- 
gruppen, die sich keinem der meist auf ein einziges Körpersymptom 
gegründeten Systeme fügen wollten. 

G. Fritsch^) sonderte bereits im Jahre 1881 von diesen drei 
herrschenden Rassen die metamorphen, gemischten Rassen ab und 
stellte ihnen die kleineren Menschengruppen als besondere Rassen 
flim Duodezformat" gegenüber. 

Trotzdem Fritsch damit als erster die Ungleichwertigkeit 
der Menschenrassen betonte, fand sein Vorschlag doch lange nicht 
die verdiente Würdigung. 

Bereits vor ihm hatten Huxley'') und Peschel^) den 
Australiern einen besonderen, sehr niederen Standpunkt unter den 
übrigen Menschengruppen zugeteilt, ohne aber auf das Niedrige 
besonderes Gewicht zu legen. Im Jahre 1901 habe ich die primi- 
tiven oder protomorphen von den drei herrschenden, archimorphen 
Rassen und den Fritsch sehen metamorphen Rassen abgetrennt 
auf Grund einer Reihe somatischer Merkmale, unter denen nament- 
lich die Proportionen eine deutliche Scheidung ermöglichten. 

Im Jahre 1902 stellte Klaatsch durch sorgfältige vergleichend 



') Geographie und Anthropologie als Bundesgenossen. 
^) Schädeltheorie und Einteilung des Tierreichs. 1869. 
3) Völkerkunde. 1874. Siebenter Neudruck 1897. 



Ueberljück über die anthropolo<fische B^orschimg. 23 

anatoraisclie Untersuchungen den Typus der Australier als des 
niedersten unter den jetzt lebenden Menschenrassen fest und be- 
stätigte und erweiterte damit die von Huxley und Pe schal ge- 
machten Beobachtungen. 

Zugleich aber betonte Klaatsch die Notwendigkeit der palä- 
ontologischen und vergleichend anatomischen Untersuchungsweise 
für die Anthropologie und schuf damit eine streng wissenschaftliche 
Grundlage für weitere Forschungen. 

Klaatsch gebührt das Verdienst, den ersten Anstoss zum 
völligen Umbau der Anthropologie auf dem neuen und festen 
Fundament der biologischen Wissenschaft gegeben und damit die 
Saat ausgestreut zu haben, deren Früchte wir im 20. Jahrhunderfc 
zu pflücken hoffen. 



II. 
Die phylogenetische Eiitwickking der Menschheit. 

Wichtigste Literatur. 

Allgemeine Phylogenie. 

1. Charles Darwin, Ontheoriginof speciesbymeans of natural Selection. 1859. 

2. Charles Darwin, The descent of man. 1871. 

3. E. Haeckel, Anthropogenie. 4. Auflage. 1891. 

4. £. Haeckel, Schöpfungsgeschichte 1868. 10. Auflage. 1902. 

5. A. Weismann, Deszendenztheorie. 1902. 

6. H. Klaatsch, Entstehung und Entwicklung des Menschengeschlechts. 1902. 

Paläontologie und Prähistorie. 

7. Charles Lyell, Principles of Geology. 1830. 

8. Melchior Neumayr, Erdgeschichte. 2. Auflage. 1895. 

9. K. Zittel, Paläontologie. München 1895. 

10. A. de Mortillet, Musee prehistorique. 2. Auflage. 1902. 

11. Moritz Hörnes, Der diluviale Mensch in Europa. Vieweg 1903. 

12. Schwalbe, Vorgeschichte des Menschen. 1901. 

Vergleichende Anatomie und Zoologie. 

13. Huxley, An Application of the Laws of Evolution to the arrangement 
of the Vertebrata and more particulary of the Mammalia. Proceed. 
Zoolog. Soc. 1880. 

14. Gegenbaur, Vergl. Anatomie der Wirbeltiere. 1898. 

15. 0. Hertwig, Entwicklungsgeschichte des Menschen und der Wirbel- 
tiere. 6. Auflage. 1898. 

16. R. Hertwig, Zoologie. 5. Auflage. 1901. 

17. L. Benshausen, Entwicklung der Tierwelt in: Weltall und Mensch- 
heit, n. 1902. 

18. R. Wiedersheim, Der Bau des Menschen als Zeugnis für seine Ver- 
gangenheit. 1893. 2. Auflage. 1903. 

19. A. A. W. Hubrecht. The Descent of Primates. New York. 1897. 

Vergleichende Embryologie. 

20. A. KöUiker, Entwicklungsgeschichte des Menschen und der höheren 
Tiere. 2. Auflage. 1880. 

21. W. His, Anatomie menschlicher Embryonen. 1880. 

22. Ch. Sedgwick Minot, Human Embryology. Deutsch von Kästner. 1894. 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. £5 

23. 0. Schnitze, Entwicklungsgeschichte des Menschen und der Säuge- 
tiere. 1897. 

24. A. A. W. Hubrecht, Die Keimblase von Tarsius. Ein Hilfsmittel zur 
schärferen Definition gewisser Säugetierordnungen. Festschrift f. (icgen- 
baur. 1896. 

25. A. A. W. Hubrecht, Die Phylogenese des Amnions und die Ik-deutung 
des Trophoblasts. Amsterdam 1895. 

26. A. A. W. Hubrecht, Furchung und Keimblattbildung bei Tarsius 
spectrum. Amsterdam 1902. 

E t h n g r a p h i e. 

27. Peschel, Völkerkunde. VII. Neudruck 1897. 

28. Lippert, Kulturgeschichte der Menschheit. 1886. 

Unser positives Wissen über die i'livlo<(enese der Menschheit 
beschränkt sich auf einige Skelettteile diluvialer Menschen und deren 
Artefakte, auf die mehr oder weniger vollständige Kenntnis des K(ir- 
pers und auf die ontogenetische Entwicklung des rezenten Menschen. 

Die eigentliche Phylogenese entzieht sich der direkten Be- 
obachtung und lässt sich nur aus Rückschlüssen von diesen Tat- 
sachen aus rekonstruieren, welche durch die A'ergleichung mit den 
übrigen tierischen Formen und den allen gemeinsamen Lebens- 
bedingungen in früheren Erdperioden einen grösseren Wert und 
weitere Bestätigung erhalten. 

Damit ordnet sich die phylogenetische Entwicklung des Menschen- 
geschlechts der tierischen Phylogenese im allgemeinen unter und 
schliesst sich mit dieser eng an die Entwicklungsgeschichte der 
Erdoberfläche an. 

An dieser Stelle können die wichtigsten einschlägigen Be- 
obachtungen nur kurz in ihrer Beziehung zum eigentlichen Gegen- 
stand der Betrachtung behandelt werden. Für ausführlichere Einzel- 
heiten sei auf die eingangs angeführten Werke verwiesen. 

Die Gestaltuno; der Erdoberfläche ist einem fortwährenden 
Wechsel unterworfen. 

In der kurzen Zeit eines Menschenlebens werden wir diese 
langsamen Veränderungen kaum gewahr. Ja selbst die geschicht- 
lichen Ueberlieferungen von dem allmählichen Auftauchen oder 
Verschwinden grösserer Ländermassen, wie z. B. des Zuidersees mit 
seinen versunkenen Städten, das Abbröckeln von Helgoland oder die 



2(5 Die phylogenetische Entwicklang der Menschheit. 

zunehmende Vergrösserung der Ostseeküste von Skandinavien er- 
sckeinen uns klein im Vergleicli mit der Gesamtmasse des festen Landes. 

Im Laufe der Tausende von Millionen Jahren aber häufen sich 
diese allmählichen Umwandlungen durch Ablagerung von Staub und 
Schlamm in einem so gewaltigen Umfange, dass daneben selbst die 
Bedeutung der örtlichen, durch vulkanische Ausbrüche hervor- 
gerufenen plötzlichen Gestaltveränderungen völlig verschwinden. 

Wo heute eine endlose Meeresfläche sich ausdehnt, stand früher 
eine mit zahlreichen Pflanzen und Tieren bevölkerte Ländermasse, 
und wo wir heute trockenen Fusses in schattigen Wäldern lust- 
Avandeln, spielten früher die Fische auf dem Boden der Tiefsee. 

Die von Lyell begründete wissenschaftliche Geologie hat nach- 
o-ewiesen, dass die Rindenschicht der Erde aus einer ununterbrochenen 
Auflagerung von Niederschlägen aus Luft und Wasser, aus Staub 
und Schlamm besteht, welche sich zu Gesteinschichten verdichtet 
haben. In diesen Schichten finden sich ebenfalls versteinerte, fossile 
Ueberreste von Pflanzen und Tieren als Zeugen uralten Lebens. 

Aus der Art und Schichtung der Gesteine, namentlich aber aus 
der Form der eingeschlossenen Pflanzen und Tierreste, der sogen. 
Leitfossilien, Hessen sich gewisse, dem Alter der jeweiligen Schicht 
entsprechende Kennzeichen finden, die hauptsächlich nach der 
Bodenbeschaffenheit des am ausgiebigsten untersuchten mitteleuro- 
päischen Gebiets bestimmt wurden. 

Da die Leitfossilien die sichersten Kennzeichen für die 
Bestimmung der Erdschichten abgeben, so bildet die Paläontologie, 
die Kunde von den Versteinerungen, zugleich auch die wichtigste 
Grundlage der Geologie. 

Die Paläontologie unterscheidet nach den Versteinerungen vier 
grosse Hauptperioden in der Geschichte der Erde, welche zwar 
auch allmählich ineinander übergehen, aber doch ihr ganz besonderes, 
deutlich abgrenzbares Gepräge haben. 

Die erste, azoische oder archaische Periode, der die 
uralten Gesteinformen von Gneis und Granit angehören, enthält keine 
Spuren früheren Lebens. Die zweite, paläozoische Periode , die 
unter anderem die Steinkohle umfasst, zeigt zahlreiche Einschlüsse 
niederer Tiere und Pflanzen. In der dritten, der mesozoischen 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 



27 



Periode finden sich schon sehr viel ausgebildetere Tier- und Pflanzen- 
formen, während die vierte, die kilnozoische Periode sich durch 
einen grossen Reichtum hochentwickelter organischer Elemente aus- 
zeichnet und bis in die Gegenwart hineinreicht. 

Diese vier Hauptperioden werden wieder in verschiedene Forma- 
tionen eingeteilt, die sich voneinander durch ihre geologische Beschaffen- 
heit, ihre höhere oder tiefere Lage und ihre Leitfossilien unterscheiden. 



Geologische 


Zeitalter 


Erstes Auftreten von 
Tierformen 


\or- 

geschicht- 

liche 


Hauptperioden 


Formationen 


1 


2 


Epochen 


I. Azoisch 










(Archaisch) 










II. Paläozoisch 


1. Kambrium 


Wirbellose 








2. Silur 


Seewirbeltiere 

(Knorpelfische) 


Ammoniten 
Insekten 






3. Devon 










4. Karbon 


Amphibien 




Herrschaft 




(Kohle) 






der Molche 




5. Perm. 


Chirotherien 


Reptilien 


Herrschaft 
der Saurier 


III. Mesozoisch 


1. Trias 

2. Jura 


Niedere Säuge- 
tiere 


Käfer 
Knochenfische 
Marsupialier 

Vögel 






3. Kreide 




Schlangen 


P^nde der 
Riesensaurier 


IV. Känozoisch 


1. Eocän 


Höhere S 


äugetiere 


Herrschaft 


a) Tertiär, 


2. Oligocän 

3. Miocän 

4. Pliocän 


Anaptomorphus 


Schmetterlinge 

Affen 

Pitbecanthropus 
erectus 


der Säuger 


b) Quartär 


5. Diluvium 


Paläolithischer 




Herrschaft 




(Pleistocän) 


Mensch 




des Menschen 




6. Alluvium 









28 Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 

Die Bedingungen, unter denen die Einschlüsse organischer 
Elemente in ihrer Form als Versteinerungen erhalten werden können, 
sind sehr wechselnde und hängen sowohl von der Beschaffenheit 
der Schicht als von der Widerstandsfähigkeit der Organismen ab. 
Im allgemeinen darf man annehmen, dass nur ein kleiner Bruchteil 
früherer Lebewesen als Versteinerung erhalten blieb. 

Die ältesten Spuren niedrigster wirbelloser Tiere sind im 
Kambrium, der tiefsten Schicht der paläozoischen Periode, gefunden 
worden. Diese Tiere zeigen indes schon teilweise einen fortgeschritte- 
neren Bau als viele noch heute lebenden niedrigsten Formen. 

Es ist deshalb auf Grund der Evolutionslehre anzunehmen, dass 
schon vorher, in der archaischen Periode, niedrigste Tiere gelebt 
haben, deren Ueberreste sich aber nicht erhalten konnten, weil sie 
nur aus weichem, zerfliessendem Protoplasma bestanden. 

Sämtliche dem Kambrium angehörigen Fossilien sind Seetiere. 
Auch in dem darauffolgenden Silur, in dem die ersten Vorläufer 
der Wirbeltiere in Form von Knorpelfischen, Panzerfischen und 
Schmelzfischen auftreten, findet sich kein einziges Landtier. 

Die Durchforschung dieser ältesten Schichten der Erdrinde 
liefert somit den Beweis, dass es eine frühere Erdperiode gab, in 
der die Fische die höchstentwickelten Wirbeltiere waren. 

Von dem Grundgedanken ausgehend, dass sämtliche späteren 
Tierformen aus einfacheren früheren Zuständen hervorgeffangren sind, 
müssen demnach auch die Vorfahren der Amphibien, Reptilien, 
Vögel und Säugetiere ein fischähnliches Stadium durchlaufen haben. 

Diese gemeinschaftlichen Fischahnen müssen wiederum von 
Chordatieren abstammen, welche infolge ihrer weichen Beschafi'en- 
heit keine fossilen Spuren hinterlassen haben. Der Beweis ihres 
Bestehens wird durch die Ontogenese sämtlicher Wirbeltiere ge- 
liefert; denn bei allen geht die Bildung der Wirbelsäule aus dem 
Chordastrang hervor. 

Wenn wir uns den gemeinschaftlichen Fischahnen theoretisch 
konstruieren wollen, so muss derselbe sämtliche Eigenschaften der 
höheren Wirbeltiere in primitiver Form oder im Keime besitzen, 
darf jedoch in keiner Richtung hin weiter difi'erenziert sein als diese. 

Denn sobald er sich nach einer Richtung hin einseitig^ weiter 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 29 

ausbildet, biisst er damit die Aiipassungsfilhigkeit nach anderen 
Ilichtungen hin ein und ist gezwungen, auf dem einmal ein- 
geschlagenen Wege immer weiter zu gehen. 

Aus diesem Grunde ist der hypothetische Fischahne in keiner 
Weise mit dem hochentwickelten und als Fisch viel höher stehenden 
Knochenfische der Jetztzeit zu vergleichen, sondern muss unter den 
allerprimitivsten Fischformen gesucht Averden. ISeine Gestaltung 
muss den Selachiern oder Knorpelfischen am nächsten gestanden 
haben, zu deren späteren heutigen direkten Nachkommen unter 
anderem die Haifische gehören. 

Der Bau dieses Urfisches, an den sich einige fossile und rezente 
Fischformen anlehnen, enthält bereits die Vorbedingungen für die 
Umbildung zum Amphibium. 

Hierzu gehören in erster Linie die vier Gliedmaassenanlagen in 
der Form von paarigen Brust- und Bauchflossen, die in ein fünf- 
strahliges Knorpelskelett auslaufen, die Schwimmblase, die sich den 
Kiemenbogen anschliesst und zum Teil zur Luftatmung benutzt 
wird, endlich die Anlage eines plazentaartigen Gebildes und das 
damit ermöglichte Gebären lebendiger Jungen. 

Erst im Karbon steio-en die ersten Wirbeltiere in Gestalt von 
Amphibien ans Land und bilden damit den Ausgangspunkt sämt- 
licher Landwirbeltiere. 

Wie der Urfisch, so muss auch das Uranii)liil)iiim aus den 
gleichen Gründen als die allerprimitivste Form unter den Amphibien 
gedacht werden. 

Als wichtigste Errungenschaften des üranijiliilnunis sind die 
Ausbildung der Gliedmaassen mit Gürtelskelett, dreifachen Gelenken 
und pentaraerem Endstück, ferner das Gelenk zwischen Kopf und 
erstem Halswirbel, die Lungenatmung und endlich die starke Zu- 
nahme des Grosshirns zu nennen. 

Von besonderem Literesse ist es, dass auch heute noch alle 
Ami)hibien in ilirer Jugend ein Fischstadium durchhiufen und so in 
ihrer Ontogenese die Metamorphose vom Fisch zum Amphibium 
jedesmal wieder durchmachen. Besonders auffallend ist die Meta- 
morphose von der Kaulquapjte zum Frosch. 

Die rezenten Amphibien haben sich in der verschiedenartigsten 



30 Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 

Weise von der Urform differenziert und stellen nur spärliclie Ueber- 
reste des die Kohlenformation beherrschenden Molchgeschlechts dar. 

Aber auch unter ihnen finden sich lebendig gebärende Formen, 
wie die Urodelen, und eierlegeude, wie die Anuren. 

Es liegt auf der Hand, von den viviparen Amphibien die 
lebendig gebärenden Säugetiere, von den Oviparen Amphibien die 
eierlegenden Reptilien und Vögel abzuleiten und damit die Ursäuger 
unmittelbar auf die Uramphibien zurückzuführen. 

Die Ansichten darüber sind noch geteilt. Ha e ekel nimmt zwei 
Stufen von reptilienähnlichen Vorfahren des Menschen an, die 
Stegocephalen und die Sauromammalier. Auf seiner Seite stehen 
alle diejenigen Forscher, die das Eierlegen für einen niedrigeren 
Entwicklungszustand halten als das Lebendiggebären, und deshalb 
nicht vor dem Gedanken zurückschrecken, die Säugetiere von eier- 
legfenden Vorfahren abstammen zu lassen. Als lebendes Beweisstück 
für diese Auffassung werden die von Semon genauer untersuchten 
Monotremen angesehen, und in der Tat ist ja auch das Schnabeltier 
ein eierlegendes Säugetier. 

Eine weitere Stütze erhielt diese Auffassung dadurch, dass in 
der dem Karbon folgenden Permformation die Saurier zu einer 
mächtigen Ausbildung gelangten und in zahlreichen fossilen Formen 
gefunden wurden, neben ihnen jedoch kein einziges Säugetier. 

In den Sauromammaliern erblickte man Uebergangsformen zu 
den erst später in der Trias aufgefundenen Säugetierresten. Diese 
ältere Auffassung verdankt ihren Ursprung wohl hauptsächlich dem 
Umstände, dass bei allen entwicklungsgeschichtlichen und anato- 
mischen Untersuchungen man immer und immer wieder von der 
Entwicklung des Hühnchens ausging, das durch E. v. Baer ge- 
wissermassen zum Paradigma erhoben worden war. 

Die neuere Auffassung, die von Huxley, Gegenbaur, 
Ivlaatsch und Hub recht vertreten wird, stützt sich auf folgende 
Gründe. 

Zunächst spricht die Schwankungsbreite der Variabilität für 
einen primitiveren Zustand. Wenn also bei den Fischen, von denen 
sämtliche höhere Wirbeltierordnungen abstammen, sich das Eierlegen 
neben dem Lebendiggebären in den verschiedensten Abstufungen 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 31 

vorfindet, wenn bei den Amphibien ungefähr dieselben Zustiunh' vor- 
herrschen, Avenn dagegen bei den Säugern das Lebendiggebären 
und bei den Sauriern das Eierlegen mit zunehmender Entwicklung 
immer mehr überwiegt, wenn schliesslich bei den aus den Sauriern 
hervorgegangenen Vögeln das Eierlegen die Kegel ist, so liegt die 
Schlussfolgerung nahe, dass die höheren Säugetiere, ebenso wie die 
höheren Reptilien mit den Vögeln zwei extreme Zustände darstellen, 
die aus dem primitiven Fisch- und Amphibienstadium sich nach 
den beiden Grenzen des Lebcndiggebärens und Eierlegens voneinan<ler 
entfernt haben. 

Das Eierlegen ist dabei ein in gewisser Hichtung hin höher 
differenzierter Zustand, während das Lebendiggebären, das ein dotter- 
armes Ei und Ernährung durch das mütterliche Blut voraussetzt, 
ein Festhalten am ])rimitiven Zustand darstellt. Auch unter den 
Amphibien selbst stellen die eierlegenden Formen einseitig differen- 
zierte Zustände dar, während die lebendiggebärenden nur eine 
weitere Entwicklung schon im Fischstadium bestehender Zustände 
durchgemacht haben. 

Die rezenten Monotremen, die einzigen eierlegenden Säugetiere, 
haben nach den Untersuchungen von Semon einen viel primitiveren 
Bau als die Sauropsiden und sind deshalb als niederste, später in 
sauropsider Richtung differenzierte Säugetiere aufzufassen, welche 
aus einem lebendiggebärenden Zustand hervorgegangen sind. 

Die Sauromammalier lassen sich als Zwischenstufen von Sauriern 
und Mammaliern auffassen, die sich gleich diesen aus dem gemein- 
schaftlichen Amphibienstamm gebildet haben. Der Umstand, dass 
im Perm bisher keine Säugetierreste gefunden Avorden sind, be- 
weist noch nicht, dass damals auch keine Säugetiere gelebt haben; 
denn wenn auch nicht Reste von Säugetieren selbst, so sind doch 
schon zahlreiche Spuren im vollsten Sinne des Wortes in den 
F ä h r t e n p 1 a 1 1 e n de r C h i r o t h e r i o n aufgedeckt worden. Diese 
Spuren, welche das rätselhafte paläozoische Tier hinterlassen bat, 
zeigen zwei kleinere vordere und zwei grössere hintere Hände mit 
gegengestellten Daumen, so dass sie Klettertieren von nicht allzu 
geringer Grösse augehört haben müssen. Durcii dieses Körpermerk- 
mal kennzeichnen sie sich nicht nur als Säugetiere überhaupt, son- 



32 Die phylogenetische Entwielilung der Menschheit. 

dern schliessen sich sogar eng an die höchste Khisse der Primaten 
an. Nach Klaatsch lässt sich die Hand des Menschen direkt von 
der Amphihienhand ableiten, und diese Auffassung hat eine weitere 
Bestätigung durch Rosen he rg gefunden, dem es gelang, das Os 
centrale aus der Handwurzel der Amphibien auch beim Menschen in 
fötalem Zustand nachzuweisen. 

Aber auch weitere neuere Beobachtungen weisen auf eine direkte 
Abstammung der Ursäuger von den Uramphibien hin. 

Das Gehörorgan der Säugetiere ist ebenso wie das der Reptilien 
aus dem Amphibienzustand hervorgegangen, zeigt aber einen Ent- 
wicklungsgang, welcher eine sauropside Zwischenstufe ausschliesst^). 

Nach den Untersuchungen von Huxley bleibt von den dop- 
pelten Aortenbogen der Fische und Amphibien bei den Säugetieren 
der linke, bei den Sauropsiden der rechte bestehen ; ausserdem fand 
Huxley so charakteristische Unterschiede in der Skelett- und Zahn- 
bildung, dass er sich veranlasst sah, die Säugetiere von einem er- 
loschenen Urstamm, der Hypotheria, abzuleiten, welche er gleich den 
Sauropsiden direkt von den Uramphibien herstammen lässt. 

Die Haare der Säugetiere zeigen nach den jüngsten Unter- 
suchungen A^on Maurer-) direkte Beziehungen zu den Hautsinnes- 
organen der Amphibien . während sich die Schuppen der Reptilien 
und die Federn der Vögel in anderer Richtung von dem Amphibien- 
zustand aus differenziert haben. Gegenbaur stimmt mit Maurer 
überein, während KeibeP) an der alten Anschauung festhält. 

Rabl'^) findet bei der Entwicklung des Herzens, Klaatsch^"*) 
in der Entwicklung der Mesenterialgefässe bei den Säugetieren 
direkten Anschluss an die der Amphibien. 

Die wichtigste Stütze für diese neuere Auffassung hat Hub- 
recht auf embryologischem Wege erbracht, indem er nachwies, 
dass die Keimblase des Igels einen sehr viel primitiveren Zustand 



') Vgl. Gaupp. Ontologie und Phylogenie des schallleitenden Apparates 
des Wirbeltieres. Ergebnisse der Anatomie und Entwicklungsgeschichte. VIIT. 
S. 1001. 

-) Morphologische Jahrbücher. Bd. XVIII u. XX. 

^) Ergebnisse der Anatomie und Entwicklung. V. S. 019. 

■*) Morphologische Jahrbücher. Bd. XII. 

^) Morphologische Jahrbücher. Bd. XVIII. 



Die phylogenetische Kntwicklung der Menschheit. 33 

darstellt, als bei den Sauropsiden. Er zeigte, dass das Amnion sclion 
sehr irühzeitig als geschlossene Höhle über dem Embryonalschild 
liegt, während es sich bei den Sauropsiden ebenso wie bei vielen 
Säugetieren aus zwei später verwachsenden Falten Ijildet und somit 
einen komplizierteren Bau hat. Hub rechts Vermuten, dass dieser 
primitivste Zustand der Amnionbildung sich auch bei den höchsten 
Primaten erhalten hat, wurde 3 Jahre später durch Peter sM be- 
stätigt, der an dem jüngsten bisher bekannten menschlichen Ei ein 
bereits geschlossenes Amnion nachwies. 

In gleicher Weise schliesst sich die Bildung des Chorion und 
der Placenta des Menschen viel enger an den primitiven Zustand 
beim Igel an, als an die höher differenzierten Zustände, wie sie bei 
anderen Säugetieren bestehen. 

Aus allen diesen Gründen ist es sehr Avahrscheinlich, dass die 
Ursäuger sich schon in der paläozoischen Zeit von den Uramphilnen 
abgezweigt haben, und dass der Mensch vom Typus des Ursäugers 
sehr viel mehr bewahrt hat als alle anderen Säugetierordnungen. 

Für diese Anschauung ist aber ausser der geheimnisvollen 
Chirotherienfährte noch kein Anhaltspunkt von paläontologischer 
Seite geliefert worden. 

Immerhin kann als sicher angesehen werden, dass der Ursäuger 
ohne sauropside Uebergangsform vom Uramphibium abstammt. Ebenso 
wie der Urfisch und das Uramphibium muss auch der Ursäuger 
in einer Gestaltung gedacht werden, aus der sich sämtliche anderen 
Säugetiere ableiten lassen. 

Von dem Uramphibium unterscheidet er sich zunächst durch 
die Behaarung und stärkere Ausbildung der Hautdrüsen, unter 
denen die Milchdrüsen eine besondere Funktion bekommen und 
das besondere Merkmal dieser höchsten Wirbeltierklasse bilden. 
Ferner kommt es zu einer stärkeren Ausbildung des schon bei 
Amphibien andeutungsweise vorhandenen Zwerchfells, zu einem 
regelmässigeren Typus in der Zahnbildun g und zu einer weiteren 
Zunahme des Gehirns. 

Da sämtliche Säugetiere einen Schwanz oder doch die An- 



^) Peters, Ueber die Einbettung des menschlichen Eis. 1899. 

Q 

Stratz, Die Naturgeschiclite des Mensclicii. 



34 Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 

deutung eines solchen besitzen, so muss der Ursäuger ebenso wie 
das üramphibium auch einen solchen besessen haben. 

In der Skelettbildung tritt infolge der Gehirnzunalime auch eine 
Ve r gross er ung des Schädels ein, dessen Bildung durch Deck- 
knochen, welche dem Integument entstammen, unterstützt wird. Die 
Beweglichkeit zwischen Kopf und Wirbelsäule ist ausgiebiger. 

Die schon beim Üramphibium vorhandenen vier Gliedmassen 
erhalten eine stärkere Ausbildung und Grössenzunahme unter Bei- 
behaltung der dreiteiligen Gliederung. Die Endigungen in ihrer 
primitivsten Form müssen wie die der Amphil^ien pentamer gewesen 
sein; denn so weit die paläontologischen Forschungen ergaben, lassen 
sich sämtliche ein-, zwei- und mehrzehige Zustände auf einen ursprüng- 
lich fünfzehigen Zustand zurückbringen. 

Daraus folgt die überraschende Tatsache, dass die menschliche 
Hand dem primitivsten Ursäugerzustand näher steht als irgend eine 
andere bekannte Säugetierform. Sogar die anthropoiden Affen haben 
sich durch Verkümmerung des Daumens mehr von der Urform ent- 
fernt als der Mensch. 

Mit dieser Beschreibung stimmen die Chirotherienfährten aus 
dem Perm überein. Man darf erwarten, dass auch Skelettreste der 
ältesten Säugetierformen noch einmal in paläozoischer Schicht ge- 
funden werden. 

Das mesozoische Zeitalter, welches nun folgt, ist durch die 
Herrschaft der zu riesigen Formen sich entwickelnden Saurier ge- 
kennzeichnet. 

In der Trias tauchen einzelne niedere Säugetierformen auf, 
welche den heutigen Beuteltieren am nächsten verwandt sind. Im 
Jura erscheinen die ersten Vögel, unter denen die merkwürdigen 
Zahnvögel die nahe Verwandschaft mit Reptilienahnen beweisen. 
In der Kreide spalten sich die Schlangen von den übrigen Reptilien 
ab, während deren alte Riesenformen allmählich aussterben. 

Die bisher gefundenen Säugetierreste aus der mesozoischen 
Periode spielen neben diesen stolzen Geschlechtern eine sehr unter- 
geordnete Rolle, was umsomehr verwundert, als in der ersten For- 
mation der känozoischen Periode, im Eocän, fast sämtliche Vertreter 
der heute lebenden Säusetierformen und viele inzwischen ausgestor- 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 35 

benen Gattungen in reiclier Zahl vertreten sind. Unter diesen befindet 
sich auch der von Cope^) beschriebene Anaptomorphus homun- 
culus, eine nach Gebiss und SchädelbikUnig dem rezenten Tarsius 
spectrum (Gespenstertier) völlig entsprechende tertiäre Form. 

Abgesehen von dem Gebiss hat Hubrecht auch für die em- 
bryonale Entwicklung von Tarsius nachgewiesen , dass sie nicht 
nur mit der der Primaten völlig analog verläuft, sondern diese 
sogar in gewisser Beziehung übertrifft. Während nämlich lieiiii 
Menschen und den Anthropoiden in den ersten Monaten des Fötal- 
lebens die Ernährung der Frucht durch das ganze Chorion l)ewerk- 
stelligt wird, und sich erst später auf den Bezirk der diskoidalen 
Placenta beschränkt, ist bei Tarsius die diskoidale Placenta von 
Anfang an das einzige Ernährungsorgan, wälueiul dei- übrige Teil 
des Chorion glatt bleibt. Auch in der weiteren Bildung der Keim- 
blase besteht so viel Uebereinstimmung zwischen Tarsius einerseits, 
Mensch und Anthropoiden anderseits, dass Hub recht Tarsius nebst 
dessen eocäner Form den Primaten zuzählt. 

Hub rechts Beweisführung ist zwingend genug für die An- 
nahme , dass im Eocän neben anderen höheren Säugetieren bereits 
hochentwickelte Primaten bestanden haben. 

Im Miocän fanden sich die ersten Affen, im Pliocän, der letzten 
känozoischen Periode, der von Dubois entdeckte Pithecanthropus 
erectus, der von Haeckel als das missing link zwischen Affe und 
Mensch, von den meisten Forschern, u. a. von R. Hertwig und 
Klaatsch, für eine grosse dem Menschen näher stehende Form 
des Gibbon angesehen wird. 

Die ältesten bekannten Ueberreste von Menschen stammen aus 
der ersten Formation des Quartärs , dem Pleistocän , neben zahl- 
reichen Spuren einer bereits hochentwickelten Steinkultur. In der 
ältesten, paläolithischen Periode lebt der Mensch zusammen mit 
Höhlenbären, Elephas antiquus und Rhinoceros antiquus, in der 
zweiten Periode überwiegt das Mammut und die Wildpferde, in der 
letzten das Renntier und später der Edelhirsch. 

Die Menschen der ältesten Periode gehören der neanderthaloiden 



^) Cope, E. D., The Lemuroidea and the Insectivora of the Eoeene Period 
of North America. The American Naturalist. Philadelphia 1885. 



36 I^ic phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 

Rasse an, Avelche nacli Scliädel- und Gliedmaassenbilclung zwischen 
Pithekanthropus und den niedersten rezenten Rassen eine Mittel- 
stellung einnimmt, während die Schädel der letzten Periode, von 
der Cro-Magnonrasse, mit heutigen hochstehenden Rassen völlig 
übereinstimmen. 

Die paläontologischen Ergebnisse in ihrer Gesamtheit haben die 
Annahme bestätigt, dass die zahlreichen rezenten Tierformen mit 
Inbegriff des Menschen nur die wenigen überlebenden Mitglieder 
einer unendlich viel zahlreicheren Gesellschaft darstellen, dass sich 
zwischen den einzelnen so verschiedenen Grujjpen in ausgiebigster 
Weise Zwischenformen nachweisen lassen und dass schliesslich alle 
auf einfachere und mit dem geologischen Alter stets einfacher 
werdende Formen zurückgeführt Averden können. 

Obgleich noch sehr viele Lücken bestehen , so ist doch auch 
schon für einzelne Spezies der Nachweis einer gleichmässigen Weiter- 
entwicklung durch unendliche Zeiten hindurch erbracht worden. 
Eine der vollständigsten Entwicklungsreihen ist die des Pferdes, 
welches Marsh in Nordamerika vom Vierzeher bis zum Einhufer 
verfolgen konnte. 

Ueber die Phylogenese der Säugetierklasse und den paläonto- 
logischen Wert ihrer verschiedenen Ordnungen sind die Ansichten 
noch sehr geteilt. 

Wenn schon die direkte Abstammung des Ursäugers von dem 
Uramphibium noch nicht allgemein anerkannt ist, so verteilen sich 
die Meinungen noch viel mehr, wo es sich um die Altersbestimmung 
der einzelnen Säugetierordnunofen handelt. 

Die Feststellung der primitiven Kollektivtypen wird noch er- 
schwert durch den Umstand, dass einzelne Gattungen bei sehr starker 
einseitiger Ausbildung einer bestimmten Fähigkeit in ihren übrigen 
Körpereigenschaften verkümmert und dadurch zu scheinbar ein- 
facheren, primitiveren Formen geAvorden sind. 

Als solche einseitig weiter entwickelte Formen sind die Cetaceen 
(Wale) durch sekundäre Anpassung an den Aufenthalt im Wasser, die 
Edentaten (Zahnarme) durch die Anpassung an eine besondere Ernäh- 
rungsweise, die Monotremen durch die Anpassung an das Eierlegen 
zu betrachten. Dass auch die didelphen Beuteltiere keine primitiven 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 37 

Siiuger sind, sondern sich schon frühzeitif? von dem gemeinschaft- 
lichen Stamm der Säugetiere abgeschieden haben, wird durch deren 
embryonale Entwicklung, den Bau der Zähne, namentlich aber durch 
den primitiven Bau der Geschlechtsorgane sehr wahrscheinlich 
gemacht. Unter den übrigen monodelphen Säugetieren scheinen die 
Insektivoren mit Ausnahme einiger innerhalb der Ordnung weiter 
differenzierten Formen eine sehr niedrige Stufe einzunehmen, aus 
der sich die Avichtigsten Klassen der Ungulaten, Karnivoren und 
Rodentier nach verschiedener Richtung hin durch Ausbildung v(jn 
Waffen und Fluchtorganen und durch Anpassung an bestimmte 
Nahrungsweise ableiten lassen. Einen der wichtigsten Anhaltspunkte 
namentlich für fossile Formen bildet das Gebiss, welches bei den 
Säugern eine grosse Gesetzmässigkeit aufweist. 

Von allen Säugetierordnungen haben sich aber die Primaten, 
und unter diesen wieder der Mensch, trotz höchster Ausbildung 
doch am meisten den primitiven Typus bewahrt, so dass zunächst 
anzunehmen ist, dass der ürprimate sich nur weniix vom Ursäuo-er 
unterscheidet, wo nicht gar mit diesem völlig identisch ist. 

Nach dieser Auffassung würde der Urmensch direkt vom ür- 
primaten oder Ursäuger abstammen und sümtliche anderen Säuge- 
tiere, die Affen inbegriffen, sich seitlich und später von der geraden 
Entwicklungsbahn entfernt haben. Man raüsste demnach die Wurzel 
des menschlichen Stammbaums in der letzten Periode des paläo- 
zoischen Zeitalters zu suchen haben, zu einer Zeit, wo weder 
Ungulaten noch Karnivoren ihre einseitige Entwicklung angefangen 
hatten. 

Der heutige Stand unserer paläontologischen Kenntnisse zeigt 
uns den Menschen im Diluvium im Besitz seiner rein menschlichen 
Gestalt und einer bereits hochentwickelten KuUur. 

Dieser hochentwickelten Kulturstufe, in welcher der Mensch 
Steingeräte und das Feuer kannte, müssen niederere Kulturzustände 
und diesen wieder eine lange Zeit der Kulturlosigkeit voran- 
gegangen sein. 

Auch aus dem Tertiär sind jetzt Steingeräte bekannt, so dass 
die Entdeckung des tertiären Menschen selbst nur eine Frage der 
Zeit und des o-lucklichen Zufalls ist. 



38 Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 

Durch die von Klaatsch sichergestellte Anwesenheit mensch- 
licher Artefakte im Pliocän verfällt zugleich die Möglichkeit, den 
gleichfalls pliocänen Pithekanthropus als eine Vorstufe des Menschen 
anzusehen. Der Mensch muss vielmehr schon im Pliocän neben 
dem Pithekanthropus in höherer Ausbildung und sogar in kulti- 
viertem Zustand gelebt haben, vi^ährend der Pithekanthropus eine 
seitlich abgezweigte, und vielleicht auch eine dem ursprünglich ge- 
meinschaftlichen Primatenzustand näher gebliebene Form darstellt. 

Zwischen den tertiären Steinwerkzeugen des kultivierten Men- 
schen und den auf Urpriraaten hinweisenden Chirotherienfährten klafft 
in der Paläontologie noch eine bedenkliche Lücke, welche den Stamm- 
baum des Menschen in bis jetzt noch unergründliches Dunkel hüllt. 

Nach den bisherigen Erfolgen darf man jedoch erwarten, dass es 
der Paläontologie gelingen Avird, die fehlenden Zwischenglieder bis 
zum Urprimaten und TJr säuge r durch weitere Funde aufzudecken. 



Aber damit ist die Bedeutung der Geologie und Paläontologie 
für unsere Zwecke noch nicht erschöpft. 

Eine geographische Yergleichung der Fossilen hat ergeben, dass 
die heutige Erdoberfläche nicht immer dieselbe war, sondern dass 
ein fortwährender, allmählicher Wechsel in der Verteilung von Wasser 
und Land stattgefunden hat. 

Für den Jura hat Neumayr nach den Funden von Tiefsee- 
tieren und Landtieren eine Erdkarte entworfen , die ein ungefähres 
Bild der damaligen Festlandbildung veranschaulicht (Fig. 1 ). 

Wenn auch Einzelheiten, wie die Küstenbildung im sinoaustra- 
lischen Festland durch die späteren Funde von Tiefseeammoniten 
auf den Sundainseln eine Berichtigung erfahren müssen, so ist die 
Hauptsache, dass die damalige Anhäufung von Ländermassen eine 
völlig andere war als heutzutage, in keiner Weise erschüttert. 

Aus der Juraperiode sind einige Länderkerne stehen geblieben, 
andere aber wieder in grosser Ausdehnung unter den Meeresspiegel 
versunken. Dafür tauchten neue Erdgebiete aus den Fluten auf, 
die allmählich zu der jetzt bestehenden Anhäufung von Festland- 
massen auf der nördlichen Halbkugel führten. 



40 Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 

Aus der Karte (Fig. 1) ergibt sich, dass sämtliche Kontinente 
und grossen Insehi des Jura bei der aUmählichen Umbiklung 
der Erdoberfläche im Lauf der Zeiten mit den heutigen Konti- 
nenten durch mehr oder weniger ausgedehnte Länderbrücken in 
Verbindung geblieben sind. Einerseits umfasst das europäisch- 
asiatische Festland Teile des sinoaustralischen und des brasilianisch- 
äthiopischen Jurakontinents sowie sämtliche Liseln des jurassischen 
zentralen Mittelmeers und bringt diese miteinander in trockene 
Verbindung. Anderseits ist der altarktische Kontinent mit dem 
westlichen Teil des brasilianischen Kontinents in Verbindung ge- 
treten. 

Ausserdem muss aus später zu erörternden Gründen eine vor- 
übergehende ausgedehnte Verbindung zwischen dem heutigen nord- 
östlichen Asien und Nordamerika, und vielleicht auch zwischen diesem 
und Nordeuropa bestanden haben. 

Zwischen der heutigen und der Jurabeschaffenheit des Fest- 
landes liegt die ganze Periode der Kreide , des Tertiärs und des 
Diluviums. 

In dieser Zeit sind Festlandbrücken entstanden und wieder ver- 
schwunden, von denen einige auf unzweideutige Weise wissenschaft- 
lich festgelegt werden konnten. 

So haben die Vettern Sarasin aus der Verbreitung der Süss- 
wasserschnecken nachweisen können, dass die Lisel Celebes zu ver- 
schiedenen Zeiten in fester Verbindung mit umliegenden Inseln ge- 
standen hat, mit denen sie Tierformen austauschte. 

Von der Jetztzeit zurückgehend, können wir uns durch Zu- 
sammenstellung der wichtigsten Faktoren, die die Erdoberfläche zu 
beeinflussen im stände waren, ein ungefähres Bild ihrer postjurassi- 
schen Gestaltung machen. 

Auf der Karte (Taf. 1) sind zunächst um die heutige Laud- 
masse die Grenzen der Flachsee unter 500 Meter nach den An- 
gaben von Berghaus gezogen. Damit allein schon erhebt sich aus 
den seichteren Untiefen des Meeresbodens eine breite doppelte Ver- 
bindung zwischen Australien und der Alten Welt, und im Norden 
eine breite Verbindung zwischen dieser und Nordamerika. Von der 
indomadagassischen Jurahalbinsel sind noch mächtige Bruchstücke 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 



41 



erhalten, und die Verbindung des selir viel grösseren Europa mit 
Asien und Afrika ist eine sehr viel innigere als heute. Ebenso ist 
das nördliche und südliche Amerika in sehr viel festerer Weise durch 
den Antillenring verbunden. 

Das Gesamtbild stellt eine riesige Festlandmasse dar, die dun 
Norden der Neuen und Alten Welt umfasst, und nach Süden mehr 
oder weniger ausgedehnte Ausläufer entsendet, deren Avichtigste und 
grösste Südamerika, Afrika und Australien sind. 

Dass solche oder ähnliche Festlandverbindungen bestanden haben, 
dafür spricht zunächst die Tatsache, dass an einzelnen Flachsee- 
bezirken auch heute noch ein allmähliches Vordringen des Meeres 
nachgewiesen werden kann. So spült die Nordsee alljährlich kleinere 
Stücke an der Nordküste Europas weg und wird in Holland mir 
durch kunstvolle Dammbauten am Eindringen in ausgedehntere Fest- 
landbezirke verhindert, während sie den Untergang der Insel Helgo- 
land in nicht allzulanger Zeit besiegeln wird. 

Ein gleicher allmählicher Rückschritt des Festlandes lässt sich 
für die indische Küste nachweisen. 

Ein zweiter Grund ist die Verbreitung von Pflanzen und Tieren. 
Formen, die sich als Fossile im arktischen Komplex finden, trifft 
man lebend nur noch auf den heute durch das Meer geschiedenen 
südlichen Ausläufern des Festlandes an, welche sie nui- über eine 
frühere Festlandverbindung hin erreichen konnten. 

Trotz aller zwingenden Beweise kann aber diese Flachsee- 
verbindung keinen Anspruch darauf erheben, ein ganz getreues Bild 
früherer Zustände darzustellen. Denn zunächst brauchen diese Fest- 
landbrücken nicht gleichzeitig und nicht immerfort bestanden zu 
haben, dann können einige auch allmählich auftauchenden zukünf- 
tigen Ländergebieten entsprechen , und endlich ist die Möglichkeit 
nicht auszuschliessen, dass einzelne ältere Länderstrecken schon lange 
bis zur Tiefsee hinabgesunken sind. Dies letztere wird für eine 
hypothetische Verbindung zwischen Madagaskar und Vorderindien 
vielfach angenommen. 

Nach alledem bleibt die T a t s a c h e der früheren Festland- 
verbindungen bestehen, während deren Form auf dem eingeschla- 
genen Wege nur annähernd wiedergegeben werden kann. 



42 Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 

Mit grösserer Siclierbeit lässt sich die frühere und heutige Ver- 
teikmg der Gletscher und Vulkane bestimmen. Die erstere ist nach 
den Angaben von Penck, die zweite nach denen von Neumayr 
und V. Buch in die Karte eingetragen. 

Die Anhäufung von Vulkangebieten, deren Anordnung zu Vulkan- 
ketten besonders durch v. Buch hervorgehoben v\^urde, lässt tiefer- 
ffreifende Veränderuns^en in der Formation benachbarter Festland- 
bezirke annehmen. 

In unseren Tagen noch sind ähnliche Umwälzungen im Gebiet 
der Sundainseln (Krakatao) und der Antillen (Mont Pele) beobachtet 
worden. 

Wie die vulkanischen Veränderungen durch die Eruptivgesteine, 
so lassen sich die älteren Gletschergebiete durch die Ueberreste der 
früheren Moränen, die erratischen Blöcke und geschürften Kiesel 
bestimmen. 

Von besonderer Wichtigkeit ist hierbei die Vergletscherung des 
nördlichen Amerika, da sie eine längerdauernde Schranke zwischen 
der Alten und Neuen Welt bildete, welche schon vor dem Abbruch 
der kontinentalen Brücke eine Verbindung mit den angrenzenden 
Teilen Asiens aufhob. 

Wenn aber einerseits die Spuren von Glazialjierioden für Europa 
und Nordamerika den Beweis lieferten, dass daselbst zeitweise ein 
sehr viel kälteres Klima geherrscht haben muss, als heutzutage, so 
wird anderseits durch die Ueberreste tropischer Flora und Fauna 
der Nachweis erbracht, dass zu anderen Zeiten das Klima ein sehr 
viel milderes war, als das heutige. 

Es bestand somit nicht nur ein fortwährender Wechsel in der 
Beschaffenheit der Oberfläche, sondern auch der Kälte- und Wärme- 
verteilung des Festlands. 

Der Einfluss, den diese wechselnden Daseinsbedingungen auf 
die organische Bevölkerung des Festlandes ausgeübt haben, ist für 
die Tierwelt von Wallace eingehend gewürdigt worden. 

Nach ihm lassen sich die heutigen Säugetiere, die verhältnis- 
mässig spärlichen Nachkommen unzähliger alter Geschlechter, in ver- 
schiedene deutlich umschriebene Gruppen einteilen. 

Der ganze Norden Avird von einer ziemlich gleichmässigen, meist 



Die phylogenetische Entwickluncr der Menschheit. 



43 



hoch differenzierten Gruppe von Säugetieren eingenonimeu. Dieser 
arktischen Region schliessen sich die orientalische, Indien 
und benachbarte Länder umfassende, und die äthiopische, das 
südliche Afrika und Arabien einschliessende, durch den Gemeinbesitz 
gewisser Tierformen, wie Karnivoren und Ungulaten an. 

Einen ganz besonderen Charakter haben die australische 
und die südamerikanische Region durch den Alleinbesitz 
einer der niedrigsten Säugetierformen, der Marsupialia (Beuteltiere). 
„In ihrem jetzigen Verbreitungsgebiet, schreibt R. Hertwig, haben 
die Beuteltiere in Anpassung an ähnliche Existenzbedingungen eine 
völlig analoge Entwicklung genommen, wie die placentalen Säuge- 
tiere auf dem übrigen Erdball, so dass man zu den Ordnungen der 
letzteren (Raubtieren, Nagetieren, Insektenfressern, Huftieren) voll- 
kommene Parallelgruppen aufstellen kann." Die australische Region 
ist ferner die einzige, die noch einige lebende Monotremen, wie das 
Schnabeltier, aufweist. 

Ihres ganz eigentümlichen, scharf umschriebenen Tierbestandes 
wegen ist die australische, die ältesten Formen besitzende Region 
als Notogaea, und die südamerikanische als Neogaea von 
sämtlichen übrigen abgeschieden worden, welche als Arktogaea 
zusammengefasst werden. 

Von den Beuteltieren ist das Opossum erst in späterer Zeit 
auch bis in den Norden von Amerika vorgedruno-en. 

Als dritte, ältere Region grenzt sich die äthiopische Region von 
der übrigen Arktogaea ab, indem sie mit der Neogaea und Notogaea 
die ebenfalls sehr niedrig stehenden Edentaten gemein hat. 

Ihrer besonderen Eigentümlichkeiten halber ist sj)äter die neu- 
seeländische Region von Australien, und die madagassische 
von Afrika abgeschieden worden. 

Aus dem Reich der Säugetiere sind demnach die drei niedrigsten 
Gruppen der Monotremen, Marsupialier und Edentaten heute auf 
drei bestimmte Gebiete beschränkt, während sich deren fossile Vor- 
fahren in sämtlichen anderen Gebieten nachweisen lassen. 

Von den jetzt noch durch diese Tiere bewohnten Gebieten ist 
das eine, Australien, durch das Meer von der übrigen Ländermasse 
geschieden, das zweite, Afrika, durch die afrikanische und arabische 



44 Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 

Wüste, während das dritte, Süd- und Mittelamerika, lange Zeit 
durch die nordamerikanisclie Vergletscberung abgeschlossen wurde. 
Später konnte es zwar mit dem nordamerikanischen Gebiet der 
Arktogaea wieder in Verbindung treten, von der Alten Welt blieb 
es aber durch den inzwischen erfolgten Abbruch der Festlandver- 
bindung geschieden. 

Alle drei Ländergruppen stellen somit Isolationszentren 
dar, in denen sich die zur Zeit der Isolierung lebenden Tierformen 
erhalten, beziehungsweise in bestimmter Richtung weiter entwickeln 
konnten, während ihre Stammverwandten im gemeinschaftlichen 
Gebiet durch höher entwickelte Tierformen verdrängt wurden, welche 
ihnen durch die weitere Ausbildung günstiger Eigenschaften im 
Kampf ums Dasein überlegen waren. 

Neben diesen drei grossen Isolationszentren nimmt die orienta- 
lische Region eine Mittelstellung zur Arktogaea ein, da bei ihr ein 
Austausch von Tierformen zwar möglich, aber immerhin durch die 
hohen Gebirge im Norden, das Meer im Süden, sehr erschwert war. 
Trotzdem ist auch hier eine gewisse Scheidung von der Arktogaea 
eingetreten, indem hier noch zahlreiche Tierformen erhalten blieben, 
die im nördlichen Gebiet inzwischen ausgestorben sind. Dahin ge- 
hören vor allem gewisse Gruppen von Karnivoren und Pachydermen, 
wie die Löwen, die Tiger und die Elefanten. 

In etwas anderer Form finden sich die Löwen und Elefanten 
auch im äthiopischen Tierkreise vor, während die Neogaea nur 
pantherartige Karnivoren und von Dickhäutern nur die Tapire, 
die Notogaea aber überhaupt keine diesen Avichtigen Tierklassen 
angehörige Vertreter besitzt. 

Vom Menschen abgesehen lässt sich aus der Gestaltung der 
Tierwelt nachweisen, dass Australien am frühesten, dann Südamerika, 
und sehr viel später Afrika von der Gesamtmasse der Tierbildung 
abgelöst wurde. 

Damit ist aber nicht gesagt, dass die jetzt dort lebenden Tiere 
auch dort entstanden sind. Wie die bisherigen paläontologischen 
Forschungen ergaben, waren alle diese Formen früher in dem asia- 
tisch-europäischen Landbezirk auch vertreten. Diese Tiere waren 
demnach früher über die ganze bewohnte Erde verbreitet, und haben 



Tafel I. 




ül.SüäamerikanIsche h 

Arkto2< 

W-Aethiopische Beg 

V Madagdssische Reg 

W Orientalische R _ 

W Arktische iPalaeärkt. tNesrktiR 



Erdkarte mit Einzeiclinung der Tierregionen, der frülieren und heutigen Gletscher, der Vulkane und der Flachseegrenzen. 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 45 

sich als solche in den Isolationszentren erhalten und einseitig weiter 
entwickelt. 

Das sagenhafte Tierparadies, in dem sich die ersten grund- 
legenden Keime zu der bunten Welt der mannigfaltigen Säugetier- 
gestalten entwickelten, muss an einer Stelle gelegen hahen, von der 
aus der Ausbreitung nach sämtlichen jetzt bewohnten Gebieten auf 
dem Landwege zu gewissen Zeiten nichts im Wege stand. Die 
grösste Wahrscheinlichkeit, dieser Bedingung genügt zu haben, hat 
irgend eine noch vorhandene oder seitdem ganz oder teilweise im 
Meere versunkene Stelle des asiatischen Festlandes für sich. 

Niedere Primaten finden sich mit Ausnahme von Australien in 
sämtlichen Tierkreisen, während die höher difterenzierten Primaten, 
wie Gorilla und Schimpanse einerseits, Orang anderseits, auf sehr 
kleine tropische Gebiete beschränkt sind. 

Diese engbegrenzte Lokalisation der sogenannten Menschenaffen 
ist ein Grund mehr für die Annahme, dass ihre anthropoide Be- 
schaffenheit verhältnismässig noch sehr jungen Datums ist. 

Die Menseben sind in sämtlichen Tierkreisen in Gestalt ver- 
schiedener Rassen vertreten. Diese zeigen unter sich viel weniger 
Verschiedenheiten, als die einzelnen Tiergattungen, so dass wii- die 
Menschheit in ihrer Gesamtheit als diejenige Gattung bezeichnen 
können, welche von allen die grösste Anpassungsfähigkeit und da- 
mit die o;rösste Verbreituno; auf der Erdoberfläche besitzt. 

Der Mensch muss ursprünglich unter denselben Daseinsbedin- 
gungen gestanden haben, wie die übrigen Säugetiere. Schwimmend 
konnte er höchstens Stromgebiete, aber sicher keine grösseren Meeres- 
arme überwältigen. 

Für die Menschen der Isolationszentren besteht denmach theore- 
tisch die Möglichkeit, dass sie entweder mit den Säugetieren zu- 
gleich und in gleicher Weise , oder aber später auf Booten dorthin 
gelangt sind. 

Die Entscheidung, welcher von beiden Möglichkeiten man im 
gegebenen Fall den Vorzug geben soll, wird jeweils auf grosse 
Schwierigkeiten stossen. Immerhin aber verdient der Umstand Be- 
achtung, dass die Australier nach der übereinstimmenden Auffassung 
von Huxley, Peschel und K 1 a a t s c h sowohl somatisch wie 



46 Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 

kulturell als die niedrigste der rezenten Menschenrassen angesehen 
werden müssen, und dass gerade dieser niedrigste Menschenstamm 
es ist, welcher das älteste mit den niedrigsten Säugetierformen aus- 
gestattete Isolationsgebiet bewohnt. 

Ebenso findet sich auf dem amerikanischen Isolationszentrum 
eine besondere primitive Menschenrasse, die sich gleichmässig über 
das ganze isolierte Tiergebiet ausdehnte und später mit einzelnen 
Vertretern desselben nach dem Norden vorgedrungen ist. 

In Afrika, dem dritten grösseren Isolationszentrum, sind die 
Koikoiu, später auch die Zwergvölker und die schwarze Rasse ein- 
geschlossen, welche alle drei, ebenso wie die mit ihnen lebende 
Tierwelt einen ganz besonderen, einseitig weiter entwickelten Cha- 
rakter tragen. 

Entsprechende Verhältnisse zwischen der Tierwelt und der 
Menschheit lassen sich auch auf den grösseren Inseln nachweisen, 
die längere Zeiträume hindurch eine abgeschlossene Stellung ein- 
genommen haben. So bestehen in Neuguinea neben australischen 
Tierformen die Papuas, in Ceylon, das von den orientalischen Tier- 
formen den Tiger nicht besitzt, die Wedda, in Madagaskar mit 
orientalischen Tierformen zusammen die Hovas u. a. m. 

Wenn demnach auch die gemeinschaftliche Isolation älterer und 
jüngerer Tierformen mit gewissen Menschenrassen keinen zwingenden 
Beweis für das Alter des betreffenden Menschengeschlechts ergibt, 
so bietet sie doch sicher wertvolle Anhaltspunkte, die im Zusammen- 
hang mit anatomischen und ethnographischen Merkmalen weitere 
Schlüsse gestatten. 

Im grossen und ganzen ergeben sich für die heute lebenden 
Menschenrassen ganz ähnliche Verhältnisse wie für die Tierwelt. 
Die anatomisch und ethnographisch niedrigsten Menschengruppen 
finden sich in den Isolationsgebieten, Avährend auf der grossen Fest- 
landmasse der Alten Welt die höchsten Kulturrassen sich gebildet 
haben. Ebendaselbst finden sich aber auch fossile Ueberreste von 
früheren Geschlechtern, die anatomisch und kulturell zum Teil noch 
niedriger stehen, als die niedrigste heute lebende isolierte Menschen- 
rasse. 

Demnach müssen auch die Menschen, ebenso wie die Säuge- 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 47 

tiere, aus dem gemeinschaftlichen Festlandzentrum hervorgegangen 
sein und haben in den Isolationszentren nur mehr oder weniger 
alte Entwicklungsstufen festgehalten, Lezw. einseitig weiter aus- 
gebildet, während die im Zentrum zurückgebliebenen Menschen 
durch stets hoher sich entwickelnde Formen verdrängt wurden. 

Zusammenfassend ergibt sich für die phylogenetische Entwick- 
lung des Menschengeschlechts, dass es höchst wahrscheinlich mit 
nur sehr wenigen Mutationen aus der Wurzel der Ursäuger hervor- 
gegangen ist und eines der ältesten, wenn nicht das älteste Ge- 
schlecht des gesamten Säugetierreiches vertritt, wobei es trotz 
höchster Entwicklung doch der gemeinschaftlichen Grundform am 
nächsten geblieben ist. 

Wollte man versuchen, einen Iwpothetischen Stammbaum auf 
paläontologisclier Basis aufzubauen, so kann dieser Aveder so aus- 
führlich, noch so über allen Zweifel erhaben ausfallen, Avie der von 
Haeckel konstruierte. 

Wir müssen uns darauf beschränken , die wichtigsten phylo- 
genetischen Stufen des Menschen in ihrer Beziehung zu einigen der 
wichtigsten Tierklassen zu bestimmen, ohne in allzuviele Einzelheiten 
über den vermutlichen Bau und das Aussehen dieser theoretisch 
vorhandenen, praktisch aber wohl ewig unauffindbaren Ahnen zu 
treten. 

Von unbekannten wirbellosen Tieren und ebenfalls unbestimm- 
baren Chordaten ausgehend findet sich als erste Vorstufe im Silui- 
der ürfisch, im Karbon das Uramphibium und Avahrscheinlich 
schon im Perm der Ursäuger, der vermutlich mit den Urprimaten 
identisch ist. 

Zwischen Urfisch und Uramphibium haben sirli die Fische ab- 
gezweigt. Mit dem Ursäuger zugleich finden sich neben ver- 
schiedenen Zwischenformen die Ursaurier, die sich in Reptilien und 
Sauropsiden weiter spalten. 

Zwischen Ursäuger und Urprimaten zweigen sich die Mono- 
tremen und Beuteltiere ab, von den Urprimaten darf Anaptomorphus 
homunculus als eine seitliche Kümmerform bezeichnet werden, die 
auf die rezenten Tarsiden hinleitet. 

Vom gemeinschaftlichen Urprimatenstamm gehen die übrigen 



48 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 



höheren Säugetierklassen seitlich ab, bevor er sich in Urmenschen 
und Uraffen spaltet, eine Spaltung, bei der wiederum die Urmenschen 
in der gerade aufsteigenden Linie bleiben. 



Phylogenetischer Stammbaum des Menschen. 

Wirbellose Tiere 

Chordatiere 
Urfische (Seewirbeltiere) 



U r a m p h i b i e n 



Amphibien 



Urs ä u g e r 



Ursaurier 



R e 15 1 i 1 i e n 



Marsupialier 



Uriirimaten Monotremen 



Anaptomorphus 



Knorpelfische 



Knochenfische 



Sauropsiden 



Vögel 



Höhere SäuEcetiere 



Urmenschen 



1 

Uraffen 



Tarsii 



Pithekanthropus 



AnthroiJomorphe 
Affen 



Die ]ili_ylogeneti.sche Entwickluiiff der Menschheit. 49 

Hierbei cliirf jedoch nicht vergessen wertlen, dass dieser Stanini- 
bainn, ebenso wie der von Häckel, von rein menschlichem, an- 
thropozentrischem Standpunkt aus konstruiert ist. Für jedes Tier 
liesse sich in analoger Weise ein ähnlicher Stammbaum konstruieren, 
der, von Mutation zu Mutation, von Variation zu Variation stets ein- 
facher werdend, schliesslich auch in gerader Linie auf die hypo- 
thetische Urzelle zurückführt. 

Wären wir Vögel, dann würden wir mit berechtigtem Stolz 
auf das stets höher sich entwickelnde Flugvermögen und Eierlegen 
blicken, und alle nicht fliegenden und nicht eierlegenden Tiere als 
verkümmerte Seitenzweige betrachten müssen. 

In Wirklichkeit gleichen die Ahnenreihen sämtlicher 
Tiere mehr oder weniger parallel zurücklaufenden Linien, 
die sich in unendlicher Urentfernung treffen. Die körper- 
lichen Unterschiede sind offenbar, bevor sie manifest wurden, schon 
lange im Keime vorhanden gewesen, und eine höhere Einsicht als 
die menschliche wäre wohl im stände, schon in den ersten Zellen 
die individuellen Anlagen der späteren Entwicklung zu erkennen. 
Li diesem Sinne muss schon unter den Urfischen und Ur- 
amphibien ein bestimmtes Individuum bestanden haben, aus dessen 
Nachkommen sich nichts anderes als ein Mensch entwickeln konnte. 
Die dichotomische Verzweigung des Stammbaumes ist aus diesen 
Gründen lediglich als ein Mittel zur leichteren Uebersicht von Tier- 
gruppen zu betrachten, die sich durch die Ueberemstimmung in 
gewissen Körpermerkmalen als zusammengehörig ausweisen. 

Auch diese Uebereinstimmung köi-perlicher Merkmale kann nur 
als Homologie im Sinne Gegen baurs, nicht aber als absoluter 
Beweis der Verwandtschaft angesehen werden, denn weder die 
Paläontologie noch die Anatomie wird jemals im stände sein, nach- 
weisen zu können, dass ein bestimmtes rezentes Individuum der 
direkte Nachkomme eines bestimmten paläozoischen Ahnen ist. 

Trotz dieser Einschränkung ist es aber immerhin möglich, aus 
den Homologien einen Rückschluss auf die phylogenetische Zusammen- 
gehörigkeit mit grosser Wahrscheinlichkeit zu machen. Die An- 
thropogenie kann die Natur gleichwie ein Maler nicht in Wirklich- 
keit, sondern nur mit möglichster Treue wiedergeben. 

Stratz, Die Xaturgeschichte des Menschen. 



50 I^'6 phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 

Die phylogenetischen Homologien, welche die Aufstellung des 
Stammbaumes in diesem Sinne ermöglichen, sind in zahlreichen 
Einzeluntersuchungen niedergelegt, auf die alle einzugehen hier un- 
tunlich ist. Hier sind nur die wichtigsten Punkte berührt. 

Da meine Auffassung von der bisher üblichen abweicht, inso- 
fern als auch ich die von Huxley, Gegenbaur, Hubrecht, 
Klaatsch u. a. vertretene Auffassung der direkten Abstammung 
der Säugetiere von den Amphibien teile, so habe ich alle diesbe- 
züglichen Homologien etwas eingehender berücksichtigt, bezw. in 
etwas anderer Beleuchtung betrachtet. 

Sämtliche Wirbeltiere pflanzen sich durch die von den männ- 
lichen Spermatozoen befi'uchteten weiblichen Eizellen fort. Die be- 
fruchtete Eizelle durchläuft einen Furchungsprozess, so dass aus 
der einen Zelle ein Zellenballen (Morula, Blastula u. s. w.) entsteht. 
Von dieser Zellenkolonie dient ein Teil zum Aufbau des Keimlings, 
während der andere die Eihüllen und die für den Keimlinsr nötige 
Nahrung in Form des Dotters liefert. Je nachdem nun der Dotter 
in grösserer oder geringerer Menge vorhanden ist, unterscheidet man 
dotterarme, holo blastische, und dotterreiche, meroblastische 
Eier. 

Mit anderen Worten wird also bei den holoblas tischen 
Eiern der grösste Teil des Eies zum Aufbau des Embryo verwendet, 
während bei den meroblastischen Eiern ein grösserer Vorrat 
von Dotter entsteht und darum nur ein viel kleinerer Teil des Eies 
für den Körper des Keimlings gebraucht wird. 

Bei niederen Wirbeltieren, wie Fischen und Amphibien, welche 
ihre Eier im Wasser ablegen, können beide Arten von Eiern ihre 
Vorteile für den Kampf ums Dasein besitzen. Bei holoblastischen 
Eiern ist ihr Embryo verhältnismässig gross und daher leichter im 
stände, sich selbst seine Nahrung zu suchen, bei meroblastischen 
Eiern trägt er seinen Nahrungsvorrat bei sich, so dass er auch ohne 
direkte Nahrungsaufnahme längere Zeit bestehen kann. 

In der Tat gibt es bei Fischen und Amphibien beide Arten 
von Eibildung nebeneinander. 

Die Nahrungsaufnahme aus dem Dotter geschieht in der Weise, 
dass sich vom Embryo aus ein Blutgefässnetz entwickelt, Avelches 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 51 

den Dottersack umspannt und dem Embryo von ihm aus Niihrstotte 
zuführt. 

Diese Art der Erniihrunt»' findet sicli u. a. bei den meisten Anuren. 

Vorteilhafter gestaltet sich die ungestörte Entwicklung, wenn 
das Ei nicht ins Wasser abgesetzt wird, sondern innerhall) des 
mütterlichen Körpers bereits eine gewisse Ausbildung erreichen kami 
und ausser dem Schutz auch weitere Nahrung von der Mutter erhält. 

Diese Ernährung kommt durch einen Austausch von gasförmigen 
und flüssigen (?) Elementen des Blutes zu stände. 

Die einfachste Form besteht darin, dass der Dottersack und 
dessen Gefässe mit den nächstliegenden mütterlichen Gefässen in 
Berührung treten. Der Nahrungsaustausch zwischen Mutter und 
Keimling wird hierbei durch den Dottersack bewerkstelligt, es ent- 
steht eine omphaloide oder Dotterplacentation. Auf Tafel II 
ist diese Art der Ernährung schematisch dargestellt. Der äussere 
rote Kreis stellt ebenso wie bei den folgenden Figuren die das 
Ei umgebende mütterliche Blutzone dar; innerhalb des Eies ist der 
Keimling mit schwarzer Farbe, der mit seiner Leibeshöhle in Ver- 
bindung stehende Dottersack mit gelber Farbe bezeichnet. Die vom 
Embryo ausgehenden, stark über dem Dottersack sich verästelnden 
Gefässe sind schematisch als eine rote, neben dem Dottersack liegende 
Zone angedeutet, welche mit ihm bis an die mütterliche Blutzone 
heranreicht und sich ihr anlegt. 

Eine derartige mittelbare , omphaloide Placentation findet sich 
bei vielen Fischen und als vorübergehendes Stadium sogar bei 
einzelnen Säugetieren. 

Bei holoblastischen Eiern tritt die spärliche Dotterernährung 
bald vor der wichtigeren vom mütterlichen Blute aus zurück, der 
Dottersack schrumpft, und ül^er ihn hinaus wachsen die Gefässe zu 
einem, dem Mutterboden sich fester anlegenden Haftstiel aus. 
es entsteht die zweite Stufe der Placentation, die Haftstiel- 
placentation, welche im zweiten Schema dargestellt ist. 

Diese Art der Ernährung findet sich in primitiver Form schon 
bei den Selachiern (Acanthias vulgaris, Mustelus laevis u. a.)V). 



^) Vgl. 0. Hertwig S. 249. Claus, Zoologie. 3. Auflage. 1885. S. 646 u. a. 



52 Die phylogeüetische Entwicklung der Menschheit. 



Die dritte Art der Ernährung besteht darin, dass der Dotter- 
sack als Ganzes mit seinen Blutgefässen erhalten bleibt, dass aber 
von ihm aus eine Blase, Allantois, nach der mütterlichen Zone hin- 
wuchert, und durch ihre Gefässe sekundär mit dem Mutterboden in 
Verbindung tritt. Diese Art der Placentation , welche dem Keim- 
ling nach Erschöpfung des Dottervorrats eine weitere mütterliche 
Ernährung sichert, nennt man nach der ihr zu Grunde liegenden 
Allantoisblase die allantoide Placentation. (Drittes Schema.) 

Diese unendlich viel verwickeitere Ernährungsweise findet sich 
bei einigen Amphibien und einigen Säugetieren, als regelmässige 
Bildung aber bei sämtlichen Reptilien und Vögeln. 

Während es aber bei der omphaloiden Placentation zu keiner 
festeren Verbindung zwischen Keimling und Mutter kommt, können 
sowohl bei dem Haftstiel als bei der Allantois innigere Anheftun- 
gen stattfinden. 

Im allgemeinen kann man sagen, dass der erste Typus der 
Haftstielbildung den holoblastischen, dotterarmen, der zweite der 
Allantoisbildung den merol^lastischen, dotterreichen Eiern eigen- 
tümlich ist. 

Aus dem indifferenten, allen Wirbeltieren gemeinsamen Ur- 
zustand (Tafel Hl), in dem der Embryo nichts weiter ist als eine 
scheibenförmige Verdickung der Eiwand, erklären sich sämtliche 
übrigen Zustände. 

Bei Fischen und Amphibien entstehen daraus die in ^^ und ^^^ 
dargestellten Verhältnisse. 

Tafel 11^^ entspricht dem holoblastischen Ei mit kleinem 
Dotter und stärkeren, bis zum mütterlichen Gewebe sich er- 
streckenden Blutgefässen. 

Tafel H^^^ entspricht dem meroblastischen Ei mit grossem 
Dotter und schwächeren, nur zu diesem hinreichenden Blutgefässen. 

In beiden Zeichnungen ist statt der verschiedenen sich ver- 
zweigenden Arterien nur ein (roter) Bezirk neben dem (gelben) 
Dotter angegeben. 

Aus den holoblastischen Amphibieneiern lassen sich die gleich- 
falls holoblastischen Säugetiereier nach dem Schema Tafel II ^^ ab- 
leiten. Der bereits im Amphibienstadium vorgebildete Bauchstiel 



Tafel IL 




Oi)ij)haloule Flacentdiiun 




Schema der Eibildung und der Entwicklung des Säugetiereis und Sauropsideneis 
aus dem Amphibien- bezw. Fischei. 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 53 

besteht hier ebenfalls aus dem sehr bald schrumpfenden Dottersack 
nebst den Blutgefässen, welche eine primäre, unmittelbare Verbindun«»- 
zwischen Keimlino- und Mutter bilden. 

Später tritt als Scheide ein Teil des an Grösse stark zu- 
nehmenden Amnion hinzu, Avelches den Keimling von allen Seiten 
umgibt. Das Amnion bildet sich primitiv als eine kleine, über dem 
Rücken des Keimschildes geschlossene Höhle. Unter Aveiter aus- 
gebildeten Verhältnissen, Avie sie sich bei einzelnen Säugetieren, 
ausserdem aber bei allen Sauropsiden finden, entsteht das Amnion 
sekundär durch Verwachsung der vorderen und hinteren Amnion- 
falte. 

Die Eihüllen Averden bei der Geburt zerrissen und nicht in 
den Körper der Neugeborenen mit aufgenommen. 

Aus dem meroblastischen Amphibieneitypus (Tafel II'") ent- 
Avickelt sich das gleichfalls meroblastische Sauropsidenei nach dem 
Typus Tafel II ^ , das grobschematisch ein bebrütetes Hühnerei 
darstellt. 

Der Dottersack ist hier viel grösser als beim Säugetier, die 
AUantois heftet sich nicht an einer bestimmten Stelle des Mutter- 
bodens an, sondern unnvuchert den Dotter und den Embryo, Avelcher 
nur durch eine kleine, später Avieder völlig scliAvindende Amnion- 
blase von ihm geschieden ist. Die AUantois vermittelt die Auf- 
nahme des Eiweisses in den Körper des Embryos und den Gas- 
austausch mit der Luftkammer. Im umschalten Ei tritt somit das 
Eiweiss nebst Luftkammer an die Stelle der im dritten Schema ge- 
zeichneten mütterlichen Blutzone. Schliesslich verAvächst die AUan- 
tois mit der unter der Eierschale liegenden serösen Hi'lle (Ausführ- 
licheres siehe 0. HertAvig, S. 267). Die Eihüllen, speziell der 
Dottersack, werden grösstenteils in den Körper des jungen Tieres 
durch den Nabel aufgenommen, wie dies auch bei den Amphibien 
und Fischen geschieht. 

Während bei dem Säugetierei mit Ausnahme der Umhüllung 
des Embryos durch Amnion und seröse Haut (Chorion) der Amphi- 
bienzustand noch leicht erkenntlich ist, zeigt also das Sauropsidenei 
viel verwickeitere Verhältnisse. 

Das Säugetierei in seiner einfachsten Form, Avie sie sich u. a. 



54 Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 

beim Igel findet, stellt demnacli einen viel einfacheren Zustand dar, 
als das der Reptilien und Vögel (vgl. Hub recht, Die Phylogenese 
des Amnion). 

Bezüglich Aveiterer Einzelheiten sei auf die eingangs zitierten 
Werke, sowie auf die im folgenden behandelte Ontogenese ver- 
wiesen. 

Zusammenfassend lässt sich folgendes sagen: 

Bei Fischen und Amphibien finden sich dotterarme 
neben dotterreichen Eiern in verschiedenster Abstufung 
und in mehr oder weniger inniger Verbindung mit dem 
mütterlichen Körper. 

Die dotterarmen, mit der Mutter in inniger Verbin- 
dung stehenden Säugetiereier stellen einen weiter aus- 
gebildeten Zustand des dotterarmen Amphibieneies dar, 
die dotterreichen, in eine Schale eingeschlossenen Eier 
der Sauroj^siden sind eine höhere Entwicklungsstufe der 
d o 1 1 e r r e i c h e n A m p h i Ij i e n e i e r . 

Beide haben sich in verschiedener Richtung von dem 
gemeinschaftlichen, in Variabilität viel breiteren Boden 
entfernt, wobei die Säugetiere im allgemeinen dem 
ursprünglichen T3'pus am nächsten geblieben sind. 

Inwieweit die Bildung des Amnions und der serösen Haut bei 
den Amphibien schon vorbereitet ist, lässt sich bei dem heutigen 
Stand unserer entwicklungsgeschichtlichen Kenntnisse nicht mit 
Sicherheit sagen. 

Ebensowenig wie bei den Eihüllen bedarf es bei der Entwick- 
lung der Körperform der Vermittlung sauropsider Elemente, um 
das Entstehen des Säugetiertypus aus dem Fisch- und Amphibien- 
stadium verständlich zu machen. Hier wie dort finden sich bei den 
Säugern und Sauropsiden zahlreiche Homologien, die aber hier wie 
dort nur als Ausdruck der gemeinschaftlichen Herkunft aufzufassen 
sind. 

Mit Uebergehung verschiedener Zustände, die von dem Chorda- 
tier zu den Wirbeltieren hinüberleiten, stellt das fertige Seewirbel- 
tier, der Urfisch, die älteste Vorstute in der Reihe der Wirbel- 
tiere dar. 



Die phylogenetische Entwickluni;- der Menschheit. 



55 



1. Der Urfisch (Fig. 2). 

Die hypothetische Gestalt des Urfisches, aus der ein Uebergang 
zu höherer Ausbildung gedacht werden kann, ist bereits mit paarigen 
Brust- und Bauchflossen ausgestattet, welche sich aus den ])rinn- 
tiven seitlichen Querleisten gebildet haben. Vor den Brustflossen 




Fif 



Schema des ürflsches. 




Fig. 3. Scliema des Uraiiipliibiums. 




Fiff. i Schema des Ursiingers. 



befinden sich die Kiemenspalten, zwischen diesen und dem Auge 
das Spritzloch an Stelle des späteren Ohres. 

Das Gerüst des Körpers baut sich aus Knorpelgewebe auf: die 
knorpelige Wirbelsäule verlängert sich über die Bauchflossen hinaus 
in ein langes Schwanzstück (Fig. 2). 

Von rezenten Formen entsprechen dieser Gestaltung am meisten 



56 Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 

die Selachier, unter denen Acanthias vulgaris^) ungefähr dem 
schematischen Urtypus gleichkommt. 

2. Das Uramphibium (Fig. 3), 

Bei dem hypothetischen Uramphibium haben sich die vier 
Flossen mit Anpassung an das Landleben in vier pentadaktyle, drei- 
gelenkige Gliedmassen differenziert. 

Die Kiemen, die im Larvenzustand noch funktionierten, sind 
geschwunden, an Stelle des Spritzlochs findet sich das Ohr. 

Das Knorpelgerüst ist zum Teil verknöchert, zum Teil durch 
Knochen, die dem Bindegewebe und der Haut entstammen, verstärkt. 

Unter den rezenten Amphibienformen entsprechen die Urodelen, 
besonders Salamandra maculosa, noch am meisten der hypo- 
thetischen Urform. Jedoch haben die Urodelen an den Vorder- 
gliedmassen den Daumen eingebüsst. Die Anuren, Frösche und 
Kröten ihrerseits haben an allen vier Gliedmassen fünf Finger, da- 
gegen findet sich bei ihnen der Schwanz nur im Larvenstadium. 

3. Der Ursäug er (Fig. 4). 

Beim hypothetischen Ursäuger haben die Gliedmassen an LTm- 
fang und Grösse zugenommen, ebenso auch das äussere Ohr und 
die Hirnschale. Die primitive Amphibienhand ist an allen vier 
Gliedmassen erhalten geblieben, ebenso auch der Schwanz. 

Von rezenten Formen stehen der hypothetischen Urform am 
nächsten verschiedene Insektivoren, wie Sorex vulgaris, die Spitz- 
maus und Erinacaeus europaeus, der Igel, nebst dessen mit 
Haaren statt mit Stacheln bekleidetem Verwandten Gymnura. 

In vieler Beziehung ist aber der primitive Zustand, namentlich 
in der Bildung der Gliedmassen bei Tarsius spectrum und beim 
Menschen besser erhalten geblieben, und deshalb ist es kaum 
möglich, einen Urprimatentypus aufzustellen, der sich wesentlich 
von dem Kollektivtypus des Ursäugers unterscheidet. 

Höchstens Hesse sich dafür die noch stärkere Ausbildung des 
Vorderhirus verwerten. 



') Vgl. Claus 1. c. S. 635. 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 57 

Ungefiilir den hypothetiscben Aliiienstufen entsprechen denniiich 
von rezenten Kollektivtypen: 

1. dem Urfisch: die Selucliiei-, 

2. dem Uramphibium: Salamandra maculosa, 

3. dem Ursäuger: Sorex vulgaris, 

4. dem Urprimaten: Tarsius spectrum. 

Von den Belegstücken für die liier vertretene Auffassung sind 
als wichtigste hervorzuheben die Entwicklung der Gliedmassen, die 
Veränderungen des Kiemen- und Kopfskcletts und die stufenweise 
Zunahme des Vorderhirns, des intellektuellen Organs. 

a) Differenzierung der Glied massen. 

Die Grundlage der Gliedmassen Inldet das Archipterygium 
(Gegenbaur), die Urflosse, Avelche sich aus einem Grundstück 
(Basale) und den Strahlen (Radien) zusammensetzt. Das Basale 
ist durch ein Gürtelstück mit dem Köi'jier verbunden. 

In Aveuig veränderter Form findet sich das Archipterygium bei 
den Selachiern. 

An der Brustflosse von Heptanchus (Fig. 5) besteht das Basale 
aus drei Teilen, die Eadien sind sehr zahlreich. Das Gürtelskelett 
bildet eine einfache Spange, welche mit der gegenseitigen in Ver- 
bindung tritt. 

Bei der Anpassung an den Landaufenthalt gehen die den 
Radien (R) sich anschliessenden Hornstrahlen (H) verloren: die Zahl 
der Radien beschränkt sich auf fünf, \\-ährend das Basale in ver- 
schiedene Teile zerfällt, welche dem Oberarm, Unterarm und der 
Handwurzel, bezw. Oberschenkel, Unterschenkel und Fusswur/.el 
entsprechen und untereinander gelenkig verbunden sind. 

Das primitive Schema des fünffingerigen GHedes, aus der sich 
sämtliche Modifikationen der Landwirbeltiere ableiten lassen, zeigt 
die nach Gegenbaur konstruierte Fig. 6. 

Der Schultergürtel besteht aus einem gabeligen Knochenstück, 
Coracoid und Claviculare, dem die spätere Umbildung in Schulter- 
blatt und Schlüsselbein entspricht. An dei" unteren Extremität 
werden die entsprechenden Spangen zum Ilium und Iscliium, die 
sich mit dem sekundären Pubicum zum Becken vereinigen. 



58 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 



Die freie Gliedmasse setzt sicli zusammen aus einem Stück für 
den oberen Teil (Humerus, Femur), zwei Stücken für den mittleren 
Teil (Ulna bezw. Fibula und Radius bezw. Tibia), sowie aus je 
zwei Reihen von Knochen für das Wurzelgelenk, die sich um einen 




Fig. 5. Brustflosse von Heiitanclms. 




Fig. 6. Schema der pentadaktylen Gliedmasse (nach Gegenbaur). 




Fig. 7. Hintere Gliedmasse von Salamandra maculosa (nach Gegenbaur). 

mittleren Knochen, das Os centrale (c), anordnen; an die unterste, 
aus fünf Knochen bestehende Wurzelreihe setzten sich die fünf 
Finger mit drei- bis fünffacher Gelenkgliederung an. 

Fig. 7 stellt die hintere Gliedmasse von Salamandra maculosa 
dar, deren Homologie mit der schematischen Darstellung sich ohne 
weiteres ergibt. 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 59 

In den verschiedenen Siiugetiei-ordnungen sind die Gliedmassen 
in der verschiedenartigsten Weise höher differenziert worden. Als 
Waffe haben sie in der fünf kralligen Pranke des Raubtieres, als 
Fluchtürgan in der auf die Mittelzehe beschränkten Ausbildung des 
Hufes beim Pferde ihre höchste einseitige Entwicklung erreicht. 
Bei den Primaten, und unter diesen besonders beim Menschen, ist 
in der Hand der ursprüngliche Typus am reinsten bewahrt ge- 
blieben. Wie bereits erwähnt, ist es Rosenberg sogar gelungen, 
beim menschlichen Fötus ein isoliertes, später verwachsendes Os 
centrale zu finden, welches unmittelbar auf die Amphibienvorstufe 
hinweist. 

In gleicher Weise, wie die Gliedmassen der Mammalier, lassen 
sich auch die der Sauropsiden auf die fünffingerige Extremität der 
Amphibien zurückführen; namentlich bei den Sauriern findet sich 
der pentadaktyle Typus noch häufig erhalten. 

b) Differenzierung des Kopfskeletts und der Kiemen- 

b ö g e n. 

In das ausserordentlich schwierige Problem der Bildung des 
Kopfskeletts aus dem knorpeligen Primordialkranium und der von 
Haut und Bindegewebe gelieferten Deckknochen ist durch die 
Gegenl)aursche Segmentaltheorie sehr viel mehr Klarheit ge- 
kommen. 

An den aus diesen Elementen sich aufbauenden Gehirnschädel 
schliesst sich der dem Viszeralskelett entstammende Gesicbtsschädel 
an, der in der Hauptsache von den in Schlundl)ögen umgewandelten 
Kiemenbögen geliefert wird. 

Auf diese Homologie zwischen Fisch, Amphibium und Mensch 
können wir uns an dieser Stelle beschränken, und die weiteren 
Einzelheiten des noch vielfach unbestimmten Gesamtitroblems vor- 
läufig beiseite lassen. 

Der Fischzustand wird durch einen Selachier, Acauthias (nach 
Claus), vertreten (Fig. 8). 

Am Schädel sind in der Richtung von links nach rechts drei 
Oeffnungen erkenntlich, die der Nasengrube, der Augenanlage mit 
der Durchtrittsstelle für den Sehnerven und dem Spritzloch ent- 



60 



Die phylogenetische Entwicklunq- der Menschheit. 



spreclien. An den Schädel scUiessen sich die in roter Farbe o-q- 
zeichneten sieben Kiemenbögen an, deren erster, wichtigster, der 
Mandibularbogen, der zweite der Hyoidbogen genannt wird. 




Fig. 8. Kopfskelett eines Haitisches (AcantliiasJ (nach Claus). 




Fig. 9. Kopfskelett eines Molches (IMenopoma) (nach Wiedersheim). 




Fig. 10. Kopfskelett eines Neugeborenen. 



Der Mandibularbogen (Fig. 8 I) bildet beim Haifisch zugleich den 
primären Kiefer; als Vorstufe zu dem bleibenden Kiefer der höheren 
Wirbeltiere zeigen sich die den Kiefern aufgelagerten LippenknorpeJ. 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. Q\ 

Dem siebenten Kiemenbogen schliesst sich die BrustHoss(^ mit 
dem Scliulterg'ürtel an. 

Beim Ampbibium (Menopoma, Fig. 0) sind die primitiven 
Kiefer dnrcb bleibende ersetzt worden. Die ersteren haben eine 
seltsame Umwandlung erfahren, indem deren hintere Stücke, das 
Quadratum und Articulare, in die Schädelhrdile hineingetreten 
sind, und nur noch durch einen dünnen Knoi-jiel (Cartilago Meckeli) 
mit der Innenseite des Unterkiefers in Zusammenhang stehen. 

Beide vorher so mächtigen Stücke bilden sich zu kleinen Ge- 
hörknöchelchen um, aus dem Quadratum wird der Amboss, aus 
dem Articulare der Hammer, dessen längerer Stiel in den 
Meck eischen Knorpel ausläuft. 

Das Spritzloch ist durch das Trommelfell abgeschlossen und 
zum Gehörgang mit einbezogen Avorden. 

Der zweite Schlundbogen, der Hyoidbogen, wird, wie der Name 
besagt, zum Stützpunkt für die Zunge und bildet mit den üljrigen 
Kiemenbogen ein knorpeliges Gerüst am Eingang der Verdauungs- 
und Respirationsorgane. 

Aus Fig. 10 sind die entsprechenden Verhältnisse beim neu- 
geborenen Menschen ersichtlich. 

Von dem mächtigen Viszeralskelette des Selachiers erhält sich 
beim Menschen: 

Vom Mandibularbogen: Hammer und Amboss, 
„ Hyoidbogen: kleine Zungenbeinhörner (vorn), 
Processus stylohyoideus (hinten), 
„ HI. Kiemenbogen: Zungenbeinkörper, 
„ IV. u. V. Kiemenbogen: Kehlkopf knorpel. 
(Für ausführliche Beschreibung siehe Wiedersheim.) 

c) Differenzierung des Gehirns. 

Abo-esehen von dem Zwischenhirn und Xachhirn, über deren 
Begrenzung die Ansichten noch geteilt sind, unterscheidet man am 
Gebirn drei grössere Abschnitte, das Vorderhirn, Mittelhirn und 
Hinterhirn, welche aus drei Gehirnblasen sich entwickeln. 

Der ursprünglich gestreckte Verlauf wird mit zunehmender 



62 



Die ijhylogenetische Entwicklang der Menschheit. 



Grösse des Organs mehrfach geknickt, während zugleich die Schädel- 
kapsel, dem Volum entsprechend, sich ausdehnt. 

Unter den drei Gehirnabschnitten ist das Vorderhirn als der 
Sitz des Intellekts der wichtigste und als solcher auf den folgenden 
Figuren (11 — 17) mit grauer Fai-be bezeichnet. 





Fig. 11. Gehirn eines Haifisclies 
von oben (nach Wieilersheim). 



Fig. 12. Gehirn eines 
Frosches von oben 
(nach R. Hertwigl. 




Fig. 13. Gehirn eines Kaninchens 
von oben (nach Wiedersheim). 




Fi£ 



14. Geliirn eines Menschen 
von oben. 



Beim Haifisch nimmt das Vorderhirn in der Ansicht von oben 
einen verhältnismässig sehr kleinen Teil der Gesamtmasse ein. 

Die mächtig vorspringenden Massen an beiden Seiten (Fig. 11) 
werden von den Riechkolben gebildet, die nach hinten auch die 
Ursprünge der Sehnerven mit umfassen. 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 



63 



Beim Frosch nimmt das Vorderliirn einen sehr viel grösseren 
Raum ein (Fig. 12), wiilirend es beim Kaninchen bereits der rxesamt- 
masse des Mittel- und Hinterhirns (Fig. 13) gleichkommt. 

Beim Menschen übertrifft das zum Gross h im gewordene Vorder- 
hirn das Mittelhirn und Hinterhirn (Kleinhirn) bei weitem (Fig. 14). 





Fig. 15. Gellini eines Haifiselies 
von unten (nach ^^'iellel•slleim). 



Fig. 16. Oeliini ijiies Kaninchens 
von unten iiiacli W'ji'iliTslieinii 




Fig. 17. Gehirn eines Menschen von unten. 

In der Ansicht von unten (Fig. 15, 1(5. 17) i.^t der Unterschied, 
zugleich aber auch die Homologie der drei (Tehirnabschnitte zwischen 
Haifisch, Kaninchen und Mensch noch deutlicher zu erkennen. 

Die höhere Stufe kennzeichnet sich demnach hauptsächlich 
durch das relative Ueberwiegen des Yorderhirns und dessen stärkere 
Furchung, wodurch die Oberfläche noch wesentlich vergrössert wird. 



04 Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 

Das absolute Gehirngewiclit hängt melir oder weniger von der 
Körpergrösse und dem Körpergewicht ah. Ein grösseres Tier hat 
ein schwereres Gehirn als ein kleineres. 

Nach Ranke sind die absoluten Hirngewichte: 



Elefant . 


. 4500 g 


Stier . . . 


450 g 


Walfisch . 


. 2050 „ 


Gorilla . 


450 „ 


Mann . . 


. 1360 ,. 


Orang-Utan 


350 „ 


Weib . . 


. 1220 „ 


Schimpanse 


350 „ 


Pferd . . 


. 650 „ 


Tiger . . 


290 .. 



Nach Topin ard beträgt die Schädelkapazität in „Centimetres 
cubes" für: 

Mensch (männliches Geschlecht, runde Zahl) 1500 

Gorilla (männlich) 531 

(weiblich) 472 

Orang (männlich) 439 

(weibhch) 418 

Schimpanse (männlich) 421 

(weiblich) 404 

Lowe "^-^^ 

Bär 265 

Wildschwein 207 

Schaf 150 

Neufundländer Hund 105 

Nach Vogt: 

Männlicher Deutscher 1450 

Gorilla (männlich) 500 

(weiblich) 423 

Orang (männlich) 448 

„ (weiblich) 378 

Schimpanse (männlich) 417 

(weiblich) 370 

Wenn man das relative Verhältnis zwischen Körpergewicht und 
Hirngewicht berechnet, so ergibt sich (nach Bischoff und Ranke): 
Kleine Singvögel. 1:12 Frosch . . 1:172 

Elster .... 1 : 28 Hund . . . 1 : 250 

Ratte .... 1 : 28 Huhn . . . 1 : 347 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 65 



Mensch . . 




: 36 


Schaf . . 




: 351 


Maulwurf 




: 36 


Pferd . . 




: 400 


Katze 




: 82 


Elefant . 




: 500 


Gorilla . 




100 


Tiger. . 




501) 


Adler . . 




160 


Haifisch . 




5G80 


Eidechse 




160 


Walfisch . 




37 440 



Aus diesen Zahlen geht hervor, dass ein hestimmter Anhalts- 
punkt, nach dem der grössere oder geringere Grad der Intelligenz 
berechnet werden könnte , durch das Gehirngewicht nicht ge- 
geben wird. 

Trotz zahlreicher Beobachtungen an Menschen konnte bisher 
auch nicht festgestellt werden, ob die Zahl der Gehirnwindungen 
in direkten Zusammenhang mit der Höhe der geistigen Fiihigkeiten 
gebracht Averden kann, so dass auch die stärkere oder geringere 
Furchung der Gehirnoberfläche nur relativen Wert hat. 

Demnach bleibt als einziges positives Ergebnis der vergleichend 
anatomischen Untersuchung, dass im allgemeinen die Entwicklung 
von niederer zu höherer Stufe durch die relative Grösseiizunahme 
des Vorderhirns im Verhältnis zum Mittelhii-u und Iliuterhini ihren 
Ausdruck findet. 

Wenn schon das Gehirn selbst so wenig sichere Anhaltspunkte 
bietet, so muss man mit der wissenschaftlichen Verwertung des Ge- 
hirnschädels doppelt vorsichtig sein. 

Die Fig. 18 — 24 zeigen die Schädel verschiedener Säugetiere, 
verglichen mit dem Frosch. Die Grenze zwischen Hirn und Ge- 
sichtsschädel entspricht ungefähr der roten Linie, welche vom 
unteren liand des Stirnbeines bis ül)er die äussere Ohröffnung 
verläuft. 

Vergleichen wir diese Figuren mit Fig. 8, 9 und 10, so ergibt 
sich, dass beim neugeborenen Menschen der Hirnschädel bei weitem 
den Gesichtsschädel überwiegt, und dass beim Haifisch gerade das 
Umgekehrte der Fall ist. 

Also auch hier lässt sich zwar im allgemeinen sagen, dass mit 
der höheren Entwicklung eine stäi'kere Ausbildung des Gehirn- 
schädels Hand in Hand geht, im besonderen aber müssen verschiedene 
Tatsachen berücksichtigt werden , die im einzelnen die Form und 

St ratz, Die Xatiirgeschiclite des Meusclien. ^ 



Qß Die i3hylogenetische Entwicklung der Menschheit. 

Grösse des Gehirns ebenso wie des Schädels zu beeinflussen im 
stände sind. 

Beim Gehirn des Haifisches ist durch die starke Ausbildung 
der Riechkolben der vordere und seitliche Teil von ungewöhnlicher 
Grösse, in geringerem Grade ist dies auch beim Kaninchen noch 
der Fall. Es werden hierbei Nervenmassen mit in das Zentral- 
organ einbezogen, die eigentlich den peripheren Sinnesorganen an- 
gehören. 

Anderseits wird die Form des Gesichtsschädels in ausgesproche- 
ner Weise durch die Zahn- und Kieferbildung beeinflusst, die wieder- 
um mit der Art der Nahrung in Zusammenhang steht. 

Das Gebiss der Insektivoren (Fig. 18) stellt einen indifferenten 
Zustand dar, bei den Nagern (Fig. 19) hat die starke Ausbildung 
der Nagezähne sogar zur Entwicklung zweier Vorkiefer geführt, 
von denen sich der obere bei den Huftieren (Fig. 20) erhalten hat. 
Bei diesen haben Aviederum die stark ausgebildeten Mahlzähne zur 
starken Verbreiterung des Unterkiefers geführt. Bei den Karnivoren 
sind die Kiefer durch die Reisszähne mächtig entwickelt, und dem- 
entsprechend auch die Ansatzstellen der Muskeln, wodurch es zu 
einer auffallend starken Ausbildung des Jochbeins kommt. 

Bei den Affen ist der Gesichtsschädel ebenfalls durch sehr 
kräftige Eckzähne und dementsprechende Kiefer ausgezeichnet, und 
zwar bei dem Anthropoiden (Fig. 23) noch stärker als beim Teufels- 
affen (Fig. 22). 

Beim zahnlosen Frosch (Fig. 24) findet sich ein sehr starkes 
Zurücktreten des Gesichtsschädels , so dass bei ihm ein verhältnis- 
mässig viel grösserer Bezirk für die Hirnkapsel übrig bleibt als 
bei sämtlichen höher entwickelten Säugetieren, mit Ausnahme des 
Menschen. 

Jedoch gibt die in den Fig. 18 — 24 eingezeichnete rote Linie 
nur ungefähr die Gestaltung der Schädelhöhle wieder. Der innere 
Raum verkleinert sich noch um die Dicke der umgebenden, keines- 
wegs überall gleichmässig starken Knochenkapsel. Fig. 25 zeigt 
einen Durchschnitt durch den menschlichen Schädel nach Ranke, 
an dem die Linie fa die Grenze zwischen Gesicht und Hirnschädel 
angibt. Vom Hirnschädelumriss kommt reichlich ^'s auf die knöcherne 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 



67 



Hülse und kaum ^/:. auf den Schädelinhalt, von dem noch die Hirn- 
häute und Bhitgefasse abgezogen Averden müssen. 




Fig. 18. SchiUlul eines Insektenfressers 
(Igel). 





Fig. 22. Scliiidel eines Affen 
(Satanas). 



Fig. 19. Scliädel eines Nagetiers 
(Sus Capybara). 




Fig. 23. Schädel eines Jlensclienaffen 
(Orang). 



Fig. 24. Schildel eines Frosches. 



Fig. 21. Schudfl fint-s Kaubtiers (Löwe). 



Die Schhissfolgerung für die Verwertung von Schädel- und tie- 
hirnmaassen ist, dass diese wissenschaftlich nur nebenbei, keines- 
wegs aber als alleinseligmachende Grundlage der Anthropologie 
Dienst leisten können. Wichtiger als die Grössen- und Gewichts- 



ߧ Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 

ansfaben sind die anatomisclien Merkmale von Gehirn und Schädel, 
jedoch auch diese nur mit Berücksichtigung ihres phylogenetischen 
und funktionellen Wertes. 

Kennzeichnend für die einseitig höhere Entwicklung des Men- 
schen ist zunächst die ausserordentlich starke Ausbildung des Vorder- 
hirns und die dadurch verursachte Ueberwölbung des Gesichtsschädels 
durch den Hirnschädel. 

An der Schädelbasis wird dadurch das Hinterhaupt nach hinten 
und unten abgeflacht, so dass das Hinterhauptloch mehr in die 
Mitte zu hegen kommt. Vorn wird das Stirnbein stärker aufge- 
bogen, und in schärferen Winkel zum Gesichtsprofil gestellt, wobei 
die Schuppe zuerst dem steigenden Inhaltsdruck nachgibt, während 
die Augenbrauenbogen zunächst an der Wölbung nicht teil- 
nehmen. 

Diese Symptome unterscheiden nicht nur den Menschen vom 
Tier, sondern sind auch für die geringere oder höhere Entwick- 
lungsstufen innerhalb des Menschengeschlechts verwertbar. 

In Fig. 26 sind die Schädelumrisse eines Orang-Utan, eines 
paläolitischen Menschen von Spy und eines rezenten Europäers auf 
gleiche Grösse gebracht, wobei als Massstab der Abstand vom unteren 
Rand des Stirnbeins bis zur Mitte des äusseren Gehörgangs benutzt 
wurde (/"«). 

Beim Spymenschen ist die Hinterhauptschuppe sehr viel stärker 
zurückgebogen als beim Orang, während die Stirnschuppe weniger, 
der Augenbrauenbogen überhaupt nicht aufgerichtet ist. Die Zu- 
nahme des Schädelinhalts kommt wesentlich auf Kosten des Hinter- 
haupts und der stärkeren Wölbung des Schädeldaches zu stände. 

Beim rezenten Menschen ist auch das Stirnbein stark aufge- 
richtet, trotzdem aber lässt sich der flacher gewordene Augenbrauen- 
bogen deutlich erkennen. 

Das Ueberwiegen des Gehirnschädels über den Gesichtsschädel 
tritt zu Gunsten des Menschen in diesem Fall besonders deutlich 
hervor, weil die Kiefer des Orangs durch die kräftigen Zähne zu 
ganz besonderer Ausbildung kommen. Beim Satansaffen (Fig. 22) 
ist das Verhältnis entschieden ein günstigeres. 

Nächst der qualitativen und quantitativen Ausbildung des Vorder- 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 



69 



hinis ist für Jen Menschen kennzeichnend die Umbiklung der hinteren 

Gliedmassen zu ausschliesslichen Stützoro-anen. Nach Schwalbe 




Fig. 25. Scliiidel des Menschen im Duiclisihnitt (nach lianke). 

muss aus statischen Gründen der dadurch veranlasste aufrechte 
Gang- lange vor der Gehirnentwicklung erworben worden sein. 

Jedenfalls ermöglichte der aufrechte Gang nicht nur eine weitere 
Ausbildung des Gehirns , sondern auch eine freiere Beweglichkeit 




Fig. 26. Schädel vom Drang, verglichen mit dem Schädel von Spy und 
von einem Europäer. 

der vorderen Gliedmassen und deren Anpassung an die ver- 
schiedenartigsten Gebrauchsweisen, wie Klettern, Greifen, Schwim- 
men u. a. m. 



'^Q Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 

Diese und ähnliche Tatsachen zeigen zur Genüge , class der 
Mensch gleich den Tieren nach bestimmten Gesetzen aus niedereren 
Zuständen sich entwickelt hat. 

Im wesentlichen beruht beim Menschen die einseitig 
fortschreitende Entwicklung auf der Ausbildung des Vor- 
derhirns und seiner Bahnen und auf der Umbildung der 
hinteren Gliedmassen zu Stützorganen. 

Neben diesen und ähnlichen einseitig progressiven Eigen- 
schaften hat sich jedoch der Mensch mehr primitive Eigen- 
schaften bewahrt als sämtliche anderen Säugetierklassen. 

Zu diesen primitiven Eigenschaften sind vor allem die Eibildung, 
-die Hand- und die Zahnbildung zu zählen. 

Nächst höchster Ausbildung gewisser Eigenschaften 
ist somit der Mensch dem gemeinschaftlichen Urzustand 
von allen Säugetieren am nächsten geblieben. 

Damit wird einerseits für die Vergangenheit ein 
höheres Alter des Menschen den anderen Primaten, den 
U n g u 1 a t e n und K a r n i v o r e n gegenüber wahrscheinlich 
gemacht, für die Zukunft aber eine leichtere Anpas- 
sungsfähigkeit an veränderte Lebensbedingungen durch 
die Erhaltung der primitiven, grösseren Variabilitäts- 
breite und damit eine höhere Entwicklung verbürgt. 



Nun besteht aber beim Menschen, ebenso wie bei den Tieren, 
neben dem fortwährenden Streben nach oben zugleich ein zähes 
Festhalten an dem einmal erreichten Zustande. Ebenso allmählich, 
wie ein Organ im Kampf ums Dasein immer mehr ausgebildet und 
den Verhältnissen angepasst wird, ebenso allmählich wird ein über- 
flüssiges Organ zurückgebildet und ist noch nach Tausenden von 
Generationen als verkümmerter Teil in der Körperanlage zu erkennen. 

Dieser Dauer im Wechsel ermöglicht der wissenschaftlichen 
Forschung, durch den Nachweis verkümmerter Organe im 
Körper höher entwickelter Tiere Zeugnisse für früher 
durchlaufene Zustände beizubringen, und so gewissermassen 
das lebende Wesen als Dokument seiner eigenen Vergangenheit bis 
in die entleg'ensten Zeiten hin za verwerten. 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 71 

Diese verkümmerten oder r u d i m e n t ü r e n Organe können 
in verschiedener Weise aus dem Körperhauslialt ausgeschaltet werden. 

Die Funktion kann herabgesetzt werden oder völlig aufhören. 
Ausserdem kann auch ein Funktions Wechsel eintreten. 

Die Ausschaltung kann sich äussern als gleichraässige Rück- 
bildung, welche mit geringen individuellen Unterschieden der ganzen 
Tierklasse gemeinsam ist, oder als sogen. Rückschlag, wo])ei in 
einzelnen Individuen oder Individuengruppen ein plötzliches Wieder- 
aufleben bereits lange überwundener primitiver Zustände in Er- 
scheinung tritt. 

Endlich kann die Ausschaltung auf das Fötalleben beschränkt 
sein oder auch am erwachsenen Individuum fortbestehen. 

Da nun ausserdem jede regressive Metamorphose meist mit einer 
progressiven Veränderung nach anderer Richtung hin gepaart ist, 
so wei-den oft schwer zu entwirrende Verhältnisse geschaffen, welche 
nicht immer eine richtige Deutung ermöglichen. 

Im allgemeinen lässt sich feststellen, dass eine rudimentäre 
Bildung als solche umso schwieriger zu erkennen ist, und umso- 
mehr in die eisten Anfänge des Fötallebens hinausgerückt Avird, je 
älter die Ahnenstufe war, in der das ursprüngliche Organ noch volle 
Funktion hatte. 

Als Beispiel einer gleichmässigen Rückbildung während 
des extrauterinen Lebens kann das Abwerfen der Kiemen bei der 
Metamorphose der Amphibien gelten. Ein Rückschlag auf die 
Fische Aväre es, wenn ein einzelnes Amphibium die Kiemen zeit- 
lebens behalten würde. 

Von den Kiemenbogen wird ein Teil, wie z. B. der vordere 
Teil des ersten, völlig rudimentär, während dessen hinterer Teil 
einen Funktionswechsel bekommt, indem er in den Dienst des 
Gehörorgans tritt. 

Bei den Säugetieren ist, der höheren Entwicklungsstufe ent- 
sprechend, die Umwandlung des Kiemenskeletts in das Schlund- 
bogenskelett aus dem extrauterinen in das fötale Leben hinaus- 
gerückt. 

Mit dem Kiemenschwund geht notwendigerweise eine weitere 
Entwicklung der Schwimmblase zur Lunge gepaart. 



>22 Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 

Dieses Beispiel ist geeignet, alle einschlägigen Verhältnisse 
deutlicli zu machen : es zeigt aber zugleich, dass die Lehre von den 
rudimentären Bildungen nur eine Ergänzung der Lehre von den 
Fortbildungen ist, indem sie diese von der Kehrseite betrachtet. 

Streng genommen ergibt sich daher eine Einteilung in Rück- 
bildungen mit Funktions seh wund und mit Funktions wechs el, 
welche fötal oder postfötal sein können, und die Art betreffen, 
ausserdem aber in Rückschläge, welche rein individuell sind. 

Beim Menschen finden sich rudimentäre Bildungen und Rück- 
schläge, welche auf die Vorstufen der Chordatiere, Urfische, Ur- 
amphibien und auf eine niederere Säugetierstufe hinweisen. Zu 
diesen letzteren sind meiner Ansicht nach auch die sog. pithekoiden 
Merkmale zu zählen, da sie nicht auf Aften, sondern auf gemein- 
schaftliche niedere Zustände deuten, die in vielen Beziehungen dem 
Menschentypus näher standen als dem Affentypus. 

Selbstverständlich finden sich alle Bildungen des Menschen aus 
früheren Zeiten in noch höherem Maasse als bei ihm in allen Zwi- 
schenstufen ausgeprägt, nur mit dem Unterschiede, dass sie onto- 
genetisch beim Menschen am stärksten zurückgedrängt sind. 

Kiemenatmung z. B. findet sich bei den Fischen das ganze 
Leben hindurch, bei den Amphibien nur im Larvenzustand, beim 
Menschen nur noch als embryonale Anlage. 

Wenn also beim Menschen sich die embryonale Kiemenanlage 
findet, so hat er sie zwar unmittelbar von den niederen Säuge- 
tieren, mit diesen aber von den Amphibien und mit diesen wieder 
von den Fischen üljernommen , so dass sie nicht als niedere 
Säugetierreminiszenz, sondern als Fischerinnerung gebucht werden 

muss. 

Ebenso ist der Schwanz als hinterer Teil des Körpers schon 
bei den Fischen vorhanden, hat sich aber bei den Amphibien und 
in noch höherem Maasse bei den niederen Säugetieren scharf vom 
Rumpfe abgegrenzt, so dass die auch beim Menschen vorhandene 
Schwanzanlage auf die Fischstufe, seine weitere Ausbildung auf eine 
spätere Zeit zurückzuführen ist. 

Die rudimentären Bildungen des Menschen aus einer niederen 
Entwicklungsstufe finden sich demnach in sämtlichen Zwischenstufen 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 73 

Avieder; sie müssen auf die jeweils niederste Entwicklungsstufe be- 
zogen werden, in der man sie noch nachweisen kann M. 

Die wichtigsten rudimentären Bildungen und llückschläge l>eim 
Menschen sind die folgenden: 



A. RinlimenlJire JJihluiincii. 

1. Aus der Chor daten zeit. 

Wie bei allen Wirbeltieren tritt in dem frühesten Enibryonal- 
leben eine Segmentierung der Körperanlage auf, und es bildet 
sich eine primäre Chorda dorsalis als Vorstufe der bleibenden 
Wirbelsäulenanlage. 

Die der bleibenden Niere und der Urniere vorhergehende An- 
lage der Vorniere, des primitivsten Harnorgans der Chordaten, 
ist beim Menschen ebenfalls auf die erste Fötalzeit beschränkt. 

Im postembryonalen Leben sind Ueberreste der Chorda dorsalis 
nicht mehr nachweisbar, die Reste der Vorniere gehen (vielleicht?) 
in die Nebenniere über. 

2. Aus der Fischzeit. 

Im frühesten Fötalleben ist die erste Anlage der Blutgefässe, 
der Kiemenbogen, der Zahnleiste und des Urogenitalapparats 
beim Menschen völlig analog wie bei den Fischen. Auch die Lage 
von Herz und Magen dicht beim Kopfende und ihre Versorgung 
durch einen Gehirnnerven, den Nervus vagus, ist die gleiche. 

Die Arterien bilden sechs Aortenbogen, welche die Kiemen- 
bogen versoro-en, die Aorta descendens läuft in die Arteria cau- 
dalis, die Schwanzarterie, aus. 

Die allmähliche Rückbildung vom Fischstadiuiu zum Menschen, 
welche in den ersten Fötalmonaten stattfindet, ist aus Fig. 27 er- 
sichtlich. 

Aus der Arteria caudalis wird die an Grösse stark verminderte 
Arteria sacralis media. 



') Ausführliches siehe in dem eingangs zitierten Werke von Wieder^heim. 
mit dem das folsrende im wesentlichen übereinstimmt. 



74 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 



Die Venen sind ebenfalls ursprünglich als Venae cardinales 
gebildet, aus denen durch Rückbildung das Hohlvenensystem ent- 
steht (Fig. 28). 

Die Kieme nbogen und ihre Umbildung zu Schlundbogeu 
sind bereits erwähnt worden. 

Vom ersten Iviemenbogen (Mandibularbogen) bleibt bis zur 
Geburt der Meckelsche Knorpel und der Processus folianus 
des Hammers erhalten, vom zweiten Kiemenbogen die kleinen 
Hörner des Zungenbeins und der Processus stylohyoideus. 



Q ® 





Fi£ 



Schema des Aorteusystems bei Fisch, Mensch xmd Vogel. 



Der hintere Teil des ersten Kiemenbogens, aus dem Hammer 
und Amboss sich bilden, tritt in den Dienst der Gehörorgane und 
erleidet damit einen Funktionswechsel. Dasselbe ist der Fall mit 
den vorderen Resten des zweiten bis fünften Kiemenbogens, aus 
denen das Zungenbein und die Kehlkopfknorpel entstehen. 

Die Zahnleiste ist embryonal schon vor dem ersten Auftreten 
von Knochen und Knorpeln angelegt, beim Menschen ebenso wie 
bei den Selachiern. Bei diesen bildet die Zahnleiste ein von der 
äusseren Haut geliefertes Gebilde, an dem die Zähne durch Ver- 
hornung aus Papillen hervorgehen. Nach Abnutzung einer Reihe 
tritt stets eine neue in Funktion und nimmt die Stelle der alten ein. 



Rudimentäre Bildungen. 



75 



Die von Roese neben der Zahnleiste des Menschen nachgewiesenen 
Zahnpa])illen fehlen bei anderen Primaten, so dass dadurch ein wert- 
voller Hinweis auf das höhere Alter des menschlichen Stammbaumes 
cregeben wird. 

Beim Urogenitalsystem bildet sich nach der Vorniere die Ur- 
niere, welche bei den Fischen dauernd in Funktion bleibt, beim 
Menschen schon im Fötalleben verkümmert und nur in Kudimentcu 
fortbesteht. 

Ferner hat die Anlage der Glied niassen ursprünglich eine 





V Azijgus 



Fig 28. Schema dos Veneusystems liei Fisch und Menscli. 

Flossenform, die später höher differenziert wird, während der 
Schwanz im späteren Fötalleben sich zurückbildet. 

Als weitere Bildungen aus der Fischzeit sind die Epiphyse 
und Hypophyse, zwei rätselhafte Anhänge des Gehirns, zu er- 
wähnen. 

Die Epiphyse, das Pinealorgan (Zirbeldrüse), liegt bei einzelnen 
Fischen und Amphibien dicht unter dem Schädeldach, die Haut 
darüber ist bisweilen durchsichtig; nach dem Bau der Drüse glaubte 
Beraneck die Anlage zu einem dritten, cyklopischen Auge zu 
entdecken. 



76 Die phylogenetische Entwickhuig der Menschheit. 

Die Hypophyse steht nach den Untersuchungen von Kupfer 
ursprünglich mit der Rachenhöhle in Verbindung und erhält von da 
aus drüsiges Gewebe, so dass in der Hypophyse ein rudimentärer 
Urmund zu sehen wäre. 

Wenn in der Tat die Epiphyse und die Hypophyse dem un- 
paarigen Urauge und dem Urmund entsprechen, dann sind sie ohne 
Zweifel Ueberreste aus einer viel früheren Entwicklungszeit und 
schon bei den Fischen, noch mehr aber beim Menschen in starker 
Rückbildung begriffen. 

Ob diesen Organen noch eine Funktion zukommt, ist unbekannt. 

Im postfötalen Leben erhalten sich von den genannten Zuständen 
aus der Fischzeit die Arteria sacralis media (caudalis), die durch 
Funktionswechsel umgebildeten Teile derKiemenbogen (Hammer, 
Amboss, Zungenbein und Kehlkopf), sowie der Processus folianus und 
stylohyoideus, endlich der Zahn Wechsel als Zeichen der einst un- 
beschränkten Regenerationsfähigkeit der Zähne, Reste der Urniere 
und die Epiphyse und Hypophyse in stark rudimentärer Form. 

Schliesslich sei noch erwähnt, dass der Arteria caudalis ent- 
sprechend auch das Filum terminale, die Nervenbahn des früheren 
Schwanzes, sich erhält. 

3. Aus der Amphibienzeit. 

Im späteren Fötalleben ist die arterielle Blutversorgung der 
unteren Gliedmassen des menschlichen Fötus ähnlich Avie bei den 
Amphibien, indem nämlich die Arteria ischiadica, die an der 
hinteren Seite des Beines verläuft, die Hauptschlagader ist und die 
Arteria femoralis erst später sich ausbildet. 

Auch im Auge sind in der Fötalzeit noch die den Glaskörper 
versorgenden Vasa hyaloidea zu erkennen, die bei den Amphibien 
zeitlebens bestehen. 

Im zweiten Fötalmonat gleichen die etwas weiter fortgeschrittenen 
Gliedmassenanlagen den durch Schwimmhäute verbunden bleibenden 
Gliedmassen der Amphibien. 

Wie bereits erwähnt, ist sogar in der Fötalzeit von Rosen- 
berg in der Handwurzel ein isoliertes Os centrale nachgewiesen, 
welches später mit dem Os lunatum verschmilzt. 



Rudimentäre Bildungen. 77 

Gegenlnuir bat naclifrewiesen, dass die Zunge der Säugetiere 
eine sekundäre Muskelbildung und der Ampbibienzunge nicbt 
völlig gleicbwertig ist. Die Ampbibienzunge wird Ijeini Fötus be- 
reits zur Unterzunge, über der sieb die spätere Zunge aufbaut. 

In der Nasenböble ist die ursprüngliclie, bei den Amphibien 
sich abschnürende Gerucbhöhle. das sogen. Jaco))Sonsche Organ, 
welches beim Menschen in der Fötalzeit gut entwickelt ist. 

Die Bauchmuskulatur der Amphibien besteht aus gleichmässig 
sich aneinander legenden Muskelsegmenten, welche sich vom Hals 
bis zum Becken herabziehen. Beim Menschen schiebt sich das Brust- 
bein und die daran sich anlegenden Rippen mit dem Zwerchfell breit 
dazwischen, wodurch die Muskeln in die oberen, Kehlkopf, Zungen- 
bein, Unterkiefer und Schultergürtel verbindenden Längsmuskeln und 
die unteren , den geraden Bauchmuskeln entsprechenden geschieden 
werden. Beide Muskelgruppen sind schon in der Fötalzeit in Er- 
innerung an die amphiboide Segmentierung durch die sehnigen 
Zwischenstreifen, Inscriptiones tendineae, gekennzeichnet. 

Endlich findet sich am inneren Augenrand unterhalb des Tränen- 
kanals eine halbmondförmige, rosenrote Falte in der späteren Fötal- 
zeit, die Plica semilunaris, Avelche dem dritten inneren Augenlid 
der Amphibien, der Nickhaut, entspricht. 

Diese Nickhaut ist beim Frosch und der Kröte sehr deutlich 
sichtbar und bei den Reptilien in noch stärkerem Maasse ausgebildet 
als bei den Amphibien. 

Im postfötalen Leben erhält sich ein liest der Arteria 
ischiadica, die aus der A. iliaca entspringt und dem Nervus 
ischiadicus bis zur Kniekehle folgt, eine Andeutung der Unter- 
zunge, ein Rudiment des J ac ob sonschen Organs, das aber neben 
der übrigen Entfaltung der Riechschleimhaut stark in den Hinter- 
grund tritt, die bekannte Schleimhautfalte im inneren Augenwinkel, 
die Plica semilunaris sacci lacrimalis und die Inscriptiones 
tendineae der geraden Bauchmuskeln und Zungenbeinkehlkopf- 
muskeln. 

4. Aus der niederen Säuger zeit. 

Die wichtigsten Erinnerungen an einen niederen Säugetierzustand, 
welche im Fötalleben eine stärkere Ausbildung haben und nach 



78 Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 

der Geburt sich zurückbilden, sind die Milchleisten, der ge- 
sonderte Schwanz, die gleiche Länge der vier Gliedmassen 
nebst Greiffüssen und das gleichmässige, den ganzen Körper 
bedeckende Haarkleid (Lanugo). 

Die Milchleisten verschwinden am frühesten, nachdem sich 
die beim Menschen , wie bei verschiedenen anderen Säugetieren 
paarigen Milchhügel abgegrenzt haben. Diese liegen beim mensch- 
lichen Weibe wie bei allen Primaten in der Brustregion. 

Der gesonderte Schwanz ist beim zweimonatlichen Fötus 
noch deutlich als solcher zu erkennen (Fig. 29, S); später wird er in 
die Leibeshöhle mit aufgenommen. 

Die Gliedmassen haben im zweiten Monat ungefähr die gleiche 




Fig. 29. Menschliclier Embryo aus dem zweiten Monat (uacli His). 

Länge (Fig. 29, 31 u. P) und behalten sie bis über den fünften 
Monat hinaus. Nach dem fünften Monat wachsen die Beine stärker 
als die Arme. 

Die Klett er Stellung des Fusses (P) mit stark gespreizter 
grosser Zehe ist schon im zweiten Monat erkenntlich und erhält sich 
durch das ganze Fötalleben hindurch bis über die Geburt hinaus. 

Am spätesten, erst gegen Ende der zweite Hälfte des Fötal- 
lebens, entwickelt sich das Haarkleid, welches zur Zeit der Geburt 
zum Teil noch erhalten sein kann, meist aber im neunten Monat 
verschwunden ist. Fig. 29, dem schönen Werk von His entnommen, 



Rudimentäre Bildungen, '^9 

zeigt einen Fötus von zwei Monaten mit Schwanz (S) und gleicli- 
langen Gliedmassen (i)/, D in Kletterstellung. Die punktierte Linie 
am Rumpf deutet die Stelle an, wo die (sclron nicht mehr nach- 
weisbare) Milchleiste verläuft. 

In der ersten Hälfte des Fötallebens ist die Länge des Unter- 
arms bezw. Unterbeins grösser als die des Oberarms und Ober- 
beins ; bei der Geburt sind beide Teile ungefähr von gleicher Länge. 

Im postfötalen Leben findet sich eine ganze Reihe rudimentärer 
Bildungen, neben denen sich anderseits Avieder, der eigentümlichen 
Stellung der Menschen innerhalb des Säugetierreiches entsprechend, 
primitivere Zustände erhalten haben. Auch die beim Menschen 
vorhandenen Rückbildungen finden sich meist in anderen Säugetier- 
klassen noch viel stärker ausgeprägt. 

Vom Schwanz ist das rudimentäre Skelett als Steissbein in 
die Körperhöhle aufgenommen. An der äusseren Haut bezeichnet 
eine Grube, die Fovea coccygea, die bisweilen behaart ist, die 
Stelle, an der der Schwanz früher nach aussen trat. Von den Mus- 
keln, welche den Schwanz bewegten, finden sich elienfalls Kudi- 
mente. Die Rückbildung des Schwanzes ist beim Orang-Utan und 
Gorilla eine viel vollständigere als beim Mensclien. 

Das primäre Haarkleid erhält sich auch nach der Geburt 
in Form der kleinen, meist nicht pigmentierten Härchen, welche den 
ganzen Körper mit Ausnahme der Li]i])en und der Hand- und Fuss- 
sohlen Ijedecken. 

Der Greiffuss bildet sich bereits im ersten Lebensjahre zum 
Stützfuss um, und dementsprechend verändert sich auch die Form 
und Funktion der Muskeln und Knochen des Beins. 

Am wichtigsten für diesen Funktionswechsel ist die starke Aus- 
bildung des ersten Zehenstrahles mit Verkümmerung der vier 
anderen. 

Anderseits aber bedeutet die starke Ausbildung des ersten 
Endstrahles ein zäheres Festhalten an dem primitiven Zustand. 

Bei Verffleichung des Hand- und Fussskeletts des Menschen, 
des Gorillas und eines Lemuren (Fig. 30 u. 31) zeigt sich, dass die 
menschliche Hand der ursprünglichen Amphibienform (Fig. 7) am 
nächsten geblieben ist. 



80 



Die phylogenetische Entwicklung der IVIenschheit. 



Mit Gorilla und Lemur verglichen, haben die ersten Strahlen 
an Hand und Fuss des Menschen ihre stärkere Ausbildung bewahrt, 
Avährend schon beim Lemur, noch mehr aber beim Gorilla eine 
starke Rückbildung eingetreten ist. 

Wenn demnach auch der menschliche Greiffuss seine ursprüng- 
liche Funktion und mit ihr die Opponierbarkeit des ersten Strahles 




Fig. 30. Handskelett von Mensch, Gorilla und Lemiir (nach Gegeubanr). 






Fig. 31. Fussskelett von Mensch, Gorilla und Lemur (nach Gegenbaur). 



verloren hat, so kann er doch niemals ein Stadium durchlaufen 
haben, welches dem Gorilla und Lemur entspricht. 

Bei Gorilla und Lemur ist vielmehr die Rückbildung des ersten 
Strahles schon so weit vorgeschritten, dass daraus niemals eine 
menschliche Hand oder ein menschlicher Fuss entstehen könnte. 
Die ursprüngliche Gestalt des menschlichen Greiffusses, wie sie im 
Fötalleben (Fig. 29) und auch bei niederen Menschenrassen zum 



Rudimentäre Bildungen. 81 

Teil noch erhalten ist, lässt sich deshalb aus keiner der rezenten 
AfFenformen ableiten. 

Der menschliche Fuss darf somit als ein Organ bezeichnet 
werden , welches als Greiforgan in dem Maasse rudimentär wurde, 
als es einen Funktionswechsel zum Stützorgan einging. 

Das menschliche äussere Ohr ist durch Verlust seiner Beweg- 
lichkeit rudimentär geworden. Die Muskeln, die zum Aufrichten 
und Spitzen des Ohres dienen, finden sich auch l)(nm Menschen noch 
angedeutet und ausnahmsweise in beschränktem Maasse funktionierend. 
Ausserdem aber weist die Darwinsche Spitze auf eine früher viel 
grössere Ausdehnung der Ohrmuschel hin. Bei den meisten Menschen 
ist eine Andeutung davon mehr oder weniger deutlich vorhanden. 

Fig. 32 zeigt die Umrisse der Ohrmuscheln vom Menschen, 



Fig. 32. Oln-musrlielu von Menscli, Pavian und l\ind. 

Pavian und vom Rind nach Wieder sheim mit gleicher Basalgrösse 
übereinander gezeichnet. Am Menschenohr ist die Darwinsche Spitze (s> 
als Verdickung des oberen äusseren Randes erkenntlich, beim Pavian 
findet sich die bekannte Form des sogen. Makakusohres mit deutlicher 
Spitze {sX beim Rind {s„) ist die grosse Form der spitz zulaufenden 
primitiveren Ohrmuschel erhalten. 

Auch hierbei darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Ohren vom 
Orang und Gorilla eine viel stärkere Rückbildung eingegangen haben 
als beim Menschen. 

Aehnlich wie die Muskeln des Ohres haben beim Menschen 
auch die Hautmuskeln ihre Funktion verloren, deren sich die Tiere 
bedienen, um die Plaut zu runzeln und dadurch die Fliegen zu ver- 
scheuchen. Rudimente solcher Muskeln finden sich regelmässig noch 
am Halse als Platysma myoides. 

Stratz, Die Naturgeschichte des Menschen. " 



32 Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 

Dieses ist also, ebenso wie die Schwanz- und Ohrmuskeln 
des Menschen, den rudimentären Gebilden beizuzählen. Zahlreiche 
andere Muskeln sind an den Gliedmassen rudimentär geworden oder 
haben einen Funktions- und Lagewechsel erlitten. 

Als kennzeichnend für den Menschen wurde bereits die starke 
Zunahme des Vorderhirns erwähnt. Damit gepaart geht eine starke 
Ueberwölbung des Gesichts durch den grösser werdenden Hirnschädel. 
Zwei Umstände tragen dazu bei, diese Ueberwölbung noch auf- 
fallender zu machen. Einmal ist dies die Rückbildung des Riech- 
organs, dann die Rückbildung der Zähne, welche gleich einigen 
anderen Umbildungen mit einer Veränderung in der Nahrungsweise 
zusammenhängt. 

Das Riechorgan ist sekundär aus dem Jacob sonschen Organ 
der Amphibien hervorgegangen und hat bei den meisten Säugetieren 
eine sehr hohe Entwicklung erlangt. Beim Hund z. B. gleicht die 
Oberfläche der ausgespannten Riechschleimhaut der des gesamten 
übrigen Körpers. 

In Fig. 33 sind die Schädel vom Pferd (a) , vom Gorilla (i) 
und vom Menschen (c) im Durchschnitt dargestellt. Schon hieraus 
ist die beim Pferd sehr viel grössere Ausbildung der Nasenhöhle 
i m Verhältnis zur Hirn höhle ersichtlich. Wenn man aber bedenkt, 
dass hierzu noch eine stärkere seitliche Entwicklung kommt, welche 
sich bis zu den Nasenlöchern (iV) erstreckt, dann erscheint das Ge- 
samtgebiet des Geruchsorgans beim Pferde noch viel ansehnlicher, 
die Rückbildung beim Menschen noch viel bedeutender. Jedoch 
auch hier haben der Gorilla und einige andere Affen noch stärker 
rudimentäre Zustände aufzuweisen als die rezenten Menschen. 

Fig. 33 ist zugleich geeignet, die Ueberlagerung des Gesichts 
durch das Gehirn sprechend zu veranschaulichen. 

Die Rückbildung der Zähne, bezw. ihr Verharren auf einem 
primitiveren Zustand steht mit der Ernährungsweise des Menschen 
in engem Zusammenhang. 

Sie scheint noch nicht zum Stillstand gekommen zu sein, son- 
dern bei den rezenten Menschen immer weiter fortzuschreiten. 

In gleicher Weise bildet sich der Darmkanal des Menschen stets 
weiter zurück. 



Rudimentäre Bildungen. 



83 



Bekanntlich besitzen die fleischfressenden Tiere einen viel 
kürzeren und weniger umfangreichen Darm, was sich schon in der 




Fig. 33. Schadeldurchsolmitt vom Pferd, Goiilla und Mensch. 

meist schlanken Bildung ihres Unterleibes äussert. Die pflanzen- 
fressenden Tiere bedürfen einer viel grösseren Menge der schwieriger 
zu assimilierenden Nahrung und haben deshalb viel weiter auso-e- 
bildete Därme, namentlich aber einen sehr weiten Dickdarm. 



84 



Die j)liylogenetiscbe Entwicklung der Menschheit. 



An der Stelle, wo der dünne Darm in den dicken Darm mündet, 
ist dessen unterer Teil, der Blinddarm , bei den plantivoren Tieren 
zu einem umfangreiclien Behälter schwer verdaulicher Stoffe ge- 
worden, während er bei den karnivoren beinahe völlig geschwunden 
ist. Der Mensch, als Omnivore, nimmt eine Mittelstellung ein, jedoch 
ist auch bei ihm der Blinddarm und dessen am stärksten zurück- 




Fig. 34. Der blinde Darm verschiedener Tiere vergliclien mit dem Menschen. 

gebildetes wurmförmiges Endstück, der Processus vermiformis, 
vorhanden und im Fötalzustand noch stärker ausgebildet. Fig. 34 
zeigt einige Beisjjiele von Blinddärmen bei verschiedenen Tieren. 

Die stärkste Ausbildung zeigen das Pferd {1} und das Känguruh (3), 
welche beide ausschliesslich plantivor sind, die schwächste Aus- 
bildung hat der Blinddarm der karnivoren Katze (.5). Bei dem vor- 
wiegend plantivoren Lemuren Stenops (4) ist das Cöcum noch gut 



Rückschläge. 35 

ausgebildet und erinnert an die fötale menscliliche Form (G). Der 
Blinddarm des Orang-Utan (5) zeigt ziemlich genaue Ueberein- 
stimmung mit dem erwachsenen Menschen (7). 

Das Vorbandensein des Cöcums und des Processus vermi- 
formis beim Menschen in rudimentärer Form spricht demnach 
ebenso wie die Rückbildung der Mahlzähne für eine frühere 
Periode, in der die ausschliessliche Nahrung des Menschen aus 
Pflanzen bestand. 

Als wichtigste Rückerinnerungen des Menschen an einen nie- 
dereren Säugetierzustand sind demnach zu verzeichnen: Steissbein, 
Schwanzmuskel und Fovea coccygea, Lanugo, Greiffuss, 
Schwund der Mahlzähne, Blinddarm mit Processus vermi- 
formis, Rückbildung des Geruchsorgans, Verkleinerung 
der Ohrmuschel. 

Seit der Ursäugerzeit hat der Mensch nacheinander verloren: 
den Schwanz, die Hautmuskeln, den Gang auf vier Händen, 
das Haarkleid, das bewegliche, grosse Ohr, das planti- 
vore Gebiss und den plantivoren Darm, das feine Geruchs- 
organ und den Kletterfuss. Für das Weib kommt dazu der 
Verlust der zahlreichen Milchdrüsen bis auf die zwei Brüste. 

B. Rückscliläge. 

Als Rückschläge sind diejenigen von der Norm abweichenden 
individuellen Bildungen zu bezeichnen, welche auf frühere phylo- 
genetische Stufen hinweisen, demnach echte Atavismen sind. 
Nicht zu verwechseln damit sind die angeborenen Missbildungen, 
wne z.B. Hasenscharten, GesichtsspaUen, KlumpfUsse, Spina bifida u. a., 
Avelche durch Entwicklungsstörungen in der Ontogenese veranlasst 
sind. Zu den letzteren gehören auch die Doppelmissbildungen ^). 



') Völlig anderer Art sind wieder angeborene Abnormitäten, die auf 
krankhafte Zustände vor der Geburt zurückzuführen sind, wie Hydrocephalus, 
Kretinismus , Mikrocephalie u. a. Diese letzteren verdienten überhaupt keine 
Erwähnung, wenn nicht selbst von hervorragender Seite diese pathologischen 
Formen mit in den Bereich anthropologischer Betrachtungen gezogen worden 
wären. Offenbar haben wir auch darin einen pathologischen Atavismus zu 
sehen, der auf den homo monstruosus Linnc zurückweist. 



86 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 



1 . Aus der F i s c b z e i t. 

Als Rückschläge auf die Fisclizeit sind beobachtet worden: 

a) Hals fisteln, welche den Kiemenspalten entsprechen. 

b) Dritte Den titi on, Avelche nach Roese dem unbeschränk- 
ten Zahnwechsel der Selachier analog ist. 

c) Gewisse Formen von Herzfehlern, welche an das 
primitive Fischherz erinnern. 

d) Das Bestehenbleiben der Kardinalvenen, welche 
von Kollman bei einem 28jährigen Selbstmörder gefunden wurden. 

2. Aus der Amphibienzeit. 

Als Rückschläge aus der Amphibienzeit sind bekannt : 

a) A k z e s s o r i s c h e T r ä n e n d r ü s e n unter dem unteren Ausren- 
lid, der Funktion der Nickhaut entsprechend. 

b) Musculus sternalis (ein Fall in Toldts Atlas als Ab- 
normität abgebildet). 

c) Doppelter Musculus rectus abdominis an jeder 
Seite. 

Beide Muskelbildungen sind bei Amphibien normal. 

d ) B e s t e h e n Ij 1 e i l3 e n des Ö s centrale. 

e) Schwimmhäute (Birckner). 

f) Processus e n t e p i c o n d y 1 o i d e u s h u m e r i , welcher dem 
Foramen entepicondyloideum humeri der Amphibien entspricht; bei 
diesen dient es als Durchtrittstelle für den Nervus medianus. 




^y.e. 



Fig. 35. Hiimei'uskauale von Meuscli, Katze und Hatteria (nach Wiedersheim). 

Fig. 35 zeigt die bei Hatteria normale Bildung des Kanals, 
welche bei der Katze als kleinerer Kanal, beim Menschen als Knochen- 
spange sich erhalten hat. Klaatsch bildet einen analogen Fall ab. 



Rückschläge. 



87 



3. Aus der niederen Säuf^etierzeit. 

Da die meisten regressiven Bildungen aus der niederen Säuge- 
tierzeit auch während des extrauterinen Lebens f'ortljestehen, und 
zum Teil noch nicht ihren endgültigen Abschluss erreicht haben, 
so kann leicht ein individuell geringer ausgeprägtes Rudiment als 
Rückschlag angesehen werden. Innerhalb der euro])äischen Kultur- 
sphäre dürfte beinahe schon ein Mensch als rückschlägig betrachtet 
werden, der in einem gewissen Alter seine zweiunddreissig völlig 
o-esunden Zähne und seine nicht gelich- 
teten Kopfhaare aufweisen kann. 

Als wirkliche, gut ausgeprägte Rück- 
schläge sind die folgenden zu verzeichnen: 

a) Schwanzbildung. 

b) Ueberzählige Hals- und Len- 
denrippen. 

c) Dritter bis vierter Molarzahn 
(Beobachtung von Klaatsch an einem 
Australierschädel) . 

d) Makakusohr. 

e) Polymastie, Vielbrüstigkeit, wor- 
über zahlreiche Beobachtungen vorhegen und 
zwar sehr ausführliche von Neugebauer, 
Amnion und Balz. Balz nimmt sogar an, 
dass die über den weibhchen Brüsten zu der 
Achselhöhle hinziehenden Fettwülste in 
der Regel rudimentäre Milchdrüsen ent- 
halten, die meist nur mikroskopisch nach- 
weisbar sind. Fig. 30 zeigt ein Schema der Stellen, wo bisher 
überzählige Milchdrüsen gefunden wurden, nach Merkel. 

Mit Sicherheit kann man nach Analogie mit anderen Säuge- 
tieren annehmen, dass die Zahl der Milchdrüsen der Zahl der zu- 
gleich geborenen Jungen entsprochen hat, dass demnach mit dem 
Stadium der Vielbrüstigkeit in der menschlichen Phylogenese auch 
eine grössere Kinderzahl verbunden war. 

Danach könnte man die Geburt von Zwillingen, jedenfalls aber 




Fii;. 3ö. Scbeuiii der ühoi-zühligeu 
Milchdi-iueu (nach Merkel i. 



gg Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 

die von Drillingen, Vierlingen und mehr Kindern zngleicli ^) als einen 
Rückschlag betrachten. 

Die grösste in historischer Zeit beglaubigte Zahl sind die auf 
einem Innsbrucker Grabsteine verewigten Siebenlinge. 

f) Hypertrichosis. Es ist bisher noch nicht ausgemacht, 
ob es sich in den Fällen von lebenslang sich erhaltendem Haar- 
kleid des Körpers um einen Atavismus oder um einen pathologischen 
Zustand handelt. 

In Fällen von partieller Hypertrichosis, wie auch ich in Java 
Gelegenheit hatte, einen zu untersuchen, handelt es sich sicher um 
einen pathologischen Prozess, weil damit meist auch abnorme 
Pigmentanhäufung verbunden ist. Wahrscheinlich aber sind beide 
Möglichkeiten. 

Aus diesen Betrachtungen ergibt sich, dass das Menschen- 
geschlecht, in seiner Entwicklungsgeschichte mit dem Schicksal der 
Erde und der gesamten Tierwelt eng verknüpft, sich immer mehr 
über die Gestalten seiner Umgebung emporhebt und schliesslich zum 
Beherrscher der Erde und aller Tiere wird. Dabei hält es an der 
primitiven Gestaltung am zähesten fest, vermeidet jede einseitige 
Ausbildung von Waffen- und Fluchtorganen und siegt einzig und 
allein durch die mächtige Entwicklung seines Gehirns, mit der es 
alle anderen Lebewesen überflügelt. 

Viele der im Laufe der Zeiten vom Menschengeschlechte er- 
Avorbenen Eigenschaften lassen sich durch die Anpassung an das 
Dasein verstehen, und in gleicher Weise begreift man die Aus- 
schaltung anderer Vorzüge, die unter veränderten Lebensbedingungen 
überflüssig geworden sind. 

Es bleiben aber eine ganze Reihe von körperlichen Bildungen 
übrig, für die jede natürliche Erklärung in dieser Hinsicht versagt. 
Die Nacktheit des menschlichen Körpers, die Anhäufung der Haare 
auf dem Haupt, in der Achsel- und Leistengegend, die Rundung 
der weiblichen Gliedmassen sind Eigenschaften, die im Kampf ums 
Dasein keinen erkennbaren Wert besitzen. 

>) Vgl. den erst kürzlich von Nyhoff beschriebenen Fall von Fünflingen. 
Wolters. Groningen 1904. 



Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 89 

Hier bat Darwin die geschlechtliche Zuchtwahl zur Hilfe ge- 
nommen, die auch die Ausbildung solcher nicht unmittelbar nütz- 
lichen Eigenschaften zu erklären im stände ist. 

Damit werden auch Erscheinungen erklärt, wie diu rudimen- 
tären Brustdrüsen des Mannes, welche erblich auf ihn übergegangen, 
aber nicht zur weiteren Entwicklung gekommen sind, wie umgekehrt 
der Bart, von seltenen Ausnahmen abgesehen, auch nur beim 
Manne und nicht beim Weibe, wohl aber durch das Weib sich 
forterbt. 

Wie dem auch sei, ob es sich um natürliche, noch nicht in 
ihrem Endzweck erkannte oder um geschlechtliche Zuchtwahl handelt, 
die Tatsachen bleiben bestehen und zeigen uns ein langsam und 
unverrückt durch unendliche Zeiten sich aufbauendes Bild der 
menschlichen Phylogenese, das uns ein stetiges Aufsteigen zu höherer 
Ausbildung bis in die fernste Zukunft hinein vorhersagen lässt. 

Die körperlichen Eigenschaften des heutigen Menschen setzen 
sich, vom phylogenetischen Standpunkt aus betrachtet, zusammen 
aus primitiven, rudimentären und progressiven Merkmalen. 
Die primitiven haben sich aus alten und ältesten Zeiten erhalten, 
die rudimentären weisen auf frühere Entwicklungsstufen zurück, die 
progressiven Merkmale umfassen die einseitig weiter ausgebihleten 
Eio-enschaften, durch die sich der Mensch von der ihn umgebenden 
Tierwelt unterschieden und über sie erhoben hat. 

In dieser Beleuchtung erscheinen manche bisher mit grösstem 
Eifer erforschte Tatsachen von sehr untergeordneter Bedeutung, 
andere, die wenig Beachtung gefunden haben, gewinnen einen un- 
geahnten phylogenetischen Wert. 

Aber nur wenige Tatsachen sind wir im stände zu erkennen, 
und auch diese nur unvollkommen. 

Der Ursprung allen Seins wird uns ebenso ein llätsel l>leiben, 
wie der Endzweck und die geheimnisvolle Macht, die über uns allen 
thront und deren gewaltigen, unabänderlichen Gesetzen wir uns 

fügen müssen. 

Je tiefer wir in die Geheimnisse der Natur einzudringen suchen, 
desto deutlicher wird uns die Unzulänglichkeit menschlichen Wissens 
und Könnens o-egenüber der wunderbaren Schaffenskraft der Natur: 



90 Die phylogenetische Entwicklung der Menschheit. 

und wenn wir uns in Demut mit dem Ahnen und Glauben be- 
gnügen müssen, wo das Wissen versagt, so erhebt uns das Be- 
wusstsein, dass auch wir einen wesentlichen Teil in dem erhabenen 
Grebäude der natürlichen Schöpfung einnehmen und den grossen 
Gedanken des Lebens besser mitfühlen können als die niedrigeren 
uns umgebenden Wesen. 

Der Fortschritt wird nur durch Kampf mit dem Bestehenden 
erreicht, und das Bessere ist der Feind des Guten. Man hat der 
Wissenschaft von jeher den Vorwurf gemacht, dass sie den auf 
kirchlichen Ueberlieferungen beruhenden Glauben untergrabe, und 
auf beiden Seiten haben sich übereifrige Vertreter gefunden, die in 
heftigem Streite die gegnerische Auffassung bekämpften. 

Vom rein menschlichen Standpunkte betrachtet erscheinen alle 
diese Kämpfe nichtig und klein. 

Jeder Mensch hat das innere Bedürfnis, an etwas 
zu glauben. 

Der Glaube ist der gleiche bei allen Menschen, nur 
die Fo]-m ist verschieden, und der Gesichtskreis bald 
enger, bald weiter l)e grenzt. 

Dem menschlichen Glauben liegt das alle scheinbaren Gegen- 
sätze in sich vereinigende Gefühl zu Grunde, dass die eigene Per- 
sönlichkeit völlig aufgeht in dem Gedanken an ein grösseres, höheres, 
unfassbares und alles umfassendes Wesen. 

„Erfüll davon dein Herz, so gross es ist, 
Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist, 
Nenn es dann, wie du willst, 
Nenn's Glück, Herz, Liebe, Gott! 
Ich habe keinen Namen 
Dafür! Gefühl ist alles; 
Name ist Schall und Rauch, 
Umnebelnd Himmelsglut. " 



111. 
Die Ontogenese des Menschen. 

Das Dasein des Menschen beginnt in dem Augenblick, in dem 
die weibliche Eizelle vom männlichen Sperma befruchtet wird, und 
endet mit dem Erlöschen der Lebenstätigkeit des Organismus, mit 
dem Tode. 

Im weiteren Sinne umfasst deshalb die Ontogenese den ganzen 
Gang der Entwicklung bis zur völligen Ausbildung des 
Geschlechtsreifen Individuums. Mit dem Erreichen dieses 
Höhepunkts ist die Ontogenese abgeschlossen. Sie verfällt (hMunach 
naturgemäss in drei Abschnitte, die embryonale Entwicklung, 
die Wachstumsentwicklung und die geschlechtliche Aus- 
bildung. Auf dieser Höhe erhält sich das Individuum eine Zeit- 
lano- in der vollen Entfaltung seiner Lebenskräfte. Dann tritt ein 
allmähliches Ausklingen und Absterben ein, das den Mikroorganismus 
seinem natürlichen Ende, dem Tode, zuführt. Auf das Werden 
folo't das Vergehen. 

Das Werden des Individuums, die Ontogenese, wiederholt in 
kleinem Massstab den Entwicklungsgang im grossen, die Phylo- 
genese. 

Von der Phylogenese unterscheidet sich aber die Ontogenese 
zunächst dadurch, dass die verschiedenen Entwicklungsstufen auf 
einen unendlich viel kürzeren Zeitraum zusammengedrängt, sind. 
Dann aber kommen diese verschiedenen Entwicklungsstufen niemals 
zur vollen individuellen Entfaltung, sondern sie finden sich in der 
Ontogenese gewissermassen nur andeutungsweise Avie skizzierte Ent- 
würfe. Ausserdem darf endlich als sicher angenommen werden, dass 
in dem „verkürzten Verfahren" der Ontogenese eine ganze Reihe 
von Uebergangsstufen der Phylogenese ausgefallen sind. 



92 Di^ Ontogenese des Menschen. 

Darf man die Phylogenese einem dickleibigen Handbuch über 
die Entwicklungsgeschichte der Menschheit vergleichen, dann stellt 
die Ontogenese einen kurzen Leitfaden vor, in dem nur die wich- 
tigsten Tatsachen kurz erwähnt werden. 

Die Erinnerungen an die ältesten Perioden der Phylogenese 
sind in die ersten Wochen und Monate des Fötallebens zusammen- 
gedrängt, denn schon im Laufe des zweiten Monats erlangt der 
Embryo die menschenähnliche Gestaltung. Mit der Geburt ist er 
auf der Stufe des atmenden Urmenschen angelangt, und im ersten 
Lebensjahre erwirbt er die Sprache und den aufrechten Gang. 

Ebenso wie bei der Phylogenese zahlreiche ontogenetische Be- 
obachtungen am modernen Menschen zur Beweisführung herange- 
zogen werden mussten, so ist umgekehrt bei der Besprechung der 
Ontogenese ein Hinweis auf phylogenetische Tatsachen oft unerläss- 
lich, namentlich aber darf der Zusammenhang mit verwandten Tieren 
nie aus dem Auge verloren werden. 

Von diesen Tieren sind es namentlich die Anthropoiden, die, 
wie der Name besagt, in körperlicher Beziehung viel Ueberein- 
stimmung mit dem Menschen besitzen. Diese Menschenähnlichkeit 
ist bei jungen Tieren noch viel auffallender als bei erwachsenen 
Exemplaren, 

Es liegt eine seltsame Inkonsequenz in der wissenschaftlichen 
Auffassung derer, die die Menschen vom Affen abstammen lassen 
wollen, indem sie einerseits von Anthropoiden, den menschen- 
ähnlichen Affen, sprechen, während sie anderseits beim Menschen 
pithekoide, d. h. affenähnliche Abzeichen unterscheiden. Logisch 
richtiger ist es, die dem Menschen und Affen gemeinschaftlichen 
Merkmale als anthropoide Zeichen des letzteren anzusehen. 

Aus dem Gang der Ontogenese des Menschen ergibt sich, dass 
er die niedersten, in das erste Fötalleben zurückgedrängten Ent- 
wicklungszustände mit sämtlichen Säugetieren teilt, dass aber sehr 
früh schon sich eine ihm eigentümliche Differenzierung bemerkbar 
macht, die ihm eine ganz besondere Stellung anweist, und zwar 
eine, die älterer Herkunft ist, als von sämtlichen anderen bekannten 
Säugetieren. Alle Säugetiere, mit Inbegriff der Affen, stellen früher 
oder später abgezweigte Seitenlinien von einer gemeinschaftlichen 



Die embryonale Entwicklung. 93 

Urform dar, der der Mensch am nächsten geblieben ist. Seine in 
der Ontogenese zu Tage tretenden Eigenschaften sind demnach nur 
Anklänge an seine eigene primitive Vergangenheit; die Tierähnlich- 
keit ist dabei nur als Homologie im Sinne Gegen baurs zu l)e- 
trachten. 

A. Die embryoualo Eutwickluiig. 

Wichtigste Literatur. 

1. His, Unsere Köri:)erform. Leij^zig 1.S75. Vogel. 

2. His, Anatomie menschlicher Embryonen. Leipzig 1880. 1882. 

3. Merkel, Menschliche Embryonen verschiedenen Alters. 1894. 

4. Ch. Sedgwick Minot, Human Embryologie. Deutsch von Kästner. 1894. 

5. A. A. W. Hubrecht, Die Phylogenese des Amnions und die Bedeutung 
des Trophoblasts. Amsterdam 1895. 

G. Peters. Ueber die Einbettung des menschlichen Eis und das früheste 
bisher bekannte Placentationsstadium. Wien 1899. Deutike. 

7. Stratz, Die Entwicklung der menschlichen Keimblase. Stuttgart 1904. Enkc. 

8. Oskar Hertwig, Lehrbuch der Entwicklungsgeschichte des Menschen 
und der Wirbeltiere. 7. Auflage 1902. 

9. Oskar Schultze, Grundriss der Entwicklungsgeschichte der Menschen 
und Säugetiere. Engelmann 1897. 

10. Haeckel, Authropogenie. 

Von der Befruchtung und der allerersten Zeit der Schwanger- 
schaft des menschlichen Weibes ist noch nichts Sicheres bekannt. 
Selbst die Dauer der Schwangerschaft kann nicht mit Sicherheit 
ano-eo-eben werden, denn die Möglichkeit besteht, dass entweder das 
reife Ei der letzten monatlichen Reinigung, oder das der ersten 
ausbleibenden Reinigung befruchtet wird. Nach der ersten Auf- 
fassung berechnet man in der Regel die Dauer der Schwangerschaft 
auf 10 Mondmonate von 28 Tagen. Nach der zweiten Auffassung 
berechnet, würde die Schwangerschaft um o— 4 AVochen kürzer 

dauern. 

Die übliche Berechnung der mutmasslichen Geburt, bei der 
man vom ersten Tage der letzten Menstruation 3 Monate zurück - 
rechnet und 7 Tage zuzählt, trifit meist mit einem Spielraum von 
8 — 14 Tagen den richtigen Zeitpunkt. 

Ist zum Beispiel die letzte Menstruation am 25. Dezember ein- 
getreten, so wird die Geburt am 25. September + 7 Tage, also am 
2. Oktober des folgenden Jahres zu erwarten sein. 



94 Di^ Ontogenese des Menschen. 

Die Scliwangerschaftsflauer ebenso wie die normale Zahl der 
Jungen ist bei verscbiedenen Säugetieren ausserordentlich wechselnd. 
Beim Menschen ist ein Kind die Regel, doch finden sich mensch- 
liche Zwillinge^) viel häufiger als Affenzwillinge. Bei der Phylo- 
genese wurde gelegentlich der Polymastie darauf hingewiesen, dass 
menschliche Mehrlingsgeburten wahrscheinlich als individuelle Rück- 
schläge aufzufassen sind. 

Nach Tojoinard ist die Zeit der Schwangerschaft und die Zahl 
der Jungen bei verschiedenen Tieren die folgende, nach Schwanger- 
schaftswochen berechnet^): 



Tiergattung 


> ch wanger seh afts- 
wochen 


Zahl 
der Jungen 


Maus 


3 


10—15 


Hase 


4 


3—4 


Frettchen 


6 


6—8 


Hund 


9 


5—6 


Löwe 


14 


4—5 


Reh 


24 


2 


Maki 


15 




Makakus rhesus 


26 




Hirsch 


36 




Robbe 


39 




Mensch 


40 




Rind 


41 




Pferd 


43 




Kamel 


45 




Giraffe 


61 




Elefant 


100 





Hieraus ist ersichtlich, dass der Mensch sowohl in der Dauer 
der Schwangerschaft als in der Regelmässigkeit der Einlingsgeburt 
von verschiedenen Tieren übertroffen wird. 

Die männlichen und weiblichen Zellen des Menschen, die Samen- 
zelle und die Eizelle, aus deren Verschmelzung der erste mensch- 



') Cotin, Traite de physiologie comparee des animaux. Paris 1874. 
■^) Topinard , L'Anthropologie 1895. Reinwald. Paris. S. 149. (Topinard 
rechnet für den Menschen 39 statt 40 Wochen.) 



Die embryonale Entwicklung. 95 

liehe Zellkeim hervorgeht, sind bekannt; den Vorgang der Ver- 
schmelzung selbst aber hat man bisher nur an Tieren beobachten 
können. Sobotta^) sah ihn bei der Maus, Kein beim Kaninchen, 
Hubrecht bei Spitzmaus, Tu))aja, Erinaceus u. a.-), und schon 
früher hatte 0. HertAvig für das Ei des Seeigels diesen Vorgang 
nachgewiesen , der im grossen und ganzen bei allen geschlechtlicli 
sich fortpflanzenden Tieren in gleicher Weise verläuft. 

Es ist deshalb anzunehmen, dass auch beim Menschen die Be- 
fruchtung in gleicher Weise stattfindet. 

Nach dem Eindringen der männlichen Samenzelle in die Ei- 
zelle tritt in dieser ein Furchungsprozess auf, der aus der Zelle 
einen Zellenhaufen bildet. Aus diesem Zellenhaufen geht das aus 
Embrj'o und Eihüllen bestehende junge Ei hervor, das sich im 
Uterus einnistet und dort seiner weiteren Entwicklung entgegensieht. 

Dieser Vorgang zeigt bei verschiedenen Tieren ein etwas ab- 
weichendes Verhalten. Beim Menschen sind die ersten Stadien nach 
der Befruchtung bisher noch nicht beol)achtet worden, so dass wir 
auch hier auf Vermutungen angewiesen sind, die sich aus der Ver- 
gleichung mit möglichst ähnlichen Vorgängen bei anderen Säuge- 
tieren ergeben. 

Aus der Zeit nach dem Eintritt des befruchteten menschlichen 
Eies in die Gebärmutter, von der Einnistung und weiteren Ent- 
wicklung sind eine Anzahl von sorgfältig beobachteten FäUen be- 
kannt. 

Das Auffinden eines solchen frühzeitigen Scliwangerschafts- 
zustandes ist aber immer nur einem l:)esonderen seltenen Zufall zu 
danken, da beim Menschen selbstverständlich wissenschaftliche Ver- 
suche in dieser Hinsicht ausgeschlossen sind. 

Um eine lückenlose Reihe des wachsenden Eies bei Tieren zu 
erhalten, ist man gezwungen, für jedes einzelne Stadium ein ge- 
sundes, schwangeres Muttertier zu töten und die jeweiligen Ergel)- 
nisse miteinander zu veroieichen. 



') Die Befruchtung und Furchung des Eis der Maus. Arch. niikr. Anatomie. 
45. 189.-). 

2) Ausführliches siehe Boveri, Das Problem der Befruchtung. Jena 1902. 
G. Fischer. 



96 Die Ontogenese des Menschen. 

Hubreclit hat derartige sehr sorgfältige Untersuchungen an 
Spitzmaus-, Igel- und Gespenstertiereiern ausgeführt, und dabei 
gefunden, dass diese Tiere in vieler Beziehung die einfachsten Ver- 
hältnisse unter allen Säugetieren zeigten. Ausserdem aber hat sich 
herausgestellt, dass die bekannten Zustände jüngster Menscheneier 
nicht nur sehr grosse Aehnlichkeit mit den entsprechenden Stadien 
dieser Tiere haben, sondern sogar noch einen einfacheren Zustand 
darstellen, indem sie die primitivsten Bildungen dieser Tiere in sich 
vereinigen. Soweit bis jetzt bekannt, hat sich demnach der 
Mensch vom embryologischen Standpunkt aus die primi- 
tivsten Zustände unter allen Säugetieren erhalten. 

Die grosse Uebereinstimmung des menschlichen Eies in seiner 
ersten Entfaltung mit Igel einerseits und Tarsius anderseits be- 
rechtigt ausserdem, die noch fehlenden Lücken in seiner Entwick- 
lungsreihe wenigstens theoretisch durch die weitgehenden Homo- 
logien dieser beiden ähnlichen Tierreihen auszufüllen. 

Das theoretische Bild, das sich auf Grund dieser Ueberlegungen 
für die menschliche Ontogenese entwerfen lässt, ist auf Tafel III in 
schematischen Zeichnungen veranschaulicht. 

Die Befruchtung und die ersten Stadien der Furchung, welche 
sich noch in den Eileitern abspielen, beiseite lassend, finden wir 
das in den Uterus eingetretene Ei bereits in dem weiter aus- 
gebildeten Zustand, den Fig. 1 (Tafel HD darstellt. 

Es besteht aus einer mit heller Flüssigkeit gefüllten Höhle, 
dem Exokölom, die von einer aussen zottigen, innen glatten Kapsel 
umgeben ist, dem Trophoblast. An einer bestimmten Stelle hat 
diese Hülle eine wandständige Verdickung, der sich von innen eine 
Wucherung von etwas abw^eichend gebildeten Zellen, das Ento- 
blast anlegt, welches in der Zeichnung gelb dargestellt ist. 

Das kleine, aus zwei Zellenschichten bestehende wandständige 
Knötchen ist das Keimschild, die erste Anlage des Embryo, 
die übrigen ausserembry onal en Teile bilden die Eiflüssigkeit 
und die Eihüllen. 

In diesem Stadium sind nur zwei Zellschichten, das sogen, 
äussere und innere Keimblatt vorhanden. Erst später tritt das 
mittlere Keimblatt, das Mesoblast, hinzu. 



Tafel III. 




Schematische Darstellung der Entwicklung der menschlichen Keimblase. 



Die embryonale Entwicklung. 97 

Für nähere Einzelheiten sei auf die eingangs angeführten 
Bücher verwiesen ; hier haben wir nur das wesentlichste zu berück- 
sichtigen. 

Die drei Keimblätter, die sämtliche höher entwickelte Tinc 
besitzen, liegen erst flach ausgebreitet übereinander, und rollen sich 
dann zu dem werdenden Körper zusammen, um schliesslich im 
Nabel die einzige Verbindung mit den ausserembryonalen Teilen zu 
behalten. 

Die wichtigsten Organe, die aus den drei Keimblättern hervor- 
gehen, sind die folgenden: 

1. Aeusseres Keimblatt, Ektoderm. Haut. Gehirn. 
Nerven. 

2. Mittleres Keimblatt, Mesoderm. Blutgefässe. Muskeln. 

3. Inneres Keimblatt, Entodcrm. Darm- und Lungen- 
schleimhaut. 

Auf der Tafel III ist das äussere Keimblatt und seine Gebilde 
grau bezw. schwarz, das mittlere rot und das innere gelb gezeichnet. 
Den Embryo, der in den Figuren 5, G und 7 schwarz ist, hat man 
sich als aus den drei ineinander eingeschlossenen Keimblättern be- 
stehend zu denken. 

In Fig. 2 sehen wir eine mächtige Wucherung des M eso- 
blas ts, des mittleren Keimblattes auftreten, das die ganze innere 
Wand der Eihöhle, das Exokölom, bekleidet. Ausserdem hat sich 
eine kleine Höhle im Trophoblast gebildet, die Amnion höhle, 
welche das Keimschild vom extrafötalen Teil des Ektoblasts abhel:)t. 

In Fig. ist das Mesoblast zwischen dem zum Dottersack sich 
schliessenden Entoblast und dem äusseren Keimblatt hineingewuchert, 
so dass hier die drei Keimblätter übereinander gelagert sind. Nach 
aussen dringt das mit Gefässsprossen durchsetzte Mesoblast immer 
mehr vor und beginnt das äussere Keimblatt mit der daran be- 
festigten Amnionhöhle stärker von der Trophoblastschale abzuheben. 

In Fig. 4 ist dieser Vorgang vollendet, so dass die Embryonal- 
anlage durch das Mesoblast völlig von der Trophoblastschale los- 
gelöst ist. Die drei Blätter des Keimschildes liegen mm Hach aus- 
gebreitet zAvischen der Amnionhöhle (Am.) und dem Dottersack (Do.), 

welche ähnlich wie zwei Wasserkissen das zarte Gebilde beschützen. 

st ratz, Die Xaturgeschichte des Menschen. < 



98 Die Ontogenese des Menschen. 

Ausserdem aber liegt diese ganze Masse als wandständiger Knoten 
in dem ebenfalls mit Flüssigkeit gefüllten Exokölom (Ex.) der ur- 
sprünglichen Eiliöhle. 

In Fig. 5 hat sich die Wucherung von Trophoblast und Meso- 
blast noch stärker in der Peripherie ausgebreitet. 

Das Mesoblast bildet jetzt einen deutlichen Stiel, den His- 
schen Haftstiel, an dem das aus Amnion, Embryo und Dottersack 
bestehende Gebilde frei im Exokölom schwimmt. 

Das Amnion ist grösser geworden, das äussere Keimblatt be- 
deckt den etwas stärker zusammengerollten und wuchernden Embryo, 
der nur noch nach dem Dottersack zu eine weit offene Verbindung 
zeigt. Von der Entodermbekleidung des Dottersackes sprosst zu 
dieser Zeit ein kleines, blind endigendes Röhrchen in den Haftstiel 
hinein. Dieses Gebilde wird die Allantois (AU.) genannt. 

In Fig. 6 hat die Amnionhöhle an Grösse zugenommen und 
den Embryo stark umwuchert. Der Dottersack ist geschrumpft und 
vom Embryo abgehoben, und die Verbindung zwischen der offenen 
Bauchhöhle und dem Dottersack ist sehr viel kleiner geworden. 

An der Stelle, an der der Haftstiel die Eiperipherie erreicht, 
tritt eine lebhafte Wucherung des Trophoblasts und Mesoblasts ein, 
welche zusammen mit dem mütterlichen Gewebe die Placenta, den 
Mutterkuchen, bildet. Ausserhalb dieses Bezirkes werden die Zotten 
der Eihaut kleiner und kleiner. 

In Fig. 7 ist der Embryo völlig vom Amnion eingeschlossen, 
so dass er frei in dessen Flüssigkeit schwimmt, und nur an der 
Bauchseite durch den Nabel mit den übrigen ausserembryonalen 
Gebilden in Verbindung bleibt. 

Der Haftstiel ist zu einem längeren Strang ausgeflogen, in dem 
der zusammengepresste Dottersack und das Allantoisgebilde verläuft. 
Die Placenta hat stark an Grösse zugenommen, während der Raum 
des Exoköloms durch das wuchernde Amnion immer mehr beengt 
wird. 

Im weiteren Verlauf dehnt sich das Amnion so weit aus, dass 
sein äusseres mesodermales Blatt mit dem inneren mesodermalen 
Blatt der Eikapsel verschmilzt, wodurch die Exokölomhöhle völlig 
verschwindet. Indem es sich anderseits an den Haftstiel anlegt, 



Die embryonale Plntwicklung. 99 

bildet es die Scheide des Nabelstranf^es, in dem ausser den Blut- 
gefässen der zum unscheinbaren Dotterbliischen geschrumpfte Dotter- 
sack und die Allantois verläuft. 

Die Placenta hat stark an Grösse zugenommen, die äussere 
Eikapsel hat ihre Zotten grösstenteils eingebüsst. 

In diesem Zustand schwimmt der Embryo im fertigen Ei, nur 
an dem stets länger werdenden Nabelstrang befestigt, frei im 
Fruchtwasser (Liquor amnii). Die Eikapsel l)esteht aus der 
Schafhaut (Amnion) und der Zottenhaut (Chorion), welche 
sich an der Einmündungsstelle des Nabelstrangs zur Placenta 
(Mutterkuchen) verdickt. Die Placenta übernimmt von da ab den 
Blutaustausch zwischen Mutter und Embryo und sorgt damit l'ür 
die weitere Ernährung des letzteren, während vorher der Blutaus- 
tausch in der ganzen Ausdehnung des Chorions und seiner Zotten 
bewerkstelligt wurde. 

Beim Vergleich mit dem Igel ^) stellt sich heraus, dass der 
Mensch gleich diesem von Anfang an durch den trophoblastischen 
Zottenpelz die günstigsten Ernährungsbedingungen erhält. 

Ebenso haben beide den einfachen , schon im allerfrühsten 
Stadium vollendeten Abschluss des Amnions als primäre Höhle ge- 
meinsam. Es ist deutlich, dass dieses Wasserkissen, wie Avir es 
nannten, dem zarten Keimling von Anfang an einen grossen Schutz 
gewährt und ihm ungestörtere Entwicklung sichert. 

Gleich günstige Verhältnisse finden sich u. a. auch bei der 
Maus, dem Meerschweinchen, sowie bei verschiedenen Affen und 
Fledermäusen. Bei den meisten übrigen Säugetieren entwickelt sich 
das Amnion erst mittelbar durch Zusammenwachsen zweier Falten. 

Beim Igel findet die Aveitere Ernährung des Keimlings in der 
Weise statt, dass zunächst die Dottergefässe mit dem Tropholjlast zu 
einer vorläufigen Placenta zusammentreten (die sogen, omjilialoide 
Placentation), welche später beim Schrumpfen des Dotters da- 
durch ersetzt wird, dass die Allantois sich zu einer mächtigen Blase 
entwickelt und mit dem Trophoblast verwächst (die sogen, allantoide 
Placentation). 



') Ausführliches darüber siehe: Die Entwicklung der menschlichen Keim- 
blase. Enke, 1904. 



IQQ Die Ontogenese des Menschen. 

Beim Menschen hingegen kommt es weder zur Entwicklung 
einer Dotterplacenta, noch einer Allantoisplacenta. Die Ver- 
bindung zwischen Mutter und Kind wird viehnehr ununterbrochen 
durch den Haftstiel erhalten, an dessen mütterlicher Seite sich die 
Haftstielplacenta umso kräftiger entwickelt, je mehr die ausser- 
halb ihres Bereiches liegenden Chorionzotten schrumpfen. 

Das menschliche Ei ist demnach in dieser Beziehung primitiver 
geblieben als das Igelei, und kann der Allantois entbehren, welche 
bei den meisten Säugetieren, namentlich aber auch bei sämtlichen 
Sauropsiden sehr stark weiter entwickelt ist. 

Bei Tarsius findet sich ebenso wie beim Menschen die primäre 
Haftstielplacenta, jedoch ist Tarsius in dieser Hinsicht noch 
weiter entwickelt als der Mensch, indem bei ihm die Placentarstelle 
von Anfang an sich saugnapfförniig über die glatte äussere Hülle 
des Eies erhebt. Während somit die Haftstielversorgung einseitig 
höher entwickelt ist, hat die Sicherheit der Ernährung für die aller- 
erste Zeit durch Wegfall des Zottenpelzes gelitten. 

Das Amnion bildet sich bei Tarsius ebenso wie bei den meisten 
Säugetieren sekundär durch verwachsende Falten. 

Das menschliche Ei hat mit Tarsius die primitive Haftstiel- 
versorgung gemeinsam, ist aber ausserdem durch die Erhaltung des 
Zottenpelzes und die Anlage des Amnions als primäre Höhle noch 
primitiver geblieben als Tarsius, dem diese beiden Eigenschaften 
verloren gegangen sind. 

Somit stellt sich das menschliche Ei durch die Vereinigung 
aller dieser primitiven Eigenschaften als die älteste dieser drei 
Formen dar, und zugleich als die älteste sämtlicher bisher darauf- 
hin untersuchten Säugetiere, unter denen kein einziges so viele pri- 
mitive Merkmale zugleich besitzt. 

Merkwürdigerweise sind aber gerade durch das Zusammentreten 
dieser Eigenschaften auch die günstigsten Bedingungen für die Er- 
nährung des Embryo gegeben. 

Es erübrigt noch, die tatsächlichen Belege für das in Tafel HI 
aufgestellte Schema zu besprechen. 

Das älteste, dem Stadium 1 entsprechende Ei ist das R eich er t- 
s che Ei. Es stammt aus einer Zeit, in der die mikroskopische 



Die embryonale Entwicklung. 101 

Technik noch nicht ihre jetzige Höhe erreicht hut. Trotzdem lässt 
es sich dank der sorgfältigen Beschreibung als Belegstück verwerten. 
Reichert schildert es tils ein innen glattes, aussen zottiges Bläs- 
chen , an dessen Innenseite sich eine wandstilndige Verdickung be- 
findet, welche aus „zwei nach ihren Elementen verschiedenen Zell- 
schichten" besteht. Ein ganz ähnlicher Fall ist von Warthon 
Jones beschrieben. 

Dem Stadium 2 dürfte nach der Auffassung von H i s , dem ich 
diese Ausführungen entnehme, das Breusssche Ei entsprechen, 
welcher gleichfalls einen wandständigen, von verschiedenem Epithel 
gebildeten Knoten, ausserdem aber „die Innenfläche der Eihöhle mit 
einer Schicht unreifen Bindegewebes nebst beginnenden Gefässanlagen 
bekleidet" fand. Breuss selbst war geneigt, diesen Zustand für 
etwas Krankhaftes zu halten, His aber glaubte darin das erste 
Auftreten des Mesoblasts zu erkennen. Seine Auffassung wurde 
inzwischen durch die analogen Befunde bei anderen Tieren bestätigt. 

Hypothetisch bleibt das Auftreten der primären Amnion- 
höhle im Stadium 2 , sowie ihre Ablösung vom Trophoblast im 
Stadium 3. 

Diese beiden Stufen finden aber zunächst durch die Homologie 
mit dem Igelei eine starke Stütze, dann aber durch das folgende 
Stadium 4 des menschlichen Eies selbst, wofür wir ein sehr sorg- 
fältig untersuchtes Exemplar in dem Petersschen Ei besitzen. Da 
hier das Amnion bereits eine geschlossene Höhle bildet, so muss 
deren Abtrennung notwendigerweise schon vorher stattgefunden 
haben, und zwar lediglich durch Mesoblastwucherung, die allein eine 
so frühzeitige völlige Ablösung der Amnionhöhle vom Trophoblast 
ermöglichen konnte. 

Das Peterssche El, das genau dem Stadium 4 der Tafel III ent- 
spricht, ist in Fig. 37 bei schwacher Vergrösserung im Durchschnitt 
abgebildet. Die aus Trojihoblast und Mesoblast bestehende Schale 
umschliesst ein sehr geräumiges Exokölom, in das die Fruchtanlage 
mit Amnion und Dottersack von oben her als kleines, wandständiges 
Knötchen hineinragt. 

Fior. 38 zeist diesen Knoten im Durchschnitt bei starker Yer- 
ffrösseruno;. 



102 



Die Ontogenese des Menschen. 



Das äussere Keimblatt mit der Amnionhöhle bat sieb völlig 
vom ausserembryonalen Ektoblast (Tropboblast, Tr) abgelöst, und 



Amn. Dat. 




Fig. 37. Das jüngste menschliche Ei von Peters hei schwacher Yergrösserung. 

das dazwiscben sieb ausbreitende Mesoblast (i)f) wucbert scbon in 
die zottigen Fortsätze des Tropboblasts binein. Aucb unter dem 
mit dem Amnion in ununterbrocbener Verbindung stebenden äusseren 







Fig. 38. Der Keimschild mit Amnion xmA. Dottersacli hei stärkerer Yergrösserung. 

Keimblatt bat sieb das mittlere Keimblatt eingescboben und trennt 
das äussere Keimblatt vom inneren, welcbes die (gelbe) Dotterböble 
auskleidet. 



Die embryonale Entwicklung. 



103 



Die nach links von der Fruchtanlage und dem Dottersack zum 
Tropboblast ziehenden Mesodermstränge stellen die erste Anlage des 
Haftstiels dar. 

Nur wenig älter ist das Siege nbeekscbe Ei (Fig. 39). Der 
Dottersack bat sich etwas stärker ausgedehnt, der Embryonalschild 
zeigt stärkere Wucherung, der Haftstiel ist deutlich ausgeprägt iHs). 








Fig. 39. YA von Siegenbeek van Ileukeloni. 

Wenig grösser ist der Embryo r. H. des Grafen Spee, den die 
Fig. 40 und 41 wiedergel^en. 

Auf der ersten (Fig. 40) sieht mau den wandständigen, aus Am- 
nion (^1), Dottersack {Do) und der dazwischen liegenden Keimanlage 
gebildeten Knoten in das Exokölom der Eihöhle hineinragen. Fig. 41 
zeigt die Keiraanlage in stärkerer Vergrösserung. Hier liegen die 
drei dunkelgrau (äusseres), hellgrau (mittleres) und gelb (inneres) 
gezeichneten Keimblätter übereinander; alle drei zeigen im Bezirk 
des Embryonalschildes bereits eine stärkere Wucherung. Vom aus- 



104 



Die Ontogenese des Menschen. 



seren Keimblatt setzt sich die Zell- 
schicht in das innere Blatt der Amnion- 
liöhle fort, vom inneren Keimblatt in 
das der Dotterliöble. 

Während der Embryo v. H. des 
Grafen Spee, ebenso wie der Siegen- 
beeksche und Peter ssche mehr oder 
weniger dem Stadium 4 der schematischen Aufstellung entsprechen, 
steht der Speesche Embryo Gl. zwischen Stadium 4 und 5. 

Auf dem Durchschnitt Fig. 42, der bei massiger Vergrösserung 




Graf Speesclies Ei (v. H.). 




Fig. 41. Keimanlage desselben. 

gezeichnet ist, sieht man sowohl vom Amnion als vom Dottersack 
einen ausgezogenen Zipfel in den oberen Teil des Haftstiels hinein- 
ragen. Das Mesoblast, das die ganze Keimanlage von allen Seiten 
umwuchert hat, zeigt namentlich an der den Dottersack bedeckenden 



Die embryonale Entwicklung. 



105 



Schicht deutliche Gefässanlagen. Anderseits ist er in die Zotten 
des Trophoblasts viel stärker hineingewuchert, als bei den vorher 
besprochenen Fällen. 

Völlig dem Stadium 5 des Schemas entsprechend ist der His- 
sche Embryo E (Fig. 43) und der Costesche Embryo (Fig. 44). 

Fig. 48 zeigt den Hisschen Embryo -E", dessen am Kopfende 
stark verdickte Gestalt durch das bedeckende Amnion hindurch- 
schimmert. Darunter liegt der Dottersack; das ganze Gebilde ist 




Fig. 42. Graf Speesches Ei (Gl.). 



durch den kräftig entwickelten Haftstiel (Hs) mit der Eikapsel ver- 
bunden. 

Die kleine Fig. 43 a gibt das ganze Ei mit dem Fruchtknoten 
in natürlicher Grösse wieder. 

Ungefähr gleich alt ist der Costesche Embryo (Fig. 44). Hier 
ist das Amnion an der vorderen Fläche abgetragen, so dass man 
den Embryo deutlich erkennen kann. Auf seine Gestaltung kommen 
wir Aveiter unten noch zurück; hier handelt es sich allein darum, 
auf die Uebereinstimmung mit dem Schema 5 hinzuweisen. 

Zwischen das Stadium 5 und () lassen sich die Hisschen Em- 



106 



Die Ontogenese des Menschen. 



bryonen LG. (Fig. 45) und Scli. (Fig. 46) einscliieben, bei denen der 
Embryo immer mehr an Grösse zunimmt, während die Verbindung 




Tr. 



y~Hs. 



a 



NC. 



Fig. 43. Hissclier Embryo (E.). 



seiner Leibeshöhle mit dem Dottersack in gleichem Grade zusammen- 
schrumpft. Die Amnionhöhle dehnt sich vom Rücken aus immer 
mehr über den Embryo nach dessen Bauchfläche hin aus. 




Fig. 44. Costescher Embryo. 



Völlig dem Stadium 6 ents23rechend ist der Hissche Embryo JB 
(Fig. 47).^ 

Der Embryo hat sich stark vergrössert und über die Bauch- 



Die embryonale Entwicklung, 



107 



Amn 




Fig. 45. Hissclier Embryo (LG.). 




Fig. 46. Hissclier Embryo (Seh.). 



fläche zusammengekrümmt ,der stark geschrumpfte und langstielig 
gewordene Dottersack ist ebenso wie der Haftstiel an seinem em- 
bryonalen Ende vom Amnion überwuchert, und damit sind die 



108 



Die Ontogenese des Menschen. 



bleibenden Verhältnisse gegeben, die zur Bildung des Nabelstrangs 
führen. 

In Fig. 48 endlich sehen wir ein zweimonatliches Ei im Zu- 
sammenhang mit der Gebärmutter, welche Hofmeier gelegentlich 
einer Operation wegen Krebs entfernte. 

Hier hat sich das Amnion allseitig dem Chorion, der äusseren 
Eihülle angelegt und auch den Nabelstrang mit einer Scheide um- 
geben, so dass der Embryo völlig frei im Fruchtwasser schwimmt 
und nur durch den Nabelstrang mit dem mütterlichen Gewebe ver- 
bunden ist. Dort, wo sich der Nabelstrang, den kaum sichtbaren 
Rest des Dottersacks und des Allantoisstrangs in sich fassend, in 




Fig. 47. Hisscher Embryo (B.). 

die Haftstelle einsenkt, ist eine mächtig gewucherte Placenta 
entstanden, welche den Blutaustausch zwischen Mutter und Kind 
vermittelt. 

Diese naturgetreuen wie die daraus abgeleiteten schematischen 
Stufen der Entwickluno; der menschlichen Keimblase ergeben ein 
Gesamtbild, welches sich ohne weiteres als eine höhere Ausbildung 
der bei den holoblastischen Fisch- und Amphibieneiern bestehenden 
Verhältnisse darstellt (vergi. Tafel H). 

Wie oben bereits bemerkt, lassen sich die Keimblasen der 
Sauropsiden in gleicher Weise von den meroblastischen Fisch- und 
Amphibieneiern ableiten. 

Das wesentliche ist bei dem ersten Prozess die Erhaltung des 
primären Haftstiels, beim zweiten die mächtige Entwicklung der 



Die embryonale Entwicklung. 



109 



Allantoisblase zur Vermittlung der weiteren Ernühruno- des Keim- 
lings und die Bildung der Kalkschale. 

Zwischenstufen finden sich bei verschiedenen Säugetieren in 
mehr oder weniger ausgeprägter Form. Beim Menschen ist, wie 
gesagt in der allerersten Zeit ein allantoisartiges Gebilde vor- 
handen, welches aber niemals zur Blase auswächst und auch nie 
in Funktion tritt. Auch von der späteren Ausbildung der Eier- 
schale finden sich beim Menschen Anklänge in Gestalt von kleinen 



Plaxenta 
Nahclstrang 




Amnißtüwhle 



UterashöJdx' 



UteTuswand 



Fig. 48. Zweimouatliehes Ei im Uterus nai'h Huliiicier und Beuliiser 
in natürlicher Grösse. 

Kalkablagerungen in den letzten Monaten der Schwangerschaft inner- 
halb der Placenta, ausnahmsweise auch im Chorion. 

Soll man desbalb mit 0. Hertwig annehmen, dass auch die 
Vorfahren der Menschen ein eierlegendes Stadium durchgemacht 
haben? Gegen eine solche Annahme spricht der Umstand, dass 
sich der Mensch mit dem Haftstiel, der den Sauropsiden fehlt, einen 
viel ursprünglicheren Zustand bewahrt hat. 

Wohl aber lassen die auch beim Menschen gefundenen Rudi- 
mente der Sauropsidenbildung den Schluss zu, dass der Mensch zu- 
nächst wegen seiner grösseren Variationsbreite einen älteren Zu- 



110 Die Ontogenese des Menschen. 

stand darstellt, ausserdem aber darf man annehmen, dass er, unter 
gegebenen Umständen , sehr wohl im stände wäre , im Lauf der 
Zeiten durch weitere Ausbildung seiner hierzu veranlagten Gebilde, 
auch noch die Fähigkeit des Eierlegens zu erwerben. 

Eine andere Frage ist es allerdings, ob die menschliche Keim- 
bildung bei einer solch einseitigen Weiterentwicklung sich sehr viel 
günstiger gestalten würde. So wie sie jetzt ist, hat sie trotz ihrer 
primitiven Verhältnisse vor allen anderen Ernährungsweisen den 
Vorteil, dass der Embryo in allen Stufen seines intrauterinen Lebens 
in reichlichster Weise ernährt werden kann. 

Bei der Betrachtung des Embryo selbst haben wir unser Haupt- 
augenmerk in erster Linie auf seine äussere Leibesform zu richten 
und die inneren Organe nur insoweit zu berücksichtigen, als sie zur 
Ausgestaltung derselben beitragen. 

Die genaue Altersbestimmung junger menschlicher Früchte ist, 
wie erwähnt, ausserordentlich schwierig, ja fast unmöglich, da der 
genaue Zeitpunkt der Befruchtung sich nicht feststellen lässt. Auch 
die Grrössenverhältnisse der Embryonen sind so ausserordentlich wech- 
selnd, dass sie keinen sicheren Massstab abzugeben im stände sind. 

Den besten Anhaltspunkt zur Einteilung gewährt der jeweilige 
Grad der Entwicklung, wobei man sich dann allerdings mit einer 
ungefähren Schätzung des Alters begnügen muss. 

His und Minot haben versucht, verschiedene Entwicklungs- 
stadien jüngster menschlicher Eier aufzustellen. His lehnt sich bei 
seiner Einteilung an das Hühnerei an, Minot unterscheidet 8 Stadien, 
von denen die ersten vier durch das Auftreten des Primitivstreifens, 
der Medullarplatte, der Medullarfurche und der Bildung des Herzens 
zugleich mit dem Verschluss des Medullarrohres gekennzeichnet 
sind, während die vier folgenden durch die Ausbildung der ersten 
bis vierten äusseren Kiemenfurche ihr Gepräge erhalten. 

Die ersten vier Stadien sind demnach hauptsächlich durch die 
Abschnürung des Rückenmarks vom äusseren Keimblatt und die 
Ausbildung des Herzens vom inneren Keimblatt aus bemerkenswert. 

Die äussere Leibesform ähnelt während dieser Zeit einem läng- 
lichen Wulst, der in der Mittellinie der flach ausgebreiteten Keim- 
blätter emporwuchert. 



Die embryonale Entwicklung. ][21 

Die Beobachtungen aus jener frühesten Zeit des Embryonal- 
lebens sind jedoch zu spärlich, um daraus allgemein gültige Schluss- 
tblgerungen ziehen zu können. 

Ungefähr am Ende der zweiten Woche hat der Embryo eine 
Gestalt, wie sie in Fig. 49 abgebildet ist. Das ganze Gebilde ähnelt 
einem gegliederten Wurm, an dessen Kopfende (K) bereits durch 
die starke Entwicklung des Vorderhirns (V.H) eine deutliche Empor- 
wölbung erkenntlich ist. Darunter ragt die Herzwölbung {HZ) 
hervor, der sich an der Bauchseite die noch weit geöffnete Verbin- 
dung mit dem Dottersack (Do) und der Haftstiel (Hs) anschliessen. 

Ein Blick auf Fig. 44 zeigt die Verbindung des Embryo in 
diesem Stadium mit seinen Hüllen. 

Von Kiemenfurchen ist auf dieser Stufe der Entwicklung noch 
nichts zu sehen. 

Ein Embryo, der dem folgenden Minotschen Stadium mit 
einer Kiemenfurche entspricht, ist bisher noch nicht beobachtet 
worden. 

Die drei folgenden Stadien mit zwei, drei und vier Kiemenfurchen 
sind durch die sorgfältig untersuchten Präparate von His (Fig. 50, 
51 und 52) glänzend vertreten. 

Gekennzeichnet ist die menschliche Fötalentwicklung durch das 
ausserordentliche Wachstum des Kopfendes, das namentlich dem 
rasch wachsenden Vorderhiin seine Grössenzunahme verdankt. 

Bei Vergleichung der drei Stufen 50, 51 und 52 untereinander 
und mit Fig. 49 sieht man, wie das Kopfende immer grösser wird, 
sich über das Herz hinüberwölbt, und eine stets stärker werdende 
Nackenkrümmung bedingt. In gleichem Maasse wird die Verbindung 
der Leibeshöhle mit dem Dottersack eingeschränkt. In Fig. 51 ist 
der oberste Kiemenbogen bereits in die zwei Lappen für Ober- und 
Unterkiefer gespalten und die erste Anlage des Ohrbläschens (Oh) 
ist sichtbar geworden. 

In diesem Zustand befindet sich der Embryo etwa zwischen der 
zweiten und dritten Woche, um am Ende der dritten Woche eine 
der Fig. 53 entsprechende Gestalt zu bekommen. Hier hat die 
Nackenkrümmung durch das starke Wachstum des Kopfendes, ]:)ezw. 
des Gehirns, ihren höchsten Grad erreicht, ausser der Ohrblase 



112 



Die Ontogenese des Menschen. 



sieht man aucli die Augenblase zwischen Yorderliirn und erstem 
Kiemenbogen durch den glashellen Körper durchschimmern, am 
Rumpf sind die ersten stummelförraigen Anlagen der Gliedmaassen 
erkenntlich, die Verbindung mit dem Dottersack ist auf das kleinste 
Maass zurückgeführt. 




Fig. 53. Fig. 54. 

Fig. 49—54. Menschliche Embryonen aus dem ersten Monat (nach His und Eabl). 

Im Verlauf der vierten Woche hat sich (Fig. 54) der Kopf noch 
stärker entwickelt, die Augen- und Ohrenblasen sind in den Bezirk 
der Kiemenspalten herabgerückt, die Riechgruben (i?) nehmen an 
Umfang zu, die Gliedmaassenanlagen zeigen deutliche Flossenform. 

Am Ende des ersten Monats ist die Aehnlichkeit des Keimlings 
mit dem erwachsenen Menschen bereits deutUch ausgesprochen. 



Die embryonale Entwicklung. 



113 



Fig. 55 zeigt eine entsprechende Abbildung nach His. His 
hat ihr eine Anzahl gleichgrosser Embryonen von Tieren beigegeben, 
um zu zeigen, dass schon in diesem frühzeitigen Stadium die Unter- 
schiede der Körperbildung deutlich ausgeprägt sind. 

„Wir stehen heute" — schreibt His ^) — „mit der Differential- 
diagnose der Embryonen ungefähr auf dem Standpunkt eines ein- 





Fig. 55. Meuschlicher Embryo am 
Ende des ersten Monats (nacli His). 



Fig. 56. Embryo vom Schwein vou 
gleicher Grösse (nach His). 




Fig. 57. Embryo vom Huhu von gleicher Grösse (nach His). 



jährigen Kindes, das alle vierbeinigen Tiere mit einem Kollektivlaute 
bezeichnet. " 

Seinen Bemühungen um die Embryologie ist es in erster Linie 
zu danken, wenn Avir heute in der Erkenntnis der verschiedenen 
Formen besser geübt sind. 

Eine Vergleichung von Fig. 55 mit Fig. 56 und 57 zeisft deut- 



') Unsere Körperform. 1875. S. 201. 
St ratz, Die Naturgeschichte des Menschen. 



114 Die Ontogenese des Menschen. 

lieh den Unterschied zwischen dem Fötus eines Menschen, eines 
Schweins und eines Huhns. 

Beim Schwein fällt die plumpere Anlage des Körpers und die 
auffallende Kleinheit des Kopfes im Vergleich mit dem Menschen 
sofort auf. Beim Huhn ist das Verhältnis dasselbe, wenn man vom 
Kopf das unverhältnismässig grosse Auge und das dementsprechend 
stärker gewucherte Mittelhirn sich wegdenkt. Vergleicht man die 
(grau schraffierten) Bezirke des Vorderhirns miteinander, dann er- 
kennt man, dass dessen mächtige Ausbildung maassgebend ist für 
die äussere Gestaltung des menschlichen Kopfes. 

Der Vergleich der Ontogenese mit der Phylogenese lehrt, dass 
der menschliche Keimling innerhalb eines Monats die Stufen von 
der Zelle bis zu einem zwischen Molch und Menschen die Mitte 
haltenden Gebilde durchlaufen hat. Mit der Ausbildung des Chorda- 
stranges hat er bereits in der ersten Woche die Chordatenstufe 
erreicht, mit der Bildung der Kiemenfurchen und der flossenähn- 
lichen Gliedmaassenstummel in der dritten Woche das Fischstadium 
durchgemacht, und ist in der vierten in das Amphibienstadium ein- 
getreten. 

Im Anfang des zweiten Monats ist die primitive Anlage des 
Ursäugers vollendet. 

Die Figuren 58 — 62 zeigen nach den mustergültigen Bildern 
von His die weitere Entwicklung des Keimlings, in der die menschen- 
ähnliche Ausgestaltung des Körpers immer deutlicher wird. 

Die Gesichtszüge erhalten ihr kennzeichnendes Gepräge, das 
äussere Ohr tritt immer deutlicher hervor, die pentameren Glied- 
maassen entfalten sich , bis Hand und Fuss in der eigentümlichen 
Kletterstellung mit starker Ausbildung des ersten Strahles sich aus- 
prägen. Die Verhältnisse des Körpers ändern sich in der Weise, 
dass die Länge des Rumpfes ebenso wie die der Gliedmaassen im 
Vergleich mit dem Kopf an Grösse zunehmen. Vordere und hintere 
Extremitäten sind dabei ungefähr gleich lang. 

Ueber die Umwandlung der Kiemenbogen in Schlundbogen und 
ihre Beteiligung am Aufbau des Gesichts und Halses ist bereits in der 
Phylogenese auf die Homologien mit früheren Stufen hingewiesen 
(vgL Fig. 8, 9, 10). 



Die embryonale Entwicklung. 



11& 



Für das Zustandekommen der äusseren Form des Gesichts sind 
besonders die beiden ersten, der Mandibular- und der Hyoidbogen, 
von Wichtigkeit. 

Die Figuren 63 — G7 zeigen die verschiedenen Stufen der Gesichts- 
entwicklung in den ersten zwei Monaten des Fötallebens. 




Fig. 61. Fig. 62. 

Menschliche Embryonen aus dem zweiten Monat (nach His). 

In Fio-. 63, einem Alter von etwa 3 Wochen (21 Tage) ent- 
sprechend, hat sich der Mandibularbogen (I) bereits in zwei für 
Ober- und Unterkiefer {OK. UK) bestimmte Aeste gespalten. Der 
Hyoidbogen (II) legt sich dem Unterkieferast an, ohne dass jedoch 
die beiderseitigen Au.släufer sich erreichen. Von oben liegt das 



116 



Die Ontogenese des Menschen. 



Vorderhirn (V.H) mit den in der Tiefe verborgenen Augenblasen (Ä) 
über dem zwischen den Schlundbogen klaffenden Gesichtsspalt, der 




Fig. 63. 




Fisr. 64. 




jlAuge 



Ohr 



Fig. 63—65. Entwicklung des nieusclilichen Gesichts (nach Rabl und His). 

Ton unten durch die HerzAvölbung begrenzt wird. Die Ohrbläschen 

liegen stark dorsalwärts im Bereich des 2. und 3. Schlundbogens. 

In Fig. 64, dem Alter von 4 Wochen (28 Tagen) entsprechend, 



Die embryonale Entwicklung. 



117 



sind die Unterkieferfortsätze des Mandibularbogens sowie die Hyoid- 
bogen in der Mittellinie zum Boden der Mundhöhle verschmolzen. 
Das mächtig entfaltete Vorderhirn wölbt sich dachförmig darüber 
hin und ladet breit zu beiden Seiten in den kräftig gebildeten Riech- 
gruben (N) aus. Das Augenbläschen ist in dem Spalt zwischen Ober- 
kieferfortsatz und Vorderhirn an die Oberfläche getreten, das Ohrbläs- 
chen hat sich den Schlundbogen stark genähert. Der Vergleich der 
Seitenansicht mit der Vorderansicht erleichtert die Orientierung. 

Von jetzt an teilt sich der vom Vorderhirn ausgehende Gesichts- 
fortsatz deutlich in einen mittleren Stirnlappen und zwei seitliche 
Nasenlappen, von denen besonders der Stirnlappen sich stark ausdehnt. 

Fig. 65, welche ungefähr dem 32. Tage, also der Mitte der fünften 
Woche gleich steht, zeigt die Annäherung des Stirnlappens an die von 
unten ihm entgegenwachsenden Oberkieferfortsätze. Seitlich haben 
sich die Nasenlappen ausgedehnt, so dass die Spalte, die von der 
primitiven Mundhöhle zum Auge führt, lang ausgezogen wird. Die 
Ohren sind bis in den Bezirk der Schlundbogen heruntercjerückt. 

In der sechsten Woche (Fig. 6(3) ist die Gestalt des Mundes 




Auge 




Fig. 6t5. l-l-, 

Entwicklung des menschlichen Gesichts mach \\\\\A inul His). 



und der Nase schon deutlich erkennbar, obwohl deren äussere Ver- 
bindungen noch nicht geschlossen sind. 

Bleiben diese durch Störungen in der Entwicklung offen . so 



118 Die Ontogenese des Menschen. 

entstehen daraus die unter dem Namen von Gesiclitsspalten und 
Hasenscharten bekannten sogen. Missbiklungen. Diese sind aber, wie 
ersichtlich, keine eigentlichen Missbildungen, sondern nur Hemmungs- 
bildungen. 

Mit 7 Wochen, also gegen Ende des zweiten Monats, zeigt das 
Gesicht die in Fig. 67 dargestellte Bildung, aus der das menschliche 
Gepräge ohne weiteres erkennbar ist. Nase und Mund sind von- 
einander getrennt, da die Oberkieferfortsätze mit dem Stirnlappen 
und den beiden Nasenlappen verwachsen sind. Durch den gleichen 
Vorgang sind auch die Hautöfi'nungen über den Augen von Mund 
und Nase abgeschieden worden. 

Die zusammengewachsenen Unterkieferfortsätze bilden in der 
Mittellinie eine stumpfe, nach oben ragende Spitze, die sich der 
geschwungenen Linie der Oberlippe anlegt. Die Ohren sind seit- 
lich unterhalb des Unterkiefers sichtbar. 

Mit zunehmendem Wachstum des Kopfes, namentlich des Gehirns 
und dessen ümkleidung, treten die Augen mehr nach vorn, während 
die Ohren durch die Verbreiterung und Grössenzunahme der Kiefer 
immer mehr nach der Seite und nach oben verdrängt werden. 

Die Körpergrösse des Embryo beträgt am Ende des ersten 
Monats ungefähr 1 cm, am Ende des zweiten hat sie ungefähr 
4 cm erreicht. 

Mit dem Ende des zweiten Monats hat somit der menschliche 
Keimling nicht nur die deutliche Ausprägung des Säugetiers erreicht, 
sondern auch einen so ausgesprochen menschlichen Typus, dass 
keine einzige Form denkbar ist, welche als Mittelglied zwischen 
ihm und dem ausgebildeten Menschen stehen könnte. Soweit unsere 
embryologischen Kenntnisse reichen, sind auch bei sämtlichen 
Säugetieren der gleichen Entwicklungsperiode die ihnen eigentüm- 
lichen Differenzierungen auch schon so ausgeprägt, dass das geübte 
Auge leicht die werdende Gestaltung erkennen kann. 

Ontogenetisch vergegenwärtigt demnach der menschliche Keim- 
ling vom zweiten Monat bis zur Geburt nur noch die verschiedenen 
Stadien aus der rein menschlichen Urgeschichte in individueller Ver- 
körperung. Das einzige Abzeichen, das etwa noch an die Amphibien- 
stufe erinnern könnte, ist die Beschaffenheit der Haut, welche bis 



Die embryonale Entwicklung. 119 

zum Ende des vierten Monats spiegelnd glatt und so dünn ist, dass 
man die darunterliegenden Gebilde durchschimmern sieht. Die Farbe 
des Embryo, die im ersten Monat opalartig weiss, im zweiten leicht 
rosa Avar, wird im dritten und vierten immer röter, so dass ein 
viermonatlicher Fötus einem glänzenden, dunkelroten Frosche recht 
ähnlich sieht. Die rote Färbung hängt mit der stärkeren BlutfUUe 
des durchsichtigen Embryo zusammen. 

Vom zweiten Monat ab schreitet auch die Grössenzunahme sehr 
viel rascher fort. 

Die Grösse des Embryo beträgt ungefähr: 
im 2. Monat 4 cm 



3. 


n 


9 


4. 


n 


16 


5. 


51 


25 


6. 


w 


HO 


7. 


)) 


35 


8. 


n 


40 


9. 


)) 


45 


10. 


n 


50 



Die Figuren 68, 69 und 70 stellen drei Embryonen vom 2., 3. und 
4. Monat in ^,2 natürlicher Grösse dar und lassen das ausserordent- 
lich schnelle Wachstum leicht erkennen. Die Körperverhältnisse 
ändern sich immer mehr in der Weise, dass der Kopf weniger, 
Rumpf und Gliedmaassen stärker an Grösse zunehmen. 

Im fünften Monat beginnt der bis dahin ruhende Fötus leb- 
hafte Bewegungen zu machen, zugleich findet eine langsam fort- 
schreitende Fettablagerung statt, die die Körperformen allmählich 
abrundet. Die Haut wird kräftiger und entwickelt ein vom Gesicht 
aus über den ganzen Körper sich verbreitendes Haarkleid, das 
sogen. Wollhaar (Lanugo). Im Anfang des siebenten Monats ist der 
Embryo mit diesem zarten dichten Haarpelz völlig bedeckt. Im achten 
und neunten Monat bildet sich die Behaarung zurück, um nur am 
Kopfe in das bleibende Kopfhaar überzugehen. 

Das vorübergehende Auftreten der Lanugo bildet somit die 
ontogenetische Homologie für einen niedereren Zustand aus der 



120 



Die Ontogenese des Menschen. 



Phylogenese, in dem der Mensch am ganzen Körper behaart war. 
Dass dieser Zustand weit in das Fötalleben zurückgerückt ist und 
von zwei meist nackten Fötalmonaten gefolgt wird, spricht dafür, 
dass die vorgeschichtlichen Haarmenschen einer eisgrauen Ver- 
gangenheit angehören. 

In den letzten Monaten der Schwangerschaft wird die Fettan- 
häufung unter der Haut immer kräftiger, die Formen runden sich immer 
mehr, bis schliesslich der kleine rosige Körper des Kindes vollendet ist. 

Bezüglich der Entwicklung des inneren Baus der Organe und 




Fig. 68. Embryo am Ende des zweiten Monats in '12 natürliclier Grösse (uacli His). 
Fig. 69. Embryo am Ende des dritten Monats in i|2 natürlicher Grösse (nacli Bumm). 
Fig. 70. Embryo am Ende des vierten Monats in i|2 natürliclier Grösse (nach Bumm). 

ihrer Homologien mit den gleichartigen Erscheinungen bei verwand- 
ten Tieren sei auf die eingangs erwähnten Bücher verwiesen. Es 
ergibt sich daraus eine Fülle von weiteren Gesichtspunkten, die 
den hier vertretenen Anschauungen über den Parallelismus der Onto- 
genese mit der Phylogenese neue Stützpunkte zuführen und sie nach 
allen Richtungen hin ergänzen. Einige der wichtigsten sind schon 
im vorigen Abschnitt in grossen Zügen erwähnt worden. 

Für die Gestaltung der Körperform sind ausser der äusseren 
Hülle die stützenden Organe, das Knochengerüst, von besonderer 
Wichtigkeit. 

Da dieses bei allen anthropologischen Fragen eine grosse Rolle 



Die embryonale Entwicklung. 



121 



spielt, so ist es wichtig, sich über den naturwissenschaftlichen Wert 
der einzelnen Skeletteile genauere Rechenschaft abzulegen. Hier 
seien nur die Avichtigsten Betrachtungen kurz hervorgehoben. 

Sämtliche Wirbeltierkörper bauen sich in der Weise auf, dass 
im queren Durchschnitt drei übereinander liegende rundliche Ge- 
bilde erkenntlich sind (Fig. 71 a). 

Das obere ist das vom äusseren Keimblatt ausgehende Rücken- 
mark (J/), das untere die vom inneren Keimblatt ausgehende Darm- 
höhle (D), dazwischen liegt der Chordastrang, das primitive 
Stützorgan des Körpers {Ch). 

Bei den Chordaten hat es sich zeitlebens erhalten, bei den 





Fig. 71. Schematischer Durchschnitt durch den Wirbeltierkürper. 

Wirbeltieren findet sich die Chorda regelmässig im ersten Embryo- 
nalzustand. Dann aber wird sie in der verschiedenartigsten Weise 
durch Knorpelgewebe und später durch Knochengewebe ersetzt. 
Bei einzelnen Tiergruppen, wie z. B. bei den Knorpelfischen, erhält 
sich das Knorpelgerüst zeitlebens, bei anderen finden sich die man- 
nigfaltigsten Zusammenstellungen von Chordastrang, Knorpel und 
Knochen. Auch in dieser Hinsicht bewahrt der Mensch eine primi- 
tive Stellung, indem er sich im Bereich der Wirbelkörper neben 
Knorpel- und Knochengeweben Teile der Chorda erhält. Am voll- 
ständigsten findet sich die Verknöcherung des Stützorgans bei den 
Sauropsiden , die demnach auch in dieser Beziehung eine weitere 
Entwicklung besitzen. 

Bei den Knorpelfischen treten zunächst an die Stelle des binde- 
gewebigen Chordasegments die übereinander gelagerten knorpligen 
Wirbelkörper. Ausserdem erfährt aber das Stützorgan eine weitere 



222 ^^^ Ontogenese des Menschen. 

Vervollkommnung in der Weise, dass jeder einzelne Wirbelkörper 
je zwei spangenartige Knorpelbogen entsendet, von denen zwei sich 
nach hinten um das Rückenmark hinlegen, und zwei, die Viszeral- 
bogen, das Darinrohr umfassen. Dieser Zustand ist schematisch in 
Fig. 71b dargestellt. Jedem Chordaabschnitt, bezw. jedem Wirbel- 
körper entsprechend, setzt sich demnach der Wirbeltierleib aus ver- 
schiedenen Segmenten zusammen, deren jedes einen Wirbelkörper 
mit den dazugehörigen Bogen enthält. Aus diesen Bogen entwickeln 
sich dann im Verlauf der Differenzierung die verschiedenartigsten 
Gebilde, von denen wir einzelne als die Kiemen- und Schlundbogen, 
als Rippen, und in weiterer Ausbildung als Gliedmaassengürtel und 
Gliedmaassen in der Phylogenese erwähnt haben. 

Bei allen diesen Gebilden, die bei sämtlichen höheren Tieren 
ursprünglich aus Knorpelgewebe bestehen , tritt später in ver- 
schiedenartigster Weise eine mehr oder weniger ausgiebige Umwand- 
lung in Knochen ein. 

Es sind demnach alle aus Primor dialknorpel ent- 
standenen Knochen als die wichtigsten, unveränderlichsten 
und ältesten Gebilde des Wirbeltierleibs zu betrachten. 

Ausser diesen primären Knochen bilden sich sekundär aus dem 
Integument, der vom äusseren Keimblatt gebildeten Körperhülle, 
Knochenplatten aus, welche als Deck knocken dem inneren Gerüst 
sich anfügen. 

Von besonderer Bedeutung ist diese doppelte Herkunft der 
Knochensubstanz für die Beurteilung des Schädels, welcher nach der 
Gegenbaurschen Segmentaltheorie ebenfalls aus Primordialseg- 
menten hervorgegangen ist. 

Gegen bau rs Untersuchungen stützen sich hauptsächlich auf 
den Verlauf der Nerven, da jedem Ursegment auch ein Nervenpaar 
entspricht. Durch sorgfältige, vergleichende Studien gelang es ihm, 
die ausserordentlich schwierig zu übersehenden Verhältnisse beim 
Wirbeltierschädel zu entwirren. 

Seine von zahlreichen Schülern vervollständigten Untersuchungen 
ergaben, dass der Schädel sich aus einem basalen Primordial- 
kranium bildet, dem sich nach oben die sekundären Deck- 
knochen anleeren. 



Die embryonale PJntwicklung. 



123 



Fig. 72 zeigt nach Wiedersheim die schematische Anlage des 
Primordialkraniums bei einem Wirbeltier, An die von hinten in 
das Kopfende eintretende Chorda (c) legen sich zunächst je zwei 
symmetrische Knorjoelbogen an, deren hintere die Ohrbläschen (0) 
umfassen, während die vorderen zwischen den Augenblasen (Ä) nach 
den Riechgruben (N) hinlaufen. 

In Fig. 73 ist die Ausbildung des Primordialkraniums so Aveit 
fortgeschritten, dass die sechs Sinnesorgane deutlich voneinander 
getrennt und mit knorpligen Stützen versehen sind. 

Aus diesen einfachen Verhältnissen lassen sich die eingewickelt- 
sten Bildungen ableiten, wie sie sich bei den verschiedenen Wirbel- 
tieren weiter ausofebildet haben. 





Fig. 72. Anlage des Primordial- 
kraniums (niicli Wiedersheim). 



Fig. 73. Ausbildung des Primor- 
dialkraniums (nach Wiedersheim). 



Für den Menschen sind namentlich durch 0. Hertwig die ein- 
schlägigen Untersuchungen in mustergültiger Weise gemacht Avorden. 
Fig. 74 zeigt einen kindlichen Kopf, in den die Gestaltung des Primor- 
dialkraniums nach Hertwig eingetragen ist. Auch hier ist ersichtlich, 
Avie sich die Gesamtmasse des Kraniums um die drei Sinnesorgane 
(^^•1 0) hinlagert. Nach unten schliessen sich die knorpligen Reste 
der zugehörigen Viszeralbogen, bezw. Schlundbogen an, welche, Avie 
oben bereits erwähnt, den früheren Kiemenbogen entsprechen. 

Die zum Primordialkranium hinzutretenden sekundären Deck- 
knochen sind in der Zeichnung mit roter Farbe angedeutet. 

Zur Vergleichung dient Fig. 75. in der sämtliche Knochen ohne 
Berücksichtigung ihres phylogenetischen Wertes nebeneinander ge- 
stellt sind. 



124 



Die Ontogenese des Menschen. 



Die Ausbildung der sekundären Knochen ist bedingt durch die 
Ausdehnung des Gehirns einerseits, durch die Ausbildung des Ge- 
sichts anderseits. Daraus ergibt sich, dass ihre Gestaltung viel 
weniger konstant und viel grösseren örtlichen und individuellen 
Einflüssen unterworfen ist. Sie haben deshalb sowohl ontogenetisch 
als phylogenetisch eine geringere Bedeutung als die primären, aus 
dem Primordialkranium hervorgegangenen Basalknochen. 




Fig. 74. Primordialkranium nach 0. Hertwig, 
in den Kopf eines Neugeborenen eingetragen. 



Die praktischen Schlussfolgerungen aus dieser Betrachtung 
werden sich weiter unten ergeben. 

Das Skelett des Rumpfes und der Gliedmaassen hat Klaatsch 
in neuerer Zeit einer eingehenden Bearbeitung unterworfen, die aber 
noch ihres endgültigen Abschlusses harrt. 

Hervorzuheben ist die schon im späteren Fötalleben sich an- 
bahnende Krümmung der Wirbelsäule im Lendenteil nach vorn zur 
Anpassung an den aufrechten Gang, die ursprüngliche Ueberlänge 
der oberen Gliedmaassen, denen die unteren erst am Ende der 
Schwangerschaft an Grösse gleichkommen, und endlich die vor- 
bereitete Anpassung des menschlichen Fusses vom Greiforgan zum 
Stützorgan durch die stärkere Ausbildung des Grosszehenstrahles. 



Die embryonale Entwicklung. 



125 



Schwalbe sieht darin sogar das wichtigste Moment für die Mensch- 
werdung. 

Vom zweiten Monat der Schwangerschaft bis zur Geburt zeigt 
uns somit die menschhche Ontogenese ein Bikl, das an niederere Vor- 
stufen erinnert, welche sich alle innerhalb der Grenzen der Säuge- 
tierbildung bewegen. Bei der Vergleichung mit analogen Zuständen 
anderer Säugetiere finden sich zwar zahlreiche Homologien , ganz 




Fig. 75. Kopf eines Xeugeborenen mit eingezeichnetem Schädel. 

besonders mit den Primaten , jedoch ist auch unter diesen kein 
einziger, der einem früheren gemeinschaftlichen Typus näher steht 
als der Mensch. Von den primitivsten Bildungen hat sich der 
Mensch mit dem Haftstiel, dem trophoblastischen Zottenpelz, dem 
primären Amnion, den fünfteihgen Gliedmaassenendigungen, nament- 
lich aber mit der Hand mehr bewahrt als alle übrigen Säugetiere. 
Kennzeichnend für die menschliche Ontogenese 
ist ausser der einseitig so stark ausgebildeten Ent- 
wicklung des Gehirns, besonders des Vorderhirns, und 
ausser derUmwandlung des Greif fusses in einen Stütz- 
fuss das mit der grössten Variationsbreite gepaarte, 
zähe Festhalten an den primitivsten Säugetierzuständen. 
Dadurch kennzeichnet sich der Mensch auch ontogenetisch als die 
primitivste, variabelste und somit älteste aller bekannten 
S ä u ST e t i e r f o r m e n . 



126 Die Ontogenese des Menschen. 

B. Das Wachstum des Menschen. 

Wichtigste Literatur. 

1. Anatomie und Piiysiologie des Kindesalters von Hennig, Henke und K. 
V. Vierordt (in Gebliardts Handb. d. Kinderkranklieiten). Tübingen 1881. 
'2. Emil V. Lange, Die Gesetzmässigkeit im Längenwachstum des Menschen. 
Jahrbuch für Kinderheilkunde 1903. 

In dem v. Langeschen Buch sind die älteren Schriften von Quetelet, 
Bowditch. Pagliani, Axel Key, Geissler und Ulitsch, Monti u. a. aus- 
führlich besprochen. 

3. F. DafFner, Das Wachstum des Menschen. 2. Auflage 1902. 

4. Stratz, Der Körper des Kindes. 1903. 

5. Geyer, Der Mensch. Union 1902. 

6. Bartels, Abschnitt Kind und Reifung in PIoss-Bartels, Das Weib. 

7. Toldt, Anatomischer Atlas. 1900. 

Während seines Aufenthalts im Mutterleibe schwamm der Fötus 
in dem allseitig von den Eihäuten umgebenen Fruchtwasser und 
wurde ausschliesslich durch das mütterliche Blut ernährt. Mit der 
Geburt kommt er aus dem Wasser an die Luft und die Atmung 
und Milchaufnahme treten an die Stelle der Bluternährung. 

Die beginnende Tätigkeit der Lungen und des Darmschlauches 
sind die wichtigsten durch die Geburt erworbenen Eigenschaften. 
Lii übrigen bildet sich der Körper nach der bereits im Fötalleben 
angebahnten rein menschlichen Richtung immer weiter aus. 

Wie in der Phylogenese bereits erwähnt, sind einzelne Rück- 
bildungsprozesse von Organen und Organteilen auch mit der Geburt 
noch nicht abgeschlossen. Jedoch verschwinden die Anklänge an 
ältere Stufen immer mehr, während progressive Veränderungen 
deutlicher in den Vordergrund treten. 

Zu den ersteren sind u. a. der Zahnwechsel, die Umbildung 
des Greiffusses in den Stützfuss zu rechnen, zu den letzteren die 
stets fortschreitende Ausbildung des Gehirns, verschiedener Leitungs- 
bahnen im Rückenmark, und die feinere Ausarbeitung der Gesichts- 
muskeln. 

Innerhalb der zwei ersten Lebensjahre erwirbt das Kind den auf- 
rechten Gang und die Anfänge der Sprache und erhebt sich da- 
durch vom Urzustand zum gehenden und sprechenden Menschen. 



Das Wachstum des Menschen. 



127 



Die An,atoinie des Neugeborenen, namentlich aber die des Er- 
wachsenen, ist in ausführhchster Weise bearbeitet worden, während 
die Anatomie des wachsenden Menschen erst in neuester Zeit die 
Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hat. 

Hier haben wir uns in erster Linie mit der Veränderung der 
äusseren Leibesform, mit der Zunahme an Grösse und Gewicht und 
mit der weiteren Ausbildung des Skeletts 
zu beschäftigen. 

Ende des zweiten Fötalmonats ist 
der Kopf des Embryo ungefähr ebenso 
gross wie der übrige Körper. Von da 
an nehmen Rumpf und Gliedmaassen 
stark zu, so dass bei der Geburt der 
Kopf nur noch ein Viertel der Gesamt- 
länge einnimmt. 

Das neugeborene Kind wiegt 3500 g, 
ist 50 cm lang und zeigt die in Fio-. 76 
dargestellten Körperverhältnisse. 

Die Körperhöhe beträgt 4 Kopf- 
höhen, Arme und Beine sind gleich lano- 
und entsprechen ungefähr 1\2 Kopf- 
höhen, der Rumpf mit dem Halse etwa 
l^ji Kopf höhen. 

Kennzeichnend für den Neugebo- 
renen ist ausser dem grossen Kopf die 
eigentümliche Kletterstellung der Füsse 
(Fig. 77 u. 78). 

Die Klumpfassstellung ist besonders 
am rechten Bein des in Fig. 77 abgebildeten, Avenige Tage alten 
Säuglings gut zu erkennen. 

Der andere Säugling (Fig. 78) zeigt am rechten Bein die stark 
abgespreizte Grosszehe, deren Beweglichkeit ein Aveiteres beson- 
deres Merkmal des Kinderfusses ist. Hält man einem gesunden 
Säugling den Finger hin, dann klammert er sich, ebenso wie mit 
den Händen, auch mit den Füssen daran fest und lässt sich soo-ar 
zuweilen in dieser Weise hochheben, ohne loszulassen. Der Fuss 




Fiff. 76. 



KörperverhäUiiisse eiues 
Xeugeboreuen. 



128 



Die Ontogenese des Menschen. 



des neugeborenen Menschen hat somit nicht nur die Form, sondern 
auch die Funktion des Greiffusses sich erhalten. 

In Fig. 79 sind die Körperumrisse eines gesunden Erwachsenen 
von 25 Jahren mit 180 cm Körperhöhe einem normalen Neu- 
geborenen von 50 cm gegenübergestellt. 

Daraus ist ersichtlich, dass der Körper um 130 cm, also im 
ganzen bis zu 3,6mal von seiner Geburtsgrösse emporwächst. 




Fig. 77. Kind von 14 Tagen. 



Der Kopf wächst aufs Doppelte, der Rumpf aufs Drei- 
fache, der Arm aufs Vierfache und das Bein aufs Fünffache 
seiner Geburtslänge. 

Die ganze Gestalt wächst von 4 Kopfhöhen auf 8 Kopfhöhen 




Fif 



Kind im Alter von 6 Tagen. 



gleich 16 Geburtskopfhöhen. In der Regel ist das Grössenwachs- 
tum mit dem 20. bis 25. Jahr abgeschlossen. In einzelnen Fällen 
konnte ich aber noch nach dem 30. Jahre eine nicht unerhebliche 
Höhenzunahme nachweisen. 

Vor kurzem hat Koganei^) eine ähnliche Beobachtung bei 
japanischen Soldaten gemacht; denn er fand bei einer grossen An- 

^) Mitteilungen der medizinischen Fakultät der Universität Tokio, Bd. VI, 
Heft 2. 1903. 



Das Wachstum des Menschen. 



129 



zahl von Messungen, dass die grössten Menschen unter den Dreissig- 
jährigen gefunden wurden. 

Aehnliche Beobachtungen lassen sich, wie ich a. a. 0. ausgeführt 



J65 



/JO 



133 




.__ 17.^ rtm 



f.yOr/m 



!2ji-/ni 



lOOctm 



jüctrri 



M 2Jcim 



Fig. 79. Giössenverliältui.s des Erwacliseiieu und des Neugeborenen. 

habe, dahin deuten, dass der Abschluss der Entwicklung Neigung 
zeigt, immer weiter hinauszurücken, wodurch, der längeren Zeit 
entsprechend, eine höhere iStufe der Vollendung vorbereitet wird; 
wir hal)en derartige Erscheinungen als progressive Merkmale im 
Sinne Wiedersheims aufzufassen, natürlich nur insoweit, als mit 

Stratz, Die Xatuvgeschiehte des Menschen. 9 



130 



Die Ontogenese des Menschen. 



der Körpergrösse auch eine bessere Auslnldung des Körperbaus ver- 
bunden ist. 

Seit Quetelets Untersuchungen M haben sich die wissenschaft- 



10 12 ^U 16 13 20 Jahre 




Fi£ 



Wachstumskurven von E. v. Lange (scliwarz) und Stratz (rot). 



liehen Bestrebungen gehäuft, gesetzmässige Grundlagen für das 
Wachstum des Menschen zu schaffen. Es hat sich dabei heraus- 



') Des proportions du Corps humain. Bulletin de l'academie royale des 
sciences, lettres et beaux arts de Belgique. XV. 



Das Wachstum des Menschen. 



131 



gestellt, dass zunächst keine gleichmässige 
Zunahme erfolgt, dann aber auch ein Unter- 
schied im Wachstum der Geschlechter vor- 
handen ist. 

Die neuesten und sorgfältigsten Unter- 
suchungen hat E. V. Lange gemacht und 
deren Ergebnis in einer bildlichen Darstel- 
lung zusammengefasst, nach welcher Fig. 80 
hergestellt ist. v. Lange unterscheidet neben 
den für den Durchschnitt berechneten Do- 
minanten eine Reihe von je vier Hoch- 
kurven und Tief kurven , welche für ver- 
schiedene Körpergrössen berechnet sind. 

Die von mir an einer Reihe von 60 
ausgesucht schön und normal gebauten 
Menschen erhaltenen Ergebnisse decken 
sich fast völlig mit der ersten Hochkurve 
von V. Lange , mit dem einzigen Unter- 
schied, dass die Wachstumszunahme etwas 
langsamer einsetzt. 

Ich glaube daher den berechtigten 
Schluss ziehen zu dürfen, dass v. Langes 
Dominante dem Durchschnittswert, die von 
mir gefundenen Kurven dem Normalwert 
entsprechen. 

Die Verschiebung in der Körperge- 
staltung wird besonders deutlich , wenn 
man den Körper des Erwachsenen und den 
des Neugeborenen in derselben Grösse mit- 
einander vergleicht (Fig. 81). Wichtig ist 
hierliei der Umstand, dass der Kopf beim 
Erwachsenen achtmal, beim Neugeborenen 
nur viermal in der Gesamthöhe aufgeht. 

Zwischen diesen beiden Aeussersten bewegen sich die verschiede- 
nen Wachstumsstufen. Es muss demnach zu einer bestimmten Zeit die 
Kopfhöhe fünf-, sechs-, bezw. siebenmal in der Gesamthöhe aufgehen. 



Fig. si. Xeugeboreuer und 
Erwachsener in gleicher Grösse. 



132 Diö Ontogenese des Menschen. 

Nach einer Reihe von eigenen Beobachtungen ist die Skala 
Fig. 82 in der Weise zusammengestellt, dass die verschiedenen 
Wachstumsstufen auf dieselbe Grösse gebracht sind. 

Dem Neugeborenen entsprechen 4 Kopfhöhen, 

„ zweijährigen Kinde entsprechen ... 5 „ 

„ sechsjährigen Kinde entsprechen ... 6 „ 

„ fünfzehnjährigen Kinde entsprechen . . 7 „ 

„ Erwachsenen von 25 Jahren entsprechen 8 „ 

Ausser der Veränderung des Verhältnisses zwischen Kopf und 
übrigem Körper lassen sich an dieser Abbildung auch sämtliche 
anderen Verschiebungen an Rumpf und Gliedmassen leicht über- 
sehen. Das Tiefertreten der Körpermitte, das Längerwerdeu der 
Gliedmassen , besonders der Beine und die relative Verkürzuns^ des 
Rumpfes treten deutlich hervor. 

Beim Koj^fe verdient noch ein besonderes Maass Beachtung, aut 
das Geyer zuerst aufmerksam gemacht hat, nämlich die Verbindungs- 
linie zwischen den beiden Pupillen. Diese Linie teilt beim Er- 
wachsenen den Kopf in zwei gleiche Teile, da sie vom Scheitel 
gleich weit entfernt ist, wie vom Kinn. Je jünger ein Individuum 
ist, desto tiefer rückt der obere Grenzpunkt herunter, und zwar in 
demselben Verhältnis, als der Gehirnschädel den Gesichtsschädel 
überwiegt. 

Neuerdings hat Seggel ^) dieser Pupillarlinie, welche er 
Grundlinie nennt, eine besondere Bedeutung beigelegt, da nach 
seinen Beobachtungen die Breite dieser Linie ziemlich genau der 
Breite des Vorderhirns entspricht und somit im Zusammenhang mit 
der Körpergrösse geeignet erscheint, ein wichtiges anthropologisches 
Merkmal zu werden. 

Eine übersichtliche Zusammenstellung der Grössen- und Gewichts- 
zunahme während des Wachstums geben die folgenden Tabellen. 
Der ersten liegen die genauen Zusammenstellungen eigener und 
fremder Maasse von Monti^) zu Grunde. Ich habe diese durch 
Beifügung der Körperlänge und Kopfhöhenzahl vervollständigt. 

') Uebei" das Verhältnis von Schädel- und Gehirnentwicklung zum Längen- 
wachstum des Körpers, Archiv für Anthropologie 1903. S. 1. 
^) Kinderheilkunde in Einzeldarstellungen. 1899. S. 544. 



W »i 




134 



Die Ontogenese des Menschen. 



Grössen- und Gewichtszunahme des Säuglings. 







Körpergewicht 














Körpe 


"läno^e 


Alter 


Tägliche 


Monatliche 


Gesamtgewicht 






Zunahme 


Zunahme 


Knaben 


Mädchen 


cm 


Kh. 


Neugeborenes 


i 




3500 


3250 


50 


4 


1. Monat 


30 


900 


4400 


41.50 


— 


— 


2. , 


28 


840 


5240 


4990 


— 


— 


8. „ 


25 


750 


5990 


5740 


60 


— 


4. . 


22 


660 


6650 


6400 


— 




5. . 


19 


570 


7220 


6970 






6. 


16 


480 


7700 


7450 


65 


4'/4 


7- . 


14 


420 


8120 


7870 


— 


— 


8. . 


12 


360 


8480 


8230 


— 


— 


9. , 


11 


330 


8810 


8560 


— 


— 


10. , 


9 


270 


9080 


8830 


70 


— 


11. , 


8 


240 


9320 


9070 


— 


— 


12. „ 


6 


180 


9500 


9250 


75 


4'/, 


Jährliche Gewic 


htszunahme 


6000 


Grössenz 


unahme 


25 


— 



An diese Aufstellung scliliesst sich die gleichfalls nach den 
mittleren Werten von Monti berechnete Tabelle für das erste bis 
siebzehnte Lebensjahr, welche mit der Berechnung von v. Lange 
ziemlich genau übereinstimmt. 



W a c h s t u m s s t u f e n. 













Gesamthöhe 


Gewicht 




Altersstufen 




c 

,i3 


Kopf- 
höhen 




Zu- 




Zu- 












cm 


nahme 


kg 


nahme 




Säuglingsalter 




1 


4V2 


75 


25 


9 





^g 




1 
1 


2 


5 


85 


10 


11 


2 


s s 


Erste Fülle 


3 


5'/4 


93 


8 


12,5 


1,5 


M« 




4 


5V-3 


97 


.5 


14,5 


2 


(U !h 




1 


5 


5^,4 


103 


6 


16 


1,5 




Erste Streckung 




6 


6 


111 


8 


17 


1 






1 


7 


6V4 


121 


10 


19 


2 






1 


8 




125 


• 4 


21,5 


2,5 




Zweite Fülle 


9 


— 


128 


3 


23,5 


2 


Is 




1 


10 


6V2 


130 


2 


25,5 


2 


ojS 






11 


6='/4 


135 


5 


28 


2,5 


C P! 






12 


7 


140 


5 


30,5 


2,5 


M ^ 


Zweite Streckung 




13 


VI 


145 


5 


33 


2,5 


S2 






14 




150 


5 


37 


4 


'S 






15 


Vh 


155 


5 


41 


4 


N] 


Reifung 


{ 


16 
17 


Vh 


160 
165 


5 
5 


45 
50 


4 
5 



Das Wachstum des Menschen, 135 

Aus dieser Tabelle ist ersiclitlich , dass das Wachstum aus 
verschiedenen Stufen besteht, in denen entweder die Grössenzunahme 
oder die Gewichtszunahme überwiegt. An das Säuglingsalter schliesst 
sich eine erste Periode der Fülle an, welche bis zum vierten Lebens- 
jahre reicht; dann folgt eine Periode der Streckung bis Ende des 
siebenten Lebensjahres. Im achten bis zehnten Jahre tritt wieder 
eine Periode der Fülle ein, um mit dem elften Jahre in die zweite 
Streckung überzugehen, welche sich in der Reife verliert^. 

Li Fio-. 83 sind diese vier Wachstumsstufen nach Umrissen 
von Geyer zusammengestellt. Man sieht daraus, dass die Kinder 
nicht etwa in der Streckung lang und mager, in der Fülle kurz 
und dick sind, sondern dass die Kinder in den Perioden der Streckung 
verhältnismässig mehr in der Länge, in denen der Fülle 
mehr in der Breite zunehmen. 

Diese verschiedenen Wachstumsstufen unterscheiden sich aber 
noch in anderer Hinsicht voneinander. Bis zum siebenten Lebens- 
jahr, also während der Säuglingszeit, der ersten Fülle und ersten 
Streckung, weisen die Kinder mit Ausnahme der schon im Anfang 
des dritten Fötalmonates kenntlichen primären Geschlechtsteile keiner- 
lei Unterschiede auf. 

Von da ab macht sich, zunächst beim weiblichen Geschlecht, 
mehr und mehr der sekundäre Geschlechtscharakter bemerkbar. 

Somit bilden die drei ersten Abschnitte zusammen das erste 
oder neutrale Kindesalter, die folgenden das zweite oder 
bisexuelle Kindesalter. 

Ln ersten Kindesalter werden hauptsächlich Eigenschaften aus- 
gebildet, die zum weiteren Ausbau des Lidividuums dienlich sind, 
während im zweiten auch der Geschlechtscharakter sich ausprägt, 
der zur Erhaltung der Art erforderlich ist. 

Seinem früheren Auftreten beim Weibe entspricht auch in der 
Wachstumskurve ein stärkeres Aufsteigen, welches sogar zwischen 
dem elften und fünfzehnten Jahr so erheblich zunimmt, dass die 
Mädchen zu dieser Zeit gleichaltrige Knaben absolut an Grösse 
und Gewicht übertreffen. Diese zuerst von Bowditch wahrge- 



') Ausführliches siehe Stratz, Der Körper des Kindes. 



136 



Die Ontogenese des Menschen. 



nommene Tatsache ist seither von allen späteren Untersuchern 
immer wieder bestätigt worden. 



Erstes Ixiri desall^r 



Zweites Kindes alter 



Erste Fülle 



Erste Streckung 



Zn-eiie Fiillc 



Zweite Streckung 




Fig. 83. Normale Stufen des Kiudesalters nacli Geyer. 



Erst nach dem fünfzehnten Jahr fangen auch die Knaben stärker 
zu wachsen an, und holen die Mädchen bald ein, um ihnen in 
der Endffrösse um durchschnittlich 10 cm überlegen zu bleiben. 



Das Wachstum des Menschen. J37 

Nach Abschluss des Höhenwachstums nimmt das Gewicht noch 
langsam zu, und erreicht unter normalen Verhältnissen erst um das 
vierzigste Lebensjahr seine volle Ausdehnung. 

Für Euroj)a kann eine Körpergrösse von 180 cm für den Mann, 
von 170 cm für die Frau als Normalmaass, eine solche von 170 cm 
für den Mann und 160 cm für die Frau als Durchsclmittsmaass an- 
gesehen werden, während das Gewicht beim erwachsenen Manne 
70 — 80 kg, bei der erwachsenen Frau 60 — 70 kg beträgt. 

Als Einheit genommen hat sich der Mensch aber auch in der Aus- 
bildung der Grösse und des Gewichts seines Körpers eine sehr grosse 
Variabilitätsbreite bewahrt. Die individuell sehr schwankende Körper- 
höhe bewegt sich innerhalb der Grenzen von 140 — 200 cm. lieber 
und unter dieser Grenze finden sich noch einzelne Exemplare, welche 
als Zwerge und Riesen ausserhalb der normalen Gestaltung stehen. 

Ein wichtiger physiologischer Vorgang, der durch die ganze Zeit 
des Wachstums sich hinzieht, ist die Ausbildung des Gebisses. 

Die ersten Anlagen der Zähne, die Zahnsäckchen, bilden sich 
bereits am Ende des zweiten Fötalmonates, und schon im fünften 
fangen sie an hart zu werden. 

Im Säuglingsalter sind die Zähne schon innerhalb der Kiefer 
vorgebildet, so dass die erste, sogen, zahnlose Periode des Säug- 
lings sich eigentlich nur dadurch kennzeichnet, dass die Zähne 
noch nicht nach aussen durchgebrochen sind. Im sechsten bis achten 
Monat bricht der erste Milchzahn durch, und ungefähr am Ende des 
zweiten .Jahres ist das Milchzahngebiss völlig sichtbar. 

2 14 12 
Es besteht aus 20 Zähnen mit der Formel 7; — - — j — ; — —, 

wobei auf jedem Kiefer je 4 Schneidezähne, 2 Eckzähne und 
4 Mahlzähne stehen. 

Das Milchzahngebiss ist kennzeichnend für die erste Kindheit. 
Mit Beginn der zweiten Kindheit fallen die Milchzähne aus und an 
ihre Stelle treten mit dem Zahnwechsel die bleibenden Zähne. 

Das bleibende Gebiss besteht aus 32 Zähnen mit der Formel 

3 2 14 12 3 

~Q — ö — 1 — i — 1 — ö — Q ^ wobei auf jedem Kiefer in der Mitte 4 Schneide- 

zahne stehen, denen sich jederseits je 1 Eckzahn und fünf Mahl- 



138 I^iö Ontogenese des Menschen. 

zahne anschliessen. Von den 5 Mahlzähnen werden die 2 vorderen 
kleineren Prämolare, die 3 hinteren grösseren Molare genannt. Der 
letzte dieser 3 ist der sogen. Weisheitszahn. 

Die zweite Zahnung kann noch als eine Reminiszenz an die 
Fischahnen mit ihrem stets sich erneuernden Gehiss betrachtet 
werden; die in seltenen Fällen beobachtete dritte Dentition ist, wie 
bereits gesagt, als Rückschlag aufzufassen. 

Mit dem Gebiss anderer Säugetiere verglichen nimmt also der 
Mensch gewissermassen einen neutralen Standpunkt, eine Mittel- 
stellung ein. 

Die bei den Nagern so stark ausgebildeten Schneidezähne, die 
bei den Raubtieren mächtig wuchernden Eckzähne, und die breiten 
Kauflächen der Molarzähne der Wiederkäuer finden sich beim 
Menschen in abgeschwächter Form wieder, ohne dass eine dieser 
Zahnarten stärker hervortritt. Auch hierdurch kennzeichnet sich 
der Mensch gewissermassen als collective type im Sinne Huxleys, 
da es sehr wohl denkbar ist, dass sich aus einem menschlichen 
Gebiss ein den genannten drei Tiergattungen ähnliches entwickeln 
kann, aber in keinem Falle umgekehrt ein Raubtier-, Nagetier- 
oder Wiederkäuergebiss dem menschlichen zum Ausgangspunkt 
dienen könnte. 

Hierdurch ist auch ein fundamentaler Unterschied zwischen 
Menschen und Anthropoiden geschaffen, da die Anthropoiden durch 
starke Ausbildung der Eckzähne sich dem Karnivorentypus genähert 
und dadurch ebensoweit vom menschlichen Typus entfernt haben. 

Von allen Tiergebissen kommen die der Insektivoren dem 
Menschen noch am nächsten. 

Eine besondere wissenschaftliche Bedeutung erlangt das Ge- 
biss seiner Härte und Widerstandsfähigkeit wegen für die Palä- 
ontologie, die oft allein auf den Befund von Zähnen und Knochen 
angewiesen ist, wenn die Zeit die weicheren Teile des Körpers 
zerstört hat. 

Nach Welker^) erfolgt der Durchbruch der Zähne in folgender 
Weise : 



*) Untersuchungen über Wachstum und Bau des menschlichen Schädels. 1862. 



Das Wachstum des Menschen. 139 

Milclizüline 



Erster Scliiieidezaliii . 
Zweiter Schneidezahn 
Erster Backzahn . 
Eckzahn .... 
Zweiter Backzahn 



im 6.— 8. Monat 
„ 0.- 9. , 
., 12-15. „ 
„ 18.-20. „ 
„ 20.-24. „ 



B 1 e i 1j e n d e Zähne 

Erster Moharzahn im 7. Jahre 

Erster Schneidezahn , 8. „ 

ZAveiter Schneidezahn . . . ., 9- « 

Erster Prämolarzahn ..... 10. „ 

Eckzahn „ H. — 13. „ 

Zweiter Prämolarzahn . . . ., 11. — 15. 

Zweiter Molarzahn . . . . „ 13. — IG. „ 

Dritter Molar-(Weisheits-)Zahn „ 15.— 30. ., 

Die Figuren 84 his 86 zeigen das Gebiss im 1.— 25. Lebens- 
jahre nach Henke und Toi dt. 

Fig. 84 stellt den Oberkiefer eines einjährigen Kindes dar, 
bei dem die 4 Schneidezähne und die vorderen Backzähne sichtbar 
sind; die hinteren Backzähne sind im Durchbrechen, die Eckzähne 
noch nicht sichtbar. 

Mit 6 Jahren (Fig. 85) hat sich das Milchgebiss völlig ent- 
wickelt, dahinter sind die bleibenden Backzähne zu Tage getreten. 

Das vollständige Oberkiefergebiss eines erwachsenen Mannes 
von 25 Jahren zeigt Fig. 86. 

Es ist selbstverständlich, dass das Gebiss einen schwerwiegen- 
den Einfluss auf die Gestaltung des Gesichts hat. Demnach ist 
auch ein grosser Teil der oben erwähnten Grössenzunahme des Ge- 
sichts im Verhältnis zum Gehirnschädel der mächtigen Entwicklung 
des Gebisses, bezw. der Kiefer zuzuschreiben. 

In einer kürzlich erschienenen Arbeit hat Görke^) die bereits 



') Gestaltung des Schädels bei Anthropomorphen und Menschen. Archiv 
für Anthropologie. 1. 2. S. 91. 1903. 



140 



Die Ontogenese des Menschen. 



früher veröflFentlichten Beobachtungen von Walkhoff ^) bestätigt 
und erweitert. Durch Röntgenphotographien gelang es ihnen, nach- 
zuweisen, dass den stärker entwickelten Zähnen auch stärkere 
Knochenleisten des Gesichtsschädels entsprechen, welche als Haupt- 
trajektorien bezeichnet werden. 

In seltenen Fällen ist bei Menschen ein vierter Molarzahn be- 
obachtet worden, Klaatsch") bildet einen solchen von einer 
Australierin ab. Noch häufiger jedoch findet sich, dass selbst der 
dritte Molarzahn nicht regelmässig zur Ausbildung kommt. Das 
Auftreten des vierten Molarzahns darf als ein individueller Rück- 
schlag und bei häufigerem Vorkommen innerhalb einer Menschen- 




Fig S4 

Gebiss eines ijahrigen 
Kindes. 



Gebiss eines ejälirigen 
Kindes. 



Fig. 86. 

Gebiss eines 25jälirigen 

Mannes. 



gruppe als ein Zeichen ihrer primitiven Bildung betrachtet werden. 
Das Fehlen des dritten Molarzahns bei zahlreichen Individuen aller 
Rassen (ich habe dies mehrmals bei Javanen gesehen) weist auf 
einen allgemeinen Rückbildungsprozess des menschlichen Gebisses 
hin, welches mehr und mehr seine Bedeutung für den modernen 
Kampf ums Dasein verliert. 

Von weit grösserer Bedeutung für die äussere Körperform des 
Menschen ist das Knochengerüst. Gleich der Ausbildung des 
Gebisses zieht sich auch die Umwandlung des Knorpelgewebes in 
bleibende Knochen weit in das extrauterine Leben hinein. Erst gegen 



^) Der Unterkiefer der Anthropomorphen und der Menschen in Selenka : 
Menschenaffen. IV. 1902. 

2) Weltall und Menschheit 1. c. 



Das Wachstum des Menschen. 



Ul 



Ende des 45. Lebensjahres ist die Bildung des knöchernen Skeletts 
vollendet, die überhaupt niemals, wie bereits bemerkt, so vollständig 
wird, Avie bei Reptilien und Vögeln. 

Die Knochenbildung wird bereits in den letzten Monaten des 
Fötallebens eingeleitet durch die Bildung von Knochenkernen, 
den Ossifikationspunkten, von denen aus allmählich der ganze Skelett- 
teil verknöchert. 

Fig. 87, dem schönen Werk von Toldt entnommen, stellt 





Fig. 87. Kuochenkerue des raensililiclieu Fusses uacli Tolilt. 



diesen Vorgang am Fussskelett dar. Fig. 87a zeigt das erste 
Auftreten der Knochenkerne bei einem 9monatlichen Embryo in den 
Diaphysen, den mittleren Abschnitten der Knochen des Mittelfusses 
und der Zehen. Der Vorgang ist völlig derselbe wie in den langen 
Röhrenknochen der Gliedmassen. Auch dort verknöchern zunächst 
die Mittelstücke, die Diaphysen, und dann erst treten in den beiden 
Endstücken, den Epiphysen, Knochenkerne auf, bis sie schliesslich 
zu einem Ganzen zusammenschmelzen. In Fig. 87a hat sich auch 



142 



Die Ontogrenese des Menschen. 



im Sprungbein (Talus) und Fersenbein (Calcaneus) ein Knocbenkern 
gebildet. 

Beim neugeborenen Kind (87 b) tritt ein Aveiterer im Würfelbein 
(Cuboid) auf. Beim Kind von drei Monaten (87 c) bat sieb auch 
einer im dritten Keilbein (Cuneiforme III) gebildet, während die 




Fig. 88. Haud eines injiilirigen Kindes mit llüntgeiistrahleu photograpliiert. 

Verknöcherung in den Pbalangen weiter fortgeschritten ist. Im 
dritten Jahre (87 d) hat auch das erste Keilbein (Cuneiforme I) 
seinen Knochenkern erhalten. Erst im sechsten (87 e) zeigt sich ein 
Knochenkern im mittleren Keilbein und ein ganz kleiner Ossifika- 
tionspunkt in dem zwischen Sprungbein und Keilbeinen liegenden 
Schiffbein (Os naviculare). 



Das Wachstum des Menseben. 



143 



Bezüglich der analogen Prozesse Lei den übrigen Knochen sei 
auf das sorgfältige Werk von Toi dt verwiesen. Hier sei nur noch 
erwähnt, dass in der Handwurzel das hochwichtige, von Rosen- 
berg beim menschlichen Fötus nachgewiesene Os centrale, das für 
die Abstammung des Menschen von Amphibien zeugt, zuweilen 



1 

1 


1 


4 


i 

1 




Fig. 89. Armskelett fiiies ftw.i 
lO.jiUn-igen Knaben (Trumomli. 



Kig. ;iu. ISeinskelett eines et\\;i 
lOjiihrigen Kniilieu (Tramoml ). 



noch als zweiter Ossifikationspunkt im Kahnbein nachzuweisen ist. 
Toi dt bildet einen Fall ab, in dem das Os centrale als solches noch 
völlig erhalten ist. 

Dank Röntgen sind wir jetzt in der Lage, die fortschreitende 
Ossifikation auch am lebenden Menschen zu sehen. Fig. 88 ist die 
mit Röntgenstrahlen photographierte Hand eines etwa zehnjährigen 



144 



Die Ontoofenese des Menschen, 



Knaben. Die Gelenkenden (Epipliysen) der Unterarmknochen sind 
noch nicht mit den Mittelstücken (Diaphysen) knöchern verwachsen, 
ebensowenig ist dies der Fall bei den Mittelhandknochen und Findern. 
Die Handwurzelknochen erscheinen bereits gut ausgebildet, jedoch 
ziemlich weit voneinander getrennt. 

Die Figuren 89 und 90 zeigen die durch Tramond montierten 




Fig. 91. Montiertes Skelett de.s Neugeborenen, des vier-, aclit- und zwülfmonatlichen 
Kindes (von Tramond). 

Knochen von Gliedmassen eines etwa zehnjährigen Knaben. Hier 
heben sich die zum Teil noch knorpeligen Gelenkenden der Röhren- 
knochen deutlich von den verknöcherten mittleren Diaphysen ab. 
Auch an den gespreizt dargestellten Knochen der Hand und des 
Fusses sind die noch nicht vereinigten Teile der einzelnen Knochen 
ohne weiteres zu sehen. 

Die fortschreitenden Verknöcherungsprozesse ebenso wie die 
wechselnden Wachstumsverhältnisse der einzelnen Knochen verdeut- 
licht am besten ein vergleichender Blick auf die Figuren 91, 92, 



Das Wachstum des Menschen. 



145 





Fii 



S)2. Maunliches montiertes Skelett 
(von Traniondj. 



Fiff. 93. 



Weililii'hes montiertes Skelett 
(von Tramond). 



93, welche alle nach montierten französischen Skeletten von Tramond 
gemacht sind. 

Fig. 91 zeigt die Skelette eines Neugeborenen, und daneben die 
eines viermonatlichen, achtmonatlichen und einjährigen Kindes. 

Fig. 92 ist das Skelett eines ausgewachsenen Mannes und Fig. 93 

st ratz, Die Naturgeschichte des Menschen. 10 



146 Die Ontogenese des Menseben. 



das einer erwachsenen jugendlichen Frau. Auf die Geschlechtsunter- 
schiede zwischen den Skeletten der Erwachsenen kommen wir weiter 
unten zurück. Vergleicht man beide mit den kindlichen Skeletten, 
dann sieht man zunächst die Unterschiede in den Körperverhält- 
nissen, die sich in Fig. 81 und 82 in der äusseren Form zeigten, 
am Skelett noch schärfer ausgeprägt. 

Der Gesichtsschädel und die Gliedraassen sind im Verhältnis 
stark gewachsen, der Gehirnschädel und der Rumpf sind mehr zu- 
rückgetreten. 

Die Form der Knochen ist schärfer ausgeprägt, und die durch 
den Muskelzug hervorgerufenen Vorsprünge, Höcker und Leisten 
machen sich, besonders beim Mann, deutlich bemerkbar. 

Bezüglich des ursächlichen Zusammenhangs zwischen der Be- 
Avegungstätigkeit der Muskeln und der Ausbildung der Knochen sei 
auf die anatomischen Handbücher verwiesen. Hier sei nur kurz 
der wichtigen Veränderung gedacht, welche durch den statischen 
Einfluss des aufrechten Gangs auf das Skelett hervorgebracht wird. 

Wie Merkel^) nachgewiesen hat, wird dieser Vorgang schon 
im Embryonalleben durch die Lendenkrümraung der Wirbelsäule 
vorbereitet. 

Entsprechend der Weismannschen Hypothese ist somit die 
mechanische Anpassung der Wirbelsäule an den aufrechten Gang 
schon vor dem Eintreten der Funktion durch Selektion angestrebt 
Avorden. 

Fig. 94 stellt einen siebenmonatlichen Fötus nach Merkel im 
Mediandurchschnitt dar. An den Wirbelkörpern sind die Knochen- 
kerne bereits gebildet, während die hinteren Wirbelbogen grössten- 
teils noch aus Knorpel bestehen. Im Verlauf der Wirbelsäule macht 
sich eine Vorbuchtung in der Lendengegend bemerkbar, während 
in der Brustgegend eine stärkere Wölbung nach hinten besteht, 
der wiederum eine Vorbuchtung der Halswirbelsäule entspricht. 

Fig. 95 ist ein entsprechender Durchschnitt durch den Körper 
eines erwachsenen Mannes nach Braune, wobei in der Zeichnung 
die Brustwirbelsäule auf dieselbe Grösse wie die des Fötus gebracht 



') Menschliche Embryonen in Medianscbnitten. Ein Beitrag zur Mechanik 
der Entwicklung. Göttingen 1894. 



Das Wachstum des Menschen. 



147 



ist (ebenfalls nach Merkel), um die Vergleichung beider Figuren 
zu erleichtern. 

Die beim Fötus schon sichtbaren Krümmungen der Wirbelsäule 
sind hier zu ihrer vollen Ausbildung gehingt. 




Figi 94. Mediaiulurclischnitt 

eines siebenmouatlichen Fütiis 

(uacli Merkel). 



sei 



^^ 



Fig. 95. Jlediaiidurchschnitt 

eines erwachsenen Jlannes 

nach Braune liei gleiclilanger 

Brustwirbelsiuile wie Fig. 94. 



Der Neigungswinkel der Beckeneingangsebene (.s^j) ist steiler 
geworden, an dem äusseren Körperumriss erscheint das Kreuz hohler 
und das Gesäss stärker vorspringend. In dieser Haltung befindet 
sich der Oberkörper im Gleichgewichte für die aufrechte Stellung 
und ruht auf dem unteren Gliedmassengürtel, dem Becken. 

Ausser der Krümmung ist die starke Ausbildung und Verbrei- 



148 



Die Ontoofenese des Menschen. 



terung des Beckens die wesentlichste Anpassung an den aufrechten 
Gang. Dem Becken fällt die doppelte Aufgabe zu, die auf ihm 
ruhenden inneren Organe zu tragen, und den kräftigen Muskeln der 
Hüfte , des Gesässes und Oberschenkels als Haftstelle zu dienen. 




Fi f. 




Fig. 'JH. Fig. 99. 

Schädel des Neugeborenen und Erwachsenen in vorderer unil seitlicher Ansicht auf die 
gleiche Grösse gebracht (nach Henke und Langer). 

Seine mächtige Entfaltung ist bei Vergleichung der Figur 91 mit 
92 und 93 zu erkennen. 

Nächst dem Becken sind die Oberschenkelknochen am stärksten 
durch die Funktion als Stützorgan beeinflusst. Sie sind im Ver- 
hältnis länger und kräftiger als bei sämtlichen Tieren. 

Dementsprechend haben auch die an Becken und Oberschenkel 
befestigten Muskeln an Umfang zugenommen, Avas sich in der äus- 
seren Form durch die starke Fülle und Rundunsr der Oberschenkel 



Das Wachstum des Menschen. X49 



und namentlich des Gesässes ausspricht. Ein kräftig entwickeltes 
Gesäss ist demnach ein dem Menschen eigentümliches Merkzeichen 
höherer Entwicklung. 

Am Fuss zeigt sich, wie bereits besprochen Avurde, der Einfluss 
des aufrechten Ganges namentlich in der Verstärkung des ersten 
Zehenstrahles, die mit einer allmählichen Reduktion der anderen 
Zehen gepaart geht. 

Weitere, durch den aufrechten Gang bedingte Errungenschaften 
sind die grosse Beweglichkeit und Aufrechtstellung des Kopfes, und 
die völlige Entlastung der oberen Gliedmassen vom Stützen des 




Fig. 100. Srliadeluiin-iss des Neugeborenen und Erwachseneu in gleicher Grösse 
auf die Stirnohrlinie eingestellt. 



Körpers, welche dadurch in der Lage sind, in freiester Entfaltung 
anderweitig verwertet zu werden. 

Die durch die Anpassung an den aufrechten Gang verursachte 
Umlagerung innerer Organe hier ausführlich zu besprechen , würde 
zu weit führen. Die Andeutung möge genügen, dass eine freie 
Entfaltung der Lungen, eine stärkere Wölbung des Brustkorbes, eine 
kräftige Ausbildung des Zwerchfells ebenfalls auf diese Ursache zu- 
rückzuführen sind. 

Von ganz besonderer Bedeutung wegen ihrer Beziehungen zum 
Gehirn sind die Veränderungen, welche der Schädel beim Wachs- 
tum erleidet. 

Die Fio'uren 96 — 99 stellen den Schädel des Xeugfeborenen 



150 



Die Ontogenese des Menschen. 



neben dem auf dieselbe Grösse gebracliten, also um die Hälfte ver- 
kleinerten Schädel des Erwachsenen nach Henke und Langer dar. 
Beim Neugeborenen sind Gehirnschädel und Augenhöhlen ver- 
hältnismässig viel grösser, beim Erwachsenen macht die stärkere 
Kiefer- und Gesichtsbilduns sich greltend. 



se~3Ih 



Fia-. 101. 



Fig. 102. 




/ 


( 


\r 

















Fig. 101. Gesichts- imd Gehiniscliädelinnriss des Neugeborenen von der Seite. 
Fig. 102. Cresiclits- und Gehirnscliädelumriss des Erwachsenen von der Seite. 



Der wesentlichste Unterschied besteht beim Erwachsenen in 
der Zunahme des Gesichts im Verhältnis zum Schädel. 

Besonders deutlich wird dieser Unterschied, wenn man die Um- 
risse beider Schädel nach der oben angegebenen Weise bei gleicher 
•Grösse der Stirnohrlinie übereinander zeichnet (Fig. 100). Beim 
Kind überwiegt der Schädelumriss, beim Mann der Gesichtsumriss. 

Zur zahlenmässiffen Feststellung lässt sich eine einfache Methode 



Das Wachstum des Menschen. 



151 



der Berechnung anwenden, welclie sich auf die von Retzius be- 
gründete Bestimmuno; von Indices stützt. 

Retzius benutzte den Index zunächst für das Verhältnis zw^ischen 
Breite und Länge des Schädels. 

Die Berechnung des Index geschieht in der Weise, dass das 



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V 





Fig. 103. 



V. ^ 








N. W2H 1 




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Fis. 104. 





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j 


216. 


, 1 






/ 




V 


^ 









Fig. 103. Gesichts- und Gehirnschädehimriss des Neugebore ui'ii Vdii vorn. 
Fig. 101. Gesichts- und Gehiruschädelumriss des Erwachsenen von vorn. 



eine Maass mit 100 vervielfältigt und dann durch das zweite Maass 
geteilt wird. Die dadurch erhaltene Zahl, der Index, bedeutet, dass 
sich das erste Maass zum zweiten verhält, wie der Index zu hundert. 

Um das Verhältnis zwischen Gesichts- und Hirnschädel, den 
Gesichtsgehirnschädelindex, zu berechnen , lässt sich in folgender 
Weise vorgehen. 

In Fiff. 101 ist der Schädelumriss des Neujreborenen auf klein- 



152 Die Ontogenese des Menschen 



kariertes Papier übertragen. Bei der Auszählung ergibt sich, dass 
der Gesichtsdurchschnitt 909 , der Gehirnschädeldurchschnitt 5148 
kleine Vierecke in sich fasst. 

7^ 11 1 . • 1 j T 1 800 X 100 ,^^ , , . 

Danach berechnet sich der Index ^— -^ =17,6; das heisst, 

514o 

dass der Gesichtsdurchschnitt des Neugeborenen sich zum Gehirn- 
schädeldurchschnitt verhält wie 17,6 (18) zu 100, also kaum ein 
Fünftel davon beträgt. 

Beim erwachsenen Mann (Fig. 102) umfasst der Gesichtsschädel 
1640 Vierecke, der Hirnschädel 3825. 

Der Index ist demnach • = 42,8. 

o825 

Mit anderen Worten ist das Verhältnis des Gesichts zum 
Schädel wie 42,8 (43) zu 100, also etwas weniger als die Hälfte. 

Etwas anders gestalten sich die Verhältnisse, wenn statt der 
Seitenansicht die Vorderansicht benutzt wird. 

Beim Neugeborenen (Fig. 103) erhalten wir 1829 Vierecke auf 
4810, was einem Index von 3 8 entspricht, beim Erwachsenen (Fig. 104) 
finden sich 2161 Vierecke zu 3472, einem Index von 62 entsprechend. 

In der Vorderansicht beträgt demnach der Gesichtsschädel beim 
Neugeborenen zwei Fünftel, beim Erwachsenen zwei Drittel 
des Gehirnschädels. 

In der seitlichen Ansicht ebenso wie in der von vorn stellen 
die Umrisse die jeweils grösste Flächenausdehnung dar. Der Unter- 
schied der seitlichen und der vorderen Indices erklärt sich aus dem 
Umstand, dass die grösste Ausdehnung des Gesichts in die Breite 
mit der Vorderansicht, die grösste Ausdehnung des Gehirnschädels 
in die Länge mit der Seitenansicht zusammenfällt. 

Um eine annähernde Bestimmung des Kubikinhalts zu bekommen, 
kann man in folgender Weise vorgehen. 

Man vervielfältigt die Zahlen der Vorderansicht mit den durch- 
schnittlichen Längsdurchmessern der Seitenansicht, bezw. 32 und 92 
beim Kinde, 45 und 83 beim Erwachsenen, und berechnet aus diesen 
Zahlen wiederum den Index. 

Für den Neugeborenen ergibt sich ein Index von 16 (15,6), für 
den Erwachsenen von 34 (33,7). Danach wäre der Gesamtinhalt 



Das Wachstum des Menschen. 153 

des Gesichts beim Neugeborenen nur halb so gross wie der des 
Erwachsenen, und umfasste das Gesicht des Kindes V"i das des Er- 
wachsenen V-' des Gehirnschädels. 

Von den Retziussclien unterscheiden sich die hier aufgestellten 
Indices dadurch, dass nicht zwei Linien, sondern zwei Flächen, 
bezw. Körper miteinander verglichen werden. Ich lasse es dahin- 
gestellt, ob sich eine derartige Anwendung der Indices in grösserem 
Massstabe empfiehlt. Immerhin genügen sie der ersten wissenschaft- 
lichen Anforderung , die man überhaupt bei der Aufstellung von 
Indices stellen muss, nämlich der, dass nur anatomisch völlig 
gleichwertige Grössen miteinander verglichen werden dürfen. Dies 
ist bei vielen der in der Anthropologie eingebürgerten Indices leider 
nicht der Fall. Selbst bei der klassischen Bestimmung des Längen- 
breitenindex von Retzius wird nur die grösste Breite mit der 
gros st en Länge des Schädels verglichen, ohne dass dem ana- 
tomischen Wert der Messpunkte irgendwie Rechnung getragen wird. 

Von den hier gegebenen Berechnungen scheint mir die erste, 
welche die mittleren Sagittaldurchschnitte der Schädel miteinander 
vergleicht, am geeignetsten, das Augenmaass durch Zahlenwerte nach- 
zuprüfen; denn in der Profilansicht ergeben sich die Messpunkte 
bei genauer Einstellung auf die Stirnohrlinie von selbst, während 
in der A^orderansicht die Abgrenzung zwischen Gehirn- und Ge- 
sichtsbezirk schwieriger und mehr von der persönlichen Auffassung 
des Untersuchers abhängig ist. In jedem Falle aber liegt der Vor- 
teil der Indices nur in der Aeranschaulichung der Grössenunter- 
schiede, nicht aber in dem absoluten Wert der Zahlen. 



C) Die geschlechtlielie Entwicklung. 

Wichtigste Literatur. 

1. Havelock Ellis. Mann und Weih (Deutsch von Kurella). 2. Auflage. 1904. 

2. Ranke, Der Mensch. Bd. II. 2. Auflage. 

3. Bartels-Ploss, Das Weib in der Natur- und Völkerkunde. 

4. Geyer, Der Mensch. 

5. Merkel, Handbuch der topographischen Anatomie. Vieweg 1896. 

6. Brücke, Schönheit und Fehler der menschlichen Gestalt. 2. Aufl. 1893. 
Bei Havelock Ellis und Bartels findet sich ein reichhaltiges Verzeichnis 

aller weiteren einschlägisen Werke. 



154 Die Ontogenese des Menschen. 

Bei der Ausbildung der Geschlechtsmerkmale spielt neben der 
natürlichen auch die geschlechtliche Zuchtwahl eine ebenso grosse 
als geheimnisvolle Rolle. Das Wesen der geschlechtlichen Zucht- 
wahl zu ergründen ist bis heute trotz Darwin immer noch ein 
frommer Wunsch geblieben. Gerade beim höher entwickelten Menschen 
spielen dabei eine solche Menge sozialer und kultureller Umstände 
mit, dass die einschlägigen Verhältnisse sich jeder Beurteilung ent- 
ziehen. Tatsache ist, dass mit der steigenden Kultur auch die je- 
weilige Ausbildung der sekundären Geschlechtscharaktere gesteigert 
wird. Mit dieser Tatsache müssen wir uns vorläufig begnügen, und 
auf eine nähere Begründung verzichten. 

Man unterscheidet die j^rimären Geschlechtsmerkmale, die 
eigentlichen Geschlechtsorgane, und die sekundären Geschlechts- 
merkmale, worunter alle übrigen Anpassungen des Körpers an das 
männliche, bezw. weibliche Geschlecht zusammengefasst werden. 

Den tiefgreifenden Einfluss, den besonders die Geschlechtsdrüsen 
auf den Ausbau des gesamten Organismus ausüben, haben nament- 
lich Hegar^) und seine Schüler dargetan durch den Nachweis, dass 
bei mangelhafter Entwicklung oder krankhafter Veränderung der- 
selben-) auch die Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale 
unvollkommen wird oder gänzlich unterbleibt. 

Die ersten deutlich erkennbaren primären Geschlechtsmerkmale 
sind bereits am Ende des zweiten Fötalmonates gefunden worden; 
es ist aber anzunehmen, dass schon viel früher das Geschlecht des 
Individuums bestimmt ist, aber mit den uns zur Verfügung stehen- 
den Mitteln noch nicht erkannt werden kann. 

Bis zum Anfang der zweiten, bisexuellen Kindheit verharren 
die Geschlechtsorgane in einem indifferenten Zustand, um dann zu- 
erst beim Weibe und später auch beim Manne ihre geschlechtsreife 
Form anzunehmen. 

Mit der Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale ent- 
fernt sich der männliche Körper ebenso wie der weibliche gleich- 
weit von der ursprünglich gemeinschaftlichen kindlichen Form, nur 
mit dem Unterschiede , dass beim Mann das individuelle Gepräge 

') Die Kastration der Frauen. 1870- Der Geschlechtstrieb. 1895 u. a. m. 
-) Sellheim, Genitaltuberkulose. 1900. 



Die geschlechtliche Entwickluncr, 



155 



überwiegt, wülirend bei der Frau die Eigenschaften der Art in viel 
reinerer Weise gewahrt bleiben. Innerhalb der Art vergegenwärtigt 
der Mann das fortschrittliche, die Frau das konservative Element. 
Der erwachsene Körper des Mannes unterscheidet sich von dem 
des Weibes zunächst durch die bedeutendere Zunahme an Grösse 
und Gewicht. Beim Mann üV)erwiegt die Ausdehnung der Brust, 
bei der Frau die der Hüften. Als wichtigste dadurch bedingte 
Unterschiede in den Abmessungen des Körpers lassen sich für nor- 
mal entwickelte Gestalten unserer Kasse die folgenden Zahlen fest- 
stellen : 




Körperhöhe . . , 

Schulterbreite . . 

Taillenbreite . . . 

Hüftbreite . . . , 

Kreuzbeinbreite . . 
Brustwarzenabstand 
Körpergewicht . 



Setzt man in der üblichen Weise die Gesamthöhe des Körpers 
100, so ergeben sich die Maassunterschiede wie folgt: 



80 cm 


170 cm 


170 cm 


48 , 


37 , 


45 , 


26 „ 


20 , 


24 . 


30 „ 


33 , 


26 . 


8 . 


11 . 


7,5. 


22 „ 


20 „ 


20 , 


75 kg 


65 kg 


70 kg 



Maasse 



Mann 


Weib 


cm 


cm 


100 


100 


27 


22 


14 


12 


17 


19 


4 


5 


12 


12 


42 


38 



Körperhöhe . . . 

Schulterbreite . . 

Taillenbreite . . . 

Hüftbreite . . . . 

Kreuzbeinbreite . . 
Brustwarzenabstand 
Körpergewicht . 



Diese Zahlen stellen den Durchschnitt von 50 ausgesucht schön 
gebauten Menschen beiderlei Geschlechts dar. 

Den Rubriken a und 1) für Mann und Frau ist noch eine dritte 
Rubrik c beigefügt, in welcher die männlichen Maasse auf die Körper- 



Die Ontogenese des Menschen. 




Fig. 105. Männliche Normalgestalt 
nach Merkel von vorn. 



Fig. 106. Weibliche Normalgestalt 
nach Merkel von vorn. 



höhe der Frau zurückgebracht sind. Dadurch wird eine unmittel- 
bare Vergleichung erleichtert. 

Bei gleicher Grösse übertrifft der Mann in der Schulterbreite 
und Taillenbreite das Weib noch immer um ein beträchtliches Stück 
von 9, bezw. 4 cm. In der Hüftbreite überwiegt das Weib mit 7 cm. 
Dieses Breitenmaass ist hauptsächlich bedingt durch die grössere 



Die geschlechtliche Entwicklung 




Fig. 1U7. Mannliche Xormalgestalt 
nach jrerkel von hinten. 



Fig. 108. Weibliche Normalgestalt 
mich Merkel von hinten. 



weibliche Breite des Kreuzbeins, welches das niünnliche um 3^/2 cm 
übej-trift't. 

Der Brustwarzenabstand ist bei beiden Geschlechtern gleich 
gross, denn dem durch die Breite der Brust beim Manne bedingten 
grösseren Abstand entspricht beim Weibe das Auseinanderweichen 
der Brustwarzen durch die wachsende Wölbunor der Brüste. 



158 Die Ontogenese des Menschen. 

In den Figuren 105 — 108 sind die normalen Körperverliältnisse 
von Mann und Weib mit eingezeichnetem Skelett in der Ansicht 
von vorn und von hinten nach Merkel^) wiedergegeben. Diese 
von Merkel gewählten Normalgestalten entsprechen einer Körperhöhe 
von 166 beim Mann, 158 beim Weibe. Die Maasse sind: Schulter- 
breite 47, bezw. 37, Taillenbreite 25, bezw. 23, Hüf'tbreite 32,5, bezw. 
34. Demnach sind beide Gestalten etwas kleiner und gedrungener 
als die oben von mir berechneten Normalfiguren. 

Ficf. 92 und 93 bestatten eine Vergleichuno^ der Skelette nach 
Naturaufnahmen. 

Dem kennzeichnenden Unterschied in den äusseren Körper- 
maassen entspricht die Verschiedenheit im Aufbau des Knochen- 
gerüstes. 

Hier springt die stärkere Wölbung des Brustkorbs beim 
Manne ebenso wie die grössere Breite und Flachheit des Beckens 
bei der Frau sofort in die Augen. 

Der Brustkorb ist beim Manne im ganzen kürzer und breiter, 
die Schulterknochen kräftiger, die Schlüsselbeine weniger geschwungen 
als beim Weibe. 

Das Becken ist bei der Frau im ganzen niedriger und breiter. 
Das Kreuzbein ist breiter und kürzer, die Beckenschaufeln legen 
sich flacher nach aussen um, der Schambogen ist niedriger und 
bildet nach unten einen stumpferen Winkel, die Beckenhöhle ist bei 
der Frau grösser und geräumiger. 

Ausserdem zeigt das weibliche Becken im ganzen eine stärkere 
Neigung zum Horizont. 

Zur Ausgleichung dieser Neigung wird die Lendenwirbelsäule bei 
der Frau stärker nach vorn durchgebogen, und dementsprechend er- 
scheint in der Seitenansicht das Kreuz der Frau hohler und länger 
als das des Mannes (Fig. 109). 

Im übrigen ist das ganze Knochengerüst beim Manne eckiger 
und kräftiofer ausj^ebildet. 

Als Geschlechtsunterschiede am Schädel werden von verschie- 
denen Autoren die folgenden angegeben. 



') Topographische Anatomie. Bd. II. S. 182 u. 256. 



Die geschlechtliche Entwicklun<r. 



159 



Männerschädel: Eckig, hoch, mit breiter Stirn und kräftig 
entwickelten Stirnhöckern. Ueber wiegen des Gesichts teils, 
stärkere Wölbung des Schädeldachs. 

Weiberschädel: Rund, breit, niedrige, glatte Stirn. Ueber- 
wiegen des Gehirn teils, geringere Wölbung des Schädeldaches 





Fig. 100. Weiblicher itiul iiiamiliclier Kdriirr im Pnitil (luich Thomson i. 



mit stärkerer Ausbuchtung der Hinterhauptschuppe. Stärker ent- 
wickelte vordere Schneidezähne^) und kleinerer Unterkiefer-). 
Geräumigere Augenhöhlen. Geringere Ausbildung der Knochen- 
vorsprünge und Knochenleisten. 



^) Schaaffhausen, Korresj^ondenzblatt der deutschen Gesellschaft für Anthro- 
pologie. 1884. Nr. 9. 

-) Morselli, Sul peso del cranio e della mandibola in rapporto col sesso. 
Firenze 1876. 



160 



Die Ontogenese des Menschen. 



Die Fig. 110 und 111, nach Singhalesenschädeln der Vettern 
Sarasin, zeigen die kennzeichnenden Unterschiede in deutlicher Aus- 
prägung. Die bedeutendere Grösse des männlichen Schädels ent- 
spricht dem allgemein grösseren Wachstum des männlichen Körpers. 
Inwieweit die überwiegende Ausdehnung des männlichen Schädels 
Rückschlüsse auf seine höhere Intelligenz dem Weibe gegenüber 
erlaubt, ist eine Frage, die noch nicht endgültig entschieden ist. 

Nächst den hier kurz angeführten Unterschieden im Knochen- 
gerüst erhalten die Körperformen des Mannes ihr kennzeichnendes 




Fig. 110. 

Männlicher Singlialesensclüldel 

(nach Sarasin). 



Fig. 111. 

Weiblicher Singhalesenschädel 

(nach Sarasin). 



eckiges Gepräge durch stärkere Ausbildung der Muskeln, während 
die Gestalt der Frau durch stärkere Ausbildung des Unterhaut- 
fettgewebes eine gefällige Abrundung bekommt. 

Richer^), der die Verteilung des Fettpolsters sorgfältig unter- 
sucht hat, findet ausser der allgemeinen Abrundung des weiblichen 
Körpers besonders im Rücken charakteristische Unterschiede (Fig. 112). 

Beim Manne häuft sich das Unterhautfett quer über den Becken- 
knochen auf, und ist durch die kräftige Muskelbildung vom Fett 
der Hüften und des Gesässes geschieden. Bei der Frau setzt sich 
das Unterhautfett in ziemlich gleichmässiger Lage vom Gesäss über 
die Hüften nach oben im Kreuz fort. Infolge davon bilden sich 



^) Anatomie artistique. 



Die sreschlechtliche Entwicklung?. 



161 



an den äusseren Ecken des Kreuzbeins, wo die Haut dem Knochen- 
gewebe fester angeheftet ist, die Kreuzgrübchen aus, welche ein beson- 
deres Kennzeichen guter weiblicher Körperbildung sind. Obgleich 
sie bei guto-enährten Männei'n in ähnlicher Weise auch vorkommen 





Fig. 112. Verteilung iler Fettpolster am Küekeii bei Manu uuil Frau inarli Hiclier). 

können, unterscheiden sie sich von diesen doch durch ihre Form 
und ihren Abstand, welcher beim Weibe, der grösseren Kreuzbein- 
breite entsprechend, etwa 3 bis 4 cm mehr beträgt^). 

Den Unterschied, der durch die kräftige Entwicklung der Mus- 



') Vgl. Stratz, Der Wert der Lendengegend für anthropologische Messungen. 
Archiv für Anthropologie. 1899. IV. 

Stratz, Die Naturgeschichte des Menschen. H 



162 



Die Ontogenese des Menschen. 



kein beim Manne und durch das abrundende Fett bei der Frau in 
der Modellierung des Rumjsfes entstellt, zeigen in besonders schöner 
Weise die Fig. 113 und 114 nach lebenden Modellen aus besseren 




Fig. 113. iluskelkriiftiger Torso eines Mannes von hinten. 

Kreisen. Sie entsprechen völlig dem von Richer (Fig. 112) auf- 
gestellten Schema, 

Die Haut ist beim Weibe dünner, zarter, glatter und meist 
heller als beim Manne. 

Die Kopfhaare sind beim Weibe, die Körperhaare beim 
Manne stärker entwickelt. 

Besonders kennzeichnend für die geschlechtliche Reife des 



Die geschlechtliche Entwicklung. 163 

Mannes ist das Sprossen der Bartliaare, und das sogen. Um- 
schlagen und Tief er wer den der Stimme, welches mit einer Ver- 
grösserung des Kehlkopfs (Adamsapfel) gepaart geht. Das 




Fig. 114. Durch Ffttiiulstfi- iibgeiuiuleter Torso einer Frau von hinten. 

wichtisrste sekundäre Greschlechtsmerkmal des Weibes sind die Brust- 
drüsen, welche beim Manne mit äusserst seltenen Ausnahmen 
rudimentär bleiben M. 

Schon im zweiten Embryonalmonat 2) treten zwei der Längsachse 

') Vgl. Bonnet, Die Mammaorgane im Lichte der Ontogenie und Phylogenie. 
Merkel u. Bonnet, Ergebnisse der Anatomie u. Entwicklungsgeschichte. 1892. S.604. 
-) Vgl. Stratz, Der Körper des Kindes. 2. Auflage. S. 160. 



164 Die Ontogenese des Menschen. 

des Körpers gleiphlaufende Epiderniisstränge auf, welche von der 
Achselhöhle bis in die Leistengegend sich erstrecken und die Milch- 
leisten genannt werden (vgl. Fig. 29). 0. Schnitze ^) hat ihre 
Entwicklung an Schweinembryonen untersucht, jedoch auch beim 
Menschen sind sie u. a. von His gesehen worden. 

An diesen Milchleisten bilden sich dann knopfförmige, symme- 
trisch gestellte Erhöhungen, die Milchhügel. Aus diesen Milch- 
hügeln entwickelt sich mit Schwund der oberen Epithelschicht, wie 
die sorgfältigen Untersuchungen von Gegenbaur-) ergaben, eine 
flache Einsenkung, die Mammartasche, auf deren Boden das 
Drüsenfeld, die erste Anlage der bleibenden Milchdrüse, sich be- 
findet. Aus diesem indifferenten Zustand kann entweder durch weitere 
Ausbildung der Mammartasche sich ein Beutel entwickeln, dessen 
Boden die Drüsenfelder enthält, wie dies u. a. bei den Beutel- 
tieren der Fall ist, oder es kann sich der die Mammartasche um- 
gebende Hautwall erheben und schliesslich zu einem langen Schlauch, 
dem Euter, ausgezogen werden. Dieser Zustand findet sich beson- 
ders ausgeprägt bei den Huftieren. 

Die dritte Möglichkeit endlich, dass sich die Mitte des Drüsen- 
feldes, in dem die Ausführungsgänge münden, als Zitze über die 
Umgebung erhöht, findet sich u. a. auch beim Menschen. 

Beim Neugeborenen hat sich die Einsenkung der Mammartasche 
ausgeglichen und bildet einen röter gefärbten Bezirk in gleicher 
Höhe mit der Hautoberfläche, den Warzen hof (Areola), aus dessen 
Mitte die Ausmündungsstelle des früheren Drüsenfeldes als Zitze 
(Papilla) hervorragt. 

Die Brustwarze (Papilla) mit dem Brustwarzenhof (Areola), 
welche zusammen den Namen Mamilla führen, bedecken beim Kinde 
die kleine, scheibenförmige Brustdrüsenanlage, und bleiben, von ganz 
allmählicher Grössenzunahme abgesehen, Avährend des ersten Kindes- 
alters unverändert. Dieser Zustand ist in Fig. 115 a schematisch 
dargestellt. 



') 0. Schnitze, Ueber die erste Anlage des Milchdrüsenapparats. Anatomi- 
scher Anzeiger. 9. 1892. 

^) Zur genauen Kenntnis der Zitzen der Säugetiere. Morphologisches 
Jahrbuch. 1876. Lehrbuch der vergl. Anatomie. 1896. II. S. 545. 



Die geschlechtliche Entwicklung. 



1<)5 



Beim Manne findet sicli in der Reife eine geringe, rascli wieder 
verschwindende Grössenzunahme der Drüsensubstanz, nach welcher 
die Milchdrüse unter normalen Verhältnissen zum rudimentären Or- 
gane herabsinkt. 

Beim Weibe hingegen entwickelt sich die Maniilla zum aus- 
gebildeten, milchgebenden Organe, zur fertigen Mamma. 

Im Beginne des zweiten Kindesalters wird durch die wachsende 
Milchdrüse, deren Keim vorher als kleine kompakte Scheibe unter 
der Mamilla lag, der Warzenhof, die Areola, emporgewölbt und so 
stark ausgedehnt, dass die Brustwarze keine knopfförmige Hervor- 
ragung mehr bildet, sondern in der ge- 
meinschaftlichen Wölbung aufgeht und 
verstreicht. Stadium der Knospe, 
Areolomamma (Fig. 115b). 

Dieses Stadium geht meist sehr bald 
in das folgende über, bei dem die Knospe 
durch stärkere Fettbildung in der Um- 
gebung emporgehoben wird, während zu 
gleicher Zeit von ihr aus Drüsenausläufer 
in die Tiefe wachsen. Die äussere Gestalt 
der Brust gleicht einem abgeflachten 
Hügel, dem die Knospe als eine stärker 
gewölbte Kuppe aufsitzt. Stadium der 
Knospenbrust, Mamma areolata 
(Fig. 115 c). 

Beim weiteren Wachstum der Brust nimmt die eigentliche 
Milchdrüse grossenteils die Grundfläche ein, von der aus die Aus- 
führungsgänge (16 — 20 an Zahl) zur Warze hinziehen und sich in 
ihr vereinigen. Die bedeckende Haut, die mit der Milchdrüse durch 
festere Bindegewebszüge verbunden ist, w^ird durch Ausfüllung der 
Zwischenräume mit Fett immer mehr von ihr abgehoben und 
prall gewölbt. Wenn die Brust fertig gebildet ist, dann bezieht sie 
auch den Warzenhof wieder in ihre grössere Wölbung mit hinein 
und nur die Brustwarze ragt noch knopfförmig empor. Stadium 
der reifen Brust, Mamma papillata (Fig. 115d). 

Ausser der weissen Rasse erreicht nur die gelbe in der Regel 




Fig. 115. 
Schema der Eutwicklung der 
weiblichen Brust. 



166 Die Ontogenese des Menschen. 

dieses letzte Stadium der Entwicklung. Bei beiden Rassen aber 
finden sieb vereinzelte Individuen, welcbe das Stadium der Knospen- 
brust mebr oder weniger deutlicb während des ganzen Lebens 
bebalten. Bei den übrigen Rassen aber ist areolate Form der Brust die 
Regel und nähert sieb bei weiterer Grössenzunahme in ihrer äusseren 
Gestaltung der Form der Birne oder des Euters^). 

Als photographische Belege des hier beschriebenen Entwick- 
lungsganges können die folgenden Bilder dienen. 

Bei einem 5jährigen Mädchen (Fig. 116) hat die Mamilla das 
neutrale kindliche Gepräge, das beiden Geschlechtern gemeinsam ist. 

Bei einem 10jährigen Mädchen (Fig. 117) hat sich die Areola 
vorgewölbt, was besonders an der rechten Seite deutlich zu sehen 
ist. Es besteht das Stadium der Knospe, die Areolomamma. 

Bei einem 12jährigen Mädchen (Fig. 118) ist die gewölbte 
Areola durch beginnende Fettbildung emporgehoben, es bildet sich 
die Enospenbrust, die Mamma areolata. 

Eine besonders starke Ausbildung der Knospenbrust zeigt ein 
von W. Mittelste dt in Outjo aufgenommenes Ovambomädchen 
vom Ondongastamm (Fig. 119), deren ältere Gefährtin die charak- 
teristische birnförmige Bildung der wuchernden Knospenbrust zur 
Schau trägt. 

In Fig. 120, eine 19jährige Oesterreicherin darstellend, hat die 
Brust mit erhobener Warze ihre volle Ausbildung zur reifen jung- 
fräulichen Mamma papillata erreicht. 

Dass die Ausbildung von nur zwei Brustdrüsen beim mensch- 
lichen Weibe aus einem früher mehrbrüstigen Zustand hervor- 
gegangen ist, wurde bereits in dem Abschnitt über Phylogenese 
erwähnt. Erwiesen ist diese Tatsache durch die als Rückschläge 
auftretenden überzähligen Brustwarzen und Milchdrüsen, von denen 
manche sogar noch bei eintretender Schwangerschaft als funktions- 
fähig sich erwiesen. 

Als letzter noch regelmässig bestehender Rest der früheren 
Vielbrüstigkeit darf der Fett wu Ist angesehen werden, der sich 
über der Brust, dem Verlauf des grossen Brustmuskels entsprechend. 



^) G. Fritsch, Die Eingeborenen Südafrikas. 1872. S. 25. 



Die geschlechtliche Entwicklung. 



167 



nach der Achselhöhle hinzieht. BillzM gelang es, bei Ju])anerinnen 
an dieser Oberln-iist (Supramamma) in zahlreichen Fällen noch Spuren 
einer Warze zu entdecken. In Fig. 120 ist dieser Fettwulst besonders 
über der rechten Brust gut ausgeprägt. 





Fia. 116. KindUche Brustwurzt 



Fig. 117. Areolomamiiia, Brustkuospe. 



Mit zunehmender Reife entwickehi sich bei beiden Geschlechtern 
die Körperhaare, Avelche beim Manne auf sämtliche Körperteile mit 
Einschluss der Kiefergegend des Gesichts sich ausbreiten können, 



') Balz, Ueber die Supraniaauiui und ihre Bedeutung. Verhandlungen 
der Berliner Anthropologischen Gesellschaft. 16. März 1901. 



168 



Die Ontogenese des Menschen. 



Avährend sie beim Weibe stets auf die Achselhöhlen und die Scham- 
gegend beschränkt bleiben. 

Diesen eigentümlichen Gegensatz der menschlichen Körper- 




Fig. 118. Mamma areolata. Knospeubnxst. 

behaarung zur tierischen, wo selbst bei starkem Haarkleid gerade 
diese Stellen spärlicher oder gar nicht behaart sind, hat man 
durch die Anpassung an die geschlechtliche Zuchtwahl zu erklären 
versucht. 

Eine ausführliche Zusammenstellung sämtlicher geschlechtlichen 



Die geschlechtliche Entwicklung. 



169 




Fig. Jl:i. Zwi'i < tvaiiilioininlclirn um Kiiiiis)h-iiI>hi>1 uiiil Kiiterbru>t. 



Unterschiede zwischen Mann und Weib nicht nur in der Körper- 
form, sondern auch in der Form und Tätigkeit der einzelnen Organe 
des Körpers findet sich in dem eingangs erwähnten Buche von 
Havelock Ellis. 



170 



Die Ontoorenese des Menschen. 




Fig. 120. Mamma iiapillata (I9jälii-ige Oesterreiclierin). 



Wie schon gesagt, steigt die Ausbildung der sekundären Ge- 
schlechtsmerkmale mit zunehmender kultureller Entwicklunof. Ausser- 
dem aber scheint bei den höheren Kulturvölkern die Reife bei 
beiden Geschlechtern sehr viel später einzutreten, als bei den Natur- 
völkern. Ebenso wie das Wachstum ist auch die geschlechtliche 



Die geschlechtliche Entwicklung. 171 

Differenzierung auf einen sehr viel längeren Zeitraum ausgedehnt, 
so dass man die späte Reife als ein Zeichen höherer Entwick- 
lung betrachten darf. Der späten Keife entspricht demnach auch 
eine stärkere Ausprägung des sekundären Geschlechtscharakters. 

Zusammenfassend ergibt sich: 

Geschlechtsmerkmale des Mannes (Fig. 121): Ausprä- 
gung des individuellen Charakters. Grössere Höhe, grösseres Ge- 
wicht. Breite Schultern, schmale Hüften, eckige, muskelkräftige 
Formen, Ueberwiegcn des Gesichts- über den Gehirnschädel, Bart, 
tiefe Stimme, starke Körperbehaarung. 

Geschlechtsmerkmale des Weibes (Fig. 122): Erhaltung 
des Charakters der Art. Geringere Höhe, geringeres Gewicht. 
Schlanke Taille, breite Hüften. Weiche, abgerundete Formen. Ueber- 
wiegen des Gehirnschädels über das Gesicht. Lange Kopfhaare. 
Helle Stimme. Brüste. 

Die Figuren 121 und 122 stellen einen jugendlichen Italiener 
und eine junge Böhmin dar, welche den Anforderungen an normale 
Bildung bei guter Ausprägung des jeweiligen Geschlechtscharakters 
völlig entsprechen. 

Abgesehen von der Ausprägung der sekundären Charaktere 
unterscheiden sich beide Geschlechter noch dadurch, dass beim 
Manne die individuelle Ausbildung der Muskeln und Knochen viel 
weiter geht als beim Weibe, auch ganz abgesehen von grösserer 
oder geringerer körperlicher Tätigkeit. 

Das Weib erhält sich bei geringerem individuellem Gepräge 
den Gattungscharakter in viel reinerer und voUkonunenerer Form. 

Interessant sind in dieser Beziehung die Beobachtungen von 
Game r a n o und G i u f f r i d a - R u g g e r i , class die Variabilitäts- 
breite in den Proportionen, Avenigstens bei den Weibern der weissen 
Rasse, eine viel grössere ist als bei den Männern. 



Das Gesamtbild der Ontogenese spiegelt im kleinen den Verlauf 
der Phylogenese ab, jedoch leitet sie ausserdem den Blick in weitere, 
unbekannte Fernen von (grösserer Vervollkonnnnung der Menschheit. 



') Giuffrida-Ruggeri, La maggiore variabilitä della donna dimostrata col 
metodo Camerano. Firenze 1903. 



172 



Die Ontogenese des Menschen. 




Fig. 121. Normaler männlicher Körper (Italienerj. (Phot. von Plüschow.) 



Kleine Abweichungen einzelner Individuen oder Individuen- 
gruppen von der üblichen Bildung erscheinen als ebensoviele Keime, 
die unter veränderten Daseinsbedingungen sich weiter ausbilden und 
ältere Zustände verdrängen können. Scheinbare Vorzüge, wie ein 
scharfes Auge, kräftige Muskeln, ein starkes Gebiss, ein feiner 



Die ofeschlechtliche Entwicklung. 



173 




Fig. 122. NoniKili'V weililicher Körper (ßöUmiu:. (Phot. O^ Schmidt.) 



Geruch, finden sich seltener oder gehen verloren, weil sie an Wichtig- 
keit für die neuen Lebensbedingungen eingebüsst haben. Dagegen 
entfalten sich neue Nervenbahnen, die die scheinbar verwickeltste 
Ausnützung körperlicher Fähigkeiten möglich machen und die geistige 
Tätigkeit steigern. 



J^74 Die Ontogenese des Menschen. 

Hat das Auge an Sehschärfe verloren, so ist dafür seine feinere 
Empfindlichkeit für Farben und Linien erhöht, sind die Muskeln 
schwächer geworden, so haben sie dafür eine Fülle von koordinierten 
Bewegungen erworben, vermag das Ohr nicht mehr die Naturlaute 
aus weiter Ferne zu vernehmen, so hat es die Klangfarbe und den 
Wert der Töne feiner abzuschätzen gelernt; sind mit dem schlech- 
teren Gebiss die Kaumuskeln schwächer geworden, so ist dafür die 
Ausdrucksfähigkeit des Gesichts und das Mienenspiel weiter aus- 
gebildet \). 

') Vgl. Weismann, Vorträge über Deszendenzlehre. Letzter Abschnitt. 



IV. 

Die körperlichen Merkmale des Menschen. 

Wichtigste Literatur. 

1. Ranke, Der Mensch. ± Auflage. ]S94. 

2. Quatrefages . Introduction ä Tetude des races liumaines. Paris 1900. 
2. Auflage. 

3. Topinard, Elements d'Anthropologie Generale. Paris 1885. 

4. Deniker, The races of man. London 1900. 

5. Klaatsch, Die Entwicklung des Menschengeschlechts in Weltall und 
Menschheit. IL Bong 1902. 

6. Sokolowsky, Menschenkunde. Union. 1901. 

7. Klaatsch, Die Fortschritte der Lehre von den fossilen Knochenresten des 
Menschen. Ergebnisse der Anatomie und l^]ntwicklungsgeschichte. 1902. 

Für Proportionen. 

1. Fritsch-Harless, Die Gestalt des Menschen. 

2. Geyer, Der Mensch. 

3. Richer, Canon du corps humain. 

Unter den zusammenfassenden Lehrbüchern über Anthropologie 
ist das grosse Werk Topinards, des begabten Schülers von Broca, 
das bekannteste und am weitesten verbreitete. Nimmt man es als 
Massstab der heute in anthropologischen Kreisen herrschenden Auf- 
fassung, dann ist es sehr bezeichnend, dass Topinard nächst der 
Kraniologie, Kraniometrie und Bestimmung des )Schädelinhalts die 
„caracteres zoologiques" ^) nennt. 

„L'idee qui a le plus de succes en anthropologie est l'idee 
zoologique" schreibt Topinard, und räumt damit der phylogene- 
tischen Anschauungsweise ein weites Feld ein, das er aber selbst 
nur insoweit ausnutzt, als er einige phylogenetische Betrachtungen im 
Zusammenhang mit pithekoiden Merkmalen der Menschen in sein vor- 
Aviegend kraniologisches und anthropometrisches Gebäude hineinträgt. 

•) 1. c. S. 762. 



176 1*16 körperlichen Merkmale des Menschen. 



Um dem alten Standpunkt gerecht zu werden, seien liier in 
kurzen Zügen die Hauptergebnisse der kraniologischen Forschung 
besprochen. 

Von dem Gedanken ausgehend, dass der Schädel des Menschen 
als Träger des Gehirns das charakteristischste Merkmal seines Körpers 
ist, sah man sich genötigt, dessen Gestalt in seinen verschieden- 
artigen Erscheinungsformen auf das genaueste zu bestimmen. Zu 
diesem Zweck wurden zahlreiche Maasse genommen und deren gegen- 
seitiges Verhältnis durch Indices bestimmt. 

Als erster hat Retzius in der Ansicht von oben, der Norma 
verticalis der Kraniologen, den jeweils grössten Längsdurchmesser 
mit dem jeweils grössten Breitendurchmesser verglichen. 

Indem er den, stets grösseren, Längsdurchmesser gleich 100 
setzte, ergab sich eine Berechnung des Längenbreitenindex, welche 
bei verschiedenen Schädeln eine Schwankungsbreite von 55 bis 99 
erwies. 

Durch eine internationale kraniologische Verständigung wurde 
im März 1886 der Beschluss gefasst, alle Schädel bis zu einem 
Index von 75 als Dolichokephalen, Langköpfe, von 75 — 80 
als Mesokephalen, Mittelköpfe, und von 80 — 99 als Brachy- 
kephalen, Kurzkö])fe oder Rundschädel, zu bezeichnen. 
Fig. 123 zeigt eine extreme Form von Brachykephalie, Fig. 124 eine 
solche von Dolichokephalie nach Huxley. 

Eine weitere, von Virchow inaugurierte Maassbestimmung ist 
die Vergleichung der Länge mit der Höhe des Schädels. Danach 
wurden die Schädel eingeteilt in Flachs chädel oder Chamä- 
kephalen mit einem Index bis zu 70, in Orthokephalen, Mittel- 
hochschädel mit einem Index von 70 — 75, und in Hypsike- 
phalen oder Hochschädel mit dem Index von 75 und darüber. 

Für das Gesicht stellte Kollmann die Leptoprosopen oder 
Schmalgesichter mit einem Index bis 90 und die Chain aeo- 
prosopen oder Breitgesichter mit einem Index über 90 auf, 
wobei er die grösste Gesichtsbreite mit der grössten Gesichtslänge 
in der Ansicht von vorn, der Norma frontalis, verglich. 

Quatrefages bezeichnet die Schmal- oder Langgesichter 
als Dolichopse, die Breitgesichter als Brachyopse. 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 177 

Fij^. 125 und 126 illustrieren beide Formen nach den Ab- 
bildungen von Quatrefages. 



Fig. 123. Extreme Brachykephalie (nach llu.Kley}. 

Weitere Unterscheidungen lieferten die Verbältnisse der Augen- 
höhlen, der Nasenlöcher und des knöchernen Gaumens. 

Nach der Bemessung der Augenhöhlen unterscheidet man Cham ä- 




Fig. 124:. Extreme Dolicliokepluilie (iiacli Huxley). 

konchie. niedrige Augenhöhlen, mit einem Index bis 80, Meso- 
konchie, mittlere Augenhöhlen, mit dem Index 80—85 und Hypsi- 
konchie, hohe Augenhöhlen, von 85 und darüber. 

Nach der besonders von Broca und Topinard ausgearbeiteten 
Bestimmung der Nasenlöcher erhält man Leptorhiuen, Schmal- 
stratz, Die Naturgeschichte des Menschen. 12 



178 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 



nasen, mit dem Index bis 47, Mesorhinen, Mittelbreitnasen, 
mit dem Index 47 — 51 und Platyrhinen, Breitnasen, mit einem 
Index von über 51. 

Ebenso werden die Schädel nach den Abmessungen des harten 
Gaumens in Leptostaphyline, Schmalgaumen, mit Index 
bis 80, Mesostaphyline, Mittelbreitgaumen, mit Index 80 — 85, 
und in Brachystaphyline, Breitgaumen, eingeteilt. 

Endlich unterscheidet man noch nach der Stellung der Zähne 





Fig. 125. Dolicliopsie 
(nach Quatrefages). 



Fig. 126. Bracliyopsie 
(.nach Quatrefages). 



die Orthognathen, Geradzähner, und die Prognathen, Schief- 
zähner. 

Die anthro23ologische Diagnose eines Schädels würde sich 
demnach mit Berücksichtigung aller dieser kraniologischen Eigen- 
schaften folgendermassen gestalten : 

Ein Schädel ist z. B. : Brachykephal — orthokephal — lepto- 
prosop — hypsikonch — platyrhin — leptostaphylin — prognath. 

In unser geliebtes Deutsch übertragen, handelt es sich in diesem 
Falle um einen mittelhochschädligen, schmalgesichtigen, mittelaugen- 
höhligen, breitnasigen, schmalgaumigen, schiefzähnigen Rundkopf. 

Es lässt sich nicht leugnen , dass auf diese Weise eine Aveit- 
gehende Unterscheidung und Klassifikation sämtlicher Schädel er- 
reicht wird, welche nicht eine starke Asymmetrie beider Hälften zeigen. 



Die köiperlielien Merkmale des Menschen. 279 

Für das naturwissenschaftliche Verständnis der Schädel ist damit 
aber herzlich wenig gewonnen. 

Eine Erweiterung erhielt diese Schädelbestimmung durch die 
namentlich von Virchow ausgearbeitete Zufügung der pithekoiden 
Merkmale, Ausser der an den Affentypus erinnernden Platyrhinie 
rechnet dazu die Stenochrotaphie, die geringe Ausbildung und 
Enge der Schläfengegend, das Inkabein und andere sonst mit 
den grossen Schädelknochen verwachsene Schaltknochen, der 
Tor US occipitalis, eine auffallend starke Entwicklung des Quer- 
wulstes am Hinterhauptbein, avo die Nackenmuskeln sich ansetzen, 
und die Tori supraorbitales, die stark ausgeprägten Ueber- 
augenwülste des Stirnbeins. 

Mit der Häufung der kraniologischen Messungen stellte sich 
immer mehr heraus, dass auch die sorgfältigste und ausgedehnteste 
Berechnung zahlreicher Indices nicht im stände w^r, eine bestimmte 
Menschengruppe von anderen abzugrenzen. 

Die artlichen Varianten unterschieden sich nur 
wenig oder gar nicht von den individuellen Varianten 
innerhalb einer kleineren Gruppe. J. Ranke gelang es, 
unter der Bevölkerung Oberbayerns sämtliche bis dahin bestimmten 
sogen. Rassenschädel nebeneinander nachzuweisen. 

Auch die von Ranke ausgearbeitete Bestimmung des Schädel- 
inhalts und Gehirngewichts hat bisher noch keine befriedigenden 
Ergebnisse geliefert, da offenbar nicht nur quantitative, sondern auch 
qualitative Eigenschaften für den anthropologischen Wert des Ge- 
hirns massgebend sind. 

Wenn wir vom phylogenetischen Standpunkt ausgehen, so 
handelt es sich zunächst nicht darum, die artlichen und indivi- 
duellen Unterschiede verschiedener Schädel, sondern die gemein- 
schaftliche Grundform zu bestimmen, von der alle mensch- 
lichen Schädelformen sich ableiten lassen. Es sind demnach die- 
jenigen Schädeleigenschaften am Avichtigsten, die den menschlichen 
Schädel über die tierischen erheben. Bei den verwandten tierischen 
Schädeln, namentlich denen der Primaten, kommen daher nur die 
Eigenschaften in Betracht, welche mit den analogen des Menschen 
verglichen auf einen gemeinschaftlichen, primitiveren Standpunkt 



180 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 



zurückweisen, wälirend deren einseitig weiter entwickelte Differen- 
zierungen nur mittelbaren Vergleicliungswert besitzen. 

Die aus der Phylogenese und Ontogenese bekannten Tatsachen 
ergeben, dass der Mensch unter den Säugetieren in vielen Be- 
ziehungen den primitiven Verhältnissen am nächsten geblieben ist, 
und dass seine einseitige Weiterentwicklung hauptsächlich auf die 



Ufi 



Fis. 127 



^^ 2605 ( 






"^ 



Fig. 128. 




Fig. 127. Schädelumriss eines Schellfisches, 
Fig. 128. Schädelumriss eines Pferdes. 

höhere Differenzierung des Gehirns und besonders des Vorderhirns 
zustrebte. 

Diese Tendenz hatte in erster Linie eine Zunahme des Gehirn- 
schädels im Verhältnis zum Gesichtsschädel zur Folo-e. 

Die Kubierung des Schädels, d. h. die Bestimmung des 
Schädel- und Gcsichtsinhalts nimmt Topin ard^) durch eine tri- 
gonometrische Berechnung nach den Brocaschen Gesichts- und Ge- 
hirnwinkeln vor. 

1. c. S. 830. 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 



181 



In genauerer Weise hat E. Sclimidt^) das Verhältnis durch 
Ausstopfen der Höhlen mit Wachs und nachträgliche Berechnung 
der ausgeschmolzenen Masse bestimmt. Er gelangt dabei zu einem 
Kubikindex des Gesichts- und Gehirnschädels von 35 — 30 bei ver- 
schiedenen Menschenrassen. Der von mir bestimmte Kubikindex 



mi / 



Fiar. 129. 




Fis. 130. 



Fi;,'. 120. Schiidclumiiss eines Sclüiiipansen. 
Fig. 130. Schädelumriss einer '\\'eddafrau. 



eines erwachsenen Europäers (Fig. 102 u. 104) fällt demnach mit 34 
innerhalb der von Schmidt gefundenen Grenzen. 

Um das zunehmende Wachstum des Gehirnschädels über den 
Gesichtsschädel in Zahlen festzulegen, habe ich die Schädel eines 
Schellfisches (Fig. 127), eines Pferdes (Fig. 128), eines Schimpansen 



Kraniologische Untersuchungen. Archiv für Anthropologie. 1879. 



182 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 



(Fig. 129) und einer Weddafrau (Fig. 130) in der oben beschriebenen 
Weise aufgezeichnet, wobei alle vier Schädel auf die gleiche Grösse 
der Stirnohrlinie ifa) gebracht sind. Als Grenzlinie zwischen Ge- 
sichts- und Gehirnschädel wurde die Linie angenommen, welche vom 
unteren Rand des Stirnbeins über dem Jochbein hin zur OhröfFnung 
verläuft. Alle vier Schädel wurden genau ins Profil eingestellt. 
Die Berechnung ergibt: 



Gesichts- 
schädel 



Gehirn- 
schädel 



Index 



11 

Schellfisch \' 2605 D 

Pferd 3368 D 

Schimpanse 1981 □ 

Weddafrau \ 1815 D 



446 D 

747 D 

2055 D 

4455 D 



584 

450 

96 

27 



Demnach ist beim Schellfisch der Gesichtsschädel ungefähr 
sechsmal grösser als der Gehirnschädel, beim Pferd ungefähr vier- 
einhalbmal, während beim Schimpansen beide Grössen ungefähr gleich 
sind und bei der Weddafrau der Gesichtsschädel wenig mehr als 
ein Viertel des Gehirnschädels beträgt. 

Es zeigt sich somit eine mächtige Zunahme des Gehirngebietes 
vom Fisch zum Säugetiere , vom niederen Säugetier zum Primaten, 
und vom Primaten zum Menschen, ganz unbeschadet kleiner Un- 
genauigkeiten in der Berechnung. 

Dass aber eine derartige Grössenbestimmung innerhalb des 
menschlichen Geschlechts nur einen problematischen Wert hat, be- 
weist eine Vergleichung des Schädelumrisses der Weddafrau (Fig. 130) 
mit dem eines Wieners (Fig. 131), bei dem der Index mit 1992 Q 
zu 4861 D auf 41 sich bestimmen lässt. 

Während der Index des Wieners mit 41 nur wenig von dem 
oben (Fig. 102) bestimmten eines Europäers von 42,8 abweicht, so 
ist der Unterschied mit der Weddafrau von 27 sehr viel grösser. 

Ganz allgemein lässt sich feststellen , dass der Gehirnschädel 
des Menschen so stark den Gesichtsschädel überwiegt, dass damit 
ein fundamentaler Unterschied auch den höchsten Primaten gegen- 
über geschaffen ist. 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 



183 



Fig. 132 zeigt einen der primitivsten Mensclienschädel , den 
diluvialen Spyschädel, verglichen mit einem Orang-Utanschädel. Beide 
sind auf die gleiche Grösse der Stirnohrlinie gebracht. Der Oran«-- 
Schädel überwiegt im Gesichtsteil durch seine dem starken Gebiss 
entsprechenden grossen Kiefer. Dies Verhältnis bleibt auch dann 
noch bestehen, Avenn man sich die Kieferpartie des Spyschädels, an 
dessen Unterkiefer der hintere, offenbar mächtiger entwickelte Ge- 
lenkfortsatz fehlt, stärker nach vorn geschoben denkt. 



L: 




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Fig. 131. Scliädelumriss eines Wieners (nach Toldt). 

Im Gehirnteil gewinnt der Spyschädel ein starkes Uebergewicht 
namentlich durch die Umbeugung der Hinterhauptschuppe nach 
hinten und unten, und die daran sich anschliessende stärkere Wöl- 
bung der hinteren Partie des Schädelgewölbes; vorn hat sich das 
Stirnbein aufgerichtet, dabei aber die starke Wulstung des Ober- 
augenrandes beibehalten. 

Fig. 133 zeigt in gleicher Weise die Umrisse eines weiblichen 
Weddaschädels und eines Schimpansen: beide sind dem Werk der 
Vettern Sarasin^J entnommen. Hier ist der Unterschied am Ge- 
hirnschädel noch stärker, da auch das Stirnbein unter fast völligem 



') Die Wecldas von Ceylon und die sie umgebenden Völkerschaften. Paul 
und Fritz Sarasin. 1892. 



184 Die körperlichen Merkmale des Menschen. 

Verstreichen des Supraorbitalwulstes sich aufgerichtet hat und die 
Wölbung des Schädeklachs vervollständigt. Zugleich hat auch die 
Augenhöhle ihre Form geändert und sich steiler zum Gesicht gestellt. 
Dagegen ist der Unterschied in der Kieferpartie, dem schwächeren 
Gebiss des Schimpansen entsprechend, nicht so gross als beim Orang. 
Als wichtigstes Zeichen ergibt sich somit für beide Fälle die 
stärkere Wölbung des Schädeldachs , welche einerseits durch die 
Ausbuchtung des Hinterhauptbeins, anderseits durch die AufrichtunjJ- 
des Stirnbeins bedingt ist. Den physiologischen Drehpunkten ent- 
spricht vorn die obere Grenze der Ueberaugenwülste , hinten die 




Fig. 132. Schädeliimriss eines Spyscliädels verglichen mit Orang-Utan. 

Knickung zwischen Körper und Schuppe des Hinterhauptbeins, das 
Inion, welches an der höchsten Stelle des Torus occipitalis liegt. 
Der Torus frontalis, — um diese Bezeichnung für die 
Oberaugenwülste des Stirnbeins zu gebrauchen — ist demnach 
ebenso wie der Torus occipitalis ein phylogenetisch Avichtiges 
Zeichen bei der äusseren Gestaltung des Schädels, die auch für die 
Vergleichung verschiedener Menschengruppen untereinander von 
Wert sein kann. Es lässt sich ohne weiteres sagen, dass die ein- 
seitig menschliche Differenzierung bei der Weddafrau durch die 
stärkere Schädelwölbung, die geringere Ausprägung des Torus 
occipitalis und das Aufgehen des Torus frontalis im aufgerichteten 
Stirnbein sehr viel weiter vorgeschritten ist, als bei dem Spy- 
menschen. 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 185 

Gemeinschaftlich unterscheiden sie sich ausserdem von den 
Affenschädeln durch die stärkere Ausbildung des Kinnes. 

Als rein menschliche Bildung erscheint demnach die stärkere 
Schädelwölbung- und das stärkere Kinn, wälirend der Torus frontalis 
und occipitalis an eine gemeinschaftliche Vorstufe erinnern, der die 
Affen in dieser Beziehung näher geblieben sind. 

Bezüglich der beiden Menschenschädel können wir uns vorläufig 
damit begnügen, sie als zwei Grenzpunkte zu betrachten, innerhalb 
deren die menschliche Variabilität schwankt. 

Vercfleichen wir die Affenschädel miteinander, so zeigen sich 




Fig. 133. Urariss eines Weddascliadels verglichen mit einem Schimpansen. 

auch hier bedeutende Unterschiede. Diese sind aber nicht nur in 
verschiedenen Familien, wie Orang und Schimpanse, zu erkennen, 
sondern auch an einzelnen Individuen, die derselben Familie ange- 
hören. Dies beweisen die Schädelumrisse zweier Schimpansen, 
welche dem Werk der Sarasin entnommen sind (Fig. 134). 

Bei dem einen findet sich ein kräftiger Torus frontalis, eine 
schwächere Schädelwölbung und stärkere Kieferbildung, beim anderen 
eine Abschwächung des Torus frontalis, eine stärkere Schädelwölbung 
und geringere Kieferentwicklung. Nach der alten Auffassung ist 
der letztere menschenähnlicher als der erste, nach der neueren Auf- 
fassung müssen wir annehmen, dass er sich weniger von der ge- 
meinschaftlichen antropoiden Urform entfernt hat, als der erstere, 
l)ei dem durch stärkere Entwicklung des Kauapparats auch der 



186 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 



ganze GesicMsschädel an Umfang zugenommen hat. Davon abge- 
sehen sind die beiden verschiedenartigen Affenschädel gute Beispiele 
von Variabilität innerhalb einer Familie. 

Zur Beurteilung der Variabilitätsbreite innerhalb einer kleineren 
Menschengruppe erscheinen zwei Tamilschädel (Fig. 135) geeignet, 
welche gleichfalls von den Vettern Sarasin veröffentlicht sind. 

Beim ersten (Fig. 135 a) hat das Schädeldach eine gleichmässige, 
starke Wölbung, das Stirnbein ist gerade, ohne deutlichen Torus, 
aufgerichtet, das Hinterhauptbein ladet stark aus, das Gesicht er- 
scheint trotz des kräftigen Unterkiefers und Gebisses klein im Ver- 
hältnis zum Gehirnscbädel. Zwischen Hinterhauptbein und Scheitel- 
bein liegen einige kleinere Schaltknochen. 




Fig. 134. SchiUlel zweier Schimpansen (nach Sarasin). 

Beim zweiten (Fig. 135 b) von einem älteren Manne stammen- 
den Schädel, ist die Wölbung des Daches nicht so gleichmässig, 
der Torus frontalis und occipitalis ist stark ausgeprägt, ausserdem 
findet sich ein Inkabein und eine direkte Verbindung zwischen 
Schläfenschuppe und Stirnbein, ohne Dazwischentreten des grossen 
Keilbeinfiügels. 

Es bestehen also bei zwei der gleichen Gruppe angehörigen 
Individuen sehr hochentwickelte und daneben sehr primitive Schädel- 
merkmale. 

Mit der starken D a c h w ö 1 b u n g , dem Torus f r o n- 
talis, Torus occipitalis und der Kinnbildung sind die 
wichtigsten phylogenetischen Merkmale des menschlichen Schädels 
o^enannt. 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 



187 



Hierzu kommt noch das Auftreten von Schaltknochen, unter 
denen das zwischen Hinterhauptbein und Scheitelbeinen sich ein- 
schiebende Os Incae, das Inkabein, am bekanntesten ist. 

Da ein älterer phylogenetischer Besitz stets fester umschriebene 
Formen zeigt, so sind die bald hier, bald da die Schädelkapsel er- 
gänzenden, unregelmässig auftretenden Schaltknochen ein Beweis 
für die allmähliche Anpassung des Schädeldachs an seinen wachsenden 
Inhalt, das grössere Gehirn. Ein Fehlen der Schaltknochen bedeutet 
eine höhere Entwicklung, weil durch Verschmelzung zu regel- 
mässig wiederkehrenden grösseren Knochenstücken der Schädel sich 
der Grössenzunahme des Gehirns endgültig angepasst hat. 




Fig. 135. Scliadel zweier Tamiileu (uacli Savasin). 



Eine völlig gleichwertige Erscheinung ist das Vordringen des 
äusseren grossen Keilbeinflügels zwischen Stirnbein und Schläfen- 
schuppe. Dadurch wird der Gehirnraum ebenfalls beträchtlich ver- 
grössert, so dass die stärkere Beteiligung des Keilbeinflügels an 
der Bildung der Schädelkapsel als ein Fortschritt zu höherer Ent- 
Avicklung angesehen werden muss. Die unmittelbare Berührung von 
Stirnbein und Schläfenschuppe stellt somit ein primitives Merkmal, 
bezw. einen Rückschlag dar. 

Wahrscheinlich werden sich bei weitereu Untersuchungen in 
dieser Richtung noch viel mehr Merkmale finden lassen, die umso 



188 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 



wichtiger sind, als wir für frühere Geschlechter allein auf die 
Knochenreste angewiesen bleiben. 

Wie am Schädel, kommen auch am Kopf des lebenden Menschen 
die phylogenetischen Merkmale deutlich zum Ausdruck. In sechs 
Weddaprofilen nach Photographien der Vettern Sarasin (Fig. 136) 
zeigt sich der Torus frontalis bald stark ausgeprägt, wie im ersten 
und letzten Kopf, bald leicht angedeutet, wie im zweiten und vierten, 
bald kaum erkenntlich, wie im dritten und fünften. Das Kinn ist 




Fig. 136. Sechs Weddaprofile (uacli Photographien vou Sarasiu). 

beim ersten und zweiten kräftig entwickelt, beim vierten stumpfer, 
beim dritten und fünften stark fliehend. 

Hier besteht also innerhalb einer sehr kleinen und wenig ge- 
mischten Menschengruppe schon eine sehr starke individuelle 
Variabilitätsbreite. 

Noch stärker wird die Variabilitätsgrenze ausgedehnt, wo es 
sich um Völker handelt, die aus verschiedenen Elementen zusammen- 
gesetzt sind. 

Besonders interessant ist eine Stufenleiter von zwölf Köpfen 
japanischer Mädchen, welche Professor Balz zusammengestellt hat 
und so freundlich war, mir zu schicken (Fig. 137 — 148). In den 
ersten zehn Bildern ist der Uebergang vom plump mongolischen 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 



189 





FiK. 1^ 



Fig. 1:3s. 





Fig. 139. Fig. 140. 

Japanische Gesiclitstyiteu. (Phot. Balz.) 

Satsumatypus nach dem feinen mandschu-koreanischen Chosutypus 
zum Ausdruck gebracht, Fig. 147 zeigt die seltene Abart des india- 
nischen und Fig. 148 den jüdischen Gresichtstypus der Japanerin. 
Wie Schwalbe und Klaatschlur den Schädel, so hat 



190 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 





FiR. 141. 



Fiff. 142. 





143. Fig. 144. 

Jai);inische Gesichtstypen. (Pliot. Biilz.) 



namentlich Klaatsch auch für das übrige Skelett des Menschen 
die vergleichend anatomische Untersuchung angebahnt. In den 
vorigen Abschnitten sind die diesbezüglichen Beobachtungen ge- 
Avürdigt; jedoch sind sie noch nicht so weit gediehen, dass sie einen 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 



191 





Fi-. 145 



Tis. 146. 





Fig-. 147. Fig. US. 

Japanische Gesichtstyiieu. (Phot. Biilz.l 



systematischen Aufbau erlauben. Nur kurz sei hier auf eine Eigen- 
tümlichkeit des unteren Gliedmassenskeletts hingewiesen. 

Klaatsch fand, dass die Fibula des Europäers nach vorn kon- 
kav verläuft, während die des Japaners gerade von hinten oben 



192 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 



nach unten vorn gerichtet ist. Dementsprechend ist auch das Schien- 
bein des Europäers vorn konvex, leicht säbelförmig, und der Kopf 
nach vorn abgeknickt, während die -Japanertibia gerade verläuft 
und sich stärker mit der Fibula kreuzt. Ausserdem ist das Fersen- 
bein beim Europäer stärker entwickelt als beim .Japaner. 

Die einschlägigen Verhältnisse sind in Fig. 149 dargestellt. 

Merkwürdigerweise findet sich beim europäischen Fötus ein 
ähnliches Verhältnis wie beim .Japaner. 

Ivlaatsch schliesst daraus, dass der aufrechte Gang in verschie- 




Fig. 149. Unteres Gliedmassenskelett eines Japaners nnd einer Europäerin 
(nach Klaatschi. 



dener Weise von verschiedenen Menschengruppen erworben worden 
sei, jedoch ist die Zahl der Beobachtungen noch zu gering, um 
darüber ein bestimmtes Urteil abzugeben. 

Um Wiederholungen zu vermeiden, sei bezüglich aller weiteren 
phylogenetischen und ontogenetischen Merkmale auf die betreffenden 
Abschnitte verwiesen. 

Eine etwas eingehendere Besprechung erfordert noch die mensch- 
liche Gestalt als Ganzes und die Art und Weise, wie sich diese 
bestimmen lässt. 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 193 

Wenn wir die Menschen unserer täglichen Umgebung mit- 
einander vergleichen, finden wir neben plumpen, gedrungenen 
(Gestalten zierliche und schlanke. Die ersteren haben meist auch 
eine kleinere, die letzteren eine ansehnlichere Körperhöhe. Der 
Körperbildung entspricht gewöhnlich auch die Ko])f- und Gesichts- 
bildung, indem die plumpen, gedrungenen und kleinen Menschen 
einen verhältnismässig grossen Kopf und ein breites, kurzes Ge- 
sicht, die zierlichen, schlanken und grossen Menschen aber einen 
verhältnismässig kleinen Kopf und ein schmales, langes Gesicht 
besitzen. 

Vertreterinnen dieser verschiedenen Gestaltung sind zwei sech- 
zehnjährige Japanerinnen, welche Prof. Balz aufgenommen hat 
(Fig. 150). Bälz^) ist der Ansicht, dass bisher lange nicht genug 
auf den engen Zusammenhang zwischen Kopf- und Körperbildung 
geachtet wurde, und schlägt vor, die erste Form (Fig. 150a) mit 
Dolichanthropen, Langmenschen, die zweite (Fig. 150b) mit 
Brachyanthropen, Kurzmenschen, zu bezeichnen. 

G. Fritsch hat in seinem Buch über die südafrikanischen 
Völker schon früher die gleiche Beobachtung gemacht. Er ver- 
gleicht die schlanken, oft dürftigen Gestalten der freien Neger- 
stämme mit dem Typus des wilden Tieres, die gedrungeneren 
und dickeren Neger in den europäischen Niederlassungen mit dem 
des Haustiers. In der Tat machen ja die meisten Haustiere, 
besonders die Wiederkäuer, einen gedrungenen und wohlbeleibteren 
Eindruck als ihre wildlebenden Verwandten, so dass sich den 
durch die Domestikation entstandenen besseren Ernährungsverhält- 
nissen ein bedeutender Einfluss auf die Körperbeschaffenheit nicht 
absprechen lässt. 

Ranke^), der sich hauptsächlich auf die Beobachtungen von 
Fritsch, Gould und Sören Hansen stützt, schliesst sich der 
Meinung von Fritsch an und unterscheidet die schlanken Gestalten 
als Naturform von den untersetzten Gestalten, die er als Kultur- 
forni bezeichnet. Nach ihm findet sich die Naturform nur bei solchen 
Individuen, die durch fortwährende Uebung eine volle mechanische 

') Briefliche Mitteilung. 1900. 
-) 1. c. II. S. 88 f. 
8tratz, Die Xatuigeschichte des Menschen. 13 



194 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 



Ausarbeitung ihres Körpers, namentlich ihrer Muskulatur, erlangt 
haben. 

Es ist zweifellos, dass Ernährung und Lebensweise einen tief- 




Fig. 150. Sclilauke und untersetzte Japanerin. (Phot. Balz.) 

greifenden Einfluss auf die Gestaltung des Körpers ausüben, ja es 
ist sogar erwiesen, dass in einzelnen Fällen durch Verabreichung 
gewisser Stoffe, wie des Schilddrüsenextraktes, das Längenwachstum 
sich willkürlich beeinflussen lässt, trotzdem aber kann darin nicht 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 195' 

die einzige, ja nicht einmal die wiclitigste Ursache der Körper- 
bihhmg liegen. 

Um bei dem Beispiel von F ritsch von den wilden Tieren und 
den Haustieren zu bleiben, sehen wir, dass unter den letzteren ver- 
schiedene sind, die sich trotz der Domestikation keine gedrungene 
und fette Gestalt angeeignet haben. Dies liegt einerseits am End- 
zweck der Zähmung. Beim Reit- und Ilennpferd zum Beispiel wird 
jeder starke Fettansatz ängstlich vermieden, Avährend er beim Mast- 
vieh möglichst befördert wird. Anderseits aber handelt es sich um 
natürliche Anlagen, auf welche offenbar der Mensch schon vor der 
beabsichtigten Domestikation sein Augenmerk gerichtet hatte und 
nur solche Tiere auswählte, die die meiste Aussicht boten, dem 
von ihm angestrebten Zwecke zu entsprechen. 

Unter den Hunden, bei deren Wert die Leibesfülle, ausser 
bei den Esshunden der Chinesen, vor der Wichtigkeit anderer 
Eigenschaften vollief zurücktritt, finden wir neben dem dicken 
Mops den schlanken Windhund, der trotz allergünstigster Lebens- 
bedingungen die Naturform in ausgesprochenster Weise bewahrt hat. 

Anderseits gibt es unter den wilden Tieren verschiedene, die 
sich durch plumpe und gedrungene Formen auszeichnen, wie ge- 
wisse Nagetiere, Bären, die meisten Vielhufer, und andere, wie die 
Raubtiere, die schlank und mager erscheinen. 

Abgesehen von dem individuellen Einfluss der Ernährung 
und Lebensweise und natürlich mit Ausschluss aller krankhaften Ver- 
änderungen lässt sich auf Grund der genannten Tatsachen als End- 
ursache dieser verschiedenartigen Gestaltung nur die ererbte Varia- 
bilitätsbreite des menschlichen Geschlechts ansehen, wi?lche auch 
in dieser Beziehung viel grösser ist, als die der übrigen Tierklassen. 

Dafür spricht unter anderem auch die oft zu machende Beob- 
achtung, dass innerhalb ein und derselben Familie trotz völlig 
gleicher LeV)ensbedingungen einige von den Kindern klein und unter- 
setzt bleiben, andere gross und schlank werden. 

Ebenso wie die schlanke und gedrungene Gestaltung des 
Körpers in ihren vielfachen Abstufungen dürfen auch die Grössen- 
und Gewichtsverhältnisse nur als Schwankungen innerhalb der 
Variabilitätsgrenzen des Menschengeschlechts betrachtet Averden. 



196 I^ie körperlichen Merkmale des Menschen. 



Wenn bei einer kleineren oder grösseren Menschengruppe eine 
bestimmte Körperforni oder eine bestimmte Körpergrösse überwiegt, 
dann stellt diese Erscheinung nichts anderes dar, als die Folge der 
einseitigen Weiterentwicklung gewisser Körpereigenschaften durch 
Isolation. 

Bei Kulturvölkern kann eine derartige Isolation auch durch 
Beschränkung der Kreuzung auf bestimmte Gesellschaftsgruppen 
künstlich hervorgerufen werden. 

Vielfach wird ein Zusammenhang zwischen der jeweiligen 
Körperbeschaffenheit und der geistigen Bedeutung angenommen in 
■dem Sinne, dass die kleinen, gedrungenen und dickköpfigen Menschen 
für klüger und begabter gelten. Als Beweis des Gegenteils verweise 
ich auf die bekannte Gestalt von Schiller, welche so ziemlich an 
der entgegengesetzten Grenze menschlicher Variabilität in Beziehung 
auf die Körperhöhe steht. Trotzdem lässt sich nicht leugnen, dass 
er sich geistig weit über das Mittelmaass seiner Zeitgenossen er- 
hoben hat. 

Mit der grösseren oder kleineren Körperhöhe geht meist auch, 
wie Kanke besonders hervorhebt, eine Verschiebung der Körper- 
verhältnisse gepaart und zwar in der Weise, dass bei grösserer 
Körperhöhe der Rumpf kürzer, die Gliedmassen, namentlich die 
Beine, länger erscheinen, während bei geringerer Körperhöhe der 
Rumpf länger, die Gliedmassen dagegen kürzer sind. 

Zur Bestimmung der Körperverhältnisse sind zahlreiche Methoden 
angegeben worden, die hauptsächlich für künstlerische Zwecke 
dienten ^). 

Von Gustav Fritsch wurde ein empirisch gefundener Kanon 
aufgestellt, der zum anatomischen Grundmaass die Länge der Wirbel- 
säule hat. 

Ich habe mich seit Jahren mit der praktischen Verwertung des 
Fritschschen Kanons beschäftigt und damit sehr befriedigende 
Erfolge erzielt "). 



^) Vgl. den betreffenden Abschnitt in „Die Schönheit des weiblichen Körpers". 

-) Vgl. Ueber die Anwendung des von G. Fritsch veröffentlichten Messungs- 
schemas in der Anthropologie. Verhandlungen der Berliner Anthropologischen 
Gesellschaft. Januar 1902. 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 



197 



Die Fritschsche Methode ist in kurzem folgende (vergl. 
Fig. 151): 

Von einer gegebenen Figur wird die Länge der Wirbelsäule, 




Fig. 151. Kanon von (>. Fritscli. 



welche dem Abstand des unteren Nasenrandes von dem oberen Rand 
der Symphyse in aufrechter Stellung entspricht, als Grundmaass 
oder Modulus der Konstruktion benützt = Linie a h. Diese Linie 
uh wird in vier gleiche Teile oder Untermoduli geteilt; die unterste 



198 Die körperlichen Merkmale des Menschen. 

Teilungsstelle JSF entspricht der Nabelhölie, die zweitnächste e der 
Schiilterliölie ; durch Verlängerung der Linie ah nach oben um 
einen Untermodulus erhält man die Scheitelhöhe c, durch Ab- 
tragung eines Untermodulus in e nach links und rechts die Schulter- 
breite SS, durch Abtragung eines halben Untermodulus in h die 
Hüftgelenkbreite HH^. 

Verbindet man die gegenüberliegenden Hüft- und Schulter- 
gelenke, so schneiden sich beide Linien im Nabel N. 

Zwei von S und S^ durch a gelegte Linien geben mit den 
Senkrechten von c aus ein Quadi-at, dessen Diagonale dd^ die 
Schädelbreite = einem Untermodulus angibt. 

Eine von e aus gelegte Parallele zu Sd^ schneidet die Linie 
SH^ bei 1?, der Höhe der Brustwarze. 

Verbindet man nun jB mit H und verlängert diese Linie nach 
unten, so lassen sich auf ihr die Linien HB^ = HK = der Länge 
des Oberschenkels, und die Linie HB == KF = der Länge des 
Unterschenkels abtragen. 

Li gleicher Weise erhält man die Maasse für die obere Extre- 
mität SB^ = SE = Länge des Oberarms, B^N= EM=^ Länge des 
Unterarms, und NH= 31 P = Länge der Hand. 

Die Länge des Fusses kommt überein mit der Linie eB, die 
Höhe mit deren oberem Stück. 

Bei einiger Uebung lässt sich die Fritschsche Konstruktion 
sehr viel leichter machen, als es nach der Beschreibung den Anschein 
haben kann. Die einzige Schwierigkeit besteht in der genauen 
Bestimmung des unteren Messpunktes h, für den die äussere Be- 
schaffenheit des Körpers keinen so bestimmten Anhaltspunkt liefert^ 
wie beim oberen Messpunkt a der untere Nasenrand. Ungefähr 
fällt der untere Messpunkt aber mit der Mitte der Hüftgelenks- 
verbindung zusammen, so dass statt der Kreuzbeinspitze auch die 
Verbindung beider Mitten der Leistenbeugen als Messpunkt genom- 
men werden kann. 

Zunächst ergab das Fritschsche Messungsschema das über- 
raschende Ergebnis, dass die damit erzielten Maasse sich ziemlich 
genau mit den anerkannt besten Aufstellungen von Normalgestalten 
deckten. In Fisr. 151 ist der Fritschsche Kanon verglichen mit der 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 199 

weiblichen Normalgestalt von Merkel, von derer nur in unbedeu- 
tender Weise abweicht. 

Bei Fritsch^) finden sich weitere Belege mit Beziehung auf 
SchadoAV, Froriep u. a. 

Die nächste Schlussfolgerung aus dieser weitgehenden Ueber- 
einstimmung ist, dass mit dem F r i t s c h s c h e n M e s s u n g s s c h e ra a 
die als normal geltenden Körperverhältnisse der Euro- 
päer aufs genaueste übereinstimmen. 

Bei der Aufstellung ihrer Kanons haben jedoch die meisten 
wissenschaftlichen Autoren sich damit begnügt, die am häufigsten 
vertretene, also die Durchschnittsgestalt, als Normalgestalt zu be- 
trachten. 

Nach Schadow sind Geyer und Rieh er die ersten gewesen, 
die neben der Durchschnittsgrösse auch die Idealgrösse berück- 
sichtigt haben. 

Vergleichen wir zunächst die Geyerschen Idealgestalten, für 
die ich bezüglich der Konstruktion auf das Original verweise, mit 
dem Kanon von F ritsch (Fig. 152 u. 153), so zeigt sich, dass bei 
der männlichen ebenso wie bei der Aveiblichen Gestalt die Körper- 
proportionen auf das genaueste stimmen, dass aber bei beiden die 
Scheitelhöhe etwas niedriger steht, als die Fritschsche Konstruktion 
verlangt. 

Bei dem Geyerschen Mann von 7^2 Kopfhöhen stimmen 
wiederum die Kopfmaasse genau mit dem Fritschschen Kanon über- 
ein, während die Körpermaasse nach F ritsch um ein geringes Maass 
verkürzt erscheinen. 

Rieh er hat einen Kanon nach Kopf höhen konstruiert und be- 
rechnet dabei die Gesamthöhe auf 7 ^2 Kopf höhen. Nebenbei hat 
er einen Type heroique von 8 Kopf höhen, der Idealfigur Geyers 
entsprechend, aufgestellt. 

Vergleicht man den 8 Kopfhöhenkanon von Hie her (Fig. 154) 
mit dem Kanon von Fritsch, so stimmen auch hier, genau Avie bei 
Geyer, die Körpermaasse auf das genaueste überein, Avährend der 
Scheitel Avieder ein Avenior zu niedrig steht. 



') Fritsch-Harless, Die Gestalt des Mensehen. Neff. 1900. 



200 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 




Fig. 152. Kanon des Mannes von 8 Kopfliölien von Geyer vergliclieu mit dem 
Kanon von Fritscli. 



Denkt man sich das fehlende Stück der Kopfhöhe hinzu, so 
berechnet sich die Gesamthöhe der Figur, wie auf der beigefügten 
Skala ersichtlich ist, auf T^/i — 7^/2 Kopf höhen. Eine derartige Ge- 
stalt würde genau in das Fritschsche Schema hineinpassen. 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 



201 



Da nun Gestalten von 7^2 — l^ji Kopf höhen bei einer Körper- 
höhe von 170 cm nach den Untersuchunofen von v. Lange u. a. 




Fig. 153. Kauüii des Weibes von S Küpfhölieu von Gejer veiglicheu mit iliiii 
Kanon von Fritscli. 

die weitaus häufigsten sind, so entspricht der Fritschsche 
Kanon auf das genaueste den durchschnittlichen Ver- 
hältnissen des erwachsenen Europäers. Er bietet somit 
einen festen Massstab, mit dem sich andere Menschenformen ver- 



202 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 



gleichen lassen. Der Fritschsclie Kanon ist demnach ebenso wie 
der Richersche 7^,2 Kopfhöhenkanon massgebend für die europäi- 
sche Durchschnittsfigur, der Richersche Type heroique und 
der Geyersche Kanon für die europäische Idealfigur. 




M 



ya 



Fig. 154. Type heroique von Riclier vergliclien mit dem Kaiiou von Fritscli. 



Die Richersche Bestimmung nach Kopf höhen, welche auch in 
dem Abschnitt über das Wachstum eine weitgehende Verwendung 
fand, hat den grossen Vorzug der Einfachheit und Uebersichtlich- 
keit für sich. Ausserdem gestattet sie sofort in der Konstruktion 
das Verhältnis zwischen dem Kopf und den anderen Körperteilen 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 203 

zu übersehen. Dagegen tritt das Verhältnis zwischen Rumpf und 
Gliedmassen lange nicht so deutlich hervor wie bei Fritsch. 

Bei Fritsch wiederum fehlt jeglicher Massstal) zur Beurteilung 
der Kopfhühe, da nur die untere Nasengrenze und die Scheitelhöhe 
nicht aber die untere Kinngrenze in das Schema mit einbezogen 
ist. Dieser Nachteil wird durch den Vorzug ausgeglichen , dass 
die Verhältnisse zwischen Rumpf und Gliedmassen, ebenso wie die 
wichtigsten Gelenkpunkte auf dem Schema genau festgelegt sind. 
Die Rieh er sehen und Fritschschen Kanons bieten somit zu- 
sammen einen wertvollen, sich gegenseitig ergänzenden Massstab, 
dem die europäische Körpernorm der weissen Rasse zu Grunde liegt. 
Vom phylogenetischen Standpunkt betrachtet erheben sich die 
menschlichen Körperverhältnisse über die der höheren Säugetiere 
durch die Grössenzunahme der hinteren Gliedmassen , insbeson- 
dere der Oberschenkel. Während sie die grössere Länge der Beine 
als Ganzes unter anderem mit vielen Vögeln , Beuteltieren und 
Nagern teilen , so ist doch die durch den aufrechten Gang be- 
dingte Isolierung, Verstärkung und Abrundung des Oberschenkels 
eine rein menschliche Eigenschaft. Dasselbe gilt von der Bildung 
der Waden. 

Nimmt man mit Klaatsch an, dass im Urzustand des Menschen 
alle vier Gliedmassen, wie noch jetzt beim menschlichen Neugeborenen, 
gleich laug waren, dann bedeutet ein verhältnismässiges Ueberwiegen 
der oberen Gliedmassen ein Festhalten an primitiveren Zuständen. 
In Zahlen ausgedrückt, verhalten sich die Arme zu den Beinen 
wie 4 : 5. Bei einer Körperhöhe von 180 cm ist der Arm 80, das 
Bein, von dem Hüftgelenk aus gemessen, 100 cm lang. Der Kopf 
22,5 und der Rumpf in runder Zahl 70 cm (3 Kopflängen = 67,5 cm). 
Auf eine Körperhöhe von 100 Teilen reduziert, ergeben sich 
als Idealmaasse : 

cm Teile 

Körperhöhe .... 180 100 

Kopfhöhe . . . . 22,5 12,5 

Armlänge 80 44,4 

Beinläuge 100 55,5 

Rumpflänge .... 70 39,99 



204 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 



In runden Zahlen beträgt somit die Armlänge 44 ^/o, die Bein- 
länge 55 ''/o, die Rumpf länge 40 ''/o, die Kopf höhe 12,5 "/o oder ein 
Achtel der gesamten Körperhöhe. In diesen Zahlen sind zugleich 
die Indices zwischen den einzelnen Körperteilen zur Gesamthöhe 
ausgedrückt. Der Armbeinindex, 80 : 100, ist 8. 

Die Variabilität im Verhältnis der Kopfhöhe zur Körperhöhe 
schwankt beim Menschen zwischen 6 und 8. Der Type heroique 
von Richer bildet demnach die oberste Grenze menschlicher Ge- 
staltung ^). 

Topinard^) hat das Kopfhöhenverhältnis verschiedener künst- 
lerischer Kanons mit Messungen an Lebenden verglichen und daraus 
den Schluss gezogen, dass nur der Hindukanon und der Schadow- 
sche mit der Wahrheit übereinstimmen, alle anderen Kanons aber 
den Kopf zu klein annehmen. (Der Fritschsche, Richersche und 
Geyer sehe Kanon ist von Topin ard nicht erwähnt.) 

Dabei hat Topinard aber übersehen, dass er das künstlerische 
Idealmaass nicht ohne weiteres mit dem anthropologischen Durch- 
schnittsmaass vergleichen darf. 

Topinard berechnet aus zahlreichen Messungen den Koj)f höhen- 
körperhöhenindex auf 13 — 16 für verschiedene Menschengruppen, 
wobei die Körperhöhe = 100 angenommen ist. 

Die Kopfhöhe des Menschen schwankt bekanntlich zwischen 
20 und 24 cm, die Körperhöhe zwischen 140 und 180 cm. Berechnet 
man die verschiedenen Verhältnismöglichkeiten, so ergibt sich 
folgende Tabelle: 





cm 


cm 


cm 


cm 


cm 


Teile 


K ö r p e r höhe 


140 


150 


160 


170 


180 


100 


6 Kopfhöhen . . . . 1 


33 


25 


26,5 


28 


30 


16,6 


6,5 „ .... 


21 


2S 


24 


26 


27,5 


15,3 


7 „ .... 


20 


21,5 


33 


24 


26 


14,8 


7,5 


18,5 


20 


21 


33,5 


24 


13,2 


8 „ .... 


17 


19 


20 


21 


33,5 


12,5 



Zunächst findet sich also das ideale Verhältnis 1 : 8 bei Men- 



') In seinen ägyptischen Volkst3'pen hat Fritsch vor kurzem Gestalten 
mit mehr als 8 Kopfhöhen veröffentlicht. 
^) Anthropologie Generale. S. 1070. 



Die körperlichen Merkmale des Menschen. 205 

sehen unter 160 cm überhaupt nicht, umgekehrt das Verhältnis 1 : 6 
nur bei Menschen unter 150 cm. Die häufigsten Kombinationen er- 
geben sich, wie dies der Wirklichkeit entspricht, für ein Kopfhöhen- 
verhältnis von 7 — 7,5. Das erstere kann sich mit einer Körperhöhe 
von 140 — 170, das letztere mit einer Körperhöhe von 150 — 180 
kombinieren. 

Für die weitaus häufigsten Kopfhöhen von 22 — 23 cm ergibt 
sich eine regelmässige Stufenleiter, die als Normalverhältnis ange- 
sehen werden darf. 

Danach entsprechen: 

einer Körperhöhe von 140 cm 6 Kopf höhen 
„ 150 „ 61/2 

„ 170 „ 71/2 

180 ,, 8 ,, 



Einzelne nichteuropäische Rassengruppen zeigen ein abweichendes 
Verhalten. 

Die hier in grossen Zügen angedeuteten Eigentümlichkeiten 
menschlicher Körperbildung lassen die Menschheit als Ganzes scharf 
von der übrigen Tierwelt abgrenzen. 

In den Proportionen unterscheiden sich die Menschen von den 
ihnen nahestehenden Anthropoiden namentlich durch die grössere 
Länge der Beine und die geringere Länge der Arme. 

Die stärkere Länge der Beine hat sich der Mensch bei deren 
einseitiger Ausbildung zum Stützorgan sekundär erworben, ebenso 
wie die bei den Anthropoiden bestehende Ueberlänge der vorderen 
Gliedmassen durch die Anpassung an das Klettern sekundär ausge- 
prägt wurde. 

Dadurch allein schon ist ein fundamentaler Unterschied zwischen 
Menschen und Anthropoiden geschaffen. 

Innerhalb des Menschengeschlechts selbst aber finden wir die 
körperlichen Unterschiede lange nicht so gross, als zwischen ihm 
und den nächstverwandten Tiergruppen. 

Bildet somit die Menschheit eine geschlossene, wohl charakteri- 
.sierte Gesamtheit, so lassen sich innerhalb derselben hier die rein 



206 Die körperlichen Merkmale des Menschen. 

menschlichen Körpereigenschaften in bakl mehr, bald weniger deut- 
lich ausgesprochener Weise, mehr oder weniger hoch differenziert, 
nachweisen , dort wieder kann man die einseitige Ausbildung eines 
oder mehrerer Körj^ermerkmale nach einer bestimmten Richtung hin 
erkennen, so dass es möglich wird, die einzelnen Menschengruppen 
mehr oder weniger scharf auf Grund ihrer Körperbeschaffenheit von- 
einander zu trennen. Von anthropologischem Standpunkt aus werden 
diese Menschengruppen als Rasse n bezeichnet. 

Als Ganzes betrachtet nimmt die Menschheit innerhalb der 
Säugetierwelt eine ganz besondere Stellung ein. Einerseits hat sie 
viele primitive Eigenschaften in so reiner Form bewahrt, dass sich 
alle Säugetiergruppen von der menschlichen Gestaltung ableiten 
lassen, anderseits hat sie sich durch die einseitige Ausbildung des 
Gehirns w^eit über alle anderen Säugetiere erhoben. Die körper- 
lichen Eigenschaften des Menschen sind demnach zum Teil sehr 
primitive, ursprüngliche, alte, dem Ursäugerstamm gemeinschaftliche 
Besitzungen, zum Teil rein menschliche, in einseitiger Ausbildung 
erlangte Erwerbungen. Manche früher wertvolle Besitztümer sind 
durch Rückbildung verloren gegangen. 

Im allgemeinen bildet der Mensch den übrigen Säugetieren 
gegenüber einen .,collective type" im Sinne Huxleys. 



V. 

Die Rassenentwicklung. 

Wichtigste Literatur. 

1. Klaatsch. 

a) Die wichtigsten Variationen am Skelett der unteren Extremität 
des Menschen und ihre Bedeutung für das Abstammungsproblem. 
Ergebnisse der Anatomie und Entwicklungsgeschichte. lliOO. 

b) Die Entwicklung des Menschengeschlechts in Weltall und Mensch- 
heit. II. 1902. 

c) Fortschritte der Lehre von den fossilen Knochenresten des Menschen. 
Ergebnisse der Anatomie und Entwicklungsgeschichte. XII. Bd. 
1902. S. 545. 

2. Schwalbe, Der Neanderschädel. Bonn 1901. 

3. Mortillet, Musee prehistorique. 1902. 

4. G. Fritsch, Geographie und Anthropologie als Bundesgenossen. 1880. 

5. Topinard, Anthropologie Generale. 

6. Ranke, Der Mensch. 1895. 

7. Quatrefages, Le races huraaines. 1900. 
S. Hörnes, Der diluviale Mensch. 1902. 

9. Hutchinson, Living races of Mankind. 1900. 
10. Schwalbe, Die Vorgeschichte des Menschen. Braunschweig 1904. 

Der MeiLsch gehört zu den festen, unveränderlichen Naturformen, 
den Dauerformen, in dem Sinne, dass er, dank dem unermess- 
lich langen Gang seiner Entwicklung, sich derartig ausgebildet hat, 
dass eine höhere Stufe von Vollkommenheit nur in sehr langsamem. 
kaum wahrnehmbarem Massstab erreicht Averden kann. Aus diesem 
Grunde sind auch die Unterschiede der einzelnen Menschengruppen 
unter sich lange nicht so gross als in vielen Tierfamilien, wie z. B. 
Hühnern, Hunden und Wiederkäuern, die durch natürliche oder 
künstliche Züchtung in verhältnismässig kurzer Zeit tiefergreifende 
Veränderungen erleiden können. 

Wenn wir die körperlichen Eigenschaften des Menschen von 
phylogenetischem Standpunkt betrachten, so lassen sie sich in pri- 
mitive, rudimentäre und progressive einteilen. 



208 Die Rassenentwicklung. 

Die primitiven Eigenschaften sind diejenigen, die er sich 
aus seinen ältesten Urzuständen ganz oder in nur wenig veränderter 
Form erhalten hat. Dazu gehört die Haftstielernährung der Frucht 
und die Bildung der oberen Gliedmassen, insbesondere der Hand. 

Die rudimentären Eigenschaften umfassen alle Rückbildungen 
und können sich auch auf den Verlust früher wertvoller Vorzüge 
beziehen, die aber unter veränderten Lebensbedingungen überflüssig 
geworden sind. Zu diesen Eigenschaften gehört die Rückbildung 
des Gebisses, der Sinnesorgane, des Blinddarms und der Zehen. 

Die progressiven Eigenschaften, die auf eine weitere Dif- 
ferenzierung und Vervollkommnung hinweisen, können vielerlei Art 
sein, und um ihren Wert ganz würdigen zu können, muss man 
sich den Gang der Phylogenese ins Gedächtnis rufen. 

Ob der Mensch , wofür viele Gründe sprechen , schon vor der 
Entwicklung seiner gefährlichsten Feinde unter den Säugetieren sich 
dank seinem höheren Intellekt die erste Stellung im Tierreich zu 
sichern wusste, oder ob er sich trotz der Feinde und mitten unter 
ihnen in hartem Kampfe zum Herrscher der Erde emporschwang, 
jedenfalls hatte er von dem Augenblick seiner Thronbesteigung an 
nur einen ebenbürtigen Gegner zu fürchten, nämlich seinen Neben- 
menschen. 

Wenn innerhalb des Menschengeschlechtes die natürliche Aus- 
lese ihre ehernen Gesetze geltend machte, so niusste durch immer- 
währende, viele Tausende von Jahren fortgesetzte Kreuzung ein neues 
Geschlecht entstehen, das die rein menschlichen Eigenschaften in 
höherer Ausbildung besass und die weniger begabten Nebenmenschen 
verdrängte. 

Zu den progressiven Eigenschaften dieser Art gehört in erster 
Linie die weitere Entwicklung des Gehirns und der Nervenbahnen, 
die dadurch bedingte Grössenzunahme des Schädels und die weitere 
Ausbildung der unteren Gliedmassen zum Stützorgan. 

In der Berührung mit der Gesamtheit waren die minder begabten 
Menschen dem sicheren Untergang, d. h. dem allmählichen Aus- 
sterben geweiht. 

Diesem Schicksal konnten nur solche entgehen, die aus dem 
allgemeinen Kampf ums Dasein durch irgend einen Grund aus- 



Die Kassenentwicklung. 209 

geschaltet waren. Dieser Grund konnte die Unzugänglichkeit der 
Wohnsitze, wie bei den Bewohnern der Gebirge, der Polargegenden 
sein, oder auch deren völlige Isolierung, wie bei Bewohnern grösserer, 
vom Festland entfernter Inseln. 

Innerhalb solcher mehr oder weniger isolierter Menschengruppen 
konnten sich die progressiven Eigenschaften infolge der geringeren 
Möglichkeit von Mischung und Austausch lange nicht in dem Maasse 
weiter entwickeln, wie bei der grossen Gesamtheit. Sie mussten 
daher dem früheren Zustand verhältnismässig viel näher bleiben und 
konnten ihn nur einseitig weiter bilden. 

Solche durch Isolation einseitig weiter entwickelte Eigenschaften 
sind die stärkere Ausbildung der Kiefer und des Gebisses bei den 
Negern, die fast völlige Haarlosigkeit des Körpers bei den süd- 
amerikanischen Stämmen u. a. m. 

Selbstverständlich ist die DiflFerenzierung umso geringer, je 
später und je unvollständiger ein Stamm von der übrigen Mensch- 
heit abgeschlossen wurde. 

Auf Grund dieser Betrachtung lassen sich allgemein pro- 
gressive und einseitig progressive Eigenschaften unterschei- 
den. Die ersteren sind ein bleibender Erwerb der Menschheit, die 
letzteren nicht. 

Für die Einteilung der Menschen in kleinere Gruppen sind 
die jeweiligen primitiven Eigenschaften im Zusammenhang mit 
dem geringeren und grösseren Grad der Rückbildung und der Fort- 
bilduno; ausschlao-orebend. Je stärker die rudimentären und all- 
gemein progressiven Eigenschaften ausgebildet sind, desto höher 
steigt die damit ausgestattete Menschengruppe auf der Stufenleiter 
der Entwicklung. Von diesem Standpunkt aus ist eine natur- 
wissenschaftliche Einteilung des Menschengeschlechts denkbar, aber 
leider noch nicht völlig durchzuführen , Aveil die dazu nötigen 
Untersuchungen bis jetzt nur in sehr unvollständiger Weise vor- 
liegen. 

Je kleiner die Menschengruppen, desto ähnlicher sind sie ein- 
ander und desto schwieriger ist es, kennzeichnende Unterschiede zu 
finden. Beim heutigen Stand der Dinge muss man sich damit begnügen, 
die wichtigsten Rassenmerkmale für grosse Gruppen festzulegen. 

Stratz, Die Xaturgescliiclite des Jleuscheii. l'* 



210 Die Rassenentwicklung. 

Die ältesten bekannten fossilen Ueberreste von Menseben stam- 
men aus dem älteren Diluvium. An drei Stellen hat man bisber 
Skeletteile gefunden, welche eine auffallende Uebereinstimmung 
und zugleich eine viel primitivere Bildung zeigen, als die heutigen 
Menschenrassen. Es sind dies der von Fullroth in Deutschland 
gefundene Nean der talmensch, die beiden von Fraipont in 
Belgien ausgegrabenen Spy mens eben und die neuesten Funde 
von G. Kram berger in Kroatien. Vom Neandertalmenscben 
ist die Schädelkalotte, das Becken und einige Gliedmassenknochen 
erhalten, von den Spymenschen grössere Partien des Schädels und 
einige Extremitätenteile. Die kroatischen Schädelbruchstücke, die 




Fig. 155. Spyscliädel I (rot) iiud Neandertalkalotte (schwarz). 

offenbar von einem vorgeschichtlichen Kannibalenmahle herrühren, 
schliessen sich den vollständigeren Ueberresten der älteren Fund- 
stätten ihrer Form nach an. 

Zusammen mit diesen Skeletteilen wurden jeweils auch künst- 
lich bearbeitete Feuersteingeräte gefunden, woraus hervorgeht, 
dass schon damals der Mensch eine gewisse Kulturstufe erreicht 
hatte. 

Diese Ueberreste sind in neuester Zeit einer eingehenden ver- 
gleichend anatomischen Untersuchung durch Schwalbe, Klaatsch, 
Kramb erger und Fraipont unterzogen worden. Dabei hat sich 
herausgestellt, dass namentlich der Schädelbau für die Annahme 
eines sehr jDrimitiven Standpunkts ausschlaggebend ist, während 
die von Klaatsch sorgfältig analysierten Knochen der unteren 



Die Rassenentwicklung. 211 

Gliedmassen verhältnismässig wenig von solchen heutiger Menschen, 
namentlich denen der Eskimo und anderer Mongolen, abweichen. 
Fig. 155 zeigt die von Fraipont zusammengesetzten Fragmente 
des Spyschädels I und die Neandertalkalotte in gleicher Grösse auf 
die Stirnohrlinie im Profil eingestellt. Abgesehen von der grossen 
Uebereinstimmung beider Schädel fällt sofort die ausserordentlich 
mächtige Entwicklung des Torus frontalis und die 
niedrige Wölbung des Schädeldaches im Vergleich mit 
rezenten Formen auf. Bei den kroatischen Funden zeigten die 
Stirnbeinfragmente eine genau entsprechende Ausbildung der Ueber- 
augenbogenwülste. Diese beiden Eigentümlichkeiten bilden vorläufig 



Fig. 15G. Spyscliädel I (rot), Scliiinpansenscliädel (- 
Pitliekanthropuskalotte (grau). 



das wichtigste und ausschlaggebende Kennzeichen der diluvialen 
N e a n d e r t a 1 s p y r a s s e. 

Von oben betrachtet, zeigen sämtliche Schädel eine au.sgesprochene 
Dolichokephalie. 

Auf phylogenetischer Grundlage erscheint die Dolichokephalie 
auch ohne diese Belegstücke als der primitivste Zustand. Der zu- 
nehmenden Bedeutung der Kopfteilsegmente entspricht zunächst 
ein Wachstum in der Längsachse des Körpers, darauf folgt eine 
lokale Anhäufung durch Knickungen, Avie wir aus der Entwick- 
lung des Gehirns erkennen können , und erst später strebt das 
stets grösser werdende Gehirn nach einer i\.usdehnung in die Höhe 
und Breite. 

Da alle neueren Untersuchungen ergeben haben, dass die Bil- 
dunof des knöchernen , im Kindesalter weichen Schädels sich nach 



212 Die Rassenentwicklung. 

dem Wachstum des Gehirns richtet, vmd nicht umgekehrt das Gehirn 
nach dem Schädel, so muss bei Zunahme der Gehirnsubstanz, ab- 
gesehen von dem gleichmässigen Grössenwachstum im ganzen, zu- 
nächst der nur durch Deckknochen sekundär geschützte Teil, die 
Schädelwölbung, ausgedehnt werden. Die Ausdehnung der Schädel- 
basis in die Breite kommt erst später zu stände. 

Neuerdings vertritt Nyström^) die Anschauung, dass der Schädel nach 
den Gesetzen des hydrostatischen Druckes eine dem wachsenden Gehirnvolum 
entsprechende Neigung zur Kugelform, das heisst — kraniologisch ausgedrückt 
— eine ausgeprägte Tendenz zur Brachykephalie zeige, und sucht aus 
mechanischen Gründen, wie Beschäftigung und Lebensweise, den Antagonismus 
der Natur zu erklären. Durch Kaubewegungen werde die vordere Schädelhälfte 
schmal erhalten , durch Wirkung der Nackenmuskeln die hintere ausgezogen, 
wodurch das Zustandekommen der Brachykej)halie ersehwert wird. Wichtiger 
als Nyströms Theorie erscheint die Tatsache, dass sich die Dolichokephalie 
regelmässig bei den auch sonst als ijrimitiv gekennzeichneten Menschen- 
gruppen und ebenso bei dieser ältesten Neandertalspygrui^pe vorfindet. Dass 
die hydrostatischen Gesetze beim sekundären Zustandekommen der Rundköpfe 
sicher eine grosse Rolle spielen, beweist unter anderem die absolute Kugel- 
form des KojDfes bei abnormer Weichheit des Schädels, beim Hydrocephalus. 

Der von Ranke-) erwähnten, aber wenig bekannten Engeischen Theorie, 
nach der die Weichschädel mehr zur runden, die Hartschädel mehr 
zur länglichen Form neigen, kommt sicher in dieser Beziehung auch eine 
hohe Bedeutung zu. Wenn wir auch keine bestimmten Anhaltspunkte über 
den Einfluss von Rassen, Nahrungsmitteln u. a. auf die jeweilige Festigkeit 
bezw. Festigung der Schädelknochen besitzen, so spricht doch auch hier wieder 
die Analogie mit einem krankhaften Zustand für die mögliche Richtigkeit der 
Theorie. Bei der Rhachitis nämlich, deren Wesen in einer abnormen kindlichen 
Weichheit der wachsenden Knochen besteht, neigt der Schädel zum ausgeprägt 
brachykephalen Charakter. 

Als einem noch älteren Typus angehörig, gewissermassen als 
gemeinschaftlicher Vorfahre von Mensch und Affe, wird der von 
Dubois gefundene pliocäne Pithecanthropus ercvctus von ver- 
schiedenen Forschern angesehen, unter anderen auch neuerdings von 
Schwalbe. 

Mit dem Spyschädel I bei gleicher Grösse der Stirnohrlinie ver- 
glichen, zeigt die Pithekanthroi^uskalotte (Fig. 156) eine sehr viel 
geringere Schädelwölbung, Avelche zwar nach hinten stärker aus- 



') A. Nyström, Ueber die Formveränderungen des menschlichen Schädels 
und deren Ursachen. Archiv für Anthropologie. Bd. 37. 1901. 
-) 1. c. IL S. 239. 



Die Rassenentwicklung. 213 

gebuchtet ist, als der Schimpansenschädel, aber auch von diesem in 
ihrer frontalen Wölbung übertroffen wird. 

Vorausgresetzt, dass die von Dubois und Manouvrier sfe- 
machte Rekonstruktion des Gesichtsschädels (auf der Zeichnung mit 
fein jnmktierten Linien eingetragen) richtig ist, zeigt immer noch 
das Gebiss eine einseitig stärkere sekundäre Differenzierunij zum 
Affentypus. Der Pithekanthropus hann also wohl als eine Affenform, 
die der menschlichen Primatenwurzel näher steht als die rezenten 
Vertreter, nicht aber als Vorfahre in gerader Linie betrachtet wer- 
den. Klaatsch hält ihn für eine Urform des Gibbon. 

Auch bezüglich der Neanderfcalspyrasse kam Schwalbe zu der 
Ansicht, dass sie keine unmittelbare Vorstufe der rezenten Menschen, 
sondern einen einseitig weiter differenzierten Seitenzweig; darstellen 
könne. 

Eine Stütze für die Schwalbesche Auffassung ist der Umstand, 
dass nicht nur die kroatischen Schädelfunde, sondern auch die 
Spyschen und Neandertalschen aus Bruchstücken bestehen, die auf 
einen gewaltsamen Tod schliessen lassen, und die Vermutung nahe 
legen, dass die üeberreste auf allen drei Fundstätten von einem 
Siegesmahl herrühren. Allerdings wissen Avir damit noch nicht, wie 
die unbekannten Sieger ausgesehen haben und ob sie den Besiegten 
nicht nur körperlich, sondern auch geistig überlegen waren. 

Abgesehen davon, finden sich die den heutigen Menschen völlig 
gleichstehenden Knochenfunde im jüngeren Diluvium, die Neander- 
talspyrasse, der Homo primigenius Schwalb es zusammen mit Zeichen 
der Steinkultur im älteren Diluvium. 

Aus dem jüngsten Tertiär stammt der Pithekanthropus in Java, 
aus derselben Zeit sind aber auch behauene Feuersteinreste in Europa 
gefunden und von Klaatsch mit Sicherheit als menschliche Arte- 
fakte gedeutet worden. 

Danach müssen zugleich mit dem Pithekanthropus Menschen 
auf einer gewissen Kulturstufe gelebt haben , woraus des weiteren 
geschlossen werden kann, dass der Pithekanthropus vielleicht einer 
früheren gemeinschaftlichen Wurzel näher geblieben ist, jeden- 
falls aber nicht ein unmittelbarer Vorfahre des Menschen gewesen 
sein kann. 



214 ^iö Rassenentwicklung. 

In ähnlicher Weise lässt sich annehmen, dass die Funde des 
„Homo primigeniiis Schwalbe" aus einer Zeit stammen, in der neben 
ihm bereits höher entwickelte Menschengeschlechter gelebt haben, 
und dass die bisher gefundenen vereinzelten Neandertalspyreste den 
wenigen Ueberlebenden einer in viel früherer Zeit entstandenen 
Menschenstufe angehört haben, vielleicht mit einseitiger Ausbildung 
gewisser Körpermerkraale. 

Immerhin behalten die pr imiti ve n Merkmale dieser ältesten 
bekannten Menschenrasse ihren phylogenetischen Wert. 

Die jungdiluvialen Schädel unterscheiden sich so wenig von den 




Fig. 157. Cro-MagiionscluUlel (schwarz) verglichen mit Spy I (rot). 

rezenten, dass sie vorläufig nicht zu weitgehenden Schlussfolgerungen 
berechtigen. 

Der Schädel des Alten von Cro-Magnon, der hier als Beispiel 
dienen kann (Fig. 157), zeigt eine sehr viel stärkere Wölbung als 
der Spyschädel und übertrifft sogar die mancher rezenten Schädel. 
Der Torus frontalis ist deutlich ausgesprochen, aber auch in dieser 
Hinsicht findet sich bei vielen heute lebenden Menschen eine primi- 
tivere Bildung. 

Ebenso wie jetzt bestehen unter den auf kleinem Gebiet zu- 
sammen gefundenen Schädeln zahlreiche graduelle Unterschiede, die 
bis auf weiteres nur als Ausdruck der örtlichen Variabilitätsbreite 
aufgefasst werden können. 

Quatrefages bildet zwei in Dänemark gefundene neolithische 



Die Rassenentwicklung:. 



215 



Schädel ab (Fig. 158), die von anderen Forscliein als männlich (a) 
und weiblich (b), von Quatrefages selbst aber auf Grund seiner 
Untersuchungen der zugehörigen Becken, welche beide männlich 
waren, für zwei verschiedene Rassen angesehen wurden. 

Beim ersten Schädel fand sich als besonders kennzeichnend 
(Fig. 158 a) ein stark ausgeprägter Torus frontalis, eine schwächere 
Ausbuchtung des Hinterhaupts, sehr kräftiges Gesichtsskelett und 
im allgemeinen sehr schwerer Knochenbau. Beim zweiten Schädel 
(Fig. 158b) ist die Stirn fast gerade, das Hinterhaupt stark aus- 




Fig. 158. Zwei Schiklel von Borrt'by (iiaeli Quatrefages) 



gebuchtet, der Knochenbau im Gesicht und ebenso am übrigen 
Körper zierlich und fein. 

Da diese Unterschiede die heutige individuelle Variabilitätsbreite 
innerhalb ein und derselben Art keineswegs überschreiten, so bilden 
sie eine zu schwache Handhabe für Q u a tr e fag es' Ansicht, dass 
in den Gräbern von Borreby zwei verschiedene Kassen friedlich 
nebeneinander schlummerten. 

Im günstigsten Falle könnte es sich um eine Mischrasse han- 
deln, deren verschiedene Elemente individuell ungleich stark zur 
Geltung kommen. 

.Jedenfalls schliesst die grosse Uebereinstimmung der neolithi- 
schen Funde mit den heutigen Rassenformen vorläufig deren phylo- 
genetische Verwertung aus. 

Selbst der abgerundete Typus der Neandertalspymenschen zeigt 



216 Die Rassenentwicklung. 

verhältnismässig so geringe Unterscliiecle mit rezenten Menschen, 
dass schon das kleine Maass dieser in einem so grossen Zeitraum 
stattgefundenen Höherentwicklung einen Rückschluss auf die un- 
endlichen Zeitweiten gestattet, die vergangen sein müssen, bevor 
das Menschengeschlecht seine diluviale Gestaltung und Kultur er- 
langt hatte. 

Wenn der Sjjyschädel auf gleiche Grösse der Stirnohrlinie mit 
einem Negerschädel, einem Eskimoschädel und einem Wedda- 
schädel ($) eingestellt wird (Fig. 159), ergibt sich, dass zunächst 
der Negerschädel nur durch eine stärkere Aufrichtung des Stirn- 
beins und entsprechende Wölbung der vorderen Scheitelgegend den 



Fig. 159. Spyscliädel (grau) verglichen mit einem Sudanneger (schwarzer Umriss), 
einem Eskimo (roter Umriss) und einem Wedda (gebrocliener Umriss). 

Spyschädel übertrifft, und in der Ausbuchtung des Hinterkopfes so- 
gar hinter ihm zurückbleibt. In der Kieferpartie ist der Neger- 
schädel sehr viel prognather geworden. 

Eskimo- und Weddaschädel zeigen untereinander nur wenia: 
Unterschiede. Der erstei-e überwiegt etwas in der Stirnwölbung, 
der letztere etwas in der Hinterhauptausbuchtung. Beide übertreffen 
den Spyschädel in gleicher Weise durch die starke Gesamtwölbung 
und die fast völlige Ausgleichung des Torus frontalis am Umriss 
des Stirnbeins. 

Ein weiterer Avichtiger Unterschied hat sich in der Stellung der 
Augenhöhlen ausgebildet ; denn bei sämtlichen modernen Rassen sind 



Die Rassenentwicklung. 217 

die oberen Augenliöhlenränder liölier getreten; beim Weddascbädel 
stehen sie mehr seitlich infolge der stärkeren Vorbuchtung der 
Stirnnasenpartie, beim Sudanneger weichen sie am wenigsten von 
der ursprünglichen Lage ab, beim Eskimo sind sie, der Nasen- 
breite entsprechend, sehr stark in die Profillinie des Gesichts hin- 
eingerückt. 

Mit dem Schädel eines Oesterreichers (nach Toi dt) verglichen 
bleibt der Spyschädel (Fig. 160) nicht einmal in der Ausbuchtung 
des Hinterhauptbeins zurück, sondern wird nur durch die Auf- 
richtung des Stirnbeins und die Scheitelwölbung üljertroflen. 



Fig. 160. Spyschiulel verglichen mit eiiiein Oesterreichei'. 

Das Gesamtergebnis dieser vergleichenden Betrachtung ist dem- 
nach, dass der Spyschädel die absolut kleinste Wölbung besitzt und 
sich dadurch von allen heutigen Schädeln unterscheidet, dass aVjer 
die Grössenzunahme dieser letzteren in der verschiedenartigsten 
Weise zu stände gekommen ist. 

Entsprechende Verhältnisse, wie sie hier im Längsdurchschnitt 
des Schädels graphisch dargestellt sind, ergeben sich, wie Klaatsch 
gezeigt hat, auch für die Querdurchschnitte. 

Ausserdem kennzeichnet sich die niedere Stufe des Spyschädels 
durch den Torus frontalis, welcher bei sämtlichen dieser Rasse an- 
sfehöriocen Schädeln gleichmässig vorhanden und sehr stark aus- 



218 Die Rassenentwicklung. 

geprägt ist. Bei den spätdiluvialen ebenso wie bei den beutigen 
Rassen findet er sich aucli, aber nicht als Regel und nicht in so 
starker Ausprägung. 

Während somit die osteologischen Eigenschaften dieser dilu- 
vialen Rasse sich genau gegen die modernen Menschenformen ab- 
grenzen lassen, ist das Gleiche bei den letzteren untereinander nicht 
so leicht möglich. 

Was den Schädel betrifft, so lehren die angeführten Beispiele, 
dass dessen äussere Maasse allein in keiner Weise für eine systema- 
tische Einteilung genügen. 




Fig. 161. Australischer Scliädel mit starker Ausprägung 
primitiver Merkmale (nacli Klaatscli). 

Nach der übereinstimmenden Ansicht von Huxley, Peschel 
und K 1 a a t s c h nehmen die Australier unter den heutigen Stämmen 
die niederste Stufe ein. 

Bei einem von Klaatsch untersuchten Australierschädel (Fig. 161) 
fand sich eine geringe Schädelwölbung mit sehr stark ausgespro- 
chenem Torus frontalis und geringer Ausbuchtung des Hinterhaupt- 
beins, lauter Zeichen sehr primitiver Bildung. 

Ein weiteres primitives Zeichen ist die beinahe gleiche Grösse 
von Gesichts- und Hirnschädel. Bei zwei anderen, ebenfalls von 
Klaatsch beschriebenen Australierschädeln (Fig. 162) sind alle diese 
Zeichen in stark abgeschwächtem Maasse zu sehen. 

Der erste Schädel (Fig. 162 a) zeigt zwar noch den stark aus- 



Die Rassenentwicklung. 219 

geprägten Ueberaugenwulst , dagegen ist die Wölbung bedeuten- 
der, das Gesicht im Verhältnis zum Schädel viel kleiner geworden. 
In der Bildung der Deckknochen kann die unmittelbare Berührung 
von Stirnbein und Schläfenschuppe noch als primitives Zeichen 
gelten. 

Beim zweiten (Fig. 162 b) fehlt auch dieses primitive Zeichen, 
die Wölbung ist noch stärker und der Ueberaugenwulst fast ver- 
strichen. Dagegen findet sich hier eine geringere Ausbuchtung 
des Hinterhaupts. 

Das Gesamtergebnis ist eine starke Breite der indivi- 




Fig. 162. Zwei andere Australierschiidel (nach Klaatscli). 

duellen Variabilität mit sehr häufiger Erhaltung jjrimi- 
tiver Merkmale. Das Vorherrschen der Dolichokephalie bei ge- 
ringerer Schädelhöhe deutet ebenfalls die niedere Stufe an. 

Im allgemeinen stehen demnach die Australier, was diese Eigen- 
tümlichkeiten des Schädels betrifft, der Diluvialrasse näher. Sie 
unterscheiden sich jedoch von ihr durch den viel zierlicheren 
Knochenbau, der sich namentlich in der Bildung der Wirbelsäule 
und der Gliedmassenknochen ausspricht. 

Vergleicht man mit Uebergehung dazwischenliegender Stufen 
den Schädel des Australiers mit dem der drei höchststehenden 
Kulturgruppen, dann findet man, dass alle drei sich von ihm ab- 
leiten lassen. 

Der Schädel der Mongolen (Fig. 163), der hier durch einen 



220 



Die Rassenentwickluncj. 



Eskimo vertreten ist, zeigt eine Zunalime der Schädelwölbung, 
namentlich aber starkes vorderes Breitenwachstum, was sich im 
Profil dadurch äussert, dass die Gesichtsknochen stark nach vorn 
verschoben sind. 

Beim Sadanneger (Fig. 164) findet sich eine sehr viel stärkere 





Fig. 163. Eskimoscluldel 
(.nacli Quatrefages). 



Fü 



I6i. Schädel eines Sudaiinegers 
(nacli Quatrefages). 




Fig. 165. Siiighaleseuscliadel (naeli Sarasin). 

Ausbildung der Kiefer und des Gebisses, namentlich in seinen vor- 
deren Partien. Wir haben also hier zwei einseitige Fortbildungs- 
prozesse nach verschiedener Richtung vor uns , zum Prognathismus 
und zur Brachykephalie. 

Bei einem Singhalesen (Fig. 165) findet sich noch die meiste 



Die Rassenentwicklungf. 



221 



Uebereinstimnmuo- mit dem australischen Typus. Der Torus fron- 
talis ist deutlich ausgeprägt, ausserdem reicht die Schläfenschuppe 
bis ans Stirnbein heran. Neben diesen primitiven Merkmalen findet 
sich eine sehr hohe Scheitelwölbung und eine starke Ausprägung 
des Hinterhauptes als Zeichen der höhereu Entwicklung. 

Einen sehr viel reineren Schädelumfang ohne Torus frontalis 




Vier WeiliUiscliiiilel iiKu/h Sarasin). 



und ein im Verhältnis noch kleineres Gesicht besitzt der in Fig. 110 
dargestellte Singhalesenschädel. Beide Schädel zeugen für die grosse 
Variabilitätsbreite, die sich bei der weissen Rasse zusammen mit 
der vorherrschenden Dolichokephalie erhalten hat. 

Wenn auch diese drei Schädel als kennzeichnend für die drei 
Kulturrassen gelten können, so finden sich doch so viele Ueber- 
gangsformen, dass eine Grenze schwer zu ziehen ist. Ausserdem 



222 Diß Rassenentwicklung. 

aber sind, wie bereits bemerkt, die individuellen Varianten innei-- 
halb der einzelnen Gruppen so gross, dass aus der Schädelbildung 
allein eine Rasseneinteilung bei den heutigen Menschen nicht mög- 
lich ist. 

Wie gross die Variationsbreite innerhalb einer engumschriebenen, 
nach wenigen Hunderten zählenden Art noch sein kann, veranschau- 
lichen die Abbildungen von Weddaschädeln der Vettern Sarasin. 
Einige davon sind hier (Fig. 166) wiedergegeben. 

Die zwei ersten Schädel (Fig. 166 a u. b) stammen von Männern, 
die zwei anderen (Fig. 166 c u. d) von Frauen. Hier finden sich 
primitive und progressive Merkmale in seltsamster Mischung. 

Einen starken Torus frontalis zeigt b, einen schwächeren a, 
welcher dagegen mehrere Schaltknochen und eine direkte Verbindung 
von Schläfenbein und Stirnbein aufzuweisen hat. Dasselbe ist der 
Fall bei c, und bei d findet sich eine geringere Wölbung des Hinter- 
haupts. Bei b ist wiederum die Stirn- und Scheitelwölbung wenig 
ausgesprochen. 

Als fortschrittliches Merkmal fällt bei a die hohe Scheitel- 
wölbung auf, bei b die tiefe Einschiebung des Keilbeins zwischen 
Stirn- und Schläfenbein, bei c und d die auffallende Kleinheit des 
Gresichts im Verhältnis zum Gehirnschädel und bei d die besonders 
schön ausgeprägte glatte Stirnlinie. Am Kinn findet sich schliess- 
lich nur in b eine kräftige Ausbildung, bei c in vermindertem 
Maasse, während das von a und das von d noch mehr fliehend 
gebildet ist (vgl. auch Fig. 136). 

Wenn nach allem Gesagten die Schädelbeschaffenheit an und 
für sich keine ausschliessliche Grundlage für die Rassen- 
einteilung bietet, so berechtigt sie doch, eine Reihe von wertvollen 
Merkmalen aufzustellen, die im Zusammenhang mit anderen 
eine Feststellung ermöglichen. Wir haben eine Reihe von Sym- 
ptomen für die Bestimmung der Diagnose. 

Muss man sich für die fossilen menschlichen Formen von soma- 
tisch-anthropologischem Standpunkt aus mit der Skelett- beziehungs- 
weise Schädeldiagnose begnügen, so bieten die rezenten Rassen 
zahlreiche andere Symptome. 

Um das mutmasslich höhere oder niedere Alter einer Menschen- 



Die Rassenentwicklung. 223 

gruppe zu bestimmen, haben wir Anhaltspunkte in ihrer Kultur- 
stufe und in der sie umgebenden Tierwelt. 

Grössere völlig abgeschlossene Bezirke von Tieren, die sich 
ganz oder grösstenteils von älteren , niedrigen Formen zusammen- 
setzen, sind, wie oben erwähnt, Australien, Neuguinea und 
A m e r i k a. 

Wahrscheinlich gehörte in vorgeschichtlicher Zeit auch Afrika 
zu den völlig abgeschlossenen Bezirken , und trat erst später an 
seiner Nordostecke mit der übrigen bewohnten Welt in Verbindung, 

Für eine längerdauernde vorgeschichtliche Isolation sprechen 
viele im Süden von Afrika noch erhaltene niedere Tierformen sowie 
der eigentümliche und abgeschlossene Charakter der Fauna überhaupt. 

Einen fünften, faunistisch abgegrenzten Bezirk bilden die Polar- 
gegenden. Da die fossilen Funde es wahrscheinlich machen, dass 
die klimatischen Verhältnisse in diesen Gegenden früher günstiger 
waren, so dürfen die heutigen Formen als Anpassung an die allmäh- 
lich sich steigernde Kälte angesehen werden. 

In allen diesen fünf Bezirken lebten mit den Tieren auch 
Menschengruppen in völliger Isolierung und Ijefanden sich alle bis 
zu ihrer Entdeckung durch Europäer in steinzeitlicher Kultur. 

Es sind dies die Australier, die PajDua in Neuguinea, die 
Amerikaner, die Koikoin in Südafrika und die Eskimo in 
den Polargegenden. 

Weniger scharf abgegrenzt und darum auch faunistisch zahl- 
reiche Uebergänge zeigend sind die grösseren und kleineren Inseln, 
die in der Nachbarschaft des Kontinents liegen. Besonders aus- 
gedehnte Insell)ezirke befinden sich in den australischen Gewässern. 
Wie die Tierformen , so sind dort auch die menschlichen Kultur- 
zustände sehr verschieden gestaltet und zeigen vielfache Uebergänge 
und Berührungspunkte. Zu den in solcher relativen W^eise isolierten 
Menschengruppen gehören die Wedda in Ceylon, die Aino in 
Yezzo, dieDajak in Borneo, die Hova in Madagaskar, die Aetas 
auf den Philippinen u. a. m. 

Im Gegensatz zu diesen primitiven Menschengruppon leben jetzt 
auf dem kontinentalen Länderkomplex die Träger der höchsten 
Kultur zusammen mit den höchstentwickelten Tieren. 



224 Die Rassenentwicklung. 

Eine Sonderstellung nimmt unter den Kulturrassen die niedrigste, 
die schwarze Rasse ein, die in gewissem Sinne innerhalb Afrikas mit 
einseitig weiter entwickelten höheren Tierformen isoliert ist. Die 
älteren Bewohner, die Koikoin, wurden zusammen mit den älteren 
und niederen Tierformen nach der Südspitze zurückgedrängt. 

In Ostasien ist der Brennpunkt der nächsthöheren gelben Kultur. 
Dazwischen erstreckt sich von der Südostspitze Asiens die höchst- 
stehende weisse Kulturzone bis nach Europa, von dort aus die 
ganze bewohnte Erde überflutend und an den Grenzgebieten in leb- 
haftem Austausch stehend mit den benachbarten Kulturen. 

Mit diesen faunistischen und ethnographischen Merkmalen 
stimmen im allgemeinen, soweit die heutigen Kenntnisse reichen, 
auch die somatisch-anthroj)ologischen Kennzeichen überein. 

Je strenger die Isolation, je niedriger die Tierformen und der 
Kulturzustand, desto primitiver und schärfer umschrieben ist auch 
der jeweilige somatische Rassencharakter. Je geringer die Isolation, 
je höher die Tierformen und der Kulturzustand, desto höher ist die 
somatische Entwicklung und die Bildung der Mischformen, welche 
das anthropologische Seitenstück zum ethnographischen Kulturaus- 
tausch bilden. 

Aus dem Gesagten ergibt sich zunächst eine Einteilung der 
Rassen in drei grosse Gruppen. 

Die erste umfasst sämtliche Menschengruppen mit primitiven 
Merkmalen, die protomorphen Rassen, welche den Natur- 
völkern der Ethnographen entsprechen. 

Die zweite umfasst die drei am höchsten differenzierten Men- 
schengruppen , die herrschenden, archimorphen Rassen, welche 
den Kulturvölkern der Ethnographen entsprechen. Nach dem 
Grundton der Haut habe ich diese als melanoderme, schwarze, 
1 e u k o d e r m e , weisse und x a n t h o d e r m e , gelbe Rasse bezeichnet. 

In einer dritten Gruppe sind die aus den vorigen hervorge- 
gangenen Mischrassen, die met amorphen Rassen (nachF ritsch) 
zusammengefasst. 

Eine Uebersicht der geographischen Verteilung dieser ver- 
schiedenen Rassengruppen bietet Tafel IV, wobei die heutige auf 
Kolonisation beruhende Umgestaltunsr nicht berücksichtiort ist. 



Tafd //-, 




Die Rassenentwicklung. 225 

Vergleicht man die Rassenkarte mit der nach Friedrieb Müller 
konstruierten ethnographischen Sprachenkarte (Tafel V), dann fällt 
die grosse Uebereinstimmung beider sofort auf. 

Der leukodermen Hauptrasse entspricht das Gebiet des indo- 
germanischen und hamosemitischen Sprachstammes, der xanthodermen 
das des uralaltaischen und südostasiatischen, während die Ausbrei- 
tung der rein melanodermen Rasse sich ungefähr mit den Bantu- 
sprachen deckt. 

Den Wohnsitzen der protomorphen Rassen entsprechen die 
amerikanischen, Drayida- und isolierten Sprachstämme Müllers, 
Avelche hier der Uebersicht halber alle in brauner Farbe wieder- 
gegeben sind. 

In grossen Zügen deckt sich somit die anthropologische mit 
der ethnographischen Verteilung. 

Um das Verhältnis der niederstehenden zu den heutigen Kultur- 
rassen bestimmen zu können, ist es wichtig, die einseitig progressiven, 
in der Isolation weiter entwickelten Merkmale bei der Vergleichung 
auszuschalten. Hiervon abgesehen spricht die Grösse der Variabi- 
litätsbreite für das höhere Alter einer Rasse. 

Um die einseitig progressiven Merkmale einer isolierten Rasse zu 
finden, empfiehlt es sich, nach der somatisch und kulturell am tiefsten 
stehenden Gruppe innerhalb dieser Rasse zu fahnden. Bei den ameri- 
kanischen Rassengruppen z. B., die sich vor allen Protomorphen 
durch grosse Uebereinstimmung ihrer somatischen Eigenschaften 
auszeichnen , können die kulturell hochentwickelten Azteken als die 
besten Vertreter der einseitig progressiven, die in der Steinzeitkultur 
stehenden Feuerländer als die besten Vertreter der ])rimitiven Eigen- 
schaften dieser Rasse angesehen werden. Der jeweils niedersten 
Kulturstufe wird auch in der Regel der jeweils primitivste Bau 
entsprechen. 

Die vergleichende Untersuchung der protomorphen Rassen er- 
gibt, dass diese keineswegs anatomisch gleichwertig sind, sondern 
dass sich verschiedene Zwischenstufen aufstellen lassen, welche von 
der primitivst protomorphen Gestaltung zu den drei archimorphen 
Rassen hinleiten. 

Leider bleiben hier aus Mangel an einschlägigen Untersuchungen 

st ratz, Die Xuturgeschichte des Menschen. 15 



226 Die Rassenentwicklung. 

nocli viele Lücken unausgefüllt , die uns vorläufig nötigen, manche 
phylogenetisch vielleicht sehr wichtige Menschengruppe nur nehen- 
bei zu erwähnen oder ganz mit Stillschweigen zu übergehen. 

Als niedrigste primitive Rasse mit der grössten Variabilitäts- 
])reite und verhältnismässig geringen einseitig progressiven Eigen- 
schaften gelten die Australier. 

Der Australier muss demnach der gemeinschaftlichen Urform, 
aus der sich die drei archimorphen Rassen in verschiedener Richtung 
hin gebildet haben, am nächsten stehen. 

Nach ihm können die Papuas, die Kaikoin und die süd- 
amerikanischen Stämme als niederste Vertreter der protomorphen 
Gestaltung gelten. 

Die körperlichen Unterschiede der protomorphen Rassen einer- 
seits und der drei archimorphen Rassen anderseits lassen sich in 
grossen Zügen folgendermassen feststellen. 

Der nrimitive Schädel zeiojt einen stark entwickelten Torus 
frontalis , geringere Wölbung, häufige Schaltknochen und eine vor- 
wiegend dolichokephale Form. 

Bei der schwarzen Rasse vergrössert sich die Schädelwölbung 
namentlich durch stärkere Ausbuchtung des Hinterhaupts , wodurch 
ein allgemein progressives Merkmal zum Ausdruck kommt. Die 
stärkere Ausbildung des Kiefers und des Gebisses ist eine einseitige 
Differenzierung nach bestimmter Richtung. 

Bei der gelben Rasse kommt die stärkere Wölbung des Schädels 
vorwieofend durch eine Breitenzunahme in der vorderen Hälfte zu 
stände , Avodurch die Ausbildung von brachykephalen Formen be- 
günstigt Avird. Zugleich wird das Stirnbein aufgerichtet und der 
Torus frontalis ausgeglichen. Auch die übrigen primitiven Merk- 
male schwächen sich ab. Die einseitige Differenzierung äussert 
sich namentlich in der stärkeren Breitenzunahme des Schädels 
nach vorn. 

Bei der weissen Rasse findet sich eine gleichmässige stärkere 
Wölbung des Schädels nach allen Richtungen, wodurch die ursprüng- 
liche, vorwiegend dolichokephale Form im allgemeinen erhalten 
bleibt. Mit der starken Aufrichtung des Stirnbeins verstreicht der 
Torus frontalis, mit der Ausbuchtung des Hinterhauptes der Torus 



Die ßassenentwicklung. 



227 




Fig. 167. Kopf einer Australierin 
in Seitenansicht. (Phot. Günther.) 



Fig. 168. Kopf einer Barinegerin 
in Seitenansiclit. (Phot. Buchta.) 




(Sanimlinig tcii Kate.; 



J-'ig. iTii li'iissiii in Sritr'nansirlit- 
(Pliot. Mazourine.) 



occipitalis mehr und mehr. In der Schädelform bleibt somit die 
wei.sse Rasse mit Ausnahme der crerinfferen Entwickluncr des Toms 



228 Die Rassenentwicklung, 

frontalis von allen drei Hauptrassen der Urform am näclisten. — 
In noch stärkerer Weise als am Schädel prägen sich diese Kenn- 
zeichen in der Gesichtsbildung aus. 

Vergleicht man das Profil einer jungen Australierin (Fig. 167) 
mit drei Vertreterinnen der archimorphen Rasse , einer Barinegerin 
(Fig. 168), einer Chinesin (Fig. 169) und einer Russin (Fig. 170), 
dann tritt der Unterschied deutlich hervor. 

Die Australierin hat einen massig ausgebildeten Oberaugen- 
wulst, breite, stumpfe Nase, wulstige Lippen und ein rundes Kinn 
(Fig. 167). 

N 




Fig. 171. Schematischer Durchschnitt durch einen gelben (I) 
und weissen (E) Rassenschädel. 

Bei dem Barimädchen tritt die Kieferpartie stark vor, das 
Hinterhaupt ist stärker gewölbt (Fig. 168). 

Bei der Chinesin ist der Torus frontalis völlig ausgeglichen, 
Nase und Mund erscheinen schmal und fein gebildet; die Augen und 
die Oberkieferwölbung sind stark in die vordere Fläche des Gesichts 
hinausgeschoben worden (Fig. 169). 

Die Russin zeigt den verfeinerten Typus der Australierin mit 
völliger Ueberwindung der primitiven Merkmale (Fig. 170). 

Während bei der gelben Rasse die ganze Oberkieferpartie des 
Gesichts nach vorn gedrängt ist, hat bei der weissen nur das Stirn- 
bein und der Nasenrücken diese Weiterbildung erfahren; der Ober- 
kiefer hat seine primäre Lage behalten. 



Die Kassenentwicklunj' 



229 




Fig. 172. Kopf einer Feuerliuideiin 
in Vorderansicht. 



Fig. 173. Kopf eines Zulumädcliens 
in Vorderansicht. 




Fig. 174. Kopf einer Chinesin 
in Vorderansicht. 



Fig. 17.'). Kopf einer Oesterreicherin 
in Vorderansicht. 



Auf dem Horizontaldurcbschnitt (Fig. 171) ist dieser Unter- 
schied scheniatisch dargestellt. 

In der Ansicht von vorn sind die Gesichter einer Feuerländerin 



230 



Die Rassenentwicklung. 



(Fig. 172), eines Zulumädcbens (Fig. 173), einer Chinesin (Fig. 174) 
und einer Oesterreiclierin (Fig. 175) zusammengestellt. Hier macht 
sich besonders die starke Entwicklung der Kieferpartie bei der 
Negerin geltend. Die Lippen sind bei der Negerin sehi- viel stärker 
gewulstet, bei der Chinesin sehr viel schmäler als bei der Feuer- 
länderin, Avährend sich auch in dieser Beziehung die Oesterreicherin 
am wenigsten von der gemeinschaftlichen Urform entfernt hat. 

Die Bilduncf der Aussen ist bei der primitiven Rasse mit Aus- 




Fig. 176. Xasenformeu naeli Topinard-Broca. 

nähme des Ueberaugenwulstes ziemlich die gleiche wie bei der 
Negerin und Europäerin. Die Chinesin ist in einseitiger Weiter- 
bildung durch das Mongolenauge gekennzeichnet, dessen eigentüm- 
liche Form durch die Mongolenfalte bediugt wird, welche ihrerseits 
wieder von der Schädelbildung abhängig ist. 

Die Nase ist bei den drei ersten mehr oder weniger breit, bei 
der Europäerin ist der Nasenrücken schmal und lang und ragt be- 
sonders an der Nasenwurzel stärker vor. 

Kennzeichnende Rassenunterschiede für das Ohr sind bisher 



Die Rassenentwickluno:. 



231 



nicht nachgewiesen worden M , dagegen sind hier deutliche Ver- 
schiedenheiten im Bau der Nase und des Auges erkenntlich. 

TopinardhatsechsStufen von Nasenformen aufgestellt (Fig. 176), 
von denen die beiden ersten für die Aveisse, drei und vier für die 
gelbe , und fünf und sechs für die schwarze kennzeichnend sein 
sollen. Kanke fand die ersten fünf Formen bei der Bevölkerung 
Oberbayerns vertreten, die sechste nicht. 

Mit den gegebenen Abbildungen verglichen stellen die letzten 
platyrrhinen Nasen (fünf und sechs) die primitive Nasenform dar, 
der die schwarze Hasse am nächsten geblieben ist , während drei 
und vier sich vorwiegend 1)ei der gelben Rasse findet. Die leptor- 



Sukus orbäopalpebraüs sup 




Suicus orbüopalpebraUs inf. 

Fig. 177. Europilerange und Moiigolenange. 



rhinen Nasen eins und zwei stellen eine einseitige Differenzierung 
der weissen Rasse dar, die als eine höhere Stufe der Entwicklung 
angesehen werden kann, insofern diese Form der Nase mit einer 
stärkeren Ueberwölbung des Gesichts durch den Stirnschüdel in ur- 
sächlichem Zusammenhang steht. 

Das typische Mongolen äuge, Avodurch sich die gelbe Rasse 
von allen andern unterscheidet, zeigt Fig. 177 in Vergleich mit dem 
Europäerauge. 

Die eigentümliche Bildung ist dadurch entstanden, dass die 
obere Brauenlidfurche (Suicus orbitopalpebralis superior) sich an der 
inneren Seite stark senkt, über das Tränensäckchen hinlegt, und 
den inneren Augenwinkel vei-deckt. Dieser Unterschied gleicht sich, 

') Vgl. Ranke, Der Mensch. II. S. 43. 



232 



Die Rassenentwicklung. 



wie Balz zuerst bemerkt hat, sofort aus, Avenn man über dem 
Nasem-ücken eine Hautfalte emporhebt. Die Mongolenfalte ist dem- 




Fig. 178. Proportioneu eiues Feiierländers (Protomorpli). 

nach lediglich die Folge der geringeren Hautspannung durch den 
flachen Nasenrücken. Als vorübergehende Bildung findet sie sich 
auch bei europäischen Säuglingen mit flachen Naschen. 



Die Rassenentwicklung. 



233 



Körpergrösse und Körpergewicht geben scboii allein wegen 
ihrer starken individuellen Schwankungen keinen zuverlässigen 




Fig. 179. Propoi-tioneu eines Negers (Melauoderm). 



Massstab für Rassenbestimmung ab. Die Körperproportionen jedoch 
zeigen viel sicherere Anhaltspunkte. 

Mit dem Fritschschen Kanon ergeben die Proportionen eines 



234 



Die Rassenentwicklung. 



protomorphen Feuerländers normale Länge der unteren Gliedmasseu, 
jedoch Ueberlänge der Arme (Fig. 178), Trotz der normalen 




KM. 



Fig. 180. Proportionen eines Chinesen (Xantlioderm). 



Länge der Beine ist bei dem Protomorphen die Kopf höhe nur ßV-^mal 
in der Körperhöhe enthalten. 

Bei einem Neger (Fig. 179) ergibt sich Ueberlänge aller vier 



Die Rassenentwicklung. 



235 



Gliedmassen bei einer Körperhöhe von 7\i Kopfhöhen. (Richard 
Buchta Album, Tafel XXXIV i.) 




Fig. 181. Proportidiieu eines Deutsclieu (Leukoder 



Ein von Hagen photographierter Chinese (Fig. 180) hat Unter- 
länge aller vier Gliedmassen bei einer Körperhöhe von 7 ^2 Kopfhöhen. 



236 



Die Rassenentwicklung. 



Als Vertreter der weissen Rasse zeigt ein schöngebauter Münchener 
Jünghng (Fig. 181) vöUig normale Proportionen hei einer Körper- 




Fig. 182. Proportionen eines Karayamädchens (Protomorpli $). 



höhe von 8 Kopfhöhen. Es findet sich somit die auffallende Tat- 
sache, dass das primitive Merkmal der überlangen Arme ver- 
schwindet, und dass sich dafür bei der schwarzen Rasse eine 



Die Rassenentwicklung. 



237 



g'leichmässige Ueberliinge, bei der gelben eine gleichmässige Unter- 
länge sämtliclier vier Gliedmassen einstellt. Bei der weissen Rasse 




Fig. 183. Proportionen eines Dschaggamiidcliens (Melanotlerm 2). 



lässt sich wieder die geringste Abweichung von der protomorphen 
Form feststellen , da die Beine ihr normales Verhältnis behalten, 
und sich nur die Arme über den primitiven Zustand erheben. 



238 



Die Rassenentwicklunof. 



Selbstverständlich finden sich in den Proportionen zahlreiche 
individuelle Abweichungen. Trotzdem habe ich bei 600 ausgesucht 
normalen Individuen stets dieselben kennzeichenden Rassenunterschiede 
feststellen können. 

Ganz ähnliche Verhältnisse Avie bei den Männern finden sich 
auch bei den Frauen. 

Ein protomorphes Karayamädchen (Fig. 182) hat normale Pro- 




Fig. 184. Proportionen zweier Japauerinnen (Xanthodevm $) 



Portionen bei einer Körperhöhe von sechseinhalb Kopfhöhen. Hier 
besteht eine individuelle Weiterbildung in der normalen Länge 
der Arme. 

Ein der schwarzen Rasse angehöriges Dschaggamädchen (Fig. 183 ) 
weist bei einer Körperhöhe von über sieben Kopfhöhen Ueberlänge 
in allen vier Gliedmassen auf. 

Fig. 184 zeigt zwei Japanerinnen, welche die mongolische 



Die Rassenentwicklung-. 



239 



Unterlänge sämtlicher Gliedmassen in sehr starker Ausprägung be- 
sitzen. Die Körperhöhe ist bei der einen OVi bei der anderen 
GV-i Kopf höhen. 



K.yi 




Fig. 185. Proportionini eiin'r Rlieinliinderiu (Leukoclerm $). 

Bei einer besonders gut gebauten Rheinländerin aus höherem 
Stande (Fig. 185) ist das Verhältnis der Arme normal, während die 
Beine eine geringe Ueberlänge zeigen. Die Körperhöhe erreicht 
dabei das seltene Maass von 8 Kopfhöhen (Klg. 168 cm. Kh. 21 cm). 



240 Die Rassenentwicklung. 

Abgesehen von der Vergleichung mit den entsprechenden männ- 
lichen Körpern sind diese Beispiele geeignet, die geringeren indi- 
viduellen Schwankungen in den Proportionen zu veranschaulichen, 
die unbeschadet der Rassenzugehörigkeit bestehen können. 

Die Körperhöhe steigt im Verhältnis zur Kopf höhe am stärksten 
bei der weissen Rasse, was Avohl hauptsächlich durch die verhältnis- 
mässig geringe Grösse des Gesichts bedingt ist. Bei der schwarzen 
Rasse ist trotz der Ueberlänge der Beine die Kopfhöhenzahl ge- 
ringer, weil der Kopf durch die Entwicklung der Kiefer sehr an 
Umfang zunimmt. Bei der gelben Rasse wiederum ist die verhält- 
nismässig geringe Kopfhöhenzahl durch die Unterlänge der Beine 
erklärt. 

Beachtenswert ist, dass die gelbe Rasse bei voller Entwicklung 
ungefähr die gleichen Körperverhältnisse aufweist, wie die weisse 
im Alter von 6 — 15 Jahren (vgl. Wachstumstabelle Fig. 82). 

Die Farbe der Haut schwankt bei den Australiern zwischen 
einem hellen bräunlichen Ton und einem dunkeln fast schwarzen 
Braun. 

Bei der schwarzen Rasse sind die dunkelsten Abstufungen ein- 
seitig weiter entwickelt, bei der gelben finden sich die helleren, 
gelben Pigmente in verschiedener Stärke. Bei den Mongolen scheint 
das ziemlich regelmässige Vorkommen der sog. „blauen Flecke" 
ein Hinweis auf die früher ganz allgemein stärkere Pis^mentierunor 
der Haut zu sein. Die weisse Rasse hat sich mit einer Abtönung 
von fast völliger Weisse bis zum dunkelsten Braun am meisten die 
primitive Variabilitätsbreite bewahrt. 

Dasselbe ist der Fall mit den Kopfhaaren. Bei den Austra- 
liern finden sich alle Formen vom schlichten, gelockten und gekrausten 
Haar, in rötlicher bis schwarzer Farbe, mit ovalem Querschnitt. 

Bei der gelben Rasse haben sich daraus die kennzeichnenden 
straffen schwarzen Haare mit vorwiegend rundem Querschnitt, bei 
der schwarzen Rasse die krausen, ebenfalls schwarzen Haare mit 
stark elliptischem Querschnitt einseitig gebildet. Bei der weissen 
Rasse sind alle Farben und Formen in reicher Abwechslung ver- 
treten. 

Während in Beziehung; auf Haut und Haar die weisse Rasse 



Tafel V. 




Sprachenkarte. 



Die Rassenentwicklung. 241 

der primitiven Form näher i^eblieben ist als die anderen arcliimor- 
plien Rassen, hat sie sich in der EntwickUmg der sekundären 
Geschlechtsmerkmale am weitesten über die primitive Bildung er- 
hoben. 

Schon im Skelett, namentlich im Becken, ist der Geschlechts- 
unterschied stärker ausgeprägt. Die niedere, runde Form der Becken- 
höhle wird breiter und nähert sich dem queren Oval. Dement- 
sjjrechend erscheinen die Hüften breiter und die Taille schmaler. 
Zugleich wird durch die Breite des Beckens, Avie oben bemerkt, eine 
stärkere Höhlung des Kreuzes bedingt. 

Eine weitere Diflferenzierung zeigt der weibliche Körper der 
weissen Rasse durch die stärkere Neigung zur Fettbildung, wodurch 
die Formen gleichmässiger abgerundet werden. 

Kennzeichnend für die dadurch bedingten Unterschiede in der 
weiblichen Körperform der drei herrschenden Rassen sind die 
Figuren 186, 187 und 188. Der Körper der langbeinigen Madi- 
frau (Fig. 186) macht ganz den Eindruck eines hochaufgeschossenen 
Jünglings; die geringe Wölbung des Gesässes, die schwache Ein- 
ziehung des Kreuzes ist besonders auffallend. Bei der Japanerin 
(Fig. 187) sind die weiblichen Formen, namentlich die Rundung der 
Oberschenkel, schon stärker ausgesprochen, das Gesäss springt mehr 
vor, das Kreuz erscheint etwas hohler als bei der Negerin. Bei einer 
Pariserin (Fig. 188) ist der Oberschenkel mächtig entwickelt, das 
Gesäss stark gerundet, das Kreuz hohl und die Taille schmal, so 
dass der Aveibliche Charakter hier seine vollkommene Ausprägung 
erreicht hat. 

Oben Avurde bereits erwähnt, dass die weiblichen Brüste nur 
bei der weissen und gelben Rasse die Form der Mamma papillata 
(vgl. Fig. 115) erreichen, während sie bei der schwarzen Rasse 
ebenso wie bei den Protomorphen die Form der Mamma areolata 
mit erhabenem Warzenhof behalten. Die Figuren 186, 187 und 188 
geben weitere Belege für diese Erscheinung. 

Von der Beschaffenheit der Gliedmassen kann man von phylo- 
genetischem Standjiunkt aus erwarten, dass der Arm, und namentlich 
die Hand, als ein Urväterhausrat nur geringer Variabilität unter- 
worfen ist, dass sich dagegen beim Bein in aufsteigender Linie die 

Stratz, Die Xaturgeschiclite des Menschen. 16 



242 



Die Rassenentwicklung'. 



Anklänge an den Greifapparat verlieren und die Eigenschaften des 
Stützapparates verstärken müssen. Soweit bekannt, scheint dies in der 

Tat der Fall zu sein. Die Kennzeichen 
der höher entwickelten Stützvorrichtung 

• sind: die stärkere Wölbung des Fusses, 

die Verstärkung des ersten Strahles na- 
mentlich im Mittelfussknochen, die Ver- 
grösserung des Fersenbeins und Sprung- 
beins, die zunehmende Länge und 
Kräftigung des Beinskeletts, die Ver- 
einfachung der Muskulatur und ihre 
Anhäufung an den Waden und Ober- 
schenkeln; die kräftigere Ausbildung 
der Glutealmuskeln und die dadurch be- 
dingte stärkere Rundung des Gesässes. 

In Fig. 18G, 187 und 188 lässt sich 
die zunehmende Rundung von Schenkel, 
Wade und Gesäss sehr gut erkennen. 

Nach Schwalbe^) ist die Erwer- 
bung des aufrechten Gangs der Ver- 
grösserung des menschlichen Gehirns und 
Schädels vorausgegangen, „da die Ent- 
wicklung eines menschlichen Schädels 
bei einem Quadrupeden aus statischen 
Gründen undenkbar ist". 

Die Auffassung von Schwalbe wird 
unterstützt durch die Tatsache, dass nicht 
nur die Neandertalspyrasse, sondern so- 
gar schon der Pithekanthropus erectus 
einen aufrechten Gang haben, und dass 
die Knochen der unteren Gliedmassen 
bei den Neandertalspymenschen viel 
weniger Unterschiede mit den heutigen 
Rassenzeiffen als die betreffenden Schädel. 




Fig. 186. Madiweib in Seiteuausiclit. 



Die Vorgeschichte des Menschen. 1904. S. 28. 



Die Rassenentwicklung. 



243 



Danach wäre auch der aufrechte Gang eine phylogenetisch 
viel ältere Erwerbungc und damit das untere Gliedmassenskelett 





Fig. 187. Japaiiri-in in Seitcnausicht. Fig. iss. Frauzüsiu in Seiteuansicht. 



geringeren Variationen innerhalb der heutigen Menschengruppen 
unterworfen. 



244 Die Rassenentwicklung. 

Die vergleichend anatomisclien Untersuchungen in dieser Rich- 
tung, die namentlich von Klaatsch herrühren, sind heute noch 
nicht abgeschlossen und gestatten kein endgültiges Urteil über die 
Verwertung der Gliedmassenbildung zur Rasseneinteilung. Zweifel- 
los werden sich bei weiteren vergleichenden Untersuchungen immer 
mehr anatomische Merkmale finden, die als Rassenunterschiede Wert 
haben. 

Die obige Darlegung genügt aber zunächst zur Feststellung, 
dass die ältesten primitiven, protomorphen Rassen alle Eigen- 
schaften der drei herrschenden im Keime in sich vereinigen. 

Unter den drei archimorphen Rassen haben die offenbar früher 
abgezweigten schwarzen und gelben sich durch einseitige Ausbil- 
dung bestimmter Merkmale weiter von der geraden Linie entfernt 
als die weisse. 

Nachdem hiermit der einfachste Zustand und die höchsten Stufen 
der heutigen Entwicklung des Menschengeschlechts festgelegt sind, 
müssen sich innerhalb dieser Grenzen die übrigen protomorphen 
Rassen unterbringen lassen. 

Den gemeinschaftlichen Ausgangspunkt, die Wurzel des Stamm- 
baums bildet eine protomorphe Urrasse, die in primitiver Form 
und mit grosser individueller Yariabilitätsbreite alle Eigenschaften 
der Hauptrassen im Keime in sich vereinigt. 

In dem schematischen Stammbaum (Fig. 189) sind die der schwar- 
zen, weissen und gelben Rasse zukommenden Eigenschaften mit schwar- 
zen, roten, bezw. gelben Linien bezeichnet, welche sich nach oben 
alle in der jirotomorphen Urrasse vereinigen. 

Nicht weit von der Wurzel haben sich die Australier abgezweigt. 
Sie besitzen, wie gezeigt wurde, noch alle Eigenschaften der archi- 
morphen Rassen in primitiver Form. 

Von den Papuas sagt B. Hagen^), dass „die ausserordent- 
liche Tendenz von Neuguinea zu Lokalvariationen auf botanischem 
und zoologischem Gebiet sich auch auf die Bewohner dieser Insel 
übertragen zu haben scheine". Mit anderen Worten bezeichnet 
Hagen damit die grosse Variabilitätsbreite der dortigen Bevölkerung, 



Unter den Papuas. Kreiael. 1899. S. 159 ff. 



Die Rassenentwicklung. 



245 



die sich zunäclist in sehr hellbrauner bis dunkler Hautfärbung, in 
vorwiegend krausem, oft aber auch schlichtem und straffem schwarzen, 
in einzelnen Fällen blondem Haar, in der breiten, plumpen, bei 
einzelnen Menschengruppen ac;[uilinen Form der Nase äussert. Die 
Schädel sind vorwiegend dolichokephal, ausnahmsweise brachykephal. 

Proftiniorpfir Urrnsse. 



Koikoin 



Akka 

1 

MrJniiniif'rmrn 



AiLstmlaslr/- 

(JruißiLfsierJ 



^ 



Australier 



PapmL 



AiiirrikajuT 



I'rufjjlmkßd&mm 



Trütßxanthoderrn&i 



Wedda 



Braviihi 



Äiiio 



Eskimo 



XaJitl lodern teil 



Lciikudi'rnu'Ji 

Fig. 189, Stammbaum der heutigen Mensehenrasseu. 

Im ganzen findet Hagen nur wenige Unterschiede zwischen 
Papuas und Australiern. Aus seinen Tabellen^) geht hervor, dass 
die durchschnittliche Körperhöhe sich zwischen sechs und sieben 
Kopfhöhen bewegt, dass die Beine meist normale Proportionen und 



') Anthropologischer Atlas der ostasiatischen und melanesischen Völker. 1898. 



246 I^iß Rassenentwicklung. 

die Arme meist eine geringe Ueberlänge zeigen. Es besteht also bei 
den Pa]3uas neben einer sehr grossen Variabilitätsbreite ein sehr 
primitiver Gresamttypus, ähnlich wie bei den Australiern. 

Der Umstand, dass Hagen nie eine Mongolenfalte bei Papuas 
gesehen hat, die Proportionen der Gliedmassen und der seltene 
Befund der Brachykephalie beweist, dass bei den Papuas eine ein- 
seitige Entwicklung nach der mongoloiden Richtung nicht besteht. 

Mein persönlicher Eindruck von Papuas ist aber, dass sie durch 
ihre vorwiegend dunklere Hautfärbung, ihr starkes krauses Haar, 
und die oft stark gewulsteten Lij^pen eine entschiedene Neigung 
zu einseitiger Ausbildung negroider Elemente haben. Dieser Ein- 
druck bestätigt sich durch Vergleichung mit Abbildungen von Meyer, 
Parkinson, Molengraaf u. a. 

Dagegen findet sich noch nicht das starke Gebiss und die glatte, 
unbehaarte Haut der melanodermen Rasse. 

Die Papuas kann man demnach als eine den Australiern sehr 
nahestehende, aber jüngere i^rotomorphe Rasse mit Neigung zu ein- 
seitiger Ausbildung negroider Elemente betrachten. Gerade diese 
einseitige, in der Isolation entstandene Ausbildung spricht dafür, 
dass die Papuas sich schon früh von dem gemeinschaftlichen Stamme 
abgezweigt haben. 

Soweit die Koikoin nicht mit weissem (Hottentotten) und 
schwarzem (Daniara?) Blut nachträglich gemischt sind, zeigen sie 
neben einseitiger Weiterbildung einen sehr primitiven, von der heu- 
tigen Gestalt der drei Hauptrassen gleichweit entfernten Charakter. 
G. F ritsch ^) hat zuert den eigentümlichen Rassencharakter der Koi- 
koin umschrieben und sie von der melanodermen Rasse scharf getrennt. 
Er betrachtet sie gleich Ranke als eine menschliche Kümmerform. 
Von den sozialen Verhältnissen abgesehen, welche der mangelhaften 
individuellen Entwicklung der Koikoinreste zu Grunde liegen, 
zeigen diese nach F ritsch einen verhältnismässig sehr grossen Kopf, 
kleine Statur, und wie ich mich durch verschiedene Messungen über- 
zeugen konnte, meist normale Beinlänge bei häufiger Ueberlänge der 
Arme, demnach den protomorphen Typus. Die Hautfarbe ist ein 



') Die Eingeborenen Südafrikas. Breslau 1872. 



Die Rassenentwicklung. 247 

helles Gl eibbraun, die Haare sind büschelförmig gekraust, die Nase 
neigt zur Katarrhinie, der Mund ist breit mit wulstigen Lippen, 
Gebiss und Kiefer sind nicht übermässig stark. 

Die Jochbeingegend zeigt eine stärkere Ausbildung, Avodurch 
individuelle Aehnlichkeiten mit dem mongolischen Gesichtstypus her- 
vorgebracht werden. 

Eine weitere Eigentümlichkeit der Koikoin ist die Neigung zur 
Steatopygie, der starken Anhäufung von Fett am Gesäss und Ober- 
schenkeln. Dieselbe Erscheinung findet sich als Regel auch bei 
den Akka und anderen afrikanischen Zwergnegern, und als nicht 
gerade seltene individuelle Abweichung bei Mitgliedern der weissen 
Rasse. 

Im ganzen erscheinen somit die Koikoin als eine protomorphe 
Rasse mit sehr primitiver Bildung, aber mit geringerer Variabili- 
tätsbreite als die Australier und Papuas, und mit einseitiger Fort- 
bildung gewisser Körpermerkmale , die auf alle drei Hauptrassen 
hinleiten. Als melanodermes Symptom tritt uns das auschliesslich 
krause Kopfhaar, als xanthodermes die stärkere Vorwölbung der 
Jochbeingegend, als leukodermes die Neigung zu hellerer Haut- 
färbung und zur Steatopygie entgegen. 

Somit bilden die Koikoin die dritte protomorphe Rasse, welche 
sich vom g e m e i n s c h a f 1 1 i c h e n Stammbaum der archimorphen Rassen 
abgezweigt hat. 

Diese drei Stämme sind durch ihren primitiven Typus und durch 
die Grösse der Variabilitätsbreite, aus der alle höher differenzierten 
Eigenschaften der Hauptrassen abgeleitet werden können, als die 
ältesten protomorphen Rassen gekennzeichnet und bilden als 
solche eine besondere Gruppe. 

Nach den Koikoin setzt die Aljzweigung und einseitige Weiter- 
entwicklung der melanodermen Hauptrasse ein. Viele Gründe 
sprechen dafür, dass diese aus der Wurzel der Koikoin entstanden 
ist und nach einer akkaähnlichen Zwischenstufe sich immer stärker 
einseitig zu ihrem heutigen Typus entwickelt hat. 

Der Hauptgrund für diese Annahme ist die vielfache Ueberein- 
stimmung der Koikoin und Akka einerseits (Steatopygie), der Akka 
und Melanodermen anderseits (dunkle, glatte Haut, starke Kiefer), 



248 I^i^ Rassenentwicklung. 

SO dass die Akka und übrigen Zwergstämme als ein natürliclies 
Mittelglied zwischen Busclimann und Bantu erscheinen. 

Anderseits ist aber auch denkbar, dass die melanoderme Rasse 
sich in anderer Weise aus dem gemeinschaftlichen Stamm entwickelt 
hat, und dass die Zwergstämme nur verkümmerte Mischfornien sind, 
die sich aus der Kreuzung der neuen melanodermen Eindringlinge 
mit der Urbevölkerung ergeben haben. 

Beim Stammbaum (Fig. 189) habe ich beide Möglichkeiten offen 
gelassen, zu deren endgültiger Entscheidung noch weitere Unter- 
suchungen nötig sind. 

Eine zweite Gruppe protomorpher Rassen bilden die Stämme, 
die sich nach der Abzweigung der Melanodermen vom gemein- 
schaftlich leukoxanthodermen HaujDtstamm gebildet haben. 

Unter diesen sind die wichtigsten die Amerikaner, die ver- 
möge ihrer strenoreren Isolation sich am reinsten erhielten. Aul 
die primitive Bildung der niedersten unter ihnen, der Feuer- 
länder ^) und Karaibenstämme^), ist bereits hingewiesen. Sie ver- 
einigen mit einer Körperhöhe von sechs bis sieben Kopfhöhen 
normale Beinlänge und Ueberlänge der Arme. Der Torus frontalis 
ist häufig ausgebildet, die Nase breit und flach, der Mund 
sehr gross. 

In einseitiger Differenzierung zeigt die Nase Neigung zur aqui- 
linen Entfaltung, das Haar zur Ausbildung schwarzer, straffer Strähne, 
somit zwei Symptome, die auf weisse und gelbe Rassenmerkmale hin- 
weisen. 

Schon der lebhafte Streit hervorragender Anthropologen über 
die europäische (Martin, Sergi) oder mongolische (Ten Kate, Vir- 
chow) Abstammung der amerikanischen Rasse bietet einen Hinweis auf 
die Möglichkeit ihres Hervorgehens aus dem beiden Hauptrassen 
gemeinschaftlichen Urstamm. 

Ausser den Amerikanern finden sich noch zahlreiche kleinere 
indonesische Stämme, deren somatisch-anthropologischer Charakter 
für eine Zugehörigkeit zu beiden Hauptrassen spricht. 



^) Hyades und Deniker. 

2) von den Steinen, Unter den Urvölkern Zentralbrasiliens. 1897. Ehrenreich, 
Die Botokuden vom Rio Pancas. 1887. Beiträge zur Völkerkunde Brasiliens. 1891. 



Die Rassenentwicklung. 249 

Hier aber bereitet das Vorkommen vieler sekundärer Misch- 
formen einer strengen Sichtung grosse Schwierigkeiten. 

Eine Einigung in dieser Richtung ist bisher noch nicht erzielt 
worden. Wahrscheinlich haben wir aber die Kanaken, die Mao ri, 
dieDajak, die Battak und die Tonganer als protomorjihe Rasse 
zu betrachten. 

In welcher Weise die Spaltung der xanthodermen und leuko- 
derraen Rasse erfolgt ist, entzieht sich vorläufig jeder Beurteilung. 
Jedenfalls aber spricht die Tatsache, dass die xanthoderme sich in 
stark einseitiger Ausbildung gewisser Eigenschaften von dem ge- 
meinschaftlichen Stamme entfernt hat, dafür, dass sie längere Zeit 
hindurch von der Gesamtheit in irgend einer Weise isoliert war. 

Während dieser Zeit müssen die Vorfahren der weissen Rasse, 
die Protoleukodermen , den Löwenanteil des damaligen Kontinents 
innegehabt haben, und erst später durch die Protoxanthodermen 
zum Teil aus ihren Wohnsitzen verdrängt Avorden sein. 

Aus jener Periode der protoleukodermen Herrschaft stammen 
offenbar die spärlichen Ueberreste primitiver Formen, unter denen 
die Aino^) und Wedda-) am genauesten bekannt sind. Von beiden 
steht fest, dass sie den leukodermen Rassencharakter in primitivster 
Form besitzen und dabei keinerlei einseitige Ausbildung nach der 
schwarzen oder gelben Rasse hin zeigen. Den Weddas nahe ver- 
wandt sind die in Vorderindien versprengten Stämme der Dravidas, 
welche somatisch und kulturell höher, und der weissen Kulturrasse 
dadurch näher stehen. 

Diese Stämme bilden eine dritte Gruppe von protomorphen 
Rassen. 

Ob auch die Eskimos eine protomorphe Rasse sind, und in 
ähnlichem Verhältnis zur gelben Rasse stehen, wie die Wedda 
und Aino zur weissen und vielleicht die Akka zur schwarzen, lässt 
sich noch nicht mit Sicherheit feststellen. Ethnographisch stehen 
sie auf der niedersten Stufe unter den gelben Rassen, da sie noch 
heute in steinzeitlichen Verhältnissen leben. Ob sie auch anthropo- 

') Balz, Kör2)erformen der Japaner. Koganei, Beiträge zur physischen 
Anthropologie des Aino. Mitteilungen der medizinischen Fakultät zu Tokio. Bd. II. 
'-') P. und F. Sarasin, Die Weddas auf Ceylon. 



250 Diß Rassenentwickluiig. 

logiscli primitivere Merkmale aufweisen , ist noch nicht genügend 
untersucht. Für die Abstammung der Xanthodermen habe ich des- 
halb auch die Frage einer vermittelnden Stellung der Eskimos offen 
gelassen. -Jedenfalls zeigen die Eskimos nach den sorgfältigen Unter- 
suchungen von Yirchow einen ausgesprochen mongolischen Bau, 
der sich nicht nur in der Mongolenfalte, der Brachykephalie, dem 
schwarzen, straffen Haar, sondern auch in der Unterlänge der 
Gliedmassen und dem jilamperen Bau der langen Röhrenknochen 
äussert. 

Die reinere Erhaltung des xanthodermen Typus im Zusammen- 
hang mit den primitiven ethnographischen Merkmalen berechtigt zur 
Einreihung der Eskimos unter die jirotomorphen Rassen dritter 
Ordnung. 

Abgesehen von anderen nicht genügend bekannten protomorphen 
Rassenresten ergibt sich demnach folgende Einteilung: 

1. Aelteste protomorphe Rassen, vom gemeinschaftlichen 
Stamm der drei Hauptrassen ausgehend. 

a) Australier. 

b) Papua. 

c) Koikoin. 

2. Spätere protomorphe Rassen, vom gemeinschaftlichen 
Stamm der weissen und gelben Hauptrasse ausgehend. 

a) Amerikaner. 

b) Ozeanische Stämme (Kanaken, Maori, Dajak, Battak, Ton- 
ganer). 

3. Jüngere protomorphe Rassen, Vorläufer der drei Haupt- 
rassen. 

a) Melanoderm: Akka. 

b) Xanthoderm : Eskimo. 

c) Leukoderm: Aino, Wedda. 

Die Analogie mit der Verteilung fossiler und rezenter tierischer 
Formen berechtigt zu dem Schluss, dass die heutigen protomorphen 
Stämme die Ueberreste weit verbreiteter Rassen sind, welche nach- 
einander die jeweiligen kontinentalen Flächen in grosser Ausdehnung 
bewohnt haben. Betrachtet man die heutige Verteilung der Men- 
schenrassen (Tafel IV), dann findet man, dass die herrschenden 



Die Rassenentwicklung. 251 

Rassen die protomorphen Stämme überall zurückgedrängt haben, 
zum Teil nach schwer zugänglichen Strecken im Mittelpunkt des 
Landes, mit Vorliebe aber nach der Meeresküste zu und von da auf 
die benachbarten Inseln; die primitivsten Formen aber finden sich 
auf den entlegensten grösseren Inseln. 

Nacheinander wäre demnach eine weite kontinentale Verbreitung 
einer australoiden und einer koikoinartigen Rasse anzunehmen. 

Die Annahme einer dazwischenliegenden weiteren Ver- 
breitung einer pupuaähnlichen Urbevölkerung erscheint nicht nötig, 
wenn man die einseitige Weiterdifferenzierung der heutigen Papuas 
über die Australier als eine mehr lokale Erscheinung auffasst. 

Wohl ist dagegen anzunehmen, dass am Ende der Koikoin- 
periode, wenigstens im Süden des damaligen Kontinents, eine grosse 
Neigung zur Ausbildung negroider Elemente bezw. eine Zwischen- 
rasse als Trägerin dieser Neigung bestanden hat, aus der sich in 
verschiedenartiger einseitiger Entwicklung die Papuas einerseits, die 
melanoderme Rasse anderseits gebildet und erhalten haben. 

Nach dieser Epoche herrscht der gemeinschaftliche weissgelbe 
Urstamm. 

Es ist anzunehmen, dass in jeuer Zeit eine breite kontinentale, 
später wieder abgebrochene Verbindung zwischen der Alten und 
Neuen Welt bestand, und ein Eindringen von weissgelben Stämmen 
in Amerika ermöglichte. Aehnliche Landverbindungen gestatteten 
auch das Vordringen weissgelber Stämme von der Südostspitze 
Asiens zu einzelnen Inselgruppen der Südsee. 

Vielleicht haben wir auch die Lappländer als Ueberreste aus 
jener Zeit zu betrachten? 

Hierauf folgte eine allmähliche Annäherung der kontinentalen 
Bevölkerung an den Charakter der weissen Rasse, die sich wahr- 
scheinlich vorwiegend in den südlichen Gegenden des damaligen 
Festlands abgespielt hat. 

Die isolierte Ausbildung der gelben Rasse scheint im hohen 
Norden bei damals viel günstigeren klimatischen Verhältnissen statt- 
gefunden zu haben. 

Paläontologisch und ethnographisch spricht die auffal- 
lende Uebereinstimmung der europäischen steinzeitlichen Kultur mit 



252 I^ie Rassen entwicklung. 

den heutigen Steinzeiterzeugnissen der Eskimos sehr für die Annahme, 
dass die Urmongolen vom Norden her bis tief nach Europa vorge- 
drungen sind. Vielleicht bieten die Analogien der massigen Glied- 
massenknochen des Neandertalspymenschen mit den heutigen Mon- 
golen bei weiterer Bestätigung durch ähnliche Funde auch einen 
wertvollen anthropologischen Hinweis auf die Anwesenheit einer 
mongoloiden Urbevölkerung in Europa. 

Die allmähliche Verdrängung der weissen Rasse durch die von 
Norden her vordringende gelbe in späteren Perioden ist durch die 
Ueberreste weisser protomorpher Elemente in heute mongolischen 
Strecken, wie die der Aino auf Yezzo, sichergestellt. 

Die moderne Zeit ist gekennzeichnet durch das mächtige kolo- 
niale Vordringen der weissen Rasse und die starke Ausbildung von 
weissen Mischrassen in den Grenzgebieten, welche den Charakter 
der schwarzen und gelben Rasse zwar langsam, aber sicher, der 
weissen immer mehr assimilieren. 

Uebrigens darf man bei dieser auf uralte Zeiten zurückblicken- 
den Betrachtung niemals vergessen, dass die heutige Beschaffenheit 
der Erdoberfläche nicht massgebend ist für die Bestimmung früherer 
Kontinentalgebilde. 



VT. 

Die menschlichen Rassen. 

Wichtigste Literatur. 

In den schon erwähnten Sammelwerken von Ranke, Bartels, Topina rd, 
Peschel und Deniker, namentlich in den beiden letzteren, findet sich eine 
reiche Literaturangabe. 

Als besonders wichtige Quellen für einzelne Gruppen sind zu nennen: 
Papuas: Finsch (Neuguinea) und B. Hagen (Unter den Papuas). Koikoins und 
Negerrassen: Fritsch (Die Eingeborenen Südafrikas), Stuhlmann (Mit Emin 
Pascha im Herzen von Afrika). Amerikaner und verwandte Völker: Hyades 
und Deniker (Feuerländer), von den Steinen und Ehrenreich (Urvölker 
Zentralbrasiliens, Botokudos u. a.), Nieuwenhuis (In Zentralborneo). Xantho- 
derme Rasse: Peary (Eskimo, in: Northward over the great ice. New York. 
Stoker 1898). Balz (Körperformen der Japaner), Koganei (Messungen chinesi- 
scher und japanischer Soldaten), Haberer (Chinesische Schädel und Skelett- 
teile aus Peking). Leukoderme Rasse: Koganei (Ainos. Mitteilungen der Uni- 
versität Tokio. Bd. IL), F. und P. Sarasin (Wedda). 

Wertvolle Bildwerke mit photographischen Belegstücken sind ausser 
den bereits angeführten Büchern von Hyades und Deniker, F. und P. Sarasin, 
von den Steinen und Ehrenreich: Gode fr oy- Album, Richard Buchta- 
Album, Meyer und Parkinson- Album, Hutchinson (Living races), 
namentlich aber B. Hagens Ostasiatischer Atlas und G. Fritsch (Aegyp- 
tische Volkstypen der Jetztzeit). 

Die einzelnen Mensclien kommen und geben; wenn der eine 
sreboren wird , stebt der andere in der Blüte seiner Kraft und ein 
dritter verlässt müde den Scbauplatz des Lebens, wo alle mitein- 
ander ringen, sieb vermiscben und verdrängen und unbewusst dem 
ontogenetiscben Recbt des Stärkeren geboreben müssen. 

Aus dem Leben der einzelnen Menseben setzt sieb das Leben 
der Rassen zusammen. Aucb unter ibnen sind mancbe im Entsteben 
begriffen, andere tbronen in der vollen Blüte ibrer Kraft und andere 
sterben langsam aus. 

Mit dem srleicben Recbt Avie von lebenden darf man aucb von 



254 Die menschlichen Rassen. 

sterbenden und werdenden Rassen sprechen, und das heutige Rassen- 
bild ist nur eine Momentaufnahme der ewig wechsehiden Entwick- 
lungsgeschichte der Menschheit. 

Die veralteten Ansichten von der Unfruchtbarkeit der Bastard- 
bildungen, von dem unveränderlichen Dauertypus der sogen, reinen 
Rassen, haben heute nur noch historischen Wert. Wir wissen jetzt, 
dass der menschliche Typus durch Kreuzung und Züchtung in gleicher 
Weise verändert wird , wie der Typus von verwandten Pflanzen 
und Tieren derselben Art, und dass der Dauer im Wechsel, das 
scheinbar so zähe Festhalten an ererbten Eigentümlichkeiten nur 
einem kurzsichtigen Auge so gross erscheint, welches die unend- 
lichen Zeiträume menschlicher Phylogenese nicht überblicken will 
oder kann. 

Wie unendlich klein erscheint die kurze Spanne Zeit der uns 
bekannten menschlichen Geschichte verglichen mit den unermess- 
lichen Zeiträumen, in denen vor dieser Zeit schon Menschen lebten 
und nur wenig anders dachten und fühlten wie wir. 

Je tiefer der Forscher in vergangene Zeiten zurücktaucht, desto 
weiter dehnen sich die hinterlassenen Spuren menschlichen Daseins 
vor seinem erstaunten Auge, desto unermesslicher werden die 
Weiten, die sich für die Zukunft eröffnen, und desto kleiner er- 
scheint ihm die rasche, kurze Gegenwart seines eigenen Lebens und 
seiner Zeitgenossen. 

Unter den heutigen Menschenrassen finden sich ausser ver- 
schiedenen älteren und jüngeren protomorphen , isolierten Ueber- 
resten als Mittelpunkte die drei jetzt herrschenden Rassen, um die 
sich protomorphe und metamorphe Elemente, Vergangenheit und 
Zukunft gewissermassen herumkristallisieren. 

Ohne den phylogenetischen Standpunkt preiszugeben, lassen 
sich die protomorphen Vorläufer der drei Hauptrassen mit diesen 
zusammenstellen, und ebenso schliessen sich die metamorphen Rassen 
ungezwungen jeweils derjenigen Rasse an, deren Typus sie am 
nächsten verwandt sind. 

Dadurch ergeben sich sieben grössere Rassengruppen. 

Die erste und älteste ist die abgeschlossene Gruppe der Au- 
stralier, 



Die menschlichen Rassen. 255 

Die zweite Gruppe bilden die Papuas, denen sich als meta- 
morplie Formen die Melanesier ansehliessen. 

Die dritte Gruppe sind die Koikoin, von denen die Busch- 
leute nach Fritsch als reinste Vertreter anzusehen sind, während 
die Hottentotten nachweislich weisse Beimischung enthalten. Weitere 
metamorphe Elemente der Koikoin finden sich unter einigen melano- 
dermen Stämmen , jedoch mit Ueberwiegen der Merkmale der 
letzteren. 

Als vierte Gruppe haben wir die protomorphen Stämme nach 
Abzweigung der melanodermen Rasse zu betrachten, die Amerikaner 
und verwandte indonesische Stämme, zu denen wahrscheinlich die 
Tonganer, Kanaken , Maori, Batak, Dajak u. a. zu rechnen sind, 
sowie die metamorphen Formen, welche früher mit Vorliebe den 
Malaien oder mongoloiden Völkern zugezählt wurden. 

Als fünfte Gruppe haben wir die melanoderme Hauptrasse 
mit den protomorphen Vorläufern, den Akkas und anderen 
Z we rgnegern. 

Der sechsten, die xanthoderme (mongolische) Hauptrasse 
umfassenden Gruppe gehören die Eskimo als wahrscheinlich proto- 
morphe Form an. Zu den enger sich anschliessenden metamorphen 
Stämmen sind ausser den Japanern die indochinesischen 
Elemente zu rechnen. 

Die siebente Gruppe wird von der 1 e u k o d e r m e n Rasse 
gebildet, mit den protomorphen Formen der Wedda und Aino, 
und einem ausgedehnten Metamorphismus nach mongolischer und 
nigritischer Seite, der so weit geht, dass einzelne Zweige der Rasse 
selbst dadurch ein ganz bestimmtes GejDräge erhalten. Der weissen 
Hauptrasse am nächsten stehen Turanier und Birmanen einerseits, 
die Aethiopier (im Sinne von Fritsch) anderseits. 

Zusammenfassend ergibt sich: 

A. Protomorphe Rassen. 

Gruppe 1. Australier. 

„ 2. Pa})ua und Melanesier. 

„ 3. Koikoin. 

„ 4. Amerikaner und Indonesier. 



256 I^iß menschlichen Rassen. 

B. Arcliimorplie Rassen. 

Gruppe 5. Melanoderme Hauptrasse. 
„ G. Xanthoderme Hauptrasse. 
„ 7. Leukoderme Hauptrasse. 

Lassen sich somit die menschlichen Rassen auf phylogenetischer 
Grundlage im grossen und ganzen übersehen, so sind doch noch 
zahlreiche Einzelheiten übrig, die eine Aveitere Untersuchung er- 
fordern. 

Gehören die Lappländer im Norden, die Andamanen im Süden 
der grossen vierten Gruppe der Protomorphen an oder sind sie eine 
spätere weissgelbe metamorphe Form? Sind die Aetas eine den 
Papuas ebenbürtige Urrasse oder eine Metamorphie von diesen mit 
stärkerer Ausprägung xanthodermer Eigenschaften '? Diese und ähn- 
liche Fragen können vorläufig nicht beantwortet werden. 

Aber auch sonst sind wir noch von der Utopie einer ausführ- 
lichen somatisch-anthropologischen Betrachtung und Beschreibung 
weit entfernt. 

Die Ueberzeugung, dass nicht Worte, Zahlen und Maasse, son- 
dern ein auf eigener Beobachtung beruhendes und Avissenschaftlich 
gesichtetes Anschauungsmaterial die wichtigste Grundlage für die 
Kenntnis der menschlichen Rassen bildet, bricht sich immer mehr 
Bahn. 

Das Ideal der Zukunft ist ein Werk , in dem die schönsten 
Vertreter verschiedener Menschengruppen jeden Alters und Ge- 
schlechts in natürlicher Nacktheit nebeneinander gestellt sind, und 
in dem sich der äusseren Ansicht eine ebenso sorgfältige Auswahl 
der Skelettteile, Muskeln und innerer Organe anschliesst. 

Heute müssen wir uns mit dem wenigen begnügen, was wir 
haben. Eine vergleichende Untersuchung von Weichteilen, vom 
Skelett mit Ausnahme des Schädels fehlt noch vöUig, und was 
diesen letzteren betrifft, so steht oft der angewendete Fleiss in keinem 
Verhältnis zu dem dürftigen Ergebnis. 

Trotz der Photographie gehören gute anthropologische Bilder 
des nackten Körpers zu den grossen Ausnahmen, und unter diesen 
sind wieder ausgesucht schöne und normale Individuen noch viel 
seltener. 



Die Australier. 257 

Durum können wir uns selbst von der äusseren Gestalt unserer 
heutigen Mitmenschen nur ein sehr unvollkommenes Bild machen. 

Aus allen diesen Gründen kann die folgende Aufstellung von 
Vertretern der verschiedenen Rassengruppen keinen Anspruch auf 
Vollständigkeit machen. Soweit es in meiner Macht lag, habe ich 
gesucht, dem oben aufgestellten Ideale nahe zu kommen. Sehr häufig 
aber musste ich mich bei geringerer Auswahl mit weniger schönen 
oder mehr bekleideten Individuen , mit Köpfen statt mit ganzen 
Figuren begnügen, und gar nicht selten auf jegliches Anschauungs- 
material verzichten , wenn nur schlechte , unzuverlässige oder über- 
haupt keine Photographien vorlagen. 

Die Bestimmung der sieben Haupttypen bietet keine grossen 
Schwierigkeiten. Für die vierte Gruppe der xantho-leukodermen Ur- 
rasse sind die südlichen Amerikaner massgebend , weil bei ihnen 
jeder Metamorphismus sicher ausgeschlossen werden kann. Dagegen 
gestaltet sich die Zuteilung protomorpher und metamorpher Stämme 
zu den Hauptgruppen nicht immer so einfach. Namentlich bei den 
letzteren verbieten die allmählichen Uebergänge oft eine scharfe 
Grenze zu ziehen. 

1. Die Australier. 

Die Australier bilden eine abgeschlossene protomorphe Gruppe, 
welche durch die Häufung primitiver Merkmale und die grosse 
Variabilitätsbreite zur ältesten und somit niedrigsten Menschenrasse 
gestempelt wdrd. Ihren körperlichen Eigenschaften entspricht die 
niedrige Kulturstufe, denn bei ihrer „Entdeckung" standen die 
Australier im Zeitalter der undurchbohrten Steingeräte. 

Ausserdem aber trifft mit der älteren somatischen und kulturellen 
Bildung der Bewohner eine ebenso alte, wenn nicht noch ältere 
Beschaö'enheit des Landes, seiner Fauna und Flora zusammen. 

Peschel hat dieses „Milieu" so anschaulich geschildert, dass 
ich nicht umhin kann, seine klassische Beschreibung hier im Aus- 
zuge Avörtlich wiederzugeben^): 

„Soweit die bisherigen Forschungen reichen, hat man bis jetzt 

') Peschel, Völkerkunde. 7. Auflage. 1897. 8. 345. 
Stratz, Die Xaturgeschiclate des Menschen. 17 



258 Die menschlichen Rassen. 

ein Auftreten von tertiärem Gebiet nur an zwei Stellen wahr- 
genommen. Die Gebirgsarten sind entweder kristallinisch oder ihre 
Versteinerungen gehören den frühesten Erdaltern an, da sie selten 
über die Kohlenzeit und kaum bis zu den bunten Sandsteinen reichen. 
Mit anderen Worten will dies heissen, dass der grösste Teil jener 
Planetenstelle seit den sekundären und tertiären Zeiten nicht mehr 
unter das Wasser tauchte, sondern ohne Wiedergeburt oder Erholung 
allen Unbilden des Luftkreises seit dieser Zeit ausgesetzt blieb und 
darüber mehr und mehr von seinen plastischen Jugendreizen verlor. 
— Selbst dieses Los wäre noch erträglich gewesen, wenn nicht 
Australien seinen ehemaligen trockenen Zusammenhang mit dem 
grossen Länderbau der Alten Welt eingebüsst hätte. Die Trennung 
oder das Selbständigwerden Australiens erfolgte aber in einem un- 
reifen Zeitpunkte, nämlich schon damals, als die Entwicklung der 
Fauna erst bis zu den Beutel- und Nagetieren, noch nicht aber bis 
zu den Huftieren fortgeschritten war. Während in der Alten Welt 
und in Amerika durch den fortdauernden Kampf ums Dasein immei- 
höhere Geschöpfe hervorgerufen wurden, denen die altertümlichen 
Marsupialgestalten beinahe gänzlich weichen mussten, bewegte sich 
in Australien der Kampf in einem viel engeren Kreise, und daher 
blieb eine Tierschöpfung mit geringen Abänderungen auf der Stufe 
stehen, die sie erreicht hatte, als die Abtrennung erfolgte. Das 
älteste Festland der Erde ernährt auch die ältesten Säugetierformen. 
Vor allem vermissen wir die reissenden Tiere, noch l)edauerlicher 
aber erscheint die Abwesenheit aller Huftiere. Alle diese wichtigen 
Kulturgeschöpfe konnten das Festland nicht mehr erreichen, seitdem 
es keine Brücke mit der Alten Welt mehr verknüpfte. 

„So kann man denn füglich von Australien behaupten, es sei 
eine Insel ohne die Vorteile eines Inselklimas, ein nahrungsreiches 
Steppenland ohne Steppenhuftiere, ein Land der Inselruhe oder eines 
schläfrigen Kampfes ums Dasein und daher ein Asyl für die Tier- 
und Pflanzentrachten der Vorzeit. Friedfertigkeit, wenn wir die 
Vorgänge der belebten Schöpfung richtig verstehen, bedeutet aber 
so viel wie Erstarrung, denn verglichen mit den hoch gestiegenen 
Säugetieren der Alten Welt erscheinen uns die australischen wie 
hüpfende Fossilien. 



Die Australier. 



259 



.,Wiir d'iv Uhr dann al)^-elaufen . landete das erste Schiff Ge- 
schöpfe aus der Alten Welt, hörte mit der Ahsonderung Australien 
auf, eine Insel zu sein, gab es wieder eine Brücke, wenn auch nur 
eine fliegende, die es abermals mit der Alten Welt verband, und 
sollte nun der allzu früh abgebrochene Kampf um das Dasein von 
neuem beginnen, aber zwischen streitgewohnten und streitgerüsteten 




Fig-. 190. Proportionpu einer Australierin. 



gegen kampfentwöhnte Wesen, so niussten in kurzer Zeit die letzten 
überlebenden und ü])erlebten Formen der Vergangenheit erliegen, 
Australiens Fauna in das paläontologische Buch geschrieben werden, 
und mit dem Känguruh auch der Känguruhjäger verschwinden. 

.,So hat es von jeher die neuerungssüchtige Natur gehalten; 
ihr gilt nur die Berechtigung des Stärkeren, und das Stärkere muss 



260 



Die menschlichen Rassen. 



immer auch etwas Neueres sein, denn wäre das Neuere schwächer, 
so würde es unterdrückt, ehe es nur aufkäme." 

Dieser Schilderung Peschels lässt sich noch hinzufügen, dass 
die in Australien abgeschlossenen Beuteltiere einen besonderen Ent- 
wicklungsgang nach denselben Richtungen hin wie die höheren 




Fig. 191. Proportionen einer Australierin nach Ranke. 

Säugetiere eingeschlagen haben. Den Raubtieren entsprechend haben 
sich besondere Gruppen von fleischfressenden Raubbeutlern, wie der 
Beutelmarder und der Beutelwolf, gebildet, den Nagetieren ähnlich 
hat sich unter den pflanzenfressenden Beutlern der Wonibat ent- 
wickelt, während die in Herden lebenden Springbeutler Avie das 
Känguruh die Stelle der Huftiere einnehmen^). 
») Vgl. R. Hertwig. Zoologie. 1903. S. 584. 



Die Australier. 261 

Abgesehen von den Zähnen ist das Skelett des Beuteltieres 
leicht erkenntlich durch den nach hinten spitz zulaufenden Unter- 
kieferfortsatz und die Beutelknochen, zwei dünne Knochenspangen, 
welche vom Schambein aus zur Mammartasche verlaufen. 

Mit dem Auffinden dieser leicht erkenntlichen Knochen in 
fossilem Zustand ist der Beweis geliefert, dass die Vorfahren der 
heutigen australischen Tiere früher über die ganze Erde verbreitet 

waren. 

Wie ist es aber nun mit den menschlichen Bewohnern Australiens 
gestellt? Von dem Gedanken ausgehend, dass der Mensch, die 
Krone der Schöpfung, viel später als alle anderen Säugetiere seine 
menschliche Gestaltung erlangt habe, hat man bisher als seHjst- 
verständlich angenommen, dass er später in das uralte australische 
Beuteltierparadies eingewandert sei. In Avelcher Weise, ob von 
Insel zu Insel schwimmend, ob auf treibendem Holz oder auf primi- 
tiven Booten, darüber sind die Ansichten geteilt. 

Schoten sack geht noch einen Schritt weiter, indem er an- 
nimmt, dass gerade die australische Umgebung besonders geeignet 
für die Menschwerdung sei, und dass demnach die Wiege der Mensch- 
heit zwar nicht in Australien selbst, aber doch auf einem ähnlich 
beschaffenen Erdteil gestanden haben müsse, in dem die grossen 
Säugetierfeinde des Menschen, die Raubtiere, fehlten. 

Aber auch Schötensack geht nicht so weit, dass er eine 
gleichzeitige Isolierung der Menschen mit den Beuteltieren in 
Australien für möghch hält. Und doch muss auch diese Möglich- 
keit ins Auge gefasst werden. So kühn diese Annahme erscheinen 
mag, so wenig sie sich beweisen lässt, ebensowenig lässt sie sich 
auch widerlegen. 

Von der Chirotherienfährte im Perm bis zum Funde von Ueber- 
resten der bereits kultivierten diluvialen Neandertalspymenschen 
klafft noch eine weite paläontologische Lücke, und erst wenn diese 
überbrückt ist, lässt sich bestimmen, in welches geologische Zeit- 
alter ungefähr die eigentliche Menschwerdung zu setzen ist, und 
dann erst kann man ausmachen, ob die Australier zugleich mit den 
Beuteltieren oder sehr viel später nach ihrer jetzigen Heimat ge- 
langt sind. 



262 



Die menschlichen Rassen. 



Davon abgesehen, ist die jahrhundertelange Abschliessung der 
Australier von allen anderen Menschen in einer ganz besonderen 
Umgebung eine feststehende Tatsache. 

Im vorigen Abschnitte Avurde bereits zu wiederholten Malen auf 
die Körperbeschaffenheit der Australier als der primitivsten unter 
den heutigen Rassen hingewiesen. 

Leider besitzen wir bis ietzt kein Werk, das der grossen 




Fig. 19 



isjahi'iger Mann und lejUhriges Mädchen aus Südiiustvalien. 
(Phot. LTÜntlier.) 



anthropologischen Bedeutung der Australier auch nur einigermassen 
gerecht wird. 

Im Jahre 1881 lebten noch 32 000 Australier innerhalb der 
englischen Provinzen, im Jahre 1899 war ihre Zahl auf 6000 ge- 
schmolzen^). Es ist deshalb anzunehmen, dass die Australier in 
nicht zu langer Zeit mit den Känguruhs aussterben, wenn sie nicht 



') Nach Sievers, Australien. Bibliographisches Institut. 1902. 



Die Australier. 



263 



ii-o-endwo. wie die Auerocliseu v(.»n Bjalowitscli , künstlich weiter- 
gezüclitet werden. 

In den vorigen Al)sclinitten wurden die Australier wiederholt 
als Beispiele primitiver Körperbildnno- herangezogen. 

Der Schädel zeigt den dolichokephalen Tyi)us mit verhältnis- 
mässig geringerem Ueberwiegen des Gehirnteils über den Gesichts- 
teil (vgl. Fig. 161. 162): dabei ist der Tonis frontalis meist sehr 




Fig. 193. 2-2jalii-igel' Muuu uns (^ul-l-usIuiuI. (Phut . lüiutln-r.) 

ausgeprägt, Schaltknochen finden sich häufig, auch der T(n-us occipi- 
talis ist oft stark entwickelt. 

Die Kiefer sind meist kräftig gebildet, mit geringer Prognathie. 
Das Kinn ist schwach entwickelt, oft fliehend. Die Molarzähne 
sind sehr gut ausgebildet, zuweilen tritt ein vierter Molarzahn auf 
(Klaatsch). 

Rumpf- und Gliedmassenskelett zeichnen sich durch zierlichen, 
schlanken Bau aus. Hände und Füsse sind oft klein, schmal und 
lang, oft gross, breit und plump. Der Fuss ist wenig gewölbt, der 



264 Die menschlichen Rassen. 



Calcaneus nicht sehr stark ausgebildet und steht seitlicher nach dem 
äusseren Knöchel zu (Wiedersheim). 

Von diesen allgemeinen Kennzeichen finden sich sehr zahlreiche 
individuelle Abweichungen. 

Auch die Körperproportionen sind sehr schwankend ; soweit 
bekannt, finden sich normale Verhältnisse der Beine bei Ueberlänge 
der Arme am häufigsten. Ich fand dies Verhältnis in 12 von 15 
daraufhin untersuchten Fällen. 

Fig. 190 zeigt diese für Australier kennzeichnenden Körperverhält- 
nisse in reiner Form, nach einer Aufnahme von C. Günther konstruiert. 
Die Körperhöhe erreicht bei dieser Frau etwas über 7 Kopf höhen. 

Ranke bildet eine Australierin ab, deren Proportionen in 
Fig. 191 bestimmt sind. Hier besteht Ueberlänge sämtlicher Glied- 
massen bei einer Gesamthöhe von nicht ganz 7 Kopfhöhen. Jedoch 
auch in diesem Falle sind die Arme stärker verlängert als die Beine. 

In beiden Fällen beruht die Verlängerung am Arm hauptsäch- 
lich auf der grösseren Länge des Unterarms. 

Bei einem weiteren von Günther in sitzender Stellung photo- 
graphierten Australier (Fig. 193) fand sich eine geringe Unterlänge 
sämtlicher Gliedmassen, jedoch auch wieder mit verhältnismässig 
grösserer Länge der Arme. 

Dieser Fall muss ebenso Avie der Rankesche als eine individuelle 
Variation aufgefasst werden; beide Fälle nähern sich den bei den 
Australiern besonders weit gesteckten jeweiligen Variabilitätsgrenzen, 
innerhalb deren Fig. 190 die Durchschnitts- bezw. Normalfigur darstellt. 

Allen gemeinsam aber ist das Kennzeichen der protomorphen 
Rasse, die relativ grössere Länge der Arme, insbesondere der Vorder- 
arme. Wenn wir das Verhältnis zwischen Arm- und Beinlänge in 
Zahlen ausdrücken, so erhalten wir beim normalen Europäer (von 
180 cm Körperhöhe) mit 80 cm Armlänge und 100 cm Beinlänge 
einen Index von 8, d. h. dass sich der Arm zum Bein wie 8 : 10 
verhält (s. oben). 

Bei drei von Vir chow gemessenen Australiern M war das Ver- 
hältnis das fblsrende: 



Vgl. Ranke, Der Mensch. IT. S. 363. 



Die Australier. 



265 





hii;. iyi,ut6. Männlicher Anstralierscliiiilel. (Etlmoj^i. Mu.-iuiii Li-nUn. 




Fiff. lue, 197. Weiblicher Aiistralierschäclel. (Ethnogr. Jlnseuiu Leiden.) 



Körper- 
* höhe 


Arm- 
länge 


Bein- 
länge 


Index 


Australier I Ö • • • • 
Australier 115- • • • 
Australier 111 . . . . 


170 
185 
162 


75 
82 
73 


82 
89 
85 


9 
9 

8,5 


(Europäer) 


180 


80 


100 


8 



Es findet sich also, klassiscli ausgedrückt, l)ei allen drei Austra- 
liern ein grösserer Armbeinlängenindex als beim europäischen Kanon. 
Der erste unter diesen Australiern ist derselbe untersetzte Mann, 
der in Fio-. 193 abgebildet ist. 



266 Die menschlichen Rassen. 

Schlanke Gestalten wiegen vor, bei den Weibern sind die Hüften 
nur wenig breiter als beim Mann. 

An der Gesichtsbildung ist kennzeichnend die starke Aus- 
bildung der Augenbrauenbogen und die niedrige, breite, ausge- 
sprochen platvrrhine Nase. Doch auch hier kommen individuelle 




Fig. 19&. Australieviu mit. sclilichtem Hiuir. i I'liut. Uiiutliei'.) 

Neigungen zu schmäleren Nasen mit höherem Rücken zur Beob- 
achtung. 

Trotz der breiten Nase findet sich keine ausgesprochene Mon- 
golenfalte. 

Die Lippen sind meist Avulstig, zuweilen auch schmal. 

Das Kinn ist klein, häufig fliehend. 



Die Australier. 



267 



Die Kopfhaare sind scliliclit, lockig und srekraust in sehr grosser 
individueller Abweichung. 

Die Fig. 192 und Fig. 193 zeigen die drei Typen in guter Aus- 
prägung; das Mädchen hat schlichtes, der neben ihr sitzende junge 
Mann krauses und der ältere Mann, Fig. 193, gelocktes Haar. 





^^^^^^Hp ''* JBk^HR^^^K^ '' 


w^M 


^^E^^^ ^^^^H& 




y ^SI^^P^. „ •'C^^ 




^^^^p*:f.*^*,-' '■ 




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■^ ^^HP' ^K 



Fig. lii;i. Australierin mit g-elocktcm Haar, i Plmt. Uiinther. i 

Die Körperbehaarung fehlt nie völlig, ist aber bald mehr, bald 
weniger ausges})rochen. Alle Männer haben einen reichen Bart- 
wuchs und sind stolz darauf. Die Haarfarbe ist oft rötlich, oft 
schAvarz, in einzelnen Fällen ein dunkles Aschblond. 

Die Hautfarbe schwankt zwischen hellstem Goldbraun und 
dunkelstem Blaubraun bis Schwarz. 



268 



Die menschlichen Rassen. 



Abgesehen von der breiten Nase machen die Gestalten der 
Australier im allgemeinen auch auf den Europäer einen sehr günstigen 
Eindruck, Hände und Füsse sind oft von auffallend schöner Form. 

Die sekundären Unterschiede sind l)ei beiden Geschlechtern mit 




Fig. 200. Kopf eines jungen Australiers aus Queensland (Fig. 193). 



Ausnahme des Bartes beim Manne und der Brüste beim Weibe nicht 
«tark ausgeprägt. 

Bei den weiblichen Brüsten herrscht die Mamma areolata vor, 
ausnahmsweise findet sich die Mamma papillata. 

Als Gesamtergebnis haben wir bei den Austrahern eine ausser- 
ordentliche Variabilitätsbreite bezüglich der Haut, der Haare, der 
Gesichtszüge und Gliedmassen, verbunden mit einer Anzahl primitiver 



Die Aastralier. 



269 



Merkmale, von denen der Tonis frontalis, die geringere Gehirn- 
schädelwülbung, die platyrrhine Nase und die Ueberlänge der Vorder- 
arme die wichtigsten sind. 

lieber den Bau des Fussskelettes linden sich, wie erwähnt, bei 




Fig. 201. Kopf eines jungen Austriiliers aus Queensland (Fig. 193). 

Wiedersheim einige Angaben, die annehmen lassen, dass auch 
hierill die Australier sich durch primitiven Bau, besonders ein sehr 
schwach entwickeltes Fersenbein auszeichnen. 

Kennzeichnend für den australischen Typus sind ausser der 
Häufung primitiver Merkmale die ausgesprochen protomorphen Ver- 
hältnisse des Körpers. 

Wenn man dafür, von den bekannten Proportionen der weissen 



270 



Die menschlichen Rassen. 



Rasse ausgebend, einen Kanon aufstellt, so erhält man das in Fio-. 190 
dargestellte Bild. 

Der protomorphe Kanon zeigt normale Beinlänge bei 
Ueb erlange der Arme und bei einer (jresamtböhe von 6 bis 
höchstens 7Kopl'höhen. Nach Analogie mit den für die weisse 




big. -iD-i. Kopf eines älteren Australiers aus (iuffusland (Fi^ 



Kasse gefundenen Verhältnissen lassen sich auch unter den Proto- 
morphen diejenigen Gestalten als die individuell am besten aus- 
gebildeten bezeichnen, die sich durch die geringste Ueb erlange 
der Arme und die grösste Kop f höhen zahl über den Durch- 
schnitt erheben. 

Ebenso bedeutet eine geringere Ausprägung der primitiven 



Die Australier. 



271 



Merkmale eine individuell höhere Ausl)ildiin,<»' iinierhall) der proto- 
morphen Gruppe. 

Ausserdem aber ist die individuelle \ ariahilitätsbreite innerhalb 
der Gruppe nach unten und nach oben zu bestimmen. 

Gerade bei den Australiern, dem Prototyp der protomorplieii 




Fig. 203. Kopf eines älteren AnstraUers aus tiueenslaml iFig. 19-ti. 

Rasse, ist es deshalb wichtig, eine möglichst grosse Zahl von photo- 
graphischen Belegstücken für die Körperbeschaffenheit zu bringen. 
Ausser den bereits gegebenen Figuren 167, 192 und 193, den 
nach Photographien gezeichneten Schädelunirissen 161 und 162 und 
den gleichfalls nach Photographien gezeichneten Proportionen 190 
und 191 standen mir die in den Figuren 194 — 215 nachgebildeten 



272 



Die menschlichen Rassen. 



Photographien zu Gebote, welchen grösstenteils Originale von 
C. Günther und vom ethnographischen Museum in Leiden zu 
Grunde liegen^). 

Die Figuren 194 — 197 stellen einen männlichen und einen weib- 
lichen Australierschädel von vorn und im Profil dar, auf eine hori- 




Fig. 204. Torso eines jungen Australiers aus Adelaide. 
(Ethnogr. Museum Leiden. Inv. 2532.) 

zontale Ebene eingestellt, Avelche die beiden äusseren Ohröfihungen 
und den unteren Nasenstachel schneidet. 



^) Diese letzteren hat Herr Direktor Schmeltz in liebenswürdigster Weise 
zu meiner Verfügung gestellt und die Photographien im Museum selbst an- 
fertigen lassen. 



Die Australier. 



273 



Der männliche Schädel (Fig. 194, 195) ist so ziemlich die unterste 
Grenze protomorpher Bildung. Der Torus frontalis ist in einer Weise 
ausgeprägt, Avie ich ihn bei keinem rezenten Schädel angetroffen 
habe. In der Ansicht von vorn geben die mächtigen Oberaugen- 
wülste verbunden mit den starken Jochbögen, dem kräftigen Ge- 




Fis- 205. Torso eines 4(ij,ihiii;rii Austi-;iliers aus Adelaide. 
lEthnogr. Museum Leiden. Inv. 2530.) 

biss und der auffallend grossen Nasenöffnung ein ausgesprochen 
tierisches Gepräge. Dabei ist die Schädelwölbung namentlich in 
der Stirngegend ziemlich gering, der Torus occipitalis ist gleichfalls 
stark ausgeprägt und es finden sich zahlreiche Schaltknochen. Der 
Gehirnschädel überwiegt den Gesichtsschädel verhältnismässig wenig. 

Stratz, Die Naturgeschichte des Menschen. 



18 



274 



Die menschlichen Rassen. 



Der weibliche Schädel (Fig. 19G, 197) zeigt den Torus frontalis 
in viel schwächerer Ausprägung, eine höhere Wölbung des ganzen 
Schädeldachs und ein stärkeres Ueberwiegen des Gehirnteiles über 
den Gesichtsteil. Auch hier zeigt sich ein ausgesprochener Torus 




Fig. 206. Torso eines 58j;ihrigeii Australiers aus Adelaide. 
(Ethuogr. Museum Leiden. Inv. 2529.) 

occipitalis und zahlreiche Schaltknochen, so dass sich zwar alle 
Kennzeichen protomorpher Bildung mit Inbegriff des Torus frontalis 
feststellen lassen, aber in einer sehr abgeschwächten Form, die als 
individuelle Variante auch bei höheren Rassen vorkommt. Kenn- 
zeichnend ist auch hier die grosse Nasenöflfnung, die in der Vorder- 
ansicht beinahe ein Drittel der Gesichtsbreite einnimmt. 



Die Australier. 275 

Das Kinn springt trotz des kleineren Gesichts und zierlicheren 
Unterkiefers bei dem weiblichen Schädel stärker vor und ist besser 
ausgebildet als beim männlichen. 

Der männliche Schädel stellt somit den individuell am stärksten 




Fig. 207. Torso eines jungeu Mildclieus aus Aili'laide. 
(Ethnogr. Museum Leiden. Inv. 2535.) 

ausgeprägten, der weibliche den individuell am stärksten ge- 
milderten australischen Schädeltypus dar. 

Kennzeichnend für die Gesichtsbildung der Australier sind die 
Figuren 198—203. 

Das 16jährige Mädchen (Fig. 198) ist in Fig. 167 im Profil 
aufgenommen. Mit einem anderen, ungefähr gleichaltrigen Mädchen 



276 



Die menschlichen Rassen. 



(Fig. 199) verglichen zeigt sie übereinstimmend die tiefliegenden, 
durch starke Augenbrauenbögen überwölbten Augen, die breite, 
niedrige Nase und den grossen Mund mit wulstigen Lijjpen. Jedoch 




Fig. 208. 27jahnge Frau aus Adelaide. (Etliuogr. Museum Leiden. luv. 2531.) 



ist bei ihr die Nase etwas schmäler, der Mund individuell etwas 
kleiner gebildet. Die Haut ist dunkler, das Haar schlichter. 

Ausserdem neigen die Brüste mehr zur Form der Mamma 
papillata, während Fig. 199 eine deutlich ausgeprägte areolata besitzt. 

Die Gesichter der beiden Männer haben sehr stark ausgeprägte 
Ueberaugenwülste und dementsprechend tiefliegende Augen, wulstige 
Lippen und ein fliehendes Kinn. Die Nase ist beim ersten (Fig. 200, 201) 



Die Australier. 



277 



sehr breit und niedrig, beim zweiten (Fig. 202, 203) schmäler und 

höher. Der erstere hat krauses, der zweite leicht gelocktes Haar. 

Zusammen zeichnen sich diese vier Köpfe durch die starken 




Fig. 209. Aeltere Aii^tr.ilii'riii ,iiis Adelaide. lEtlniogr. Museum Leiden. Inv. 2534.) 

Ueberaugenwülste, die breite, niedrige Nase und den wulstigen Mund 
aus. In der Farbe der Haut und der Form der Haare bestehen 
grosse individuelle Varietäten. 

Nicht nur die Gesichtsbildung, sondern auch die Gestaltung 
des Torso ist aus den Figuren 204 — 209 ersichtlich, welche von 
Dr. A. Nietz, dem Vorstand des ethnographischen Museums in 
Adelaide, aufgenommen wurden. 



278 



Die menschlichen Rassen. 




Fig. 210. Schlanker Australier in ganzer Figur. (Phot. Günther.) 



Sämtliche Originale stammen aus Südaustralien, wo eine mög- 
liche Beimischung papuanischer oder ozeanischer Elemente mit noch 
grösserer Sicherheit auszuschliessen ist als im Norden. 

Die Gesichter zeigen dasselbe typische Gepräge wie die 



Die Australier. 



279 




Fig. 211. Australisches Mädchen in ganzer Figur. (Phot. Günther.) 



vorigen Abbildungen mit mehr oder weniger individuellen Ab- 
weichungen. 

Der jüngste Australier (Fig. 204) trägt den bei breitnasigen 
Stämmen zur Erhöhung des Rassenmerkmals beliebten Nasenpflock, 



280 



Die menschlichen Rassen. 



dei sich aucli [auf Fig. 213, 214 
wiederfindet. Die Gesichtszüge äh- 
nehi dem Manne von Fig. 202, 203 
bei etwas gröberer Bildung. 

Der Rumpf zeigt eine vortreff- 
liche Ausbildung der Muskulatur. 
Namentlich Brust- und Schulter- 
muskeln sind von seltener Kraft und 
Schönheit. Besonders bemerkens- 
wert ist die Fülle des Deltamuskels, 
welcher der Schulter die kräftige 
Rundung verleiht und auf regel- 
mässige Uebung der Arme schlies- 
sen lässt. 

Der vierzigjährige Australier 
(Fig. 205) zeichnet sich durch stark 
gekraustes Haupthaar aus. Auch 
bei ihm ist die Muskulatur des 
Rumpfes sehr gut ausgebildet, wenn 
auch in geringerem Maasse als bei 
seinem jüngeren Genossen. 

Die auch bei jenem erkennt- 
liche Körperbehaarung zeigt sich hier 
noch stärker ausgeprägt. Trotz der 
kräftigen Muskeln hat der Körper 
einen schlanken zierlichen Bau, der 
sich namentlich in der starken Ver- 
jüngung der Arme nach dem Hand- 
gelenk zu äussert. 

Der achtundfünfzigjährige Au- 
stralier (Fig. 206) zeigt wirres aber schlichtes Haar, eine gleich- 
massige stärkere Körperbehaarung und, seinem Alter entsprechend, 
dieselbe schlankkräftige Bildung des Rumpfes und der Arme wie 
seine beiden Genossen. 

Die drei Weiber (Fig. 207, 208, 209) unterscheiden sich von 
den Männern nur wenig;. Die Gliedmassen sind etwas runder und 




Fig. 212. AeU.eres australisches Madclu'ii 
in ganzer Figur. (Pliot. Günther.) 



Die Australier. 



281 





Filj,'. :ili. Untersetzter Australier 
in ganzer Figur. (Phot. Günther.) 



Fig'. 214. Derselbe in Prulil. 



weniger muskulös. Dageg-en erscheint das Becken kaum breiter, 
die Körpermitte nickt stärker eingezogen, als bei den Männern. 
Eigentlich ist nur das Fehlen des Bartes und die Ausbildung der 
Brüste als sekundäres Geschlechtsmerkmal erkenntlich. Die Brüste 
haben bei allen dreien die Form der Mamma areolata. Bei der 



282 



Die menschliehen Rassen. 



linken Brust der älteren Frau (Fig. 209) ist diese Bildung besonders 
ausgeprägt; der Warzenhof erhebt sich auf der hängenden Brust 
wie ein besonderes Gebilde. 

Der allen sechs Adelaider Australiern eigentümliche Narben- 
schmuck, der mit höherem Alter an Ausdehnung zunimmt, hat vom 
anthropologischen Standpunkt nur insoweit Wichtigkeit, als er für 

die starke Neigung der Haut zu wulstiger 
Keloidbildung Zeugnis ablegt. 

Bemerkenswert ist ferner, dass bei den 
beiden älteren Frauen die Bauchhaut trotz 
mehrfacher Schwangerschaften ihre natür- 
liche Spannung behalten hat. 

Eine Uebersicht des gesamten Körpers 
der Australier geben die Figuren 210 — 215, 
welche alle von C. Günther in Berlin nach 
dort vorgeführten Australiergruppen aufge- 
nommen sind. 

Von den vier erwachsenen Personen 
(Fig. 210-214) ist für eine (Fig. 212) der 
Kanon in Fig. 190 berechnet worden. 

Diesem Kanon schliessen sich auch die 
Proportionen der beiden Männer an, während 
das junge Mädchen (Fig. 211) etwas kürzere 
Arme und damit völlig normale Proportionen 
nach F ritsch zeigt. Die Körperhöhe be- 
trägt bei allen ungefähr 7 Kopf höhen, so 
dass alle vier zu den höher ausgebildeten 
Gestalten ihrer Rasse gerechnet werden 
können. 

Der jüngere Mann und die beiden Frauen 
zeigen den häufigsten, überschlanken Bau, der den Australiern eigen 
ist. Der ältere Mann mit dem Nasenpflock (Fig. 213, 214) hat 
einen etwas gedrungenen Typus. 

Die Beckengegend erscheint bei den Frauen nur wenig breiter, 
jedoch macht sich bei beiden in der aufrechten Stellung eine, wenn 
auch geringe, natürliche Einziehung der Körpermitte bemerkbar. 




Fig. 215. 

Bjähriger australischer Knabe 



Die Australier. 283 

Auffallend ist aber bei den Frauen ebenso wie bei den Männern 
die im Verhältnis zur weissen Rasse starke Höhenentwicklung 
der Hüften, welche mit der meist runderen, schmäleren und höheren 
Form des Beckens in Zusammenhang steht. 

Die zierlich gebildeten Gliedmassen erscheinen durch ihre 
Schlankheit noch länger, als sie sind, so dass man leicht geneigt 
sein könnte, ohne Nachprüfung mit dem Kanon auch den Beinen 
eine Ueberlänge zuzusprechen. — Durch eine individuell besonders 
stark ausgebildete Ueberlänge der Arme zeichnet sich der Mann 
mit dem Nasenpflock (Fig. 213) aus. Wie aus dem Profilbild 
(Fig. 214) ersichtlich, vereinigt er mit diesem protomorphen Merk- 
mal auch eine sehr platte Nase und einen stark ausgeprägten 
Torus frontalis. 

Hände und Füsse sind bei allen sehr zierlich, schmal und — 
man möchte sagen — vornehm gebildet. Irgend welche Zeichen 
von Entwicklungskrankheiten, insbesondere von Rhachitis und Skro- 
phulose, sind nicht nachzuweisen. 

Einen besonders zierlichen Eindruck macht der Körper des 
5jährigen Knaben (Fig. 215), der bei einer Körperhöhe von sechs 
Kopfhöhen sich nur durch die etwas längeren Vorderarme von den 
für die Knaben weisser Rasse üblichen Verhältnissen entfernt. 
In der Gesichtsbildung zeigt sich aber der Rassencharakter schon 
deutlich durch das breite Naschen und die wulstigen Augenbrauen 
vorbereitet. 

Wenn wir alle Bilder der Australier in ihrer Gesamtheit vor 
unserem geistigen Auge vorüberziehen lassen, so geben sie ausser 
den oben in Zahlen und Worten niedergelegten gemeinschaftlichen 
Eigenschaften einen für ihre Rasse eigentümlichen Gesamteindruck, 
der sich leichter fühlen als beschreiben lässt. Die Körperformen 
erscheinen weniger fertig, gewissermassen mehr kindlich, die Ge- 
sichtszüge plumper, weniger ausgearbeitet und unbeholfener im Aus- 
druck als bei höher entwickelten Rassen. Trotzdem sich dieser 
Eindruck schwer in Worte fassen lässt, so verstärkt er sich schliess- 
lich doch bei Betrachtung jedes neuen Individuums und ermöglicht 
uns schliesslich bei entsprechender Uebung zu einer Diagnose auf 
den ersten Blick. 



284 Die menschlichen Rassen. 

Die oben aufgezählten objektiven Merkmale bilden gewisser- 
massen die festen Punkte, zwischen denen unser Gedächtnis die Ver- 
bindungslinien, die bei jedem Individuum etwas anders gestaltet 
sind, einzeichnet und sich auf diese Weise ein deutliches Rassen- 
bild zu schaffen weiss. 

2. Die Papuas. 

Die Insel Neuguinea steht in ihrer Fauna Australien am nächsten. 
Auch dort finden sich noch heute verschiedene Vertreter der Marsu- 
pialier, wenn auch nicht in so grosser Auswahl wie in Australien, 
auch dort fehlen die höher entwickelten Säugetiere. 

Wie die Tierwelt, haben auch die Bewohner, die Papuas, 
grosse Aehnlichkeit mit den Australiern in ihrer Körperbildung. 

Gleich den Australiern zeigen sie vielfache primitive Symptome, 
vorwiegend dolichokephale Schädel mit ausgeprägtem Torus frontalis, 
eine Gesamthöhe von 6 — 7 Kopfhöhen, Ueberlänge der Arme und 
eine sehr starke Variabilitätsbreite. 

Dagegen unterscheiden sie sich von den Australiern zunächst 
dadurch, dass die primitiven Symptome nicht so allgemein und 
so stark ausgesprochen sind, ausserdem aber durch eine entschiedene 
Neigung zur einseitigen Ausbildung negroider Kennzeichen und 
die aquiline Form der Nase, mit eigentümlicher Umbeugung der 
Spitze. 

Die vorwiegend dunkle Hautfärbung, das meist krause, starke 
schwarze Haar und die wulstigen Lippen bilden Anklänge an den 
melanodermen Typus , während die allgemein stärkere Körper- 
behaarung, das Fehlen der glatten, glänzend fetten Haut, die Neigung 
zur aquilinen Nasenbildung, die geringere Entwicklung der Kiefer 
und des Gebisses die Papuas scharf von der melanodermen Rasse 
scheiden. 

Durch die genauere anatomische Untersuchung der Leiche eines 
männlichen neugeborenen Papuakindes konnte Förster^) feststellen. 



^) A. Forster, Das Muskelsystem eines männlichen Papuaneugeborenen. 
Nova acta. Halle 1904. Bei W. Engelmann, Leipzig. 



Die Papuas. 285 

dass in diesem einen Falle die Muskelbildung- eine sehr primitive 
war (starke Entwicklung des Psoas minor, rudimentäre Ausbildung 
des Plantaris longus u. a.), jedoch lassen sich diese Bildungen, wie 
Forst er selbst hervorhebt, nicht verallgemeinern, sondern können 
ebensogut individuelle Abweichungen sein. Anderseits ist es jedoch 
sehr auffallend , dass sich zu den primitiven Zeichen der äusseren 
Körperform in dem einzig daraufhin untersuchten Falle auch primi- 
tive Muskelbildungen gesellen. 

Besondere Erwähnung verdient die Forst er sehe Untersuchung 
als ein wichtiger Schritt in das Gebiet der anthropologischen Ana- 
tomie der Zukunft. 

Wir können die Papuas demnach für eine den Australiern sehr 
nahestehende protomorphe Rasse ansehen, welche sich später als 
diese vom gemeinschaftlichen Stamm abgeschieden hat, und in der 
Isolation eine einseitige Entwicklung durchmachte. Diese äussert 
sich vorwiegend in der Ausbildung einiger melanodermen Elemente, 
und des aquilinen Baus der Nase mit Abschwächung der primitiven 
Merkmale. 

Jedoch haben die Papuas eine grosse Variabilitätsbreite bewahrt, 
wofür unter anderem das Vorkommen blonder Typen (nach Hagen) 
ein beredtes Zeugnis ablegt. 

Wie bereits im vorigen Abschnitt erwähnt Avurde, ist die von 
Hagen gemachte Beobachtung, dass die Mongolenfalte überhaupt 
nicht, die Brachykephalie äusserst selten vorkommt, em Beweis, 
dass zur Zeit der Isolation der Papuas eine Ausbildung des mongo- 
loiden Rassencharakters noch nicht angebahnt war. 

Als Kanon für die Körperverhältnisse der Papuas kann die 
Konstruktion von Fig. 216 gelten, welche nach einem Mann aus 
Bogadjim (Fig. 217) gemacht ist. 

Bei einer Körperhöhe von 6^1-2 Kopf höhen zeigt diese Gestalt 
normale Länge der Beine und eine geringe Ueberlänge der Arme, 
also einen ausgesprochen protomorphen Typus. 

Diesem Typus entsprechen weitaus die meisten der von Hagen 
in seinem Atlas gegebenen Figuren. Aus seinen Tabellen geht 
hervor, dass die durchschnittliche Körperhöhe sich zwischen 6 
und 7 Kopf höhen bewegt, dass die Beine meist von normaler 



286 



Die menschlichen Rassen. 



Länge, selten überlang und ganz ausnahmsweise unterlang sind, 
und dass die Arme meist eine geringe Ueberlänge, ausnahmsweise 
eine nach dem weissen Kanon noi'male Länge besitzen. 




216. Proportionen eines Papua (Fig. 217). 



Vergleichen wir die Konstruktion mit dem Original (Fig. 217), 
so fällt sofort die grosse Uebereinstimmung der Körperbildung mit 
dem australischen Typus auf, besonders mit dem in Fig. 210 dar- 
gestellten Manne. Hier wie dort die schlanken und doch muskel- 



Die Papuas. 



287 



kräftigen Gliedmassen mit geraden Achsen, hier wie dort der grosse 
Kopf mit breiter Nase, kräftigen Augenbrauenbögen und wulstigen 




Fig. 217. Manu aus Bogadjim am Strand. (Ethuogr. Museum llamliurg. 



Lippen, hier wie dort die feinen Gelenke und zierlichen Hände und 
Füsse. 



288 



Die mensclilichen Rassen. 



Neben diesem primitiven Papuatypus 
zeigt der von Hagen aufgenommene 
20jährige Jabim Manake (Fig. 218) 
aus Deutschneuguinea die einseitige 
Weiterentwicldung der Papuas in be- 
sonders schöner Form. 

Die Gesamthöhe von 160 cm ist 
beinahe gleich 7 Kopfhöhen (6,9). Die 
Proportionen sind nach F ritsch nor- 
mal mit einer ganz unbedeutenden Ueber- 
länge der Arme. 

Die Haare sind kraus , die Ueber- 
augenwülste massig entwickelt, die Nase 
aquilin, die Lippen wenig gewulstet. 

Während Hautfarbe und Bildung des 
Kopfhaars an den Neger erinnern, sind 
als deutliche Unterschiede der Bau der 
Nase und der Kiefer, sowie die in der 
Schamgegend und an den Beinen sicht- 
bare Körperbehaarung zu nennen. 

Weitere Beisjjiele, welche die grosse 
Variabilitätsbreite der papuanischeu Rasse 
erläutern, finden sich in zahlreichen Auf- 
nahmen von Professor Moolengraaf 
aus verschiedenen Gegenden der nieder- 
ländischen Besitzungen in Neuguinea. 

In Fig. 219 sind zwei zum Tempel 
zugelassene Jünglinge im Festkleid aus 
der Humboldtbai dargestellt; beide tragen 
den Nasenpflock, der rechtsstehende in 
einer Form, der an die in manchen deutschen Kreisen beliebte Schnurr- 
barttracht erinnert. Bei beiden lässt sich die Gesamthöhe auf un- 
gefähr 6^/2 Kopf höhen bestimmen, die Proportionen sind normal, die 
Haare kraus, die Nasen leicht aquilin trotz der unteren Breite, 
die Körper sehr wenig behaart. 

Fig. 220 zeigt eine Gruppe von älteren und jüngeren Knaben 




Fig. 218. Jabim. tPliot. B. Hageu.) 



Die Paj)uas. 



289 




Fig. 219. Paiill.i.juimliiiL;. 



Illlll 



li. il' 



>(. Mnninigraaf.) 



vor dem Jünglingshaiis in Taubadji, welche sich durch besonders 
schönen muskulösen Körperbau und eine ausgesprochene Neigung 
zur aquilinen Nasenbildung auszeichnen. 

Stratz, Die Naturgeschichte des Menschen. 19 



Die Papuas. 



291 



Als weibliche Vertreterin sei zunächst das von Virchow unter- 
suchte Papuamäflchen, Kandaze genannt, welches von C. Günther in 
Berlin photographiert wurde (Fig. 221). 

Virchow legte in seiner Beschreibung hauptsächlich Wert auf 
den Nachweis , dass Kandaze keine Uebereinstiramung mit dem 
Negritot3^pus zeigte. Als wesentlichen Unterschied fand er bei 




Fig. 221. Papuamädclien Kandaze. (Phot. Günther.) 



Kandaze einen dolichokephalen Schädel im Gegensatz zu dem mehr 
brachykephalen (auf mongolischer Mischung beruhenden?) der 
Negritos. 

Im übrigen lautet sein Urteil ^) dahin, dass Kandaze nur wenig 
primitive Merkmale besitze. 

Bei Betrachtung der Photographie, deren Wiedergabe im Holz- 
schnitt bei Ranke etwas idealisiert ist, zeigt sich nun allerdings, 
dass die primitiven Merkmale lange nicht so ausgeprägt sind, wie 
bei den oben abgebildeten Australierinnen, dass aber trotzdem sowohl 



') Vgl. Ranke, Der Mensch. 2. Auflage 1894. II. Bd. S. 369. 



292 



Die menscliliclien Kassen. 



die gewulsteten Oberaugenbögen, die tiefliegenden Augen, die breite 
flache Nase und die wulstigen Lippen deutlich zu sehen sind. Trotz 




Fig. 222. Mädclieu aus Taubadji. (Pliot. Moolengraaf.) 



der individuell stark gemilderten Variation verleugnet sich doch der 
Papuatypus nicht. 

Die Brüste haben den Typus der Mamma papillata, aber nicht 
in sehr guter Form, die Hautfarbe wird als auffallend hell be- 
schrieben. 



Die Papuas. 



293 




Fig. 223. Papuamädchen und Frau aus Eugeros. (Phot. Mooleugraaf.) 



Vier von Mooleugraaf aufgenommene Papuafrauen zeigen eine 
•etwas abweichende Gestaltung. 

Die erste , ein junges Mädchen aus Taubadji (Fig. 222) , hat 



294 



Die menschlichen Rassen. 



im Gesiebt stark protomorplie Bildung ; der Torus frontalis ist sehr 
kräftig, die Nase trotz Neigung zur aquilinen Bildung unten sehr 




Fig. 22i. Papua aus Taubadji mit zwei Kuabeu. 



breit; die Lippen dagegen sind weniger gewulstet als bei Kandaze. 
Die Brüste zeigen eine sehr schöne jugendliche Zwischenform 



Die Papuas. 



295 



von areolata und papillata. Die oberen Gliedmassen sind etwas 
lang im Unterarm, sonst aber sehr gut gebildet. 




Fig. 225. Zwei -Miiiuier aus Taubadji und einer aus Slutaui. 

Bei einer weiteren Gruppe von zwei jungen Mädchen und einer 
verheirateten Frau (die kleinere linksstehende) hat das kniende 
Mädchen (Fig. 223) eine viel feinere Gesichtsbildung als bei Kandaze 



296 



Die menschlichen Rassen. 



mit schmaler aquiliner Nase, feingesclinittenem Mund und grossen 
Augen. Das stehende Mädchen zeigt in der dunkleren Färbung, 
dem krausen Haar und den gewulsteten Lippen die negroiden 




Fig. 220. Zwei Jünglinge aus Taubatlji im Festsclimucli. 

Elemente in stärkerer Ausj^rägung, die Frau daneben erinnert durch 
die kräftigen Augenbrauenbögen, die tiefliegenden Augen, die 
breite Nase und die plumpen Gesichtszüge mehr an das proto- 
morphe Element. 



Die Papuas. 



297 



Die schönsten und künstleriscli vollendetsten Papuabilder, die 
mir bekannt sind, stammen von meinem verstorbenen Freund J. G. 
Pasteur. Er hoffte die von uns beiden besprochenen Ideale an 
Ort und Stelle zu verwirklichen und 
suchte bei einem mehrmonatlichen 
Aufenthalt in Australien die schönsten 
und bestentwickelten Gestalten für 
seine Aufnahmen aus. Der Vorschrift 
von G. Fritsch entsprechend wur- 
den die Negative (in einer Grösse 
von 13 : 18) nicht fixiert und ohne 
Retouche bei erster Gelegenheit dem 
gefährlichen tropischen Klima ent- 
zogen und nach Europa geschickt. 
Kurz nach der ersten Sendung von 
84 vortrefflichen Platten erreichte 
mich die traurige Nachricht von 
dem plötzlichen unerwarteten Tode 
Pasteurs, der als ein Opfer der 
Wissenschaft im fernen Lande ge- 
fallen ist. 

Seinem kostbaren Vermächtnis 
sind die Fig. 224 — 227 entnommen. 
Die Originale stammen alle aus Tau- 
badji, nur der mit einem Ring am 
Halse geschmückte , linksstehende 
Mann von Fig. 225 ist aus Slutani. 

Die Gestalten der sechs Männer 
und des Mädchens haben alle an- 
nähernd 7 Kopfhöhen und Ueber- 
länge der Arme, die der beiden 
Knaben 0^2 und 5^-' Kopf höhen und 
gleichfalls Ueberlänge der Arme. Die Proportionen der Beine sind 
bei sämthchen Erwachsenen normal, nur bei dem ältesten Manne 
(Fig. 224) besteht geringe Ueberlänge. 

Sämtliche Körper sind schlank und muskelkräftig gebildet, die 



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Fig. 227. Tiiuliailjimadcheii. 



298 



Die menschlichen Rassen. 



Gesicliter sind rein papuanisch mit zahlreichen individuellen Ab- 
stufungen. Trotz nigritisclier Anklänge ist unter allen diesen 





Fig. 228. Neuirländer 
(Phot. Güntlier.) 



Papuas kein einziger 
werden könnte. 



Fig. 229. Derselbe in Piofll. 

:•, der für einen richtigen Neger angesehen 



300 Die menschlichen Rassen. 

Alle zusammengenommen liefern den Beweis, dass beim weib- 
lichen ebenso wie beim männlicben Geschlecht unter den Papuas 
eine grosse Variabilitätsbreite vorhanden ist ^). 

Zur Rassengruppe der Papuas müssen als metamorphe, 
ihnen sehr nahestehende Stämme die M e 1 a n e s i e r gerechnet 
werden. 

Das den Papuas eigentümliche Gepräge verwischt sich auf den 
umliegenden Inseln immer mehr, je weiter sie sich von dem neu- 
guineischen Zentrum entfernen. 

Als Beispiele seien hier nur einige Neuirländer angeführt, deren 
einer (Fig. 228, 229) von Günther in Berlin photographiert ist. 

Eine Gruppe von Männern aus Neuirland (Fig. 230) stammt 
aus dem Ethnographischen Museum in Hamburg. 

Der junge Neuirländer (Fig. 228, 229) hat bei einer Körper- 
höhe von 7 Kopfhöhen normale Beinlänge und Ueberlänge der 
Arme. 

Der Kopf zeigt krauses, schwarzes Haar, sehr schwach aus- 
geprägte Ueb eräugen Wülste, Neigung der Nase zum aquilinen Bau 
trotz unterer Breite, massig gewulstete Lippen und nicht sehr stark 
ausgebildete Kiefer. 

Der Körper ist schlank und muskelkräftig zugleich, mit geraden 
Achsen der Gliedmassen und sehr gut gebildeten Händen und Füssen. 
Die Körperbehaarung fehlt, wohl mehr wegen des jugendlichen 
Alters, fast völlig. 

Das Gesamtbild erinnert an eine Mischform von Papua und 
Tonganer, vielleicht sogar mit Ueberwiegen des letzteren. 

In der Gruppe neuirländischer Männer (Fig. 230) finden sich 
die verschiedensten Uebergangsformen in der Gesichtsbildung, ebenso 
auch in den wohlgebildeten Körpern. 

Bei den Salomoinsulanern scheint mir im allgemeinen der 
Papuatypus noch reiner erhalten zu sein, während bei den Fidschi- 
insulanern , namenthch an der Küste , das tonganische und samoa- 
nische Blut überwiegt -). 



1) Weitere Beispiele siehe Stratz, Die Rassenschönheit des Weibes, woselbst 
auch einige Körper junger Papuamädchen abgebildet sind. 

2) Vgl. Thilenius, Nova acta. 1903. 



Die Koikoins. 301 

Soweit bekannt, unterscheiden sich die Negritos, denen 
manche auch die Andamanen zuzählen, von den Papuas durch 
vorwiegende BrachykephaHe, sowie überhaupt durch eine ausge- 
prägte mongoloide Bildung. 

Es ist deshalb nicht unwahrscheinlich, dass sich bei näherer 
Untersuchung herausstellen wird, dass die Negritos als eine sekun- 
däre Metamorphie der Melanesier mit xanthodermen Elementen zu 
betrachten sind. 



3. Die Koikoins. 

Nach der Tierwelt zu schliessen, war das afrikanische Festland 
durch lange Zeiträume mehr oder weniger von der übrigen Land- 
masse abgeschlossen, hat aber doch zu wiederholten Malen damit 
vorübergehend in Beziehung gestanden und von dort Tierformen 
erhalten. 

Wenn einerseits der afrikanische Bestand von höchstentwickelten 
Säugetieren , Karnivoren , Ungulaten und Primaten dafür spricht, 
dass noch im frühen Tertiär ein breiter Verbindungsweg mit der 
übrigen Tierwelt bestand, so muss doch jedenfalls später eine sehr 
lange Zeit von Isolation gefolgt sein , denn nur so ist es denkbar, 
dass viele von diesen höheren Säugetieren eine ganz besondere lokal 
begrenzte Gestaltung angenommen haben, und dass eine ganze Reihe 
von arktischen Säugetieren, wie Bären, Wölfe, Hirsche, Tiger und 
Marder, völlig fehlen. 

Die kennzeichnenden höheren Säugetiere des südlich von der 
Sahara liegenden Teiles von Afrika sind besonders der afrikanische 
Elefant, die Giraffe, verschiedene Antilopenarten, das Zebra, das 
afrikanische Nashorn, der Löwe , der Gorilla und Schimpanse und 
unter den Vögeln der Strauss. Die für Australien und Neuguinea 
charakteristischen Beuteltiere fehlen völlig, wie in allen Gegenden, in 
denen längere Zeit höhere Säugetiere gelebt haben. 

Inwieweit diese Tiere ihre besondere Gestaltung erst in Afrika 
erworben, oder dort in der Isolation behalten und weiter ausgebildet 
haben, ist für unsere ZAvecke von untergeordneter Bedeutung. Wenn 
z. B. jetzt durch die Auffindung fossiler Ueberreste nachgewiesen 



gQ2 Die menschlichen Eassen. 

ist, dass die Giraffe früher aucli in der Gegend des heutigen Griechen- 
lands gelebt hat, so ist damit nur festgestellt, dass der heute in 
Afrika isolierte Tyjjus früher in ähnlicher Form eine viel weitere 
Verbreitung hatte. Immerhin genügt das Gesamtbild der afrikani- 
schen Fauna, um eine sehr langdauernde und zuzeiten voll- 
ständige Abschliessung von der übrigen Welt als sicher hinzu- 
stellen. 

Ausser der melanodermen Rasse leben in dieser Tierwelt die 
nach ihren körperlichen Eigenschaften älteren Koikoins. Beide 
unterscheiden sich in vieler Hinsicht von sämtlichen übrigen 
Menschengruppen, so dass man nach Analogie mit der Tierwelt an- 
nehmen darf, dass beide Rassen nacheinander sehr lange Zeit 
hindurch in Afrika isoliert waren. 

Zunächst herrschten die Koikoins in Afrika, bis sie von den 
später vom Norden oder Nordosten her eindringenden Melanoder- 
men immer mehr nach der Südspitze des Kontinents zurückgedrängt 
wurden. 

In welchem Zusammenhang beide Rassen untereinander stehen 
können, ist im vorigen Abschnitt erörtert worden. Das Bestehen 
von Uebergangsformen , wie sie sich bei den zentralafrikanischen 
Zwergnegern finden, ist kein Beweis direkter Abstammung, da sie 
auch durch spätere Mischung entstanden sein können. 

Vom rein anthropologischen Standpunkt aus müssen aber jeden- 
falls die Koikoins als die ältesten menschlichen Bewohner Afrikas 
angesehen werden. 

Gustav Fritsch gebührt das Verdienst, den besonderen Rassen- 
charakter der Koikoins als erster erkannt und wissenschaftlich fest- 
gestellt zu haben. 

Nach ihm sind die reinsten Vertreter die Buschleute, während 
er bei den Hottentotten eine geschichtlich beglaubigte spätere 
Beimischung weissen Blutes nachweisen konnte. 

Uebergänge und metamorphe Formen mit benachbarten melano- 
dermen Stämmen finden sich ebenfalls. 

Fritsch betrachtet die echten Koikoins als eine menschliche 
Kümmerform von kleiner Statur (140 — 150 cm) mit einem verhältnis- 
mässig grossen Kopf. 



Die Koikoins. 



303 



Durch eine Reihe von Messungen konnte ich feststellen, dass 
die Körperhöhe 6 ^/2 bis höchstens 7 ^/2 Kopfhöhen beträgt, und dass 





!-^^ 



Fig. 231. Propoitionc'ii eines 
Buschmanns. (Deniker,Antlu-o- 
pologische Sammlung, Paris.) 



Fig. 232. Proportionen einer Hottentottiu. 
(Priuz Koland Bonaparte.) 



die Proportionen meist normal sind , jedoch zuweilen eine g e- 
ringe U eberlänge der Arme zeigen. Die Koikoins stehen somit 
höher als die Australier und Papuas. 

Fig. 231 zeigt die Proportionen eines Buschmanns nach einer 



304 



Die menschlichen Rassen. 





Fig. 233. BuscLmaun. (Pliot. G. Fritscli.) 



Fig. 234. Buscliweib. (Phot. G. Fritsch.) 



von Deniker veröffentlichten Photographie der „CoUection anthro- 
pologique de Paris". Die Körperhöhe beträgt etwas mehr als 
7 Kopfhöhen, die Proportionen sind normal. 

Fig. 232 stellt die Verhältnisse einer Hottentottin nach einer 
von Prinz Roland Bon aparte aufgenommenen Photographie dar. 



Die Koikoins. 3Q5 

Hier bestehen bei einer Körperhöhe von l^j-s Kopf höhen ebenfalls 
völlig normale Proportionen, 

Beide Gestalten ))ilden somit die obere Grenze individueller 
Körperbildung. 

Dieselben Proportionen finden sich bei zwei von G. F ritsch 
aufgenommenen Photographien eines Buschmanns (Fig. 233) und 
eines Buschweibes (Fig. 234). Die letztere zeigt einen besonders 
regelmässigen und gut entwickelten Körper, was Fritsch den gün- 
stigeren sozialen Verhältnissen dieses Mädchens zuschreibt. 

Abgesehen von den dem weissen Kanon näher stehenden Pro- 
portionen besitzen die Koikoins Körpereigenschaften, wodurch sie 
innerhalb der protomorphen Rassen eine gesonderte und zugleich 
höhere Stellung einnehmen. 

Die Schädelwölbung ist grösser, der Schädel breiter, der Torus 
frontalis weniger stark ausgeprägt, häufig sogar ausgeglichen, Ober- 
kiefer und Jochbeine sind stärker, die Haare sind dunkel und 
büschelförmig gekraust, die Haut hell gelbbraun, die sekundären 
weiblichen Geschlechtscharaktere sind besser ausgebildet, die Körper- 
mitte ist stärker eingezogen, die Hüften sind breit und erscheinen 
noch breiter infolge der Steatopygie, der Anhäufung von Fett in 
der Hüften- und Gesässgegend , welche z\var auch bei Männern 
vorkommt, bei Frauen aber ganz ausserge wohnlichen Umfang an- 
nehmen kann. Die Brüste finden sich häufig in sehr schöner Form 
mit vorstehender Papille, die Körperbehaarung fehlt fast völlig, die 
Ohren sind ausserordentlich klein und zeigen nur äusserst selten ein 
freies Ohrläppchen. 

Von protomorphen Elementen sind jedoch die breite, flache 
Nase, der grosse wulstige Mund und der grobe, massige Bau der 
Gesichtszüge erhalten geblieben. 

Alle diese Eigenschaften deuten darauf hin. dass die Koikoins 
aus dem i)rotomorphen Gesamttypus eine Peihe von Merkmalen 
weiter ausgebildet haben, welche auf die drei archimori)lien Rassen 
hinweisen, nebenbei aber auch einseitig weiter entwickelt sind. 

Die regelmässigeren Proportionen, die hellere Hautfarbe, die 
stärkere Ausbildung der sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmale, 
namentlich auch die Steatopygie weist auf die weisse, das büschel- 

Stratz, Die Naturgeschichte des Menschen. 20 



306 



Die menschlichen Rassen. 




Fig. 235. Hütteiitottiii. Vürderansiclit. 
(Phot. G. Fritsch.) 



Fig. 236. Hüttentottin. Rückansiclit. 
(Phot. G. Fritsch.) 



förmig angeordnete, krause schwarze Kopfhaar auf die schwarze 
und die spärliche Körperhehaarung, die starke Jochbeingegend, die 
flache Nase und das Breitenwachstum des Schädels auf die scelbe 
Rasse hin. 

Diese letzteren Eigenschaften können individuell so stark über- 



Die Koikoins. 



307 




Fig. 237. 
Kopf eines Buschmanns. Voi-deransicht. 
(Phot. G. Fritsch.) 



Fig. 2JS. 

Kopf eines Buschmanns. Profil. 

(Phot. G. Fritsch.) 




Fig. 23ü. 

Kopf eines Hottentotten. Vorderansieht. 

(Phot. G. Fritsch ) 



Kopf eines Hotteiitottcii. Profil. 
(Phot. G. Fritsch. i 



wiegen, dass dadurch ein mongoloider T3PUS zu stände kommen 
kann. Fritsch hat einen derartio'en Fall abo-ebiklet M. 



') Vgl. auch Ranke. II. S. 316. 



308 



Die menschlichen Rassen. 




Fig. 241. 

Kopf eiues alten Korana. Voideransiclit. 
(Pliot. G. Fritscli.j 



Fig. 242. 

Kopf eiues alten Korana. Profil. 
(Phot. G. Fritsch.) 




Fig. 243. 

Kopf eines jungen Koraua. Vorderansicht. 
(Püot. G. Fritscli.) 



Kopf eines jungen Korana. Profil. 
(Pliot. G. Fritsch.) 



Als einseitige.s Merkmal der Koikoiiis fällt vor allem die ausser- 
ordentlich starke Bückbildung des äusseren Ohres auf. Die Stea- 
topygie findet sich zwar auch bei Zwergnegern und Europäerinnen, 
erreicht aber doch bei keinem Stamme eine solche Ausdehnung wie 
bei den Koikoins, so dass sie in diesem Sinne auch zu den einseitig 



Die Koikoins. 



309 



progressiven Merkmalen der Rasse gerechnet Averden muss. — Die 
Steatopygie findet sich in der Umrisszeichnung Fig. 231, bei dem 
Buschweib Fig. 234, sowie bei einer Hottentottin Fig. 235 und 236; 
bei dieser letzteren in einer Form , die auch in Europa vorkom- 
men kann. 

Eine besonders ausgeprägte, nur bei den Koikoins nachgewiesene 
Ausdehnung zeigt die Umrisszeichnung Fig. 232 und die Hotten- 
tottin Fig. 247. 




Fig. 245. Kopf eines jungen Buschmanns. (Pliot. G. Fritsch. i 

Vortreffliche Belege für die den Koikoins eigentümliche Ge- 
sichtsbildung bieten die von G. Fritsch aufgenommenen Photo- 
graphien, Fig. 237 — 246. 

Der beste Typus des Buschmanns ist nach Fritsch 
Fig. 237, in Seitenansicht auf Fig. 238 dargestellt. Hier zeigt sich 
ein gut ausgeprägter Torus frontalis, eine breite, sehr flache Nase, 
wulstige Lippen, grobe Gesichtszüge, ein fliehendes Kinn, also ein 
Ueberwiegen protomorpher Merkmale. 

Den besten Hottentottentypus stellt nach Fritsch Fig. 239 
und 24(1 dar. Auch hier ist trotz der starken Ueberwölbung des 
Stirnbeins der Torus frontalis nicht völlig ausgeglichen, die Nase 



310 



Die menschlichen Rassen. 



erscheint etwas weniger breit und nicht so flach wie bei dem Busch- 
mann, die Schädelwölbung bedeutender. 

Eine stärkere Annäherung an den melanodermen Typus zeigen 
die vier Aufnahmen von Koranas (Figuren 241, 242, 243, 244). 

In den vier Profilansichten ist die allen gemeinschaftliche, auf- 




Fig. 246. Kupf eines Biischweibs. (Phot. U. Fiitsch. 



fallende Kleinheit der Ohrmuschel erkenntlich, die bei den Hotten- 
totten (Fig. 240) ihren höchsten Grad erreicht. 

Fig. 245 stellt einen jungen Buschmann aus Quaggafontein dar, 
bei dem der Torus frontalis individuell stärker ausgeprägt ist; 
Fig. 246 ein altes Buschweib , welches den eigentümlichen Rassen- 
charakter in weiblicher Form zur Schau trägt. 

, In der Hottentottin Fig. 247 kommt das durch die flache, 
niedrige Nase gekennzeichnete seltsame Profil der Buschmannphy- 



Die Koikoins. 



311 



siognomie in einer individuell besonders stark ausgesprochenen Weise 
zur Geltung. Zugleich ist bei dieser Frau die Steatopygie und die 
dadurch bedingte seltsame Form des Rumpfes besonders auffallend 
gebildet. 

Zusammen ergeben die vorgeführten Beispiele eine innerhalb 
der Koikoingruppe sehr ausgedehnte 
Variabilitätsbreite in der Gesichts- 
bildung, die aber bei weitem nicht 
so gross ist wie bei den Austra- 
liern und Papuas. 

Zeigt die Gesichtsbildung im 
allgemeinen einen ausgeprägt pri- 
mitiven Typus, so nähern sich die 
Körperformen einzelner Gestalten 
völlig dem Typus der höherstehen- 
den Rassen. Aber auch die Ge- 
sichtsbildung ist innerhalb der 
höheren Rassen individuell den hier 
beschriebenen Koikointypen oft auf- 
fallend ähnlich. 

Fig. 248 stellt eine Gruppe 
von Buschleuten aus der Kalahari- 
wüste dar. 

Die Familie dieser sogen. Erd- 
menschen (F a r i n i) hat sich in 
einen geflochtenen Korb zurück- 
gezogen, welcher in Form und 
Grösse einem von ihnen bewohnten 
Termitenhügel entspricht. Der Fa- 
milienvater hockt daneben. In den 
Gesichtern dieser Gruppe ist die 
Annäherung an den Typus der weissen Rasse entschieden viel 
stärker ausgesprochen, das junge Mädchen in der Mitte zeigt sogar 
einen auffallend feinen Bau von Nase, Mund und Augen. 

Den Koikoins gemeinsam ist eine sehr geringe Körperhöhe, 
welche F ritsch im Durchschnitt auf 144 cm festgestellt hat. Wie 




P^i;;-. 



it t 'iii Ml 1 in mit Meatopj'gie. 



Die Koikoins. 313 

bereits gesagt, lässt sich jedoch die jeweihge Körpergrösse nicht als 
anthropologisches Rassenmerkmal verwerten ; höchstens kann sie als 
ein Zeichen geringerer individueller Variabilitätsbreite gelten. 

Die Koikoins bilden mit den Papuas und Australiern zusammen 
die primitivste Gruppe unter den protomorphen Rassen, welche die 
einseitig weiter ausgebildeten Eigenschaften der drei archimorphen 
Rassen in verschiedener Weise in sich vereinigen. 

Während die Australier sich gewissermassen den späteren Rassen 
gegenüber am neutralsten verhalten , zeigen die Papuas ebenso wie 
die Koikoins eine gewisse Vorliebe zur individuellen Ausbildung 
melanodermer Elemente , die Koikoins besitzen ausserdem in den 
Zwergrassen eine direkte Zwischenstufe zum Uebergang in die rein 
melanoderme Bildung. 

Hierauf scheidet die melanoderme Rasse von der gemeinschaft- 
lichen Weiterentwicklung des Menschengeschlechts aus und gelangt 
in der afrikanischen Abschliessung zu ihrer vollen Entfaltung. 

Auf dem grossen Schauplatz des Festlandes finden sich von 
nun an nur solche protomorphe Rassen, die als gemeinschaftliche 
Vorläufer der weissen und gelben oder als direkte Vorläufer einer 
derselben sich kennzeichnen. 



4. Amerikaner und Ozeanier. 

Wie bereits gesagt, besitzt Südamerika eine uralte Fauna. 
Neben den grossen Vertretern der Edentaten , den Gürteltieren, 
Ameisenbären und Faultieren finden sich verschiedene Beuteltiere, 
während vereinzelte Raubtiere und Huftiere nachweislich erst später 
vom Norden her in das früher vom Meer völlig abgeschlossene 
Gebiet der Süd- und Mittelamerika umfassenden Neogaea einge- 
drungen sind. 

Dem einheitlichen Charakter der Tierwelt entsprechen auch die 
menschlichen Bewohner der Neuen Welt, deren verschiedene Stämme 
eine auffallende Uebereinstimmung in den körperlichen Merkmalen 
besitzen. Wie bei den Tieren , Aviegen auch bei den Menschen die 
primitiven Formen immer mehr vor, je weiter man sich der Süd- 
spitze nähert. 



314 Diö menschlichen Rassen. 

Ethnographisch am niedrigsten stehen einige in brasilianischen 
Wäldern lebende Urvölker und die Feuerländer, welche noch heute 
in steinzeitlicher Kultur leben. 

Abgesehen von dem allgemein anerkannten einheitlichen Ge- 
präge sämtlicher Amerikaner ist über ihre Herkunft und Rassen- 
angehörigkeit vielfach gestritten worden. Bald wurden sie den 
Mongolen, bald den Kaukasiern zugerechnet, bald wurden sie als 
eine besondere Hauptrasse aufgefasst. 

Gerade dieses Schwanken hervorragender Forscher zwischen 
weisser und gelber Rasse bildet aber eine von beiden Seiten unbe- 
wusst anerkannte Bestätigung, dass sich in der amerikanischen Rasse 
die Körpereigentümlichkeiten beider Hauptrassen in inniger Weise 
vereinigen. 

Die Auffassung, dass diese Mischung der beiderseitigen Eigen- 
schaften auf einen älteren gemeinschaftlichen Stamm, und nicht etwa 
auf eine spätere innige Mischung hinweist, wird unterstützt durch die 
Tatsache, dass die Amerikaner nachweislich bis zum 15. Jahrhundert 
in strenger Isolation gelebt haben und dass diese Isolation zusam- 
mentrifft mit einer faunistisch als uralt gekennzeichneten Umgebung. 

Ausser Hy ades und D eniker ^) haben Vircho w und Martin 
eine Reihe von Feuerländern untersucht. Da der erstere geneigt 
ist, eine mongolische, der letztere eine europäische Abstammung an- 
zunehmen, so ist es besonders erfreulich, dass beide Autoren trotz 
verschiedener Standpunkte objektiv denselben Befund erhoben. 

Beide fanden verhältnismässig grosse Köpfe mit vorwiegend 
mesokephalen Schädeln und geräumigem Inhalt, gut gebildete Kiefer 
mit ausgeprägtem Kinn , massig entwickelten Torus frontalis und 
occipitalis, kräftige Zahnbildung mit auffallend früher Entwicklung 
des dritten Molarzahns, der beim Schädel eines 18jährigen Mädchens 
bereits abgenutzte Kauflächen darbot, auffallend kräftig gebildete 
Schultern und Arme mit einer Spannweite, die die Körperhöhe meist 
beträchtlich überschritt, bei weniger guter Ausbildung der unteren 
Gliedmassen. 

Ueber Form von Nase und Ausren sfeht die Auffassung beider 



') Mission scientifique du Cap Hörn. 1882. 



Amerikaner und Ozeanier. 



315 





Fig. ■U9. Kopf eines Feuedäudei? 
(Phot. Günther.) 



Fig. 250. Ivupi t'iuL's FL-iterlamlier; 
(Phot. Günther.) 




Fi£ 



Kdpt . IUI -^ l-'i'iic 
(Phut Guuthrr.j 



Fis 



52. Dfist'llic iu Piufll. 
(Phot. (i Jiiither.) 



auseinander; darin stimmen jedoch beide Autoren überein, dass 
Aveder eine typische Mongolenfalte einerseits, noch eine typische 
europäische Nasenform anderseits aufgestellt wurde. NachVirchow 
erinnern die schmalen, oft schief gestellten Augen an die Mongolen, 
nach Martin erinnern die zur aquilinen Form neigenden Nasen 
trotz der geringen Höhe und unteren Breite an die Europäer. 



316 Die menschlichen Rassen. 

Als Endergebnis beider Beobachtungen bleibt eine Rasse mit 
deutlich primitiven Merkmalen, die jedoch, mit den jDrotomorphen 
Rassen erster Ordnung verglichen, stark abgeschwächt sind. 

Der Schädel zeigt bei guter Wölbung und mittleren Längen- 
breitenindices einen deutlichen Torus frontalis und Torus occi- 
pitalis. 

Das auffallende Ueberwiegen der Spannweite über die Körper- 
höhe lässt auf eine Ueb er länge der oberen Glied massen 
schliessen, die verhältnismässige Grösse des Kopfes auf eine geringe 
Kopfhöhenzahl der Körperhöhe. 

Rechnet man das frühzeitige Auftreten des dritten 
Molarzahns hinzu, so ergeben sich eine Reihe primitiver Merk- 
male, die für die ältere Herkunft und den protomorphen Charakter 
der Amerikaner sprechen. 

In Fig. 178 sind bereits die mit dieser Anschauung überein- 
stimmenden Körperproportionen eines Feuerländers angeführt worden. 
Bei einer Körperhöhe von kaum 6^2 Kopf höhen zeigt er normale 
Beinlänge und Ueb erlange der Arme. 

Neben diesen primitiven Merkmalen finden sich nun aber pro- 
gressive Eigenschaften, die eine Annäherung zum gelben und weissen 
Rassentypus zeigen. 

Zu den gelben Merkmalen gehört die etwas stärkere Ausbilduno^ 
der Jochbeingegend, das schwarze, straffe Kopfhaar, die spärliche, 
oft fehlende Körperbehaarung, zu den weissen Merkmalen nament- 
lich die schmälere Nase mit höherem Rücken und das runde, kräf- 
tigere Kinn. 

Die Hautfarbe, ein dunkles Braun mit rötlichem Schimmer, 
verharrt in einem indifferenten Zustand. 

Beispiele für die Gesichtsbildung der Feuerländer bieten die 
von C. Günther in Berlin aufgenommenen Photographien, von 
denen Fig. 249, 250, 251 und 252 drei Männer, Fig. 253 eine Frau 
darstellen. 

Der starke Torus frontalis ist bei Fig. 250, sowie bei der 
Frau (Fig. 253) deutlich erkenntlich, die Augen zeigen bei allen 
vier Gesichtern trotz mancher Anklänge keinen ausgesprochen mon- 
golischen Bau. 



Amerikaner und Ozeanier. 



317 



Für die Mittelsteliimg zwischen weisser und gelber Gesichts- 
bildung sind die Fig. 251 und 253 besonders sprechend. 

Im Profil (Fig. 252) sieht man die besonders oben sehr schmale, 
unten etwas breitere Nase; das Gesicht erscheint breit durch die 
Vorwölbung der Jochbeingegend, welche zugleich eine etwas schiefe 
Stellung der Augenspalten bedingt. 

In der Seitenansicht ist der Nasenrücken stärker vortretend, 




Fig. 253. Kopf einer Feiievlauderin. (Pliot. Güntlier.) 

die Jochbeingegend weniger scharf nach der Profillinie gerückt, wie 
dies bei Mongolen der Fall ist. 

Ein besonders stark ausgeprägtes Kinn findet sich bei dem 
älteren Manne auf Fig. 254, welche zugleich eine Uebersicht der 
Körperverhältnisse bei zwei allerdings nicht ganz fehlerfreien Ver- 
tretern beider Geschlechter nach einer Aufnahme von Hyades und 
Deniker darbietet. 

Beide haben bei einer Körperhöhe von ü\2 Kopf höhen im 
ganzen normale Proportionen mit leichter Ueberlänge der Arme. 

Bei einem 18jährigen, ebenfalls von Hyades und Deniker 



318 



Die menschlichen Rassen. 




Fig. 254. Aeltere Feuerliiiuler. Manu und Frau. (Phot. Hyades und Deuiker.) 



aufgenommenen Mädchen (Fig. 255) finden sich bei ungefähr 7 Kopf- 
höhen völlig normale Proportionen. 

Schliesslich zeigt Fig. 256 eine Gruppe von einem Mann, zwei 
Frauen und einem Kinde, welche in verschiedenartigster Weise den 
Feuerländertypus zur Anschauung bringen. Bei allen Frauen, selbst 



Amerikaner und Ozeanier. 



319 




Fig. 255. Feuerläuderiu Kaiiiaiia. iPliot. Hyudes und Denikev.) 



bei dem jungen Mädclien zeigt die Brust den Typus der Mamma 
areolata, jedoch in etwas abgeschwäcbter Form. 

Wenn die Feuerländer geeignet sind, den niedersten Typus der 
amerikanischen Rasse zum Ausdruck zu bringen, aus dem sich so- 
wohl der gelbe wie der weisse Rassencharakter ableiten lässt, so 



320 Die menschlichen Rassen. 

zeigen die übrigen amerikanisclien Stämme im Vergleich mit den 
Feuerländern die einseitig progressiven Merkmale innerhalb der 
amerikanischen Rasse in stärkerem Maasse. 

Dahin gehört die aquiline Form der Nase und die braunrote 
Färbung der glatten, weichen, wenig behaarten Haut, sowie die An- 
näherung der Körperproportionen an das Normale. 

Dr. von Weickhmann war so freundlich, mir vier Aufnahmen 
südamerikanischer Indianer zu überlassen, welche als gute Vertreter 
dieses höher ausgebildeten amerikanischen Rassencharakters gelten 
können. 

Fig. 257 stellt eine aus Mann, Frau und Kind bestehende 
Familie dar. Der Mann zeichnet sich durch besondere Körpergrösse 
aus. Bei einer Körj)erhöhe von über 7 Kopfhöhen hat er völlig 
normale Proportionen. Auch die Frau zeigt bei 6^2 Kopf höhen 
normale Verhältnisse. 

Bei beiden fällt die grosse Uebereinstimmung mit dem Typus 
der Feuerländer auf, von denen sich jedoch namentlich der Mann 
durch die höhere und schmälere Nase auszeichnet. Fig. 258 zeigt 
dieselben Leute in der Seitenansicht. 

Die sekundären Geschlechtscharaktere , namentlich die stärkere 
Rundung der weiblichen Formen, sind auf beiden Aufnahmen im 
Gegensatz zu den Feuerländern sehr viel schärfer ausgeprägt. 

Nach einer freundlichen Mitteilung Herrn von Weickhmanns 
leben die Originale in einem Grenzwinkel Paraguays , in der Serra 
Maracayu, wenige Urwaldtagemärsche von dem berühmten Salto 
Grande das Sete Quedas oder indianisch Guaira genannt. 

„Sie zeigten mir," fährt Herr von Weickhmann fort, „wie 
alle Stämme, die ich traf, die rote Rasse von ihren' liebenswürdig- 
sten Seiten." 

Im Quellgebiet des Ivinheima, eines Nebenflusses des Parana, in 
Brasilien, traf von Weickhmann einen unbekannten Stamm, bei dem 
er auch nach europäischen Begriffen auffallend hübsche Frauen fand. 

Obgleich diese Frauen selbst sehr bereit schienen, sich nackt 
photographieren zu lassen, so konnte von Weickhmann doch 
keine Aufnahmen machen, da die Männer eine drohende Haltung 
annahmen und seine Besrleiter ihn wegdrängten. 




st ratz, Die Katurgeschichte des Menschen. 



21 



Die menschlichen Rassen. 




Fiii 



Giuirauiiudiauer. (Phut. Dr. v. Weickhiiirtiin.) 



Dagegen gelang es ihm, auf dem alten Wohnplatz des eben 
im Urwald ausgezogenen Stammes ein dort zurückgelassenes Mäd- 
chen zu photographieren. Sie machte ihm jedoch verständlich, dass 
es ihr das Leben kosten würde, wenn die anderen erführen, dass 
sie sich nackt dem Auge der Weissen gezeist habe. 



Amei'ikaner und Ozeanier. 



323 




Dieselben in l'iulil. i Pliot. Dr. v. WeiLklimanu. 



Fig. 259 u. 260 zeigt das junge Mädchen in der Ansicht von 
vorn und von hinten. Die Körperhöhe ist gleich T^i Kopf höhen, 
bei normalen Proportionen. 

Diese Figur kann als beste Vertreterin des protomorphen weiss- 
gelben Typus gelten. 



324 



Die menschlichen Rassen. 




Fig. 259. Südamerikanisches Indiauermädcheu von Ivinlieima, 
(Phot. Dr. V. Weickhmann.) 



Innerhalb der amerikanischen Kasse ist die Variabilitätsbreite 
eine weit grössere, als aus den hier gegebenen, einem kleineren Be- 
reich entnommenen Beispielen ersichtlich ist. Die acjuiline Nasen- 
form ist bei den nördlichen Indianern stäi'ker und häufiger als im 
Süden. Die Hautfarbe schwankt in hell- und dunkelbraunen Ab- 



Amerikaner und Ozeanier. 



325 




Fig. 2eu. Diesen»' in Uiirkaii-irin iTli^ii lii \ , \\ .i. khiiiunii.) 



stufungeu. Im grossen und ganzen jedoch lierrsclit Uebereinstini- 
mung sämtliclier Stämme in der Körperbildung. 

Weit schwieriger als auf dem isolierten Gebiete von Amerika 
lässt sich bei den zerstreuten Stämmen der Ozeanier bestimmen, in- 
wieweit diese als protomorphe Rasse oder als spätere metaraorphe 



326 



Die menschlichen Rassen. 




Fig. 261. Kanake. 
(Phot. Cänstabel, Honolulu. 



Fig. 202. Derselbe in Profil. 
(Phot. (^äiistabel, Honolulu. i 



Formen der gelben und weissen Rasse anzusehen sind. Hier fehlt 
auch jeglicher Anhalt an der umgebenden Tierwelt, da auf den 
australischen Inseln die Säugetiere immer seltener werden, je weiter 
die Entfernung vom Festland ist. 

In Neuseeland, das durch seine uralte Tierwelt ausgezeichnet 



Amerikaner und Ozeanier. 



327 




Fig. 263. Kanakin. 
(Phot. Cänstabel, Honolulu.) 



Fiy. 2114. Dieselbe in KUckanNic 
iPhot. Ciiustabel, Honolulu.) 



ist, sind die Maori nachweislich erst vor einigen hundert Jahren 
eingewandert; auf den grossen Sundainsehi herrscht, wenigstens an 
den Küsten, eine so lebhafte Verschiebung und Mischung von allerlei 
Menschengruppen, dass eine Entwirrung der einschlägigen Verhält- 
nisse kaum möglich erscheint. 

Jedenfalls ist hiei- noch ein grosses Gebiet für anthropologische 



328 



Die menschlichen Rassen. 





1 l,|,iln 



M.ii|rii,.ii aus S.uiicia. (Godefroyalbum.) 



und ethnographisclie Untersuchung offen. Die sorgfältigen neuesten 
Untersuchungen von Thilenius^) zeigen am deutlichsten, mit 
Avelchen Schwierigkeiten die Avissenschaftliche Forschung in jenen 
Gebieten zu kämpfen hat. 



M Thilenius, Ethnographische Ergebnisse aus Melanesien und Polynesien. 
Nova Acta. Bd. 80. Halle 1902. 



Amerikaner und Ozeanier. 



329 



Wir müssen uns hier daniit be- 
gnügen, auf einige wenige Stämme 
hinzuweisen, deren Zugehörigkeit zu 
den weissgelben, den Amerikanern 
gleichstehenden Protomorphen am 
wahrscheinlichsten ist. 

Zu diesen Stämmen rechne ich 
die Kanaken, die Tonganer und 
S a m o a n e r , sowie die im Innern 
von Sumatra und Borneo lebenden 
B a t a k s ^) und D a j a k s. 

Selbst bei diesen Stämmen ent- 
legener oder schwer zugänglicher In- 
seln ist aber ein von der Küste her 
stets weiter eindringender Metamor- 
phismus in der Regel so gross, dass 
es schwer ist, Individuen zu finden, 
welche das ursprüngliche protomorphe 
Element in reiner Form vertreten. 

Herrn Cänstabel in Honolulu 
gelang es nach längerem Suchen auf 
seinen geschäftlichen Reisen im Sand- 
wicharchipel in Kauei einige gut ge- 
baute Menschen zu finden, die nach- 
weislich in dritter Generation von 
reinen Kanaken abstammen. Es war 
ein junger Mann, ein junges Mädchen 
und eine ältere Frau mit sehr stark 
entwickeltem Fettansatz. Die beiden 
ersteren, von Herrn Cänstabel in 
Momentaufnahme photographiert, liegen den Abbildungen 261, 262, 
263 u. 264 zu Grunde. 




Fig. 2U(j. 

iTjrilniges Mädchen :iiis Sainoa. 

(Godefrovallmiii.) 



') Hagen (Globus 8C, Nr. 2, 1904j hält die gleichfalls in Sumatra lebenden 
Gajos für eine besondere protomorphe Rasse, welche mit den Weddas grosse 
Aehnlichkeit haben soll. Das gleiche beuchten die Vettern Sarasin über die 
in Celebes wohnenden Toalla (ebenda 1903). 



330 ^^^ menschlichen Rassen. 

Der junge 20jähnge Kanake zeigt bei 7 ^}i Kopf höhen normale 
Proportionen, einen kräftigen schlanken Körperbau, mit sehr gut 
gebildeten, geraden Gliedmassen. Die Haut ist hellbraun, das Haar 
schwarz und leicht gelockt, die Körperbehaarung spärlich. 

Der Kopf zeigt einen mehr dolichokephalen Bau, einen massig 
entwickelten Torus frontalis. Die stärker ausgebildete Jochbeingegend 
und die unten etwas breitere, leicht aquiline Nase erinnern sehr an 
den bei den Amerikanern beschriebenen Typus. 

Bei der 17jährigen Kanakin (Höhe 165 cm) ergab sich bei einer 
Körperhöhe von 6^/4 Kopf höhen eine geringe Unterlänge der Beine 
bei sonst regelmässigen Verhältnissen. Da der Körper sehr gute 
Bildung mit ausgesprochen Aveiblichem Charakter zeigt, die Glied- 
massen völlig gerade Achsen haben und auch sonst keinerlei Zeichen 
krankhafter Verbildung nachzuweisen sind, so lässt sich diese Unter- 
länge der Beine als eine individuelle Hinneigung zum Mongolismus 
deuten. Die normal langen Arme sind indes bei den unter- 
langen Beinen als ein protomorphes Zeichen aufzufassen , da sie 
im Verhältnis überwiegen. 

Das Gesicht des Mädchens zeigt auf einer anderen Aufnahme 
eine analoge Bildung wie der Kanake in weiblicher Uebertragung. 
Die Nase ist schmäler, aber doch unten breiter mit leicht aqui- 
linem Schwung des oben sehr schmalen Rückens. Die Backen- 
knochen sind weniger stark ausladend, das Kinn von sehr schöner, 
abgerundeter Form. 

Die Brüste zeigen eine Uebergangsform zum papillären Typus. 

Die Farbe der Haut ist ein sehr helles Braun , die leicht ge- 
wellten Haare sind schwarz, die Körperbehaarung massig entwickelt. 

Kopf und Körperbildung dieser Kanaken stimmt somit ziemlich 
mit den amerikanischen Indianern überein, nur zeigen sich hier die 
sekundären Geschlechtscharaktere stärker ausgeprägt, ohne dass eine 
stärkere Annäherung an eine der beiden Hauptrassen zu bemerken ist. 

Als Vertreterinnen des tonganisch-samoanischen Typus habe ich 
zwei Aufnahmen von Samoanerinnen, eines Mädchens von 14 Jahren 
(Fig. 265) und einer 17jährigen gewählt (Fig. 266), welche dem 
Godefroyalbum entnommen sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass es 
sich um reinere Individuen handelt, wird, abgesehen von der Körper- 



Amerikaner und Uzeanier. 



331 




Fi;,'. 2ti7. Zwei Hauiitliiise der Puiunis. Dajuk. Konieo. 
(Plicit. Nieuwcnlmi.s.j 



bildung, erhöht durch den Umstand, dass die Godefroy sehen 
Aufnahmen aus einer Zeit stammen, in der der weisse Einfluss in 
Samoa noch lange nicht so gross war, wie heute. Beide Mädchen 
schliessen sich dem für die Kanaken beschriebenen Typus eng an. 
Die wenigen Bataks, die ich gesehen habe, sowie einige im 



332 



Die menschlichen Rassen. 



ethnograplaisclien Museum in Leiden befindliclie Photographien reihen 
sich dem hier geschiklerten protomorphen Typus an, jedoch gelang 
es mir nicht, gute Bikler zu bekommen, bei denen nachgewiesen 




Fig. 2t!s, äuj^ilirigcr Kajaii. üuiiK'o. (Phut. Ximiwenluiis.) 

werden konnte, dass jede mongolische oder malaiische Beimischung 
auszuschliessen ist. 

Dagegen stellte mir Nieuwenhuis eine Reihe von Auf- 
nahmen zur Verfügung, die unter seiner Leitung im Lmeren Bor- 
neos nach Dajaks gemacht sind, welche durch ihre abgelegenen 
Wohnsitze und primitive Kultur die grösste Wahrscheinlichkeit für 
anthropologisch reine Gestaltung bieten. 



Amerikaner und Ozeanier. 



333 



Nieiiwenliiiis durchreiste die Gegenden des oberen Mahakan, 
wohin vor ihm noch kein Europäer gekommen und nur ausnahms- 
weise ein oder der andere malaiische Händler durchgedrungen war. 




Fit; 



269. 23jiihrigtn- Kajaii. Bonieo. iPliot. NiL'U\vt^iihui>. i 



Nieuwenhuis ^) unterscheidet eine hellere sesshafte Bevöl- 
kerung, die Bahaus (Kajan u. a.) und eine dunklere, die Ulu- 
Ajar, ausserdem einige Jägervölker, die Punan u. a. 

Aus 135 anthropologischen Messungen, die er gemacht hat, 
ergibt sich zunächst, dass der Schädelbau im Durchschnitt zwischen 

>) Anthropologische Untersuchungen bei den Dajaks. Mitteilungen des 
Niederländischen Reichsmuseums für Völkerkunde. 1903. 



334 



Die menschlichen Rassen. 



bracliykeplialem und dolichokephalem Typus die Mitte hält (Index 82), 
dass dabei aber eine sehr grosse individuelle Variabilitätsbreite 
vorherrscht. 

Die Spannweite übertraf meist beträchtlich die Körperhöhe, 
welche einen Durchschnitt von 158 cm bei Männern, 145 cm 
bei Frauen hat. Die Hautfarbe zeigte verschiedene Abstufungen 
von hellbraun bis dunkelblaubraun, das Haupthaar war schwarz, 
straif oder leicht gewellt, selten gelockt, die Körperbehaarung massig 
entwickelt. 

Die gefundenen Maasse verteilen sich nach den Stämmen folgen- 
dem! assen: 





1! 

ij Körpei-- 
i höhe 

li 


Kopf- 
höhe ') 


Arm- 
länge 


Bein- 
länge 


Kopf- 
höhenzahl 


Kajan $ . . . 
Kajan ? . . . 
Ulu-Ajai- J . . 
Punan J . . . 


. . . 158 
. . . 145 
. . . 157 

. . . 158 


24 
23 
24 
24 


71 

65 
70 

70 


81 

76 
80 

82 


6,5 
6,7 
6.5 
6,5 



Abgesehen von grosser Uebereinstimmung untereinander zeigen 
sämtliche Stämme eine geringe Ueberlänge der Arme im Vergleich 
zu den Beinen, demnach ein gemeinschaftliches primitives Merkmal. 

Zwei Häuptlinge der Punans (Fig. 267) veranschaulichen die 
Körperverhältnisse, den verhältnismässig grossen Kopf, die gedrun- 
gene, muskulöse Gestalt und die leichte Ueberlänge der Arme. 

Die Gesichtsbildung trägt bei beiden ein stark individuelles 
Gepräge, lässt aber einen leichten Torus frontalis, die niedrige, 
unten breite Nase und die groben Züge als protomorphe Merk- 
male erkennen. 

Die Figuren 268 und 269 stellen den Oberkörper von zwei 
Kajanmännern im Alter von 20—23 Jahren dar. Hier ist der proto- 
morphe, den Amerikanern ähnelnde Gesichtstypus noch deutlicher 
ausgeprägt, namentlich zeigen beide einen stark entwickelten Torus 
frontalis. Dabei hat aber der erste (Fig. 268) eine leichte Senkung 
der Oberaugenfalte nach dem inneren Augenwinkel hin mit nied- 



Vom untersten Rand des Kinns bis zum Scheitel gemessen. 



Amerikaner und Ozeanier. 



335 



rigem und breitem Nasenrücken, also eine entschiedene Hinneigung 
zur gelben Rasse, der zweite (Fig. 269) einen schwächeren und viel 
höheren Nasenrücken mit gebogener, schmälerer Spitze, also eine 
Hinneigung zur weissen Rasse. Wir haben somit individuelle Va- 
rianten nach der Richtung der 
beiden späteren Hauptrassen 
vor uns. 

Fig. 270 zeigt den Ober- 
körper einer 18jährigen Kajan- 
frau, Fig. 271 einen 10jährigen 
Knaben. Beide tragen den 
Rassencharakter, den abge- 
schAvächten Torus frontalis, die 
breite, sich nur wenig aufrich- 
tende Nase, die kräftige Ent- 
wicklung der Jochbogen, in 
reiner Weise zur Schau ^). 

Die Nieuwe nhuis sehen 
Untersuchungen sind die ein- 
zigen, die durch Maassangaben 
und gute photographische Be- 
lege ein Urteil über die Kör- 
perbeschaffenheit jener Stämme 
gestatten, Avelche v. Bär als 
„Binnenmalaien" zusammenge- 
fasst hat. 

Auf Java scheinen sich 
nacb Kohlbrugges ^) Unter- 
suchungen die Bewohner des 
Tengergebirges ihnen anzu- 

schhessen. Leider hat aber der genannte Autor nur Zahlen und 
Maasse, aber weder vergleichend anatomische Merkmale, noch Photo- 
graphien gegeben, so dass sie sich der objektiven Beurteilung entziehen. 




Fu 



27U. i^J.ilniji,!- K,ij, Hill ,111 
(Phot. Nieuwenliuis.) 



') Weitere Abbildungen weiblicher Dajaks siehe in Kassenschönheit, 
.5. Auflage, und Frauenkleidung, .3. Auflage. F. Enke 1904. 
-) L' Anthropologie 1897. Tome IX. 



336 



Die menschlichen Rassen. 



Die grosse Uebereinstimmung der hier abgebildeten Typen mit 
den amerikanischen Indianerstämmen lässt annehmen, dass es sich 
in der Tat um zwei sehr nah verwandte protomorphe Rassen 

handelt, bezw. um eine weiss^elbe 
protomorphe Rasse, welche sich in der 
Isolation des amerikanischen Festlandes 
und der ozeanischen Inselwelt erhal- 
ten hat. 

Die ausseramerikanischen Reste die- 
ser älteren Bevölkerung werden auch 
wohl Indonesier genannt; ich ziehe die 
Bezeichnung Ozeanier vor, um jeden 
Anklang an die heutige indische Be- 
völkerung zu vermeiden. 

In welcher Weise diese Bruchstücke 
der weissgelben Protomorphen in ihre 
jetzigen, weit auseinander liegenden 
Wohnsitze gelangt sind und dort ab- 
geschlossen wurden, entzieht sich der 
sicheren Beurteilung. 

Wir kommen später auf diese Frage 
bei Besprechung der turanischen Stämme 
zurück. 

In Ozeanien gehen die protomorphen 
Reste immer mehr in den von den 
Küsten vordringenden Stämmen der 
seefahrenden sogen, malaiischen Misch- 
formen auf. 

Wie oben angeführt wurde, kommt 
als weiteres Element der von den Pa- 
puas her sich ausbreitende melanesische Einfluss und endlich die 
zahlreichen neueren Kolonisationen der gelben und weissen Haupt- 
rasse dazu, um das Rassenbild in den dortigen Gegenden zu einem 
babylonischen Wirrsal zu gestalten. 




Fig. 271. lujalu'igfi- Kajaiikuabe. 



Die melanoderme Hauptrasse. 337 

5. Die mt^lanoderiue Haiiptrasse. 

Ethnographisch nimmt die schwarze Rasse eine Mittelstellung 
zwischen den Naturvölkern und den höheren Kulturvölkern ein, da 
sie aus eigener Kraft sich nicht über das eiserne Zeitalter hinaus 
zu entwickeln vermocht hat. 

Anthropologisch kennzeichnet sie sich durch eine eigentümliche 
Bildung, die durch die starke Ausprägung einseitig progressiver 
Merkmale gewissermassen in eine entwicklungsgeschichtliche Sack- 
gasse führt, aus der es keinen Weg zu einer allgemein höheren Voll- 
kommenheit gibt. 

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Akka und andere Zwergstämme 
Zentralafrikas eine Mittelstellung zwischen Koikoin und der melano- 
dermen Rasse einnehmen, wurde bereits besprochen. 

Vorläufig muss man sich damit begnügen, die Körpermerkmale 
der Zwergrassen festszutellen, ohne daraus zu Aveitgehende Schluss- 
folgerungen zu ziehen. 

Fig. 272 zeigt das bekannte, von Fritsch photographierte und 
von Stuhlmann beschriebene Akkamädchen. Bei einer Gesamthöhe 
von 120 cm und 5,5 cm Kopfhöhen zeigt sie eine starke Unter- 
länge in den Beinen und eine geringere Unterlänge in den Armen. 
Der Kopf hat namentlich im Profil die den rhachitischen Zwergen 
eigentümliche Stirnhöckerbildung, im übrigen ist aber ausser leichter 
Säbelbeinform der Unterschenkel kein krankhaftes Zeichen am 
Körper zu bemerken. Das kleine Ohr, die breite, niedrige Nase, 
namentlich aber die Steatopygie erinnert an die Bildung der Koikoins, 
während sich die dunkle Hautfarbe und die stärkere Entwicklung 
der Kiefer der melanodermen Form nähert. 

Dass in der Schädelbildung die nicht sicher auszuschliessenden 
krankhaften Einflüsse eine grosse Rolle spielen, ist nicht an- 
zunelimen, da sowohl ein anderes von Fritsch aufgenommenes 
Akkamädchen, ein weiteres von Buchta genau diese Schädel- 
form zeigen, welche sich auch bei Koikoins findet. Die niedrige 
flache Nase ist von dem Stirnbein trotz leichter Andeutung des Torus 
frontahs stark überwölbt, was besonders im Profil sehr gut zum 
Ausdruck kommt. 

st ratz, Die Xatiirgescliichte des Menschen. 22 



338 



Die menschlichen Rassen. 



Ein anderes, von R. Buchta photograpliiertes Akkamädchen 
(Fig. 273) hat ebenfalls eine Gesamthöhe von 120 cm und 5,5 cm 




Fig. 272. Akkamädchen. (Pliot. G. Fritsch.) 



Kopf höhe, jedoch sind die Beine von normaler Länge und die 
Arme von einer recht beträchtlichen üeberlänge. Dabei erscheint 
die Nase breiter, niedriger und kürzer, die Oberaugenwülste sind 



Die melanoderme Hauptrasse. 



339 



viel stärker ausgebildet, der Gesichtsscliädel ist im Verhältnis zum 
Gehirnschädel viel grösser, die Züge plump, der Mund breit und 
wulstig. 

Die protomorplien Merkmale überwiegen in diesem Falle die me- 
lanodermen. Beide Akkamädchen haben, miteinander verglichen, 
eine starke individuelle Verschiedenheit und zeugen somit für eine 
grosse Variabilitätsbreite innerhalb des 
Stammes, deren unterste Grenze den 
protomorphen Koikoins, und deren obere 
der melanodermen Rasse am nächsten 
steht. 

In jedem Falle sind durch die ge- 
gebenen Beispiele die Akka und zuge- 
hörigen Stämme als eine protomorphe 
Rasse gekennzeichnet, da auch der höchst 
ausgebildete individuelle Typus inner- 
halb der protomorphen Gestaltung 
bleibt. Da nun trotzdem deutlichnegroide 
Elemente vorhanden sind, so ist ein Zu- 
sammenhang mit der melanodermen Rasse 
sehr naheliegend, sei es als Vorläufer 
oder als Kümmerform der Hauptrasse. 

Die einseitige Ausbildung der mela- 
nodermen Rasse ist gekennzeichnet durch 
eine zunehmende Ueberlänge sämtlicher 
Gliedmassen, durch eineGrössenzunahme 
des Schädeldaches, die sich namentlich 
an dessen hinterer Breite geltend macht, 
und durch eine starke Ausbildung des 
Kiefers und des Gebisses. 

Am Schädel (Fig. 274 und 275) 
erscheint infolge des starken Gebisses 
der Gesichtsteil im Verhältnis zum Ge- 
hirnteil sehr viel grösser. Dadurch erhält der Schädel in der An- 
sicht von der Seite ebenso wie von vorn ein ganz besonderes Ge- 
präge (vgl. auch Fig. 159 und 164). 




Fig. 273. Akkamiidclieu. 
(Phot. R. Buchta.) 



340 



Die menschlichen Rassen. 



Trotz der geringen StiniAvölbnng zeigt der liier abgebildete 
Schädel eine völlige Ausgleichung des Torus frontalis, welcher in 
Fig. 164 individuell stärker ausgebildet ist. Als primitive Merkmale 
sind dagegen hier verschiedene Schaltknochen zwischen Schläfenbein, 
Scheitelbein und Hinterhauptbein zu verzeichnen , die bei Fig. 164 
fehlen. 

Ausserdem zeigt dieser Schädel einen sehr ausgebildeten Torus 
occipitalis. 

Wie der Schädel trägt auch das Gesicht neben primitiven 
Symptomen die Zeichen der einseitig progressiven Ausbildung. 




Fig. 274. Neger.scliiidel aus Liberia 




Fig. 275. Negerscliädel aus Liberia 
von vom. 
(Etlmograpliisclies Museum Leiden.) 



Die Figuren 276, 277, 278, 279, welche nach Bantunegern in 
der Trappistenmission zu Marianhill aufgenommen sind, zeigen das 
typische Negergesicht in verschiedenartigster individueller Ausbil- 
dung. Allen gemeinschaftlich ist die breite, scharf umgrenzte Nase 
und die wulstigen, aufgeworfenen Lippen, die dunkle, glatte Haut 
und das krause, hart sich anfühlende schwarze Haar. 

Kennzeichnend für die Körperproportionen ist Fig. 179, welche 
die der melanodermen Rasse eigentümliche Ueberlänge sämtlicher 
Gliedmassen bei einer Körperhöhe von 7 — 7Y- Kopfhöhen in reiner 
Form bietet. Mau kann diese Verhältnisse als den Kanon der 
schwarzen Rasse ansehen. 



Die melanoderme Hauptrasse. 



341 





Fig. 276. Kopf eiues juugeii Katl'ers. 
(Phot. Trappisten Mariauliill.) 



. 277. Kdpl' eines iilti-reu IvaHfi^ 
iPliot. Trappisten Mariauliill.) 




Fig. 278. Kopf einer jungen 

Kaffernfrau. 
(Phot. Trappisten Marianliill.) 




Fig. 279. Kopf des Weibes eiues 

Katt'ernhäuptlings . 

(Pliot. Trappisten Mariauliill.) 



Ganz gleiche Verhältnisse bieten die beiden Zulukaffern, Fig. 280 
und 281, der erstere bei etwas über 7, der zweite bei 7 Vi Kopf- 
höhen. Die Gliedmassen zeigen eine gut ausgebildete Muskulatur, 
gerade Achsen und schmale Gelenke, die Oberfläche des Rumpfes 
ist durch die Muskelwülste, namentlich in der Schultergegend, sehr 
ausgesprochen modelliert, Hände und Füsse haben einen zierlichen 



342 



Die menschlichen Rassen. 




Fig. 280. Zulu. (Phot, Günther.) 



und dabei doch kräftigen Bau. Die Gesichter tragen den melano- 
dermen Rassencharakter, die vorstehenden Kiefer, wulstigen Lippen 
und die breite Nase in individuell gemilderter Form. 

Von zwei Basutomädchen zeigt die eine (Fig. 282) völlig nor- 
male Proportionen bei tadellos gebautem Körper, und eine Gesamt- 



Die melanoderme Hauptrasse. 



343 




Fie. 281. Aeltorer Zulu, i l'hnt. Güntliev.) 



höhe von 7,2 Kopfhöhen, die andere (Fig. 283) bei gleichfalls 
7 Kopfhöhen eine geringe Ueberlänge in den Beinen und eine 
stärkere in den Armen. Beide haben ausgeprägt melanoderme Ge- 
sichtszüge. Mit den beiden Männern verglichen, zeigen sie ausser 
dem stärkeren Fettansatz und den bei der ersteren besonders schön 



344 



Die menschlichen Rassen. 




Fig. 282. Basutomadclien. (Sammlung v. d. G-oot. I 



entwickelten Brüsten wenig ausgeprägte sekundäre Gresclilechtsmerk- 
male. Die Hüften sind nur wenig breiter, jedoch bei Fig. 282 
ebenso wie die Taille entschieden weiblich gebildet. Die weiblichen 
Brüste zeigen den areolaten Typus. 



Die melanoderme Hauptrasse. 



345 




FiR. 2^3. Aclteivs B.isutoiu.idehf-ii. ( teamiuliiut;- v. d. (..ou t .j 



Der' Torus frontalis ist bei Fig. 282 individuell viel stärker 
ausgeprägt als bei den übrigen. 

Diese vier, der grossen Gruppe der Bantu angebörigen Ge- 
stalten können als die reinsten Vertreter der melanodermen Rasse 



346 



Die menschlichen Rassen. 



angeselien werden. F. Müller versuchte sie nach der Sprache in 
zwei grosse Unterabteilungen zu trennen, die Bantu und die eigent- 




•'ig. 284. Vier Kongoueger. (Etliuogr. Museum Hamburg.) 



liehen Neger, worunter er vorwiegend die nördlicheren Stämme 
verstand. 

Diese mit den anthrojDologischen Befunden völlig in Wider- 
streit stehende Auffassung Avurde besonders von G. F ritsch heftig 



Die melanoderme Hauptrasse. 



347 



bekämpft, der schliesslicli in Lepsius auch einen sprachkundigen 
Bundesgenossen für den Gedanken der Zusammengehörigkeit sämt- 
licher schwarzen Stämme fand. — Die 
körperlichen Unterschiede der einzelnen 
Stämme unter sich sind lediglich die Folge 
von Beimischung weissen Blutes, welche 
nach dem Norden hin sich in immer stärke- 
rer Zunahme geltend macht. Eine weitere 
Mischung lässt sich von den älteren Be- 
wohnern, den Koikoins, ableiten. 

Unter den melanodermen Stämmen 
stellen die Bantu, namentlich die Zulu, 
Basuto, die Kongoneger und die Herero 
die reinsten Formen dar, während im Sudan 
und in den oberen Nilländern sich stärker 
gemischte Typen entwickelt haben. Die 
äthiopischen Stämme , Somali, Galla u. a., 
bilden bereits eine, dem weissen Rassen- 
charakter viel näher stehende Mittelstufe. 

Fig. 284 stellt vier K o n g o n e g e r 
dar, welche bei 7 Kopfhöhen normale Bein- 
längen und überlange Arme, dabei die 
ausgesprochen negroide Kiefer- und Ge- 
sichtsbildung besitzen. Fig. 285 ist ein 
Sudanneger mit besonders ausgespro- 
chener Ueberlänge sämtlicher Gliedmassen 
bei 7,6 Kopfhöhen, dabei aber individuell 
sehr stark abgeschwächten nigritischen Ge- 
sichtszügen. 

Fig. 286 zeigt eine Hererofamilie, welche 
die Ueberlänge der Gliedmassen in aller- 
stärkster Ausprägung besitzt, dabei aber im 
Gesicht gleichfalls weniger grobe Züge hat als z. B. die Kongoneger. 

Alle diese Gestalten geben, miteinander verglichen, der starken 
Variabilitätsbreite innerhalb der melanodermen Rasse Ausdruck. 
Die Körperverhältnisse nähern sich an ihrer oberen Grenze (Fig. 282) 




Fig. 285. Sudaimeger. 
(Phot. B. Hagen.) 



348 



Die meuschliclien Rassen. 




Fig. 286. Hererogi'uppe. (Eigeutum Deutsches Kolouialhaus.) 



denen der weissen Rasse, die Gesichtszüge zeigen bald mehr, bald 

weniger ausgesprochene primitive und einseitig progressive Merkmale. 

Schliesslich sei noch auf zwei Vertreter der oberen Nilstärame 



Die melanoderme Hauptrasse. 



349 





Fi£ 



287. Loron, Häuptling von Goudokoro. 
(Phot. K. Biu'lita.) 



Fii;-. 2SS. 8cliuliniii(lclii'ii. 
(Pliüt. I!. BiU'hta.) 



hingewiesen, welche die guten Eigenschaften der melanodermen 
Rasse in charakteristischer und nur wenig abgeschwächter Form zur 
Geltung bringen. Beide sind von R. Buchta aufgenommen. 

Der Mann (Fig. 287) stellt Loron, den Grossschech von Gondo- 
koro vor. Es ist derselbe, nach dem der Kanon Fig. 179 konstruiert ist. 



350 Die menschlichen Rassen. 

Fig. 288 ist ein Mädchen vom Stamme der Schuli. 

Bei dem Manne tritt die trotz seines Alters auffallend kräftig 
entwickelte Muskulatur, namentlich an Armen, Brust und Schultern 
besonders schön zu Tage. Das Mädchen zeigt die weibliche Ab- 
rundung des Körpers in guter Form. 

Beide haben einen deutlichen Torus frontalis, ausgeprägt 
melanoderme Gesichtszüge mit kräftigen Kiefern und wulstigen 
Lippen, beide haben überlange Gliedmassen von sehr regelmässiger 
und zierlich kräftiger Gestaltung: dünne Gelenke, gerade Achsen, 
gut gebaute Hände und Füsse. 

Alle diese Beispiele zeigen, dass die schwarze Rasse keineswegs 
dem Bilde abschreckendster Hässlichkeit entspricht, das man gewohnt 
ist, sich von ihr zu machen. 

Allerdings aber entspricht die Negerphysiognomie mit den wul- 
stigen dick aufgeworfenen Lippen, die rüsselförmig die mächtigen 
Kiefer überragen, mit der aufgestülpten breiten, kurzen Nase und 
den tierisch rohen Zügen der untersten Grenze individueller Varia- 
bilitätsbreite innerhalb der Rasse , und zwar derjenigen Form , bei 
der die einseitig progressiven Merkmale am stärksten ausgebildet sind. 

Vom phylogenetischen Standpunkt aus unterliegt es keinem 
Zweifel, dass die schwarze Rasse durch die einseitige Verstärkung 
der Kiefer und Zähne im Begriffe Avar, einen ähnlichen Seitenweg 
vom menschlichen Hauptstamme aus einzuschlagen, wie ihn vor ur- 
alten Zeiten die anthropomorpheu Affen genommen haben , indem 
sie eine natürliche körperliche Waffe in dem stärkeren raubtier- 
ähnlichen Gebiss ausbildeten. 

Für die Affen war ein Stehenbleiben auf dem einmal ein- 
geschlagenen Wege nicht mehr möglich, umsoweniger, als sie da- 
mit die immer vollkommenere Entwicklung der Gliedmassen zu 
Kletterorganen verbanden. Für die schwarze Rasse wurde das Fort- 
schreiten in der angestrebten Richtung durch die Kreuzung und 
Mischung mit der weissen Rasse gehemmt und in veränderte Be- 
dingungen des Kampfes ums Dasein geleitet. Damit waren aber 
auch die in einseitiger Richtung am weitesten fortgeschrittenen 
Lidividuen mit ihren in der Isolation vorteilhaften, im gemeinschaft- 
lichen Wettbewerb von Mensch gegen Mensch unnötig gewordenen 



Die melanoderme Hauptrasse. 351 

Eigenschaften zum Untergang verurteilt. Die der höheren weissen 
Rasse am nächsten stehenden Individuen aber hatten innerhalb 
der neuen Kulturzustände die besten Aussichten für weitere Ent- 
wicklung. 

Die friedliche Form, in der dieser Kampf ums Dasein sich 
nicht nur in Afrika, sondern auch in Amerika, wohin die schwarze 
Rasse im Gefolge der weissen eingeführt wurde, abspielt, ist — 
abgesehen von den individuellen Aeusserungen des eingewurzelten 
Rassenhasses — die allmähliche Vermischung der beiderseitigen 
Elemente, in der die schwarze Rasse immer mehr zurücktritt, um 
schliesslich nach Tausenden von Jahren bis auf unmerkliche Spuren 
in der Körperbildung der Mischrasse zu verschwinden. 

Schon jetzt hat sich im Norden von Afrika ein derartiger 
Amalgamierungsprozess vollzogen. Die Stämme der weissen Rasse, 
welche jene Gegenden beherrscht und bevölkert, zeigen zwar ein 
durch melanoderme Eigenschaften von den übrigen Vertretern der 
weissen Rasse etwas abweichendes Verhalten , stehen ihr aber in 
jeder Beziehung unendlich viel näher als dem melanodermen Element, 
das zu ihrer Gestaltung beitrug. 

In dem kürzlich erschienenen Atlas ägyptischer Volkstypen von 
G. Fritsch findet sich eine reiche Blütenlese von Gestalten, Avelche 
weisse und schwarze Rasseneigenschaften in mannigfaltigster Weise 
in sich vereinigen. Vielleicht sind auch die merkwürdigen über 
8 Kopfhöhen enthaltenden Figuren dadurch zu erklären, dass in 
ihnen die überlangen Beine der Melanodermen mit dem kleinen Kopf 
der Leukodermen zusammentrafen. 

Seitdem in den letzten Jahrhundei-ten Handel und Kolonisation 
so mächtig zugenommen haben und die weisse Rasse auch vom 
Süden her das bisher abgeschlossene Afrika stets weiter sich zu 
eigen macht, sind die Aussichten für das Bestehen der schwarzen 
Rasse als solcher noch ungünstiger geworden , und es ist nur eine 
Frage der Zeit, wann mit den afrikanischen Tieren auch die afri- 
kanischen Menschen von der Erde verschwinden werden. 

In Amerika wird das Aufgehen der schwarzen ebenso Avie der 
amerikanischen Rasse in der neuen, vorwiegend weissen Bevölkerung 
noch rascher beendet sein. 



352 



Die menschlichen Rassen. 



6. Die xanthoderme Hauptrasse. 

Die einseitig progressive, vom gelbweissen Urstamm abweichende 
Bildung der gelben Hauptrasse ist im wesentliclien gekennzeiclinet 
durcb die Neigung zur Brachykeplialie, die Vorscbiebung der Jocb- 
beingegend, die Mongolenfalte und die Unterlänge der Gliedmassen, 
sowie durch die gelbe Hautpigmentierung, die sj)ärlichen Körperhaare, 
und das schwarze straöe Kopfhaar mit vorwiegend rundem Querschnitt. 

Massgebend für die Proportionen ist der in Fig. 180 konstruierte 
Kanon der gelben Rasse, welcher bei 7 '/2 Kopf höhen eine 
starke Unterlänge in den Beinen und eine etwas geringere in den 
Armen zeigt. 

Eine grössere Anzahl von genauen Messungen an lebenden 
Chinesen haben Kosranei und Hagen cremacht. 





Körper- 


Arm- 


Bein- 


A.-B.- 




höhe 


länge 


länge 


Index 


Weisse Rasse normal 


180 


80 


100 


8 


Chinesen J 










Koganei 


168 


76 


84 


9 


Hagen 


162 


73 


84 


8.69 


Chinesen ? 










Hagen 

! 


157 


70 


80 


8,75 



Das Verhältnis der Armlänge zur Körperhöhe (= 100) berechnet 
Hagen in Uebereinstimmuug mit Koganei auf 45, das Verhältnis 
der Beinlänge zur Körperhöhe ist nach Hagens Messungen 52, 
nach Koganei 50. 

Aus diesen Zahlen lässt sich zunächst herauslesen, dass die 
Arme im Verhältnis zu den Beinen bei den Chines'en länger sind, 
als bei der weissen Rasse, da sie einen grösseren Index als 8 er- 
geben. Man könnte daraus schliessen, dass die gelbe Rasse mit der 
verhältnismässigen Ueberlänge der Arme eine primitivere Bildung 
besitzt. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass es sich bei 
Koganei ebenso wie bei Hagen um Durchschnittszahlen handelt und 
dass für die weisse Rasse die Durchschnittszahl ebenfalls geringere 
Werte für die Beinlänge und grössere für die Armlänge ergibt. 

Der im Kanon dargestellte Chinese hat bei einer Körperhöhe 



Die xanthoderme Hauptrasse. 353 

von 170 cm, eine Armläiige von 79 und eine Beinlänge von Ul cm. 
Da nun bei ihm nach der Photographie (Fig. 299) jeder krankhafte 
Einfluss auf die Körj)erbiklung mit ziemlicher Sicherheit ausgeschlossen 
werden kann, so hätten wir damit einen Anhaltspunkt für die Auf- 
fassung, dass in der Tat die Normalmaasse der gelben Rasse sieh 
durch eine nur unbedeutende Unterlänge der Arme und eine viel 
stärkere der Beine von der weissen Rasse unterscheiden. 

Die Normalverhältnisse der beiden Rassen ergeben, bei ungefähr 
gleicher Körperhöhe : 

Körperhöhe Armlänge Beinlänge A.-B. -Index 
weiss . . 180 80 100 8 

gelb . . 179 79 91 8,7 

Diese Schlussfolgerung hat jedoch nur bedingten Wert, da sie 
sich auf zwei der oberen Grenze der Variabilitätsbreite nahestehen- 
den Individuen beider Rassen bezieht. Eine entsprechende Ver- 
gleichung der untersten Grenzen der Variabilitätsbreite ist erschwert 
durch den Umstand, dass die niedrigsten, den protomorphen Vor- 
läufern am nächsten stehenden Formen bei der gelben Rasse 
anthropologisch sehr wenig bekannt sind. 

Es wurde schon erwähnt, dass ethnogra|)hisch die Eskimos als 
wahrscheinlich protomorphes Element und damit älteste Form inner- 
halb des gelben Rassenkreises anzusehen sind. 

Nach Topinard beträgt die Länge der Gliedmassen, auf eine 
Körperhöhe = 100 berechnet, bei den Eskimos für den Arm 46, 
für das Bein, vom Trochanter zum Boden gemessen, 50. Verglichen 
mit den in gleicher Weise für den normalen Chinesen und Europäer 
gefundenen Maassen ergibt sich: 



Arm 



Bein 



Eskimo '46 50 

Chinese 45 51 

^Hagen + Koganeii 

Europäer 44 ' 55 



A.-B.- 

Index 



9,2 

8,8 



Danach wäre der schon beim Chinesen grössere Armbeinindex 
bei dem Eskimo in einer noch stärkeren, demnach primitiven Form 

Stratz, Die Xatuvgeschichte des Meusclieii. 23 



354 



Die menschlichen Rassen. 



ausgeprägt. Es ist verlockend, mit diesen Zahlen beweisen zu 
wollen. Da es sich aber bei den Eskimos wieder um Durchschnitts- 





Fig. 289. Kopf eines Eskimo von vorn. 
(Phot. CTÜnther.) 



Fig. 290. Kopf eines Eskimo in Profil. 
(Pliot. Güntlier.) 







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''^jH 


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Fig. 291. Ko])f einer Eskimofrau von vorn. 
(Pliot. Gtinther.) 




Fig. 292. Kopf einer Eskimofrau in Profil. 
(Phot. Giintlier.) 



zahlen handelt, so sind sie nur mit grosser Vorsicht aufzunehmen. 
Ausserdem bilden die Proportionen nur eins der verschiedenen hier 
in Betracht kommenden Körpersymptome. 



Die xanthoderuie Hauptrasse. 



355 



Die Schädel der Eskimos werden als dolichokeplial beschrieben, 
mit starker vorderer Breite und ausgebildeter Jochbeingegend. Die 
Gesichtsbildung ist nach Virchow ausgesprochen mongolisch und 








Fig. 293. Kurzer Mongolenschüdel Fig. 294. Kurzer Mongoleuschäilel. 

(Südcliiiiese). Vorderansieht. 

(Etlinograpliisclies Museum Leiden.) 





:i^^im^' 




Fig 295. Langer Mongolenschüdel Fig. 29(i. Laug<.'r Mungultn.schädel. 

( Südcliinese I. Vorderansicht. 

I P^tlmographisches Museum Leiden, i 

zeigt als besondere Eigentümlichkeit einen starken Abstand 
der inneren Augenwinkel. 

Die Figuren 289, 290, 291 und 292 sind von C. Günther nach 
den von Virchow in Berh'n untersuchten Eskimos aufgenommen. 



356 



Die menschlichen Rassen. 



Sie zeigen zunäclist die individuelle Variabilitätsbreite innerhalb 
der Rasse, indem der Mann (289, 290) durch eine wenicrer stark 

entwickelte Jochbeingegend mit kräfti- 
gem, schmalem Nasenrücken die obere 
Grenze, die Frau (291, 292) mit stärkerer 
Jochbeingegend und breiter, niedriger 
Nase die untere Grenze darstellt. Bei 
beiden ist der Toms frontalis mässisf aus- 
geprägt, der Mann zeigt eine geringe 
Andeutung der Mongolenfalte, die Frau 
dagegen hat sie in typischer Form. 

Wenn man diese Gesichter, nament- 
lich das der Frau, mit den Gesichtern 
von anderen protomorphen, breitnasigen 
Stämmen vergleicht, dann ist es auffal- 
lend, dass sie trotz grösserer Breite der 
Nasenwurzel doch keine Mongolenfalte 
besitzen. Offenbar ist demnach dieses Zu- 
standekommen nicht ausschliesslich 
durch die breite und flache Nasenwurzel 
bedingt. Diese scheint vielmehr nur dann 
eine Mongolenfalte zu veranlassen, Avenn 
sich damit eine stärkere Ausbildung des 
Oberkiefers in seinem Stirnfortsatz und 
in seiner Jochbeingegend verbindet, wo- 
durch einerseits die mittlere Nasenpartie 
eine stärkere Ausziehung in die Breite 
erfährt, anderseits aberv auch das von 
Virchow bemerkte Symptom des grösse- 
ren Abstands der inneren Augenwinkel 
erklärt wird. 
Alle diese Körpereigentümlichkeiten machen es sehr wahrschein- 
lich , dass die Eskimos die älteste und reinste protomorphe Form 
der gelben Rasse vertreten; zum endgültigen Beweise fehlen jedoch 
bis jetzt die anatomischen und photographisch-morphologischen 
Belegstücke. 




Fh 



'■h . lyjiUiriger Cliiiiese. 
(Phot. B. Haaen.) 



Die xanthoderme Haaptx'asse. 



357 



Eine Reihe sehr schöner anthropologischer Aufnahmen nackter 
Eskimos beiderlei Geschlechts hat Peary ') gemacht. Diese haben 




bei (3 bis 6^2 Kopfhöhen ausgesprochene Unterlänge sämtlicher Glied- 
massen, einen besonders langen, in der Tnille wenig eingezogenen 

') Peary, Northward over the great ice. New York. Stocker Comp. 1904. 2 Bde. 



358 



Die menschlichen Rassen. 



Rumpf, sehr kleine und zierlicli ge- 
baute Hände und Füsse, ein schwach 
entwickeltes Gesäss und sehr fferinore 
Lendenkrümmung der Wirbelsäule. 
Die Gesichtszüge sind ausgesprochen 
mongolisch. Unter den jungen Mäd- 
chen sind einige von besonders zier- 
lichem Bau. Die Brüste zeigen den 
papillaten Typus. Soweit sich das 
kontrollieren lässt, sind die Arme 
im Verhältnis zu den Beinen ver- 
längert. Der Gesamteindruck ist der 
einer sehr primitiven reinen Form 
der xanthodermen Rasse. 

Bei den kulturell sehr hochstehen- 
den Chinesen ist ebensowenig wie bei 
den weissen Kulturstämmen der ur- 
sprüngliche Rassencharakter in seiner 
rein primitiven Form erhalten ge- 
blieben. Wohl aber ist anzunehmen, 
dass er trotz aller aufgenommenen 
fremden Elemente der herrschende 
geblieben ist und nur eine höhere, 
abgeschliffenere und vollendetere 
Gestalt angenommen hat. 

Die Figuren 293, 294, 295, 296 
sind photographische Wiedergaben 
zweier von B. Hag'en dem ethno- 
graphischen Museum in Leiden ge- 
schenkten Schädel von Südchinesen, 
welche die Variabilitätsbreite der 

mongolischen Schädelform in trefflicher Weise illustrieren. 

Beide sind in Seiten- und Vorderansicht beim Photographieren 

auf eine durch die Ohröffnungen und den unteren Nasenstachel 

gelegte Ebene eingestellt, so dass eine direkte Vergleichung der 

Norma lateralis und frontalis ermöglicht ist. 




iPlint. i 



Die xanthoderme Hauptrasse. 



359 





Fig. 301. 2-2jahrige ChiiiPsin. 
Seiteuaiisiclit. 



Fig. 302. 22jährige Chiuesiii. 
Riickansicht. 



Der erste Scliädel (Fig. 293) ist ausgesprochen kurzköpfig, der 
zweite (Fig. 295) ausgesprochen hangköpfig, der erste zeigt einen 
sehr ausgesprochenen, der zweite einen heinahe verstrichenen Torus 
frontalis; auch der Torus occipitahs ist beim ersten mächtig ent- 



360 



Die menschlichen Rassen. 



wickelt, beim zweiten nur angedeutet. 
Beim ei-sten übertrifft der Gehiruteil 
nur wenig, beim zweiten sehr stark 
den Gesichtsteil. Beim ersten reicht 
die Schläfenschuppe bis ans Stirn- 
bein heran, beim zweiten schiebt sich 
das Keilbein in mächtiger Ausbil- 
dung dazwischen. 

Gemeinsam ist beiden die kräftigfe 
Entwicklung des Oberkiefers in die 
Breite, wodurch in der Profilstellung 
die Jochbeine stärker nach vorn 
treten, und in der Vorderansicht der 
Gesichtsteil eine überwiegende obere 
Breite erhält. Die Stirnfortsätze sind 
bei beiden Schädeln zusammen viel 
breiter als die dazwischen liegenden 
Nasenbeine. 

Beim ersten Schädel haben wir 
somit eine Häufung primitiver, beim 
zweiten eine Häufung allgemein ])ro- 
gressiver Merkmale, während beide 
Schädel dabei den mongolischen Ty- 
pus in unzweideutiger Weise erkennen 
lassen. 

Zur Beurteilung der Körperformen 
können die Figuren 297 bis 305 die- 
nen , welche alle dem Atlas von 
B. Hagen entnommen sind. 

Fig. 297 ist ein junger Chinese 
von 19 Jahren aus Heilam (Atlas 
Taf.39). Körperhöhe 156 cm, 7 Kopf- 
höhen, geringe Unterlänge sämtlicher Gliedmassen. 

Fig. 298, 33jähriger Chinese aus Heilam. Körperhöhe 159 cm, 
7 Kopfhöhen, Unterlänge sämtlicher Gliedmassen. 

Fig. 299, ein 34]ähriger Chinese aus Namoa, 179 cm hoch. 




1- ii; . .ji'D. .\l,ik,i(irliLiii'Mii Hill 

Verkrüppelten Füssen. (Phot. B.Hagen.) 



Die xantlioderme Hauptrasse. 



361 





Fig. 304. üiesellip in 8fitenansii-ht. 



Fic;. 305. DiespHif in Kiickiin>iuhr. 



ist der oben bereits erwähnte Mann, nach dem der Kanon kon- 
struiert ist. 

Die Figuren 300. oOl und 302 stellen eine 22jährige Chinesin 
aus Makao dar, welche eine Körperhöhe von 100 cm bei 7 Kopf- 
höhen und Unterlänge der Gliedniassen hat. 



362 



Die menschlichen Rassen. 



Eine andere Chinesin aus Makao mit der cliarakteristischen 
künstlichen Verkrüppelung der Füsse zeigen die Figuren 303, 304, 




Fig. 306. Japanisclier lüiiger. (Samnilimg ten Kate.) 

305. Ihre Körperhöhe beträgt 6,9 Kopfhöhen, das Maass in Zenti- 
metern ist nicht angegeben. 

Alle diese Körper zeigen eine gleichmässig durch Fett bedingte 
Abrundung der Formen, auch die Männer haben keine so kräftig 
entwickelten Muskeln, wie sie bei der schwarzen Rasse vorherrschen. 



Die xanthoderme Hauptrasse. 



363 



Kennzeichnend ist ferner iuisser der hellgelben Haut und den 
straffen, schwarzen Kopfhaaren die äusserst geringe Körperbehaarung, 




Fig. 307. .Taiiaiii'iili. 



niiiiiluiii;' r.iil/.. 



das fast vöUige Fehlen des Bartes beim Manne, die nur wenig 
stärkere Hüftbreite bei der Frau. 

Bei der letzten Frau (Fig. 303) ist die Unterlänge der Beine 
durch die Verkrüppelung der Füsse noch künstlich erhöht ; zugleich 
ist dadurch ein fast völliger Schwund der Wadenmuskeln hervor- 



364 Die mensc-hlichen Rassen. 

gerufen worden. Die sekundären Gescbleclitsunterscliiede sind trotz 
des spärlichen Bartes der Männer viel stärker ausgeprägt als bei 
den vorher betrachteten Rassengruj^pen. 

Die weiblichen Hüften sind breiter, die Körperformen, nament- 
lich am Oberschenkel und Gesäss, stärker gerundet, die Gesichts- 
züge feiner, die Haut heller und zarter, die Kopfhaare länger. 
Die Brüste zeigen den papillaten Typus, bei jugendlichen Individuen 
oft in besonders schöner Form: jedoch welken sie rascher als bei 
der weissen Rasse. 

Hände und Füsse sind bei beiden Geschlechtern, besonders aber 
beim weiblichen, von sehr regelmässiger Form und auffallend klein. 

Eine den Chinesen sehr nahestehende metamorphe Körperbildung 
mit Ueberwiegen des gelben Elements stellen die Japaner dar. 

Da ich über deren Körperformen a. a. O.M ausführlich berichtet 
habe, begnüge ich mich hier mit einem kurzen Hinweis. 

Dr. ten Kate war so freundlich, mir die Photographie eines in 
Japan wegen seiner Schönheit und Stärke gefeierten Ringers zu 
schicken, welcher bei einer Körperhöhe von 7 Kopfhöhen und ge- 
ringer Unterlänge der Gliedmassen eine treffliche Körperbildung zur 
Schau trägt (Fig. 306). 

Herrn Professor Balz verdanke ich die folgenden Bilder, von 
denen Fig. 307 den gröberen japanischen Frauentypus gut verkörpert. 

Bei der Vergleichung beider Figuren fällt die viel bessere, an 
die weisse Rasse erinnernde Ausprägung der sekundären Geschlechts- 
merkmale auf, trotzdem in Gesichts- und Gliedmassenbildung der 
xanthoderme Typus vorherrscht. 

Fig. 308 ist nach Balz eine 30jährige Japanerin von ..euro- 
päischem Bau und kleinem Kopf. 

Trotzdem sie dem leukodermen Stamm entschieden näher steht 
und sich durch eine besonders vollendete Bildung des Rückens aus- 
zeichnet, so besteht doch auch bei ihr eine ausgesprochene Unter- 
länge der Beine, wodurch sie, nach europäischem Kanon gerichtet, 
den Anspruch auf höhere Entwicklung verlieren würde. 



*) Die Körijerformen in Kunst und Leben der Japaner. F. Enke. 2. Auf- 
lae'e. 1904. 



Die xanthodenne Hauptrasse. 



365 



Innerhalb des gelben Rassenkreises jedocli steht sie an der 
oberen Grenze der individuellen Variabilitätsbreite. 

Die Geschichte der letzten Jahrzehnte hat gelehrt, dass die 




Fi^-. 30S. llui-kaiisiclit riiirr .Tiiiiaufvin, i S imiiilmii;- liiilz.1 

Japaner als Volk berufen sind, eine führende Stellung innerhalb der 
gelben Rasse einzunehmen. 

Vom anthropologischen Standpunkte darf man annehmen, dass 
der tiefere Grund ihrer Aufnahmsfähigkeit für die weisse Kultur, 



366 



Die menschlichen Rassen. 



ihre dadurch erhöhte und fast wunderbar sich entwickehide Tat- 
kraft in letzter Instanz auf das protomorphe weisse Element zu- 
rückzuführen ist, welches, von ihnen selbst verachtet, in ihrem 
Blute weiter lebt, und sie von den reineren xanthodermen Stämmen 
unterscheidet. 

Wie dem aber auch sei, jedenfalls gebührt den Japanern das 




Fig. 309. Tüc-hter 



iTalii'inTs und einer Japanerin, i Sanuiilung' Biilz.l 



Verdienst, nach jahrtausendelanger mehr oder weniger strengen Iso- 
lation den Kulturaustausch der beiden höchstentwickelten Haupt- 
rassen angebahnt zu haben, eine Aufgabe, an der von weisser Seite 
aus die Russen schon vorher gearbeitet hatten. 

Den Gesetzen der Phylogenese entsprechend muss diesem Kultur- 
austausch auch eine Mischung der körperlichen Eigenschaften folgen, 
und diese auf friedlichem Wege sich vollziehende Ausgleichung der 
körperlichen Gegensätze, welche eine höher entwickelte, die gemein- 
schaftlichen Vorzüge in sich vereinigende neue archimorphe Rasse 



Die xanthoderme Hauptrasse. 



367 



nach Tausenden von Jahren hervorrufen wird, ist für die Ge- 
schichte des Menschengeschlechts unendlich wichtiger , als die 
kleineren, gewaltsamen Kämpfe im politischen Leben der Völker 
der Gegenwart. 

Wie man sich diese Rasse der Zukunft vorstellen soll, ob das 
gelbe oder das weisse Element überwiegen wird, lässt sich schwer 




Fig. 3lu. Tuehter eines Deutscliun uuil eiiier Japaueiiii. (S;immlinig Balz.) 



sagen. Einen Blick in die Zukunft zu eröffnen sind die auf Fig. 309 
und 310 dargestellten Mädchenköpfe geeignet. Die erste ist die 
Tochter eines Italieners, die zweite die eines Deutschen und einer 
Japanerin. 

Es lässt sich nicht leugnen, dass aus diesen Bildern ein frem- 
der, uns eigentümlich anmutender Liebreiz spricht: anthropologische 
Zukunftsmusik. 

Die metamorphen Stämme mit vorwiegend gelben Rasseneigen- 



368 Diö menschlichen Rassen. 

Schäften nelimen ein weites Gebiet ein, das sicli vom Festland von 
Asien weit über die östlich liegenden Inseln erstreckt. 

Die sogen. Malaien tragen das gelbe Element von den Küsten 
der indonesischen Inseln immer tiefer in das Innere. 

Auf der malaiischen Halbinsel bilden die Siamesen , Anamiten 
und Cochinchinesen die kennzeichnenden , vorwiegend mongolisch 
gebildeten Vertreter dieser Mischung mit älteren protomorphen 
Stämmen, die wahrscheinlich der weissen Rasse näher standen als 
die jetzige Bevölkerung; selbst bei den Birmanen macht sich ein 
sekundärer mongolischer Einfluss bemerkbar. 

Vom Norden her sind in historischer Zeit mongolische Stämme 
unter Dschengischan und Attila bis in die Herzen der weissen Stamm- 
sitze vorgedrungen und haben ihre ethnographischen und anthro- 
pologischen Spuren hinterlassen. 

So findet sich überall an den Grenzen der Wohnsitze beider 
Rassen im Laufe der uns bekannten Jahrhunderte ein fortwährendes 
Ebben und Fluten von Volksstämmen, die an den Berührungspunkten 
einen stets innigeren Austausch ihrer Elemente hervorrufen und 
unbewusst den grossen Entwicklungskampf weiter kämpfen, den die 
Menschheit seit Jahrtausenden gekämpft hat. 



7. Die leukodernie Hauptrasse. 

Nacheinander hat man die weisse Rasse als kaukasische, arische, 
indogermanische und schliesslich mittelländische bezeichnet. Der 
letzte Name ist heute am meisten gebräuchlich. 

Von ethnographischer Seite ^) wurde der \'ersuch gemacht, eine 
Gruppe von Urgermanen, die sich in der Nord- und Ostseegegend 
isoliert haben sollen, von der übrigen Rasse strenger abzutrennen. 
Da aber die Kennzeichen dieser Rasse, blonde Haare, blaue Augen 
und höhere Statur — die einzigen zur Begründung dieser Theorie 
angeführten somatischen Merkmale — weder eine so grosse Be- 
deutungf haben . noch so ausschliesslich einer einzigen Menschen- 



^) Vgl. u. a. auch Matthäus Much, Die Heimat der Indogermanen im 
Lichte der urgcschichtlichen Forschung. Costenoble. 2. Auflage. 1904. 



Die leukoderme Hauptrasse. 



369 



gruppe zukommen, ist diese Auffassuno- vom anthropologischen Stand- 
punkt aus nicht mehr als eine unbewiesene Hypothese. 

Trotz einer ausserordentlich grossen individuellen Variabilitäts- 




Fig. 311. Maniiliehei- Aiuoscliädel. Fig. 312. Manuliclier Aiuoscliadel. 

(Nach Kügauei.) 




Fig. 313. WVililiclier AinosL'hadel. Fig. 311. Weiblicliuv Aiuoscliadel. 

(Xach Kogauei.) 

breite innerhalb der Gesamtheit, sowie in den einzelnen Gruppen 
zeigt die weisse Rasse doch eine so grosse Uebereinstimmung in 
der Ausbildung der wichtigeren Körpereigenschaften, dass sogar 
eine strengere Abgrenzung der einzelnen Stämme voneinander äusserst 
schwierig erscheint. 

Stratz, Die Xaturgescliichte des Menschen. 24 



370 



Die menschlichen Rassen. 



Kennzeichnend sind die Grössenzunalime und stärkere Wölbung 
des Gehirnschädels nacli allen Richtungen, wobei die ursprüng- 




Fig. 315, Aiiiogruppe. (Sammlung teil Kate.) 

liehe dolichokephale Form gewahrt bleibt, das kleinere Gesicht mit 
schmaler und hoher Nase, die grössere Länge der Beine, die stärkere 



Die leukoderme Hauptrasse. 



371 



Körper Behaarung, die normalen Proportionen und die Gesainthöhe 
von 8 Kopfhöhen. 

Wir haben gesehen, dass bei der melanodermen Rasse die Ge- 
samthöhe trotz überlanger Beine nur 7^/2 Kopf höhen erreicht, 
während anderseits die xanthoderme trotz unterlanger Beine 
ebenfalls nur 7^2 Kopfhöhen hat. 

Dass die mit normaler Beinlänge in der Mitte stehende leuko- 




Fig. 3i(i. Zwei Aiiiomadclu'ii. iSainiiihnig li:ilz.i 

derme Rasse doch 8 Kopf höhen erreicht, dazu tragen zwei Um- 
stände bei. 

Erstens wird Avegen der geringeren Grösse des Gesichts der 
Kopf als Ganzes kleiner, dann wird die Gesamthöhe des Körpers 
durch die längeren Beine grösser. 

Die gelbe Rasse würde bei normal langen Beinen ebenfalls 
8 Kopfhöhen erreichen können. Bei der schwarzen Rasse ist das 
Gesicht durch die besonders starke Entwicklung der Kiefer so viel 
grösser geworden, dass dadurch der Kopf als Ganzes trotz der 
überlangen Beine nicht mehr als 7^2 mal in der Gesamthöhe 



372 



Die menschlichen Rassen. 




Fig. 317. Drei Weddafraiieii. (Pliot. Giintlier.) 



aufgeht M. Bei der weissen Rasse findet sich in der Körperhöhe von 
140 — 180 cm und darüber ebenso wie in der Farbe der Haut von 



^) Interessant ist, dass eine Körperhöhe von mehr als 8 Kopfhöhen bisher 
nur von G. Fritsch beobachtet wurde, und zwar bei der aus schwarzen und 
weissen Elementen gemischten Bevölkerung des heutigen Aegypten. Man darf 



Die leukoderme Hauptrasse. 



373 




Fig. 31^1. Drt'i Weddamiuincr. (Pliot. Gilntlier.) 

fast reinem Weiss bis zum dunkelsten Braun, und in der Form und 
Farbe der Haare vom Schlichten bis zum Gelockten und Krausen, 

annehmen, dass derartige Gestalten durch Verschmelzung der überlangen me- 
lanodermen Beine mit der kleineren leukodermen Kopfbildung zu stände ge- 
kommen sind. 



374 



Die menschlichen Rassen. 




Fig. 319. Kopf eines Arabers. 



Fig. 320. Kopf eines Singlialesen. 




Fig. 321. Kopf eines Alljanesen. 



Fig. 322. Kopf eines Niederländers. 



vom Hellblonden bis zum Schwarzen die grösste Variabilitätsbreite, 
die von keiner anderen erreicht wird. 

Ausserdem ist sie dadurch gekennzeichnet, dass sich die sekun- 



Die leukoderme Hauptrasse. 



375 



dären Geschlechtsmerkmale sehr viel stärker ausbilden, als bei sämt- 
lichen anderen Menschengruppen. 

Als protomorphe Vorläufer der weissen Rasse können die 
Ainos und die Weddas angesehen werden. Die Ainos sind von Ko- 
ganei, die Weddas von denVettern Sarasin so sorgfältig untersucht, 
dass der unmittelbare Uebergang der protomorphen in die weisse 
Körperform dadurch mit Sicherheit festgestellt werden kann. 

Seine ausführlichen Befunde über die Ainos fasst Koganei, 
der vom japanischen Standpunkt ausgeht, folgendermassen zu- 
sammen M: 

„Der ainoische Typus ist ausgezeichnet durch den kleineren 
Längenbreitenindex des Kopfes, den niedrigeren Kopf, das 
niedrigere Gesicht, die tiefer eingesunkenen Augen, das Fehlen 
der Hautfalte am oberen Lide und inneren Augenwinkel, 
den hohen, geraden Nasenrücken, die geraden Zähne, die 
dunklere, gelblicher Nuancen entbehrende Hautfarbe, den 
ungemein starken Bart und die Körperbehaarung, die die 
Körperhöhe überwiegende Klafterweite, die längeren oberen und 
unteren Extremitäten." 

Von diesen Körpereigenschaften, die nach Koganei von den 
mongolischen abweichen, kommen die gesperrt gedruckten der 
weissen Rasse zu, während die nicht gesperrt gedruckten, der 
niedrigere Kopf, die tiefer eingesunkenen Augen, die die Körper- 
höhe überwiegende Klafterbreite und die längeren oberen Extre- 
mitäten ebensoviele Zeichen protomorpher Rassen sind. 

Für die Körperhöhe der Ainos fand Koganei beim Mann als 
Minimum 141, als Maximum 173 cm, bei der Frau 130 und 162 cm. 

Als Durchschnittszahlen ergaben sich: 





Körperhöhe 
cm 1 . Kh. 


Kopf- 

höhe 

cm 


Arm- 

länge 

cm 


Bein- 
länge 
cm 


A.-B.- 

Index 


Aino S 

Aino ? 


157 6,9 
147 7 


22,5 
21 


72 
66 


81 

75 


8,8 
8,8 



') Beiträge zur Anthropologie der Ainos. II. S. 300. Mitteilungen der 
medizinischen Fakultät Tokio. Bd. TL 1893y94. 



376 



Die menschlichen Rassen. 



Die Körperlänge = 100 gesetzt, sind die Verhältniszahlen für 
die Arme = 45,9 ($ = 46,3), für die Beine = 51,6 (? = 51), 
demnach für die Beine etwas weniger, für die Arme ziemlich viel 

grösser als bei dem weissen Nor mal- 
le anon. 

Sämtliche Maasse stimmen mit Aus- 
nahme der überlangen Arme und der ge- 
ringeren Kopfhöhenzahl mit den weissen 
Durchschnittsmaassen überein, unter- 
scheiden sich demnach von diesen nur 
durch protomorphe Eigenschaften. 

Die Figuren 311, 312, 313 und 314 
stellen die oberen und unteren Grenzen 
der Variabilitätsbreite in der männlichen 
und weiblichen Schädelbildung nach K o- 
ganeis Originalen dar. 

Der erste männliche Schädel (Fig. 311) 
hat einen sehr starken Torus frontalis und 
occipitalis, eine geringere Stirnwölbung 
und einen Schaltknochen zwischen Schlä- 
fenschuppe und Stirnbein, demnach eine 
ausgesprochen primitive Bildung, der zweite 
männliche Schädel (Fig. 312) zeigt einen 
nur schwach ausgeprägten Torus frontalis, 
höhere Stirnwölbung und kleineres Gesicht. 
Bei den weiblichen Schädeln ist der Unter- 
schied nicht so auffallend, jedoch auch hier 
ist der Torus frontalis und die Schädel- 
wölbung bei Fig. 313 deutlich primitiv. 

Zur Beurteilung der äusseren Gestalt 
stehen uns leider nur bekleidete Figuren 
zu Gebote. 

Fig. 315 zeigt eine Ainogruppe, aus 

Mann, Frau und Kind bestehend, Fig. 316 

Alle drei Frauen tragen die eigentümliche 




Fi£ 



, 323. Tamiljiuigliiif 
(Phot. B. Hagen.) 



zwei Ainomädchen 
schnurrbartähnliche Tätowierunsf. 



Die leukoderme Hauptrasse. 



377 



Bei K g a n e i findet sich 
nur ein nackter Mann als Be- 
leg für die starke Körperbe- 
haarung, jedoch in hockender 
Stellung, die eine Bestimmung 
der Proportionen unmöglich 
macht. 

Nach den bekleideten Fi- 
guren konnte ich die Propor- 
tionen in Uebereinstimmung 
mit Koganeis Maassen als 
normal bei ungefähr 7 Kopf- 
höhen mit häufiger Ueberlänge 
der Arme bestimmen. Unter 
11 Konstruktionen fand sich 
jedoch 5mal normale Armlänge. 

Die einzige mir bekannte 
Abbildung des nackten Ober- 
körpers einer Ainofrau bei K o- 
ganeiM zeigt . eine Mamma 
papillata mit stark entwickelter 
Oberbrust, also auch eine Ver- 
einigung protomorpher und 
leukodermer Gestaltung. 

Abgesehen von den we- 
nigen rein erhaltenen Indivi- 
duen bilden die Ainos einen 
integrierenden Bestandteil der 
japanischen Rassenmischung. 
Vielen Beobachtern ist auch die 
grosse Aehnlichkeit der Aino- 
männer mit russischen Bauern 
aufgefallen, die sich nicht nur 
aut den starken Bart, sondern 
auch auf die Form der Nase und des Mundes bezieht. Zur Be- 




') 1. c. Taf. VI. Fig. 3. 



878 



Die menschlichen Rassen. 



gründung dieser Auffassung 
fehlen jedoch nähere Unter- 
suchungen. Wenn auch die 
nahe Verwandtschaft der Aino 
mit der weissen Rasse so gut 
als sicher ist, so lässt sich 
doch nicht ausmachen, ob 
und inwieweit ähnliche proto- 
morphe Reste zwischen und 
in der heutigen Bevölkerung 
des europäisch - asiatischen 
Festlandes erhalten sind. 

Wie die Ainos im Norden, 
so bilden die Weddas im Süden 
einen der weissen Rasse sehr 
nahestehenden protomorphen 
Stamm. 

Oben wurde bereits auf 
die Schädelbildung hingewie- 
sen, welche mit Beibehaltung 
vieler primitiver Merkmale 
eine breite Schwankungs- 
grenze individueller Varia- 
bilität darbietet (Fig 166). 

Diese Verhältnisse sind 
umso Avichtiger, als sich hier- 
bei ein allmählicher Ueber- 
gang zu den höchstentwickel- 
ten leukodermen Typen durch 
die Tamils (Fig. 135) bis zu 
den Singhalesen (Fig. 110, 
111 u. 165) nachweisen lässt. 

In dieser Stufenleiter 

I 1- ;_' . -^iiiuii ii.-. schwinden die protomorphen 

Merkmale immer mehr, um schliesslich bei der den höchsten weissen 

Typen gleichstehenden Gruppe der Singhalesen nur noch als indi- 




Die leukoderme Hauptrasse. 



379 



vicluelle Ansiialimen aufzu- 
treten. 

Kennzeichnend für die 
äussere Gestalt der Weddas 
sind die Figuren 317 u. 318, 
welche je drei Frauen und 
drei Männer nach einer Auf- 
nahme von C. Günther dar- 
stellen. Fünf von diesen sechs 
Individuen zeigen normale 
Proportionen, die rechts ste- 
hende Frau allein geringe 
Ueherlänge der Arme. Nach 
F. und P. S a r a s i n findet sich 
jedoch Ueherlänge der Arme 
ziemlich häufig. Die Aveib- 
liche Brust zeigt stets den 
areolaten Typus, die sekun- 
dären Geschlechtscharaktere 
sind übrigens ziemlich gut 
ausgeprägt. Die Körperhöhe 
beträgt 6^/2 bis höchstens 
7 Kopf höhen, ist also rein 
protomorph. 

Die Variabilitätsbreite in 
der vorwiegend protomorphen 
Gesichts bildung der Weddas 
wurde bereits erwähnt (vgl. 
Fig. 136). 

Soweit sich nach den bis- 
herigen Untersuchungen be- 
urteilen lässt, besitzen die 
Ainos ebenso wie die Weddas 
den ausgesprochenen Typus 
einer protomorphen Rasse mit 
Elemente. Aber Avährend sich 




Miiuliab'siii. 



stärkerer Ausprägung leukodermer 
dies bei den Ainos durch die Auf- 



380 Die mensclilichen Rassen. 

liellimg der Hautfarbe und die stärkere Körperbeliaarung äussert, 
findet sich bei den Weddas zunächst eine Annäherung der Körper- 
verhältnisse an den weissen Kanon. Kann man diese Verschieden- 
heiten zunächst als einseitig progressive Merkmale auffassen, so sind 
die Zunahme der Schädel Wölbung mit Beibehaltung 
der Dolichokephalie, die Ausbildung der schmalen und 
geraden, grösseren Nase, zusammen mit der Erhal- 
tung der grossen Variabilitäts breite als ebensoviele all- 
gemein progressive Merkmale zu betrachten. 

Die aus diesen protomorphen Stämmen hervorgehende weisse 
Hauptrasse steht demnach lediglich aus dem Grunde den niedrigsten 
protomorphen Rassen näher als die gelbe und schwarze, weil sie 
weniger als diese sich in einseitig progressiver Richtung bewegt hat. 

Die heutigen Wohnsitze der leukodermen Rasse erstrecken sich 
vom südlichen Asien ostwärts bis über Europa und das nördliche 
Afrika, abgesehen von den in den letzten .Jahrhunderten durch Kolo- 
nisation erworbenen Gebieten von Südafrika, Amerika und Australien. 

Der ursprüngliche Typus hat sich in Asien sowie im südlichen 
Europa am reinsten erhalten, während der nördlichste Zweig durch 
mongolische, der südliche, afrikanische Zweig durch nigritische Bei- 
mischung ein besonderes Gepräge bekam. 

Bei all dem ist der Einfluss des weissen Blutes so überwiegend 
geblieben, dass der gemeinschaftliche Rassencharakter als solcher 
sich überall erhalten hat. 

Als Beleg für diese Uebereinstimmung in den Gesichtszügen 
können die Figuren 319, 320, 321 und 322 dienen, welche die 
Köpfe eines Singhalesen (Fig. 320), eines Arabers (Fig. 319), eines 
Albanesen (Fig. 321) und eines Niederländers (Fig. 322) darstellen. 

Trotz des individuell sehr stark ausgeprägten männlichen 
Charakters zeigen die geraden Augenspalten mit hoher oberer Augen- 
falte, die schmale gerade Nase, die feingeschnittenen, ausdrucks- 
vollen Linien der Gesichtszüge, die schmalen Lippen und die breite, 
glatte Stirnwölbung den gleichen, rein weissen Rassencharakter. 

Die Normalproportionen der weissen Rasse stellen die Fig. 181 
beim Mann und 185 bei der Frau dar. 

Während diese der obersten Grenze individueller Gestaltung 



Die leukodei-me Hauptrasse. 



381 




mJ^ 



Hayiisclicr .Iniiglintj; vnii urlit Koplliülit-ii. 
(Phot. Estingev.) 



entsprechen, sind für die untere Grenze die Körper zweier Tamils 
kennzeichnend (Fig. 323, 324). 

Der von B. Hagen^) photographierte 20jährige Tamiljüngling 



1) Ostasiatischer Atlas. Kreideis Verlag. Tafel 50. 



382 



Die menschlichen Rassen. 




Fii;. L12^. ÜldlldiT >;cll\V,lli 



aus Pendjewur (Fig. 323) hat eine Körperhöhe von 166 cm und 
7,5 Kopfhöhen, 

Die Beine sind normal, die Arme zeigen eine geringe Ueber- 
länge. 

Das 16jährige Tamihnädchen aus Kandy hat 7,3 Kopfhöhen 
bei einer orerinc^en Ueberläno^e der Beine und normalen Armen. 



Die leukodeime Hauptrasse. 



383 



n 




Fig. 329. Blonder Sclnvabe. Kuckansiclit. 

Beide Gestalten zeigen schlanke, zierliche Gliedmassen, einen 
gut modellierten Rumpf mit deutlicher Ausprägung der sekundären 
Geschlechtsmerkmale, geringe Körperbehaarung und ziemlich dunkel- 
braune Hautfarbe. Die Haare sind bei beiden Avellig gelockt. 

In der Gesichtsbildung zeigen beide einen geringen Grad von 
Torus frontalis, wulstige Lippen und grobe Züge. Der Nasenrücken 



384 



Die menschlichen Rassen. 




Fig. 330. Brüuettei- Oesterreiclier. 



Schwerdtner.) 



ist bei dem jungen Mann hoch und schmal, nur an der Spitze 
breiter, beim Mädchen von aquiliner Gestaltung. 

Die Brüste des Mädchens zeigen den areolaten Bau, die Hüften 
sind nur wenig breiter als beim Manne, dagegen sind die Ober- 
schenkel runder und voller und die Taille deutlich ausgeprägt. 

Bei zwei Vertretern der singhalesischen Gruppe (Fig. 325 u. 326) 



Die leukoderme Hauptrasse. 



385 




Fiff. 331. Brünetter Oesterreiulier. ßiickiiusiclit. (öamuilung Schwerdtner.) 



finden sich völlig normale Proportionen. Bei dem Mann beträgt 
dabei die Körperhöhe 7,6, bei dem Mädchen sogar 8 Kopf höhen. 
Beide Gestalten zeichnen sich durch grosse Reinheit der Körper- 
formen mit vollkommener Ausprägung der sekundären Geschlechts- 
merkmale, sowie durch grosse Feinheit und Regelmässigkeit der 
Gesichtszüge aus. 

Stratz, Die Naturgeschichte des Menschen. 25 



386 



Die nienscMichen Eassen. 



Die Tamils bilden somit eine 
Mittelstufe zwischen den proto- 
mor2:)lien Weddas und den höclist- 
entwickelten Siughalesen. 

Weitere Beispiele rein leuko- 
dermer männlicher Körperbildung 
sind die Figuren 327 — 331. 

Die Proportionen des blonden 
Müncliener Jünglings (Fig. 327) 
liegen dem in Fig. 181 konstruier- 
ten Kanon zu Grunde. Sie sind 
völlig normal bei einer Körper- 
höhe von 8 Kopf'höhen. 

Fig. 328 und 329 stellt einen 
blonden Schwaben in der Vorder- 
und Rückansicht dar. Bei einer 
Körperhöhe von 7^/2 Kopf höhen 
besteht geringe Unterlänge der 
Beine und normale Armlänge. Hier 
handelt es sich um einen indivi- 
duellen Unterw^ert in der Beinlänge. 
Die in der Rückansicht besonders 
deutliche, leichte Krümmung des 
linken Unterschenkels macht es 
wahrscheinlich, dass es sich um 
eine krankhafte Verkürzung durch 
in der Jugend überstandene Rha- 
chitis handelt, die, diesen bei der 
arbeitenden und schlecht genährten 
Bevölkerung Europas ziemlich häu- 
figen Fehler verursachte. 
Ein besonders schönes Beispiel des brünetten europäischen 
Typus bietet der in Fig. 330 u. 331 dargestellte Wiener, welcher 
bei dem Wettbewerb männlicher Schönheit in Wien mit dem zweiten 
Preise ausgezeichnet wurde. Herr Bildhauer Schwerdtner hat 
beide Aufnahmen gestellt. 




Fier- 332. Dimkelbloiule Böhmin. 



Die leukoderme Hauptrasse. 



387 



Bei einer Körperhöhe von 7,8 Kopfhöhen zeigt diese Gestalt 
völlig normale Verhältnisse, dabei eine ausgesprochen männliche 
Bildung mit kräftigen und nicht athletenhaft missformten Muskeln, 
breite Brust, schmale Hüften, gerade Gliedmassen und schmale 
Gelenke. 

Als weibliches Gegenstück kann eine dunkelblonde Böhmin 
gelten (Fig. 332), welche bei 7,75 Kopf höhen ebenfalls völlig normale 




Fig. 333. Kopf eines Somali. 
[(Phot. G. Fritsch.) 



Fig. 331. Kopf eines Somali. Profil. 
(Phot. G. Fritsch.) 



Proportionen und die sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmale 
in schöner Vollendung besitzt. 

Die weibliche Rundung der Formen, die breiteren Hüften, die 
schmale Mitte, die runden, hochangesetzten Brüste mit vorspringen- 
der Warze stellen die reinste Form der leukodermen weiblichen 
Bildung dar ^). 

Abgesehen von der bereits erwähnten grösseren und geringeren 
Beimischung xanthodermer Elemente im nördlichen und westlichen 
und melanodermer im südlichen Verbreitungsgebiet der weissen 

M "Weitere Beispiele siehe Stratz, Die Schönheit des weiblichen Körpers 
und Die Rassenschönheit des Weibes. F. Enke. 



388 



Die menschlichen Rassen. 



Rasse selbst finden sich an allen diesen Orten breite Bezirke, die 
von metamorpben Formen eingenommen werden. Diese bilden einen 
allmählichen Uebergang zu der benachbarten Hauptrasse 





Fig. 335. Lappländer, lilouder, von vorn. 
(Phot. Güntlier.) 



Fig. 336. Lappläuder, blouder. Piofll. 
(Phot. Günther.) 



Von diesen zahlreichen Mischformen seien hier nur einige be- 
sonders kennzeichnende herausgegriffen. 

Fig. 333 u. 334 zeigt den Kopf eines von G. Fritsch jDhoto- 
graphierten Somali aus Aden. 



Die leukoderme Hauptrasse. 



389 



Die schmale, gerade, leicht aquilin gekrümmte Nase, die wenig 
vorstehenden Kiefer und die hohe, gewölbte Stirn vertreten das 
leukoderme Element, die wulstigen Lippen, die dunklere Hautfarbe, 




Fig. 337. LiqiiiluiKb'r, liiuurtliT, von vetiii. 
(Phot. Güuther.) 



Fig. 338. Lappländer, brüuetter. riolil. 
(Phot. Günther.) 



das krause, fast wollige Haar das melanoderme Element dieser 
Mischung, welche G. F ritsch als die äthiopische metamorphe 
Rasse zusammengefasst hat. 

Neben diesem, eine Mittelstellung einnehmenden Vertreter 



390 Die menschlichen Rassen. 

schwarz-weisser Mischung finden sich die verschiedenartigsten Ab- 
stufungen nach der weissen und schwarzen Richtung hin. 

An den Berührungspunkten der weissen mit der gelben Rasse 
sind zwei grosse Gebiete, von denen das nördliche durch die soge- 
nannten Turanier, das südliche durch die Indochinesen eingenom- 
men wird. 

Ueber die anthropologische Stellung der sogen. Turanier dürfte 
das letzte Wort noch nicht gesprochen sein. 

Es unterliegt keinem Zweifel, dass ein Teil dieser Stämme 
eine sekundäre gelbweisse metamorphe Mischform ist. Als Beleg 
für die Abstammung müssen sich dann aber individuelle Bildungen 
finden, in denen der Charakter der einen oder anderen Hauptrasse 
unzweideutig zu Tage tritt. Zu solchen Stämmen gehören unter 
anderen die Tataren , von denen einzelne eine so unzweideutige 
Mongolenfalte besitzen, dass der Einfluss der bereits einseitig diffe- 
renzierten xanthodermeu Rasse auf die Körpergestaltung nicht aus- 
geschlossen werden kann^). 

Anders dagegen steht es mit den Lappländern, von denen 
zwei, welche auch von Virchow in Berlin untersucht wurden, in 
den Fig. 335, 336, 337 u. 338 nach Photographien von C. Günther 
dargestellt sind. 

V^irchow fand als Endergebnis sämtlicher von ihm untersuchten 
Lappen: geringe Körperhöhe von durchschnittlich 150 cm, Ueber- 
wiegen der Spannbreite über die Körperhöhe, vorwiegende Kurz- 
köpfigkeit, keinerlei ausgesprochen mongolische Kenn- 
zeichen, insbesondere keine Mongolen falte, straffes bis 
leicht gewelltes Haar von blonder, brauner und dunkler Farbe ; als 
besonders eigentümlich hebt er die geringe Ausbildung des Unter- 
kiefers hervor; hellbraune bis weisse Haut, geringe Körperbehaarung. 

Von den beiden hier dargestellten Lappen ist der erste (Fig. 335,. 
836) blond, der zweite, ältere (Fig. 337, 338) brünett. 

Die Betrachtung beider Bilder bestätigt zunächst die Virchow- 
sehe Beschreibung, aus der sich, abgesehen von dem Fehlen der 
einseitig mongolischen Kennzeichen, hervorheben lässt, dass die 



Vo-l. Fiff. 157 in Rassenschönheit. 5. Auflag-e. 



Die leukodei'me Hauptrasse. 



391 



S p a n n b r e i t e grösser ist als 
die Körperhöhe. Dieser Umstand 
lässt auf eine U e b e r 1 ä n g e der Arme 
schliessen. 

Mit der Konstruktion ergibt sich 
in der Tat, dass der blonde Lappe 
mit 6, und ebenso der brünette Lappe 
mit 6,5 Kopfhöhen eine beträchtliche 
Ueb erlange der Arme, dagegen 
eine Unterlänge der Beine besitzt. 

Ferner zeigen beide eine geringe, 
aber doch ausgesprochene Betonung 
des Torus frontalis, eine zAvar hohe, 
dabei aber doch breite Nase, somit 
im ganzen eine Reihe von proto- 
morphen Kennzeichen ohne aus- 
gesprochenes Hinneigen an xantho- 
derme oder leukoderme Bildung. 

Die individuelle Variabilitäts- 
breite ist durch das Vorhandensein 
hellerer Farben in Haut und Haar 
grösser als bei der gelben Rasse. Der 
geringe Umfang der Unterkiefer, so- 
wie die runde Bildung des Kinnes 
erinnert ebenso wie die Körperbildung 
überraschend an die analoge Gestal- 
tung der Feuerländer. 

Ohne aus diesen Beobachtungen 
allzuweit gehende Schlussfolgerungen 
ziehen zu wollen, sei doch bemerkt, 
dass das Vorhandensein einzelner pro- 

tomorpher Symptome im Zusammenhang mit dem Fehlen individuell 
ausgeprägter, einseitig progressiver Merkmale der gelben und Aveissen 
Rasse dafür spricht, dass die Lappen möglicherweise einen proto- 
morphen Ueberrest des weissgelben Urstammes darstellen und somit 
auf gleicher Linie mit den Amerikanern und Ozeaniern stehen. 




Fig. 339. Bii-maue. iPliot. M. FeiTars.) 



392 



Die menschliclien Rassen. 



Die südlichen, indochinesisclien Mischformen nähern sich, wie 
bereits erwähnt, mehr dem xanthodermen Typus. 

Eine überwiegend leukoderme 
Körperbiklung dagegen zeigen 
die Birmanen, von denen die von 
M. F e r r a r s aufgenommenen 
Fig. 339, 340 u. 341 vorzüghche 
Beispiele bieten. 

Fig. 339 , dem birmanischen 
Ideal männlicher Schönheit ent- 
sprechend , zeigt bei 7,5 Kopf- 
höhen normale Proportionen, im 
Gesicht ausser einer leichten An- 
deutung der Mongolenfalte den- 
selben leukodermen Typus, wie 
er in den Singhalesen vertreten ist. 
Aus den Fig. 340 u. 341 ist 
die schöne Bildung des Rückens 
und der Gliedmassen ersichtlich. 
Beide Figuren haben normale 
Proportionen, welche bei dem 
Fischer in Fig. 341 sich mit einer 
Körperhöhe von beinahe 8 Kopf- 
höhen verbinden. 

Diese drei Gestalten können 
alsTypus gelb weisser Metamorphie 
mit vorwiegend weisser Körper- 
bildung gelten. . 

Die weiss-schwarzen und die 
weiss-gelben Mischformen verlie- 
ren sich vom weissen Typus im- 
mer mehr in den schwarzen und 
gelben. Wenn man als Höhepunkt der jeweiligen Mischung den 
Zustand betrachtet, in dem die Elemente der verschiedenen Haupt- 
rassen sich ungefähr im Gleichgewicht befinden, dann muss man 
zur Aufstellung zweier m et amorpher Rassen kommen, der äthio- 




i'u 



üiimiiuisclier üallspieler. 
(Phot. M. Ferrars.) 



Die leukoderme Hauptrasse. 393 

pischen und der malaiischen. Die äthiopische entspricht dem 
weiss-schwarzen, die malaiische dem weiss-gelben Metamor])hismiis. 



Fig. 341. Birmanischer Scliift'er. (Phot. M. Ferrars.) 

Eine reiche Auswahl von photographisch beglaubigten Bei- 
spielen der Uebergangsstufen in äthiopischer Richtung enthält der 
Atlas ägyptischer Volkstypen von F ritsch und daran sich an- 
schliessend das Album der oberen Nilvölker von R. Buchta; für 



394 Die menschlichen Eassen. 

die Uebergangsstufen in malaiischer Kichtung finden sich ent- 
sprechende Belege in dem Atlas ostasiatischer Völker von B. Hagen. 

Die Werke von F ritsch und Hagen kommen dem anzu- 
strebenden Ideal modern - anthropologischer Darstellungsweise am 
nächsten. 

Der Uebersicht halber verzichtete ich auf eine ausführlichere 
Behandlung der metamorphen Gestaltung und betrachtete sie nur 
kurz im Zusammenhang mit den jeweiligen Hauptrassen. 

Unter diesen scheint nach unseren bisherigen Erfahrungen die 
weisse Rasse die mächtigste und lebensfähigste zu sein. Wo sie 
mit anderen Rassen in Berülirung kommt, verleiht sie den Misch- 
formen den mit jeder Generation sich verstärkenden weissen Rassen- 
stempel und löst die fremden Elemente mit stets schwächer werden- 
der Verdünnung in ihrem übermächtigen Blute auf. 

Der Kamjif um die Herrschaft zwischen weisser und schwarzer 
Rasse entscheidet sich schon jetzt unzweideutig zu Gunsten der 
ersteren. Mit der gelben Rasse ist das letzte Wort noch lange 
nicht gesprochen worden, es ist aber — vom naturwissenschaftlichen 
StandiDunkt aus — unzweifelhaft, dass auch hier auf die Dauer das 
weisse Element den Sieg behalten wird. Denn wie es sich einer- 
seits durch zähes Festhalten an primitiver Gestaltung die grösste 
Anpassungsfähigkeit bewahrte, hat es anderseits durch Vermeidung 
einseitiger Progression seine Weiterentwicklung in gerader Linie 
in keiner Weise in Schranken gelegt. 

Neben diesem weiteren Gesichtspunkt verliert eine bis in alle 
Einzelheiten ausgearbeitete systematische Einteilung aller kleineren 
Menschengruj^pen an Bedeutung. 

Je reicher aber das Material wird, desto leichter werden wir im 
stände sein, auch in dieser Richtung weitere Erfolge zu verzeichnen. 

Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ist es sehr zu wünschen, 
dass bald und in ausgedehnter Weise dieser kostbare Stoff gesam- 
melt wird; denn die älteren Geschlechter sterben bei zunehmendem 
Weltverkehr in der Berührung mit der gewaltigen weissen Kultur 
immer mehr aus und fallen wie welke Blätter vom Stammbaum 
der Menschheit. 



Schlusswort. 

Die hier skizzierten Rassenbilder machen weder auf Vollständig- 
keit noch auf strenge Durchführung eines Systems Anspruch. Dazu 
sind weder die einzelnen Grupj3en noch die einzelnen körperlichen 
Eigenschaften der Menschen genügend bekannt. 

Worauf es mir ankam, war, eine wissenschaftlich begründete 
Beobachtung der verschiedenen Formen menschlicher Gestaltung 
anzubahnen, und in die Anthropologie eine ähnliche Untersuchungs- 
art einzuführen, wie sie schon lange in der Medizin gebräuchlich 
ist, um die krankhaften Veränderungen des Körpers zu erkennen. 
Ebenso wie eine Krankheit nur ganz ausnahmsweise an einem 
Symptom erkannt werden kann — wie etwa die Rückenmarks- 
schwindsucht an dem eigentümlichen Gang der Kranken — und 
sich meist aus einer Fülle von Symptomen zusammensetzt, deren 
richtige Deutunar eine sorgfältige Ueberlegung und Sichtung ver- 
langt, ebenso- setzen sich auch die Rassenbilder aus einer Fülle von 
körperlichen Kennzeichen zusammen, die umso sorgfältiger be- 
stimmt werden müssen, je weiter man die Trennung der Menschheit 
in kleinere Gruppen durchführen will. 

Unter diesen körperlichen Eigenschaften sind wiederum die aus 
der vergleichenden Phylogenese sich ergebenden wichtiger als andere, 
die scheinbar eine grosse Bedeutung haben. 

Weit wichtiger als alle Schädelmaasse ist die grössere oder ge- 
ringere Ausprägung der Ueberaugenwülste, Aveit wichtiger als die 
Körpergrösse sind die Verhältnisse der einzelnen Körperteile zu- 
einander, weit Avichtiger als die Farbe der Haut und der Haare ist 
der Verlauf der kleinen Falte über dem Auge und die Gestaltung 
der Aveiblichen Brustwarze. 

Mit zunehmender Erkenntnis der vergleichend - anatomischen 
Untersuchung werden sich die scheinbar geringfügigen Kennzeichen 



396 Schlusswort. 

des Körpers mehren , die eine wertvolle Handhabe zur richtigen 
naturwissenschaftlichen Beurteilung des Menschen zu bieten im 
stände sind. 

Die sachverständige Betrachtung des nackten menschlichen 
Körpers und die sorgfältige Untersuchung seiner Teile und Organe 
bilden die wichtigste Grundlage der somatischen Anthropologie. Ihr 
am nächsten steht die genaue photographische Wiedergabe des 
nackten Körpers. Dabei hat wieder ein aus vielen ausgewählter, 
besonders fehlerfreier Körper mehr Wert als die Photographien zahl- 
reicher Individuen ohne Auswahl. Nach der Photographie kommen 
die Zahlen, worunter auch wieder wenige von völlig gesunden und 
gut gebildeten Menschen grösseren Wert besitzen als die bei vielen 
Tausenden ohne Auswahl gefundenen Durchschnittszahlen. 

So weit es mir möglich war, habe ich gesucht, den hier auf- 
gestellten Grundsätzen gerecht zu werden. 

Aus eigener Erfahrung ist mir bekannt, wie schwierig es ist, 
auf Reisen sorgfältige anthropologische Untersuchungen anzustellen, 
und wie unendlich viel schwieriger, andere, die durch ihren Auf- 
enthalt in fremden Ländern dazu in der Lage wären, zu ähnlichen 
Untersuchungen zu veranlassen. 

Die meisten derartigen Versuche scheitern an dem Widerwillen 
gegen die langweilige Beschäftigung, zahlreiche Maasse zu nehmen, 
und an dem durch individuelle Auffassung getrübten Werte dieser 
Maasse selbst, wenn sie einmal wirklich genommen worden sind. 

Deshalb empfiehlt es sich, namentlich bei Nichtanthropologen, 
die Zahlenangaben auf das kleinste Maass, nötigenfalls bis auf die 
Angabe des Alters und der Körperhöhe einzuschränken, und eventuell 
gewünschte weitere Maasse besser nachträglich an der Photographie 
zu berechnen. Nur so, glaube ich, wird es gelingen, ein grösseres, 
einheitliches und wissenschaftlich brauchbares Material zu erlangen. 

Wo dies möglich , ist natürlich eine ausgiebigere Verwertung 
des Materials sehr erwünscht, für die ich folgende Vorschläge machen 
möchte. 

Um individuelle Fehlerquellen einzelner Untersucher möglichst 
auszuschalten und eine objektive Vergleichung sämtlicher Befunde 
zu ermöglichen, ist es nötig, nur grössere Körperabschnitte zu 



Schlusswori. 



397 



messen und die Maasse auf das Nötigste zu beschränken, den Haupt- 
wert dagegen auf gute Photographien des nackten Körpers, wo- 



iKh . 



2Kh 



?>Kh 



8l\h — 




/4Kh ^t 



5Kh _ 



6Hh 



iKh . 



\ Kopfftöhc 



Armlange 



\- Beinlänge 



BM-' 

Fig. 3i2. Antluopologisches Messuugsschema. 



raöslich in der Ansicht von vorn, von hinten und von der Seite 
zu legen. 

Um eine möglichst geringe Verschiebung der Proportionen in der 
Photographie zu bekommen, muss diese in möglichst grossem Abstand 



398 Sclilusswort. 

mit Einstellung auf die Körpermitte aufgenommen werden. Nachträg- 
liche Vergrösserungen kleiner Aufnahmen bieten die besten Resultate. 

Die wichtigsten Maasse ergeben sich aus dem in Fig. 342 skiz- 
zierten anthropologischen Messungsschema, welches zugleich dem 
Kanon von Fritsch entspricht. 

Von Längenmaassen genügen: 

1. Gesamthöhe H bis zum Boden Bn, 

2. Kopfhöhe H bis K. 

3. Arm länge ^-li bis Au, 

4. Bein länge JBi bis zum Boden Bn 

Für die Armlänge ist die Entfernung vom Schultergelenk bis 
zum unteren Ende des Mittelfingers ohne grosse Schwierigkeit fest- 
zustellen. 

Für die Beinlänge wurde von verschiedenen Autoren der Ab- 
stand der Spina ilei anterior, der Symphyse, des Schritts und des 
Trochanter major vom Boden augegeben. 

Von allen diesen Maassen kommt die Trochanterenhöhe der 
wirklichen, vom Hüftgelenk aus gemessenen Beinlänge am nächsten. 
Je nach der individuellen Bildung wird sie bei horizontalem Verlauf 
des Schenkelhalses genau stimmen, bei ansteigendem Verlauf aber 
etwas kürzer als die wirkliche Beinlänge ausfallen. 

Von Breitenmaassen am Lebenden genügen: 

5. grösste Kopf breite, 

6. „ Schulterbreite, 

7. „ Hüftbreite, 

8. kleinste Taillenbreite. 

Das letztere Maass hat namentlich Wert für die stärkere oder 
schwächere Ausprägung der sekundären Geschlechtscharaktere bei 
der Frau. 

Am Kopfe ist ausserdem von Wichtigkeit 

9. der Abstand der Pupillen (Grundlinie von Seggel) 
und 

10. die Entfernungen dieser Linie von Scheitel und 
Kinn, welche nach Geyer beim normalen erwachsenen 
Europäer gleich gross sind. 
Wenn Auswahl möglich ist, scheiden zunächst alle nicht 



Schlusswort. 399 

gesunden Individuen von der anthropologischen Verwertung aus. 
Unter den übrigen lässt sich die Variabilitätsbreite durch die stärkste 
Ausprägung der primitiven Merkmale als unterste, wie der pro- 
gressiven als oberste Grenze bestimmen. 

Hierbei bilden die allgemein progressiven Merkmale die tat- 
sächlich oberste Grenze der Variabilität , während die einseitig 
progressiven Merkmale die stärkste individuelle Ausprägung des 
Rassencharakters sind. 

Streng genommen müssen deshalb für jede Rasse mit aus- 
gesprochen einseitiger Ausbildung je drei Vertreter aufgestellt 
werden. 

Für die schwarze Rasse zum Beispiel würde, wenn wir uns der 
Uebersicht halber mit einem Symptom begnügen, das Individuum 
mit dem verhältnismässig grössten Gehirnschädel der oberen Varia- 
bilitätsgrenze, das mit den stärksten Kiefern dem einseitigen 
Rassencharakter und das mit den kräftigsten Ueberaugenwülsten der 
untere n Variabilitätsgrenze entsprechen. 

Wie beim lebenden Körper, so ist auch für die Skeletteile, 
besonders für den Schädel, die Photographie beziehungsweise die 
genaue graphische Wiedergabe das wichtigste Dokument. 

Nächst der- Seitenansicht, die eine rasche Orientierung des Ver- 
hältnisses zwischen Gesichts- und Gehirnschädel am besten ermög- 
licht, ist die Vorderansicht, in dritter Linie die Ansicht von oben, 
die Norma verticalis von Wichtigkeit. 

Von Maassen genügt die Feststellung der Glabellainionlinie 
(Schwalbe) oder die Front auricularlinie, die ich in den meisten 
Fällen verwertet habe. Zum Ueberfluss lässt sich die Bestimmung 
der grössten Länge und grössten Breite (Retzius) hinzufügen. 
Danach genügte es, ausser der Photographie beim lebenden 
Menschen höchstens 8 bis 10, beim Schädel höchstens 3 bis 4 Maasse 
zu nehmen, von denen die meisten wegen der Grösse des Objekts 
und der leicht zu ermittelnden Messpunkte nur geringe individuelle 
Fehlerquellen in sich schliessen. 

Die Schwierigkeit liegt eigentlich nur in der Auswahl der ge- 
eigneten Individuen, die ein wissenschaftlich und klinisch vorge- 
bildeter Beobachter selbstverständlich rascher, sicherer und genauer 



400 Schlusswort. 

vornehmen kann, als ein Reisender, der nur nebenher sich auch der 
Anthropologie dienstbar machen will. 

Je reichhaltiger dieses Material ist, je schöner und zahlreicher 
die Bilder, desto mehr wird sich unsere Kenntnis von der Gestaltung 
des menschlichen Körpers vervollständigen. Diese Kenntnis allein 
aber ermöglicht auch einen praktischen Einfluss auf die grössere 
Vervollkommnung des Menschengeschlechts, auf eine bewusste Zucht- 
wahl, wie sie der Mensch schon lange bei Tieren angewendet hat. 
Diesem Zwecke dient in allerletzter Linie die in diesem Buche an- 
gestrebte Betrachtung des menschlichen Körpers. 

Vorläufig müssen wir uns begnügen, die mannigfaltigen Körper- 
formen unserer Mitmenschen erkennen und sachverständig beurteilen 
zu lernen. 

Unsere heutigen Kenntnisse habe ich in grossen Zügen in 
diesem Buche zusammengestellt. Möge die hier gegebene Anregung 
zu einem weiteren Ausbau der Naturgeschichte des Menschen 
führen. 



Sacliverzeiclinis. 



Abstammung s. Descendenz. 

Acantbias vulgaris, Haifischart 51. 59. 

Adelaide 277.' 

Aetas 223. 

Aethiopier 369. 

Afl:enabstammung des Menschen 14. 

Affenähnlich s. pithekoid. 

Ahnenreihen 49. 

Aino 223. 249. 369. 370. 375. 

Akka 247. 337. 

Allantoisblase 52, 98. 

Alluvium 27. 

Amboss 61. 

Amerikaner 248. 313. 

Amnion (Schafhaut) 53. 

Amphibien 30. 

Anamiten 268- 

Anaptomorphus homunculus 27. 35. 

Andamanen 301. 

Anpassung an den aufrechten Gang 149. 

Anthropogenie 7. 

Anthropoiden, Menschenaffen 66. 

Anthropometrie 6. 397. 

Anuren, schwanzlose Lurche 56. 

Archimorphe (herrschende) Rassen 224. 

Archipterygium, Urflosse 57. 

Areola, Brustwarzenhof 164. 

Areolomamma, Brustknospe 164. 

Arktogaea, arktischer Tierkreis 43. 

Armbeinindex 204. 

Arteria, Schlagader; caudalis Schwanz - 

ader 73. 
— sacralis media, mittlere Kreuzader 

73. 
Articulare, Gelenkknochen 61. 
Atavismus 85. 
Auge, drittes 75. 

Australier 218. 219. 227. 244. 257. 265. 
Azoische (lebenlose) Periode 2. 
Azteken 225. 



B 



Bahau 334. 
Bantu 364. 
Barineger 227. 



Basale, Grundbein 57. 
Basuto 343. 

Battak 249. 328. 
Beckeneingangsebene 147. 
Befruchtung 93. 
Behaarung 33. 
Beinlänge 204. 
Beuteltiere s. Marsupialier. 
Birmanen 381. 
Blinddarm 84. 
Böhmen 173. 38G. 
Bogadjim (Neuguinea) 285. 
Borrebyschädel 215. 
Brachyanthropen , Kurzmenschen 193. 
Brachykephalen, Kurzköpfe 5. 176. 
Brachyopse, Kurzgesichter 176. 
Brachystaphylin, lareitgaumig 178. 
Breitgesichter s. Chamäprosopen. 
Breitnasen s. Platyrrhinen. 
Brustdrüsen 163. 
— überzählige S7. 
Brustwarze s. Papilla. 
Brustwarzenhof s. Areola. 
Büschelhaarige s. Lophokomoi. 
Buschleute 302, 

Calcaneus, Fersenbein. 
Caracteres zoologiques 175. 
Carbon, Kohlenformation 27. 
Carnivoren , Fleischfresser , Raubtiere. 
Cartilago Meckeli, Meckelscher Knorpel. 
Celebes, Gestaltung von 40. 
Cetaceen, Waltiere 36. 
Chamäkephalen, Flachschädel 176. 
Chamäkonchie , niedrige Augenhöhle 

177. 
Chamäprosopen, Breitgesichter 5. 176. 
Chinesen 227. 229. 234. 356. 
Chirotherien, Handtiere 27. 38. 
Chorda dorsalis, Rückenstrang 73. 
Chordaten. Rückenstrangtiere 28. 
Chorion, Zottenhaut 53. 99. 
Claviculare (sc. os) , Schlüsselbein 57. 
Cochinchinesen 388. 
Cöcum (sc. intestinum), Blinddarm 84. 
Collective type (Huxley) 15. 



Stratz, Die Naturgeschichte des Menschen. 



26 



402 



Sachverzeichnis. 



Coracoid (sc. os) , Rabenschnabelbein 

57. 
Cranium, Schädel. 
Cretinismus 85. 
Cro-Magnonschädel 214. 
Cuboid (sc. os), Würfelbein. 
Cuneiforme(sc. os), Keilbein (des Fusscs). 

D 

Dajak (s. a. Kajan, Punan) 223. 249. 
329. 

Darwinsche Spitze (am Ohr) 81. 

Decades craniorum , Zehnzahlen von 
Schädeln 5. 

Deckknochen 123. 

Descendenztheorie, Abstammungslehre 
13. 

Devon 27. 

Diaphyse , Mittelstück der Röhren- 
knochen 141. 

Didelphier, zweischeidige Tiere (Beutel- 
tiere) 36. 

Diluvialer Mensch 25. 213. 

Diluvium 27. 

Diskoidal, scheibenförmig 35. 

Dolichanthropen, Langmenschen 193. 

Dolichokephalen (cephalen), Langköpfe 
5. 176. 

Dolichopse, Langgesichter 176. 

Dominanten, Führungslinien 131. 

Doppelmissbildungen 85. 

Dotterarm s. holoblastisch. 

Dotterreich s. meroblastisch. 

Dottersack 97. 

Dravida 249. 

Dschagga 237. 

E 

Ecole des faits u. philosophique 9. 

Edelhirsch 35. 

Edentaten, zahnarme Tiere 36. 

Ei (jüngstes menschliches) 102. 

Eigenschaften, erworbene und ererbte 9. 

Eizelle 18. 

Ektoderm , äusseres Keimblatt des 
Embryo 97. 

Elephas antiquus, Urelefant 35. 

Embryo, Keimling 96. 112—115. 119. 

Entoblast, inneres Keimblatt des Eies 
96. 

Entoderm, inneres Keimblatt des Em- 
bryo 97. 

Eocän (von Eos, Morgenröte) 27. 

Epiphyse a) Zirbeldrüse 75. 

— b) Endstücke der Röhrenknochen 141. 

Erdmenschen 811. 

Erinaceus europaeus, Igel 15. 99. 

Eriokomos, vlieshaarig 7. 



Eskimo 216. 220. 249. 353. 375. 
Ethnographie, Völkerkunde 1. 
Euplokomos, lockenhaarig 7. 
Euthykomos, straffhaarig 7. 
Evolution, Entwicklung 13. 
Exokölom, äussere Eihöhle 96. 

F 

Fährtenplatten 31. 

Femur, Oberschenkelbein 58. 

Fersenbein 142. 

Fettpolster 161. 

Feuerländer 225. 229. 232. 315—321. 

Feuersteinsplitter 17. 

Fibula, Spange, Wadenbein 58. 191. 

Filum terminale, Endfaden 76. 

Flachschädel s. Chamäkephalen. 

Fleck, blauer, der Mongolen 240. 

Fovea coccygea, Steissgrube 79. 

Franzosen 145. 

Frontauricularlinie , Stirnohrlinie 399. 

Frosch, Rana. temporaria 66. 

Fruchtwasser, Liquor amnii 99. 

Fülle des Kindesalters 135. 

Fünflinge (menschliche) 88. 

Funktionswechsel u. Funktionsschwund 

71. 
Fussskelett 80. 

ii 

Gajo 329. 
Galla 347. 
Gebiss fossiler Tiere 37. 

— des Menschen 137. 

Gehirn von Tieren und Menschen 63. 
Gehirnblasen 61. 
Gehirngewichte 66. 
Gehirnschädelindex 152. 
Gehirnwinkel 181. 
Geschlechtsdrüsen 154. 
Geschlechtsmerkmale 154. 
Gesicht, Entwicklung des 116. 
Gesichtswinkel von Camper 4. 

— von Broca 180. 
Gespenstertier s. Tar'feius. 
Glabellainionlinie (Stirnhinterhaupts- 
linie) 399. 

Gondokoro 349. 

Gorilla 64. 80. 81. 

Grundlinie von Seggel 132. 398. 

H 

Haftstiel 51. 

Haifisch s. Selachier. 
Halsfisteln 86. 
Halsrippen 87. 
Hammer 61. 
Handskelett 80. 



iSachverzeichnis. 



403 



Ilartschädol 212. 

Hatteria, Brückeneclise in Neuseeland 
86. 

Hautmuskeln 81. 

Herero 348. 

Herzfehler, an<^eborene 86. 

Herz Wölbung 111. 

Hoclischädel s. Hypsikephalen. 

Höhlenbär 18. 35. 

Holoblastisch, ganzkeimig, dotterarmes 
Ei 50. 

Homo , Mensch ; H. priraigenius , Ur- 
mensch 213. 

— sapiens 4. 

— troglodytcs s. sylvestris, Wald- 
niensch 3. 

Homologie, Uebereinstimmung 49. 

Hottentotten 302. 300. 307. 311. 

Hova 273. 

Huftiere s. Ungulaten. 

Huhn, Ei 53. 

— Embryo 113. 
Humboldtbai (Neuguinea) 288. 
Humerus, Oberarmbein 58. 
Hund, Geruchsorgan 82. 
Hydrokephalus, Wasserkopf 83. 
Hyoid (sc. os), Zungenbein. 
Hypertrichosis , übermässige Körper- 
behaarung 88. 

Hypophyse, Gehirnanhang 75. 
Hypotheria, Ursäuger 32. 
Hypsikephalcn, Hochschädel 176. 
Hypsikonchen mit hohen Augenhöhlen 
177. 

I J 

Jabim, Papuastamm 288. 
Japaner 189—192. 19i. 238. 243. 
362. 

Igel s. Erinaceus. 
llium (sc. os), Darmbein 57. 
Indogermanen 368. 
Inkabein 179. 

Inscriptiones tendineae , sehnige Zwi- 
schenstreifen 77. 
Ischium, Sitzljein 57. 
Isolationszentren 44. 
Italiener 172. 
Jura 27. 39. 
Iviubeima, Eluss in Südamerika 320. 

K 

Känguruh 260. 

— Blinddarm des 84. 
Kaft'ern 340. 

Kahnbein s. Schiffbein, Naviculare. 
Kajan 334. 



Kalahariwüste 311. 
Kamljrium 27. 
Kanaken 249. 320. 328. 
Kanon von Eritsch 197. 

— von Geyer 200. 

— von Richer 202. 
Karaja 236. 
Kardinalvenen 74. 86. 
Karnivoren, Raubtiere 15. 
Kataklysmentheorie 10. 
Katze, Blinddarm 84. 
Keilbein des Fusses 142. 

— des Kopfes 187. 
Keimblätter 18. 96. 97. 
Keimschild 96. 
Kiemenbogen 61. 
Kindesalter 135. 
Kinnbildung ISG. 
Kloakentiere s. Monotremen. 
Knochenkerne 141. 
Körpergewicht 137 
Körpergrösse 137. 196. 
Körperhaare 162. 

Körperverhältnisse 197—204. 232. 239. 
Koikoin 223. 246. 301. 
Kollektivtypen 17. 

Kongoneger 340. 

Kopfhaare 162. 240. 

Kopfhöhe 204. 

Korana 308. 

Krakatao 42. 

Kraniologie, Schädellehre 4. 

Kraniometrie, Schädelmessung 175. 

Krapinaschädel 18. 

Kreide 27. 

Kubierung des Schädels 180. 

Kulturform des Menschen 193. 

Kurzgesichter s. Chamäprosopen. 

Kurzköpfe s. Brachykephalen. 



Langgesichter s. Leptoprosopen. 
Langköpfe s. Dolichokephalen. 
Lanugo, Wollhaar 78. 119. 
Lappländer 388. 
Leitfossilien 26. 
Lemuren, Nachtaffen 80. 
Lendenkrümmung 146. 
Lendenrijjpen, überzählige 87. 
Leptoprosopen , Langgcsichter 5. 176. 
Leptorhinen, Schmalnasen 5. 177. 
Leptostaphylineii, Schmalgaumen 178. 
Leukoderme, weisshäutige Rasse 368. 
Liquor amnii, Fruchtwasser 89. 
Lissotriches, Schlichthaarige 7. 
Lockenhaarig s. Euplokomos. 
Lophokomos, büschelhaarig 7. 



404 



Sachverzeichnis. 



M 

Madi 242. 

Makakusohi- 87. 

Malaien 293. 368. 

Mamartasche 164. 

Mamilla, Brustwarze niitWarzenhof 164. 

Mamma, weibliche Milchdrüse 165. 

Mammut 18. 35. 

Mandibula, Unterkiefer. 

Maori 249. 326. 

Marsupialier, Beuteltiere 15. 

Meckelscher Knorpel s. Cartilago. 

Melanesier 300. 

Melanoderme, schwarzhäutige Rasse 
337. 

Mensch, diluvialer 25. 213. 

Merkmale, primitive, rudimentäre und 
progressive der Menschen 89. 207. 

Meroblastisch, teilkeimig, d. i. dotter- 
reiche Eier 50. 

Mesoblast, mittleres Keimblatt des Eies 
50. 

Mesoderm. mittleres Keimblatt des Em- 
bryo 97. 

Mesokephalen (cephalen), Mittelköpfe 5. 
176. 

Mesokonchen mit mittleren Augenhöhlen 
177. 

Mesorhinen, Mittelnasen 5. 178. 

Mesostaphylinen, Mittelgaumen 178. 

Messungsschema von Fritsch 199. 

— anthropologisches 397. 
Mikrokephalie 85. 
Milchdrüsen 33. 

— überzählige 87. 
Milchhügel 164. 
Milchleisten 78. 164. 
Milchzähne 139. 
Miocän 27. 

Modulus, Grundmaass 197. 
Molarzahn. Mahlzahl, vierter 87. 
Mongolenfalte 231. 
Mongolenschädel 355. 
Monodelphen, einscheidige Säugetiere 

88. 
Monogenismus 14. 
Monotremen, Kloakentiere 15. 30. 
Mont Pele 42. 

Mustelus laevis, Haifischart 51. 
Mutationstheorie 13. 

N 
Nabelstrang 99. 
Nackenkrümmung 111. 
Nasenlappen 117. 
Nasenformen 230. 
Naturform des Menschen 193. 
Naviculare (sc. os), SchifFbein. 



Neandertalrasse 35. 210. 

Neandertalschädel 18. 

Nebenniere 73. 

Neger 233. 340. 

Negrito 301. 

Neogaea, südamerikanische Tierregion 

43. 
Neugeborener, Proportionen 127. 
Neuirländer 300. 
Nickhaut 77. 

Norma frontalis u. verticalis 176. 
Normalgestalten 156. 
Notogaea, australische Tierregion 43. 



Oberbrust s. Supramamma. 
Oesterreicher 170. 183. 384. 
Ohrmuschel 81. 
Oligocän 27. 

Omnivoren, alles fressend. 
Omphaloide Placentation 51. 
Omphalos, Nabel. 
Ondonga 166. 
Ontogenese 19. 91. 
Opossum 43. 

Orang-Utan (Orang malaiisch = Mensch, 
Utan = Wald) 64. 68. 81. 85. 189. 
Orthognathen, Geradezähner 5. 178. 
Orthokephalen, Mittelhochschädel 176. 
Os centrale, Handwurzelknochen 58. 
Os Incae, Inkabein 179. 187. 
Ovambo 166. 169. 
Ovipar = eierlegend. 
Ozeanier 313. 



Paläolithisch, altsteinzeitlich. 

Paläontologie 2. 

Papilla, Brustwarze, Zitze 164. 

Papua 223. 244. 284. 

Pavian 81. 

Pentadaktyl, fünffingrig 58. 

Pentamer, fünfteilig 34. 

Pferd, Entwicklungsreihe 35. 

— Blinddarm 84. 

— Schädel 82. 
Phylogenese 19. 

Phylogenetischer Stammbaum 48. 
Pinealorgan s. Zirbeldrüse. 
Pithekanthropus, Affenmensch 27. 211. 
Pithekoid, affenähnlich 15. 92. 179. 
Placenta, Nachgeburt 99. 
Plantivor, pflanzenfressend. 
Platyrrhiuen, Breitnasen 5. 178. 
Platysma, flacher Halsmuskel 81. 
Pleistocän 27. 

Plica semilunaris , halbmondförmige 
Falte 77. 



Sachverzeichnis. 



405 



riiocän 27. 

Polymastie, Vielbrüstigkeit 87. 

l'rilhistorie 2. 

i'iimitive Merkmale des Menschen 20S. 

Primordialcraniuni, Urschädel 16. 12:!. 

Processus, Fortsatz, folianus 74. 

— stylohyoideus (Jl. 74. 

— vermiformis 84. 
Prognathen, Schiefzähner .5. 178. 
Progressive Merkmale des Menschen 

209. 
Proportionen 232. 239. 
Protomorphe Rassen 224. 
Pubicum, Schambein 57. 
Punan 334. 
Papillarlinie 132. 

Quadratum (sc. os) , Quadratbein des 

Fischkiefers Gl. 
Queensland 263. 

R 

Radien, Strahlen 57. 
Radius,Speichenknochen des Unterarms. 
Rassen, Hauptty^^en von Cuvier 20. 
liassenschädel 220. 228. 
Rassenstammbaum 245. 
Raubtiere s. Karuivoren. 
Renntier 35. 

Reptiloid, kriechtierähnlich 16. 
Rezent (recent), neu. 
Rhinoceros antiquus, ürnashorn 18. 35. 
Riechorgan 82. 
Rind 81. 

Röhrenknochen 141. 
Rudimentäre Merkmale des Menschen 
208. 

— Organe 71. 
Rückbildung 71. 

— der Zähne 83. 
Rückschlag 71. 85. 
Rumpflänge 204. 

S 
Samoaner 328. 

Sauromammalier, Kriechsäuger 30. 
Sauropsiden , Stamm der Vögel und 

Reptilien 32. 
Schädelkapazität 64. 
Schädelindices 5. 
Schädelinhalt 6. 
Schädeltypen 4. 
Schaltknochen 179. 
Schellfisch 181. 
Schiefzähner s. Prognathen. 
Schienbein s. Tibia. 
Schiifbein oder Kahnbein des Fusses 142. 



Schimpanse 64. 182. 185. 186. 
Schlangen 34. 

Schlichthaarig s. Lissotriches. 
Schmalnasen s. Leptorhinen. 
Schulineger 349. 
Schwangerschaft 93. 
Schwangerschaftsdauer 94. 
Schwanzbildung 33. S7. 
Schwein, Embryo 113. 
Schwimmhäute 86. 
Seeigelei 95. 
Segmentallehre 16. 
Selachier, Haifische 16. 64. 
Siamesen 368. 
Siebenlinge 88. 
Silur 27. 

Singhalesen 160. 220. 378. 384. 
Slutani 295. 
Somali 347. 387. 
Spermatozoen 50. 
Spina bifida, Rückensjialte 85. 
Sprachstämme 225. 
Sprungbein 142. 

Spyschädel 18. 69. 183. 210. 211. 216. 
Stammbaum, phylogenetischer, des 
Menschen 48. 

— der Rassen 245. 

Steatopygie, Fettsteiss 247. 305. 311. 
Steingeräte, tertiäre 37. 
Stenochrotaphie, Schläfenenge 179. 
Stenops, NachtafFe 84. 
Stirnlappen 117. 
Straffhaarig s. Euthykomoi. 
Streckung des Kindesalters 135. 
Sudanneger 216. 220. 
Südamerikanische Indianer 320. 
Süsswasserschnecken 40. 
Supramamma, Oberbrust 167. 

T 

Talus s. Sprungbein. 

Tamil 187. 376. 381. 

Tarsius spectrum, Gespenstertier 35. 100. 

Taubadji (Neuguinea) 297. 

Teufelsaffe 67. 

Tibia, Flöte, Schienbein 58. 192. 

Tierformen, erstes Auftreten 27. 

Tierregionen 43 (Tafel I). 

Toalla 329. 

Tonganer 249. 328. 

Torus frontalis, Oberaugenwulst 179. 

— occipitalis, Hinterhauptwulst 179. 
Tränendrüsen, akzessorische 86. 
Trias 27. 34. 

Trichologie, Haarkunde 7. 
Trophoblast, Nährblatt 96. 
Turanier 390. 
Type heroiquc 202. 



406 



Namenverzeichnis. 



U 

Uhia, Elle 58. 
Ulotriches, AVollhaarige 7 
Ulu ajar 334. 
Ungulaten, Huftiere 15. 
ünterhautfett 160. 
Unterzunge 77. 
Urampliibium 29. 56. 
Urfisch 29. 55. 
Urniere 75. 

Urodelen, Schwanzlurcbe. 
Urogenitalapparat 73. 
Urprimate .57. 
Ursäuger 33. 56. 



Variabilität 11. 

Variabilitätsbreite 195. 

Vasa hyaloidea, Glaskörpergefässe 76. 

Vena cardinalis, Hauptblutader 74. 

Vivipar, lebendig gebärend. 

Vlieshaarig s. Eriokomos. 

Vorniere 73. 

W 

Wachstum des Menschen 126. 
Wachstumskurven 130. 
Wachstumsproportionen 133. 
Waldmensch s. Homo. 



Walfisch s. Cetaceen. 

Warze s. Papilla. 

Warzenhof s. Areola. 

Wedda (Vedda) 182. 185. 188. 216. 221. 

249. 372. 375. 
Weiberschädel 159. 
Weichschädel 212. 
Wettstreit der Arten 13. 
Wildpferd 35. 
Wollhaar s. Lanugo. 
Wollliaarige s. Ulotriches. 
Wombat. ein Beuteltier 260. 
Würfelbein 142. 



Xanthoderme, gelbhäutige Rasse 352. 

Z 

Zahnarme Tiere s. Edentaten. 

Zahnbildung 33. 

Zahnleiste 74. 

Zirbeldrüse oder Pinealorgan s. Epi- 

physe. 
Zitze s. Papilla. 
Zottenhaut s. Chorion. 
Zuchtwahl 11. 12. 
Zulu 229. 342. 
Zwerchfell 33. 
Zwergmenschen 337. 



Namenverzeichnis. 



Ammon 87. 
Axel Key 126. 



A 



B 



Balz 21. 87. 167. 189. 193. 249. 253. 

363. 371. 
Baer, E. von 18. 30. 
Bartels 126. 153. 253. 
Benckiser 109. 
Benshausen 24. 
Beranek 75. 
Berghaus 40. 
Birckner 86. 
Bischoff 64. 
Blumenbach 4. 

Bonaparte, Prinz Roland 304. 
Boucher de Perthes 17. 



Boveri 95. 
Bowditch 126. 136. 
Braune 146. 
Breuss 101. 
Broca 5. 21. 177. 
Brücke 153. 
Buch, L. von 42. 
Buchta 21. 235. 253. 338. 
Bumm 120. 



393. 



C 



Camerano 171. 
Camper 4. 
Cänstabel 329. 
Claus 56. 60. 
Cope 35. 
Coste 105. 
Cotin 94. 
Cuvier 7. 



Namenverzeichnis. 



407 



1) 

Daffner 126. 

Darwin 10. 11. 12. 24. 89. 
Deniker 21. 175. 248. 25:!. 314. 
Dubois 17. 35. 212. 

E 

Ehrenreich 21. 248. 253. 
Ellis s. Havelock Ellis. 
Engel 212. 

F 

Ferrars 392. 

Finsch 253. 

Forster 284. 

Fraipont 18. 211. 

Fritsch, G. 21. 22. 16G. 175. 193. 197. 

203. 207. 238. 246. 253. 297. 302. 

305. 337. 347. 372. 389. 398. 
Fritsch-Harless 199. 
Froriep 199. 
Fullroth 18. 210. 

Gaupp 32. 

Gegenbaur 16. 24. 30. 32. 49. 77. 80. 

122. 
Geissler 126. 
GeofFroy St. Hilaire 9. 
Geyer 126. 132. 153. 200. 398. 
Giuifrida Ruggeri 171. 
Godefroy 253. 332. 
Goerke 140. 
Goethe 10. 16. 
Gould 193. 

H 

Haberer 2-53. 

Haeckel 7. 14. 19. 24. 30. 35. 47. 93. 

Hagen. B. 21. 235. 244. 253. 285. 288. 

329. 352. 358. 382. 394. 
Havelock Ellis 153. 169. 
Hegar 154. 
Henke 126. 139. 150. 
Hennig 126. 
Herodot 3. 
Hertwig, 0. 16. 24. 53. 93. 95. 109. 

123. 
Hertwig, R. 24. 35. 43. 260. 
His 19. 24. 78. 93. 101. 106-114. 
Hörnes 24. 207. 
Hofmeier 108. 

Hubrecht 20. 24. 30. 33. 54. 93. 96. 
Hutchinson 207. 253. 
Huxley 15. 17. 20. 22. 176. 206. 218. 
Hyades 21. 248. 253. 814. 



Jacobson 77. 



K 

Kate, ten 248. 363. 870. 
Keibel 32. 

Klaatsch 1. 16. 18. 23. 30. 35. 86. 140. 
175. 189. 192. 208. 207. 210. 263. 
Kölliker 24. 

Koganei 129. 249. 253. 3.52. 369. 375. 
Kohlbrugge 336. 
Kollmann 5. 176. 
Kramberger 18. 210. 
Kupfer 76. 

L 

Lamark 9. 

Lange, E. von 126. 130. 

Langer 150. 

Lepsius 347. 

Linne 3. 

Lippert 25. 

Lyell 10. 24. 26. 

Manouvrier 213. 

Marsh 36. 

Martin 248. 814. 

Maurer 16. 32. 

Merkel 87. 93. 146. 153. 156. 199. 

Meyer 246. 253. 

Minot, Sedgwick 24. 93. 110. 

Monti 126. 134. 

Moolengraaf 246. 288. 293. 

Morselli 159. 

Mortillet, de 24. 206. 

Much 368. 

Müller, F. 6. 225. 347. 

N 
Neugebauer 87. 
Neumayr 24. 38. 42. 
Nietz 277. 

Nieuwenhuis 21. 253. 333. 
Nyhoff 88. 
Ny ström 212. 



Oken 9. 16. 



Pagliani 126. 

Parkinson 246. 253. 

Pasteur 297. 

Peary 253. 357. 

Penck 42. 

Peschel 22. 25. 218. 253. 257. 

Peters, H. 33. 93. 101. 

Pruner-Bey 6. 

Quatrefages 1. 8. 14. 21. 176. 207. 215. 
Quetelet 126. 130. 



408 



Namenverzeichnis. 



R 

Rabl 16. 32. 112. 

Ranke, .J. 1. 6. 21. 64. 66. 153. 175, 

179. 193. 196. 207. 212. 231. 246. 

253. 264. 291. 
Reichert 100. 
Rein 95. 
Remak 18. 

Retzius 5. 151. 176. 399. 
Richer, P. 160. 162. 175. 202. 
Roese 86. 
Rosenberg 32. 59. 76. 143. 



Sarasin, F. u. P. 21. 40. 160. 183. 1S7. 

220. 221. 249. 253. 329. 375. 379. 
Schaaf hausen 159. 
Schadow 199. 204. 
Schmeltz 272. 
Schmidt, E. 181. 
Schötensack 261. 
Schnitze, 0. 25. 93. 
Schwalbe 18. 24. 69. 189. 207. 210. 242. 

399. 
Schwerdtner 386. 
Sedgwick s. Minot. 
Seggel 132. 398. 
Sellheim 154. 
Semon 30. 
Sergi 5. 248. 
Sievers 262. 

Siegenbeek van Heukelom 103. 
Sobotta 95. 
Sören Hansen 193. 
Sokolowsby 175. 



Spee, Graf von 103. 

Steinen, von den 21. 248. 253. 

Stuhlmann 253. 337. 



Tliilenius 300. 329. 

Thomson 159. 

Török 5. 

Toldt 86. 126. 141. 217. 

Topinard 1. 3. 8. 21. 64. 94. 175. 180. 

204. 207. 231. 253. 
Tramond 144. 



U 



Ulitsch 126. 



Verneau 8. 

Vierordt, H. von 126. 

Virchow 1.^). 176. 248. 264. 291. 

. 355. 
Vries, Hugo de 13. 
Vogt 64. 

W 

Walkhoff 140. 
Wallace 42. 
Warthon Jones 101. 
Weickhmann, von 320. 
Weismann 9. 13. 24. 146. 174. 
Welker 139. 

Wieder.sheim 17. 24. 61. 73. 81. 
264. 269. 



!14. 



123. 



Z 



Zittel 24. 



\ r 

Zu den Preisen der nachstehend verzeichneten 

Werke kommen noch die Verlags- und Sorti- 

menterteuerungszuschläge hinzu. 



»-♦-►^ Verlag von Ferdinand Enke in Stuttgart. 

DIE SCHÖNHEIT DES 
WEIBLICHEN KÖRPERS 

Von Prof. Dr. C. H. STRATZ. 

Den Müttern, Ärzten und Künstlern gewidmet. 
Sechsundzwanzigste Auflage. 

Mit 314 Abbildungen und 7 Tafeln. 
Lex. 8". 1920. Geheftet M. 40. ; gebunden M. 48—; fein gebunden M. 52. 



INHALT: Einleitung. — I. Der moderne Schönheitsbegriff. — II. Darstellung weib- 
licher Schönheit durch die bildende Kunst. — III. Weibliche Schönheit In der Lite- 
ratur. — IV. Proportionslehre und Kanon. — V. Einfluß der Entwicklung und Ver- 
erbung auf den Körper. — VI. Einfluß von Geschlecht und Lebensalter. — \ IL Einfluß 
von Ernährung und Lebensweise. — VIII Einfluß von Krankheiten auf die Körper- 
form. — JX. Einfluß der Kleider auf die Körperform. — X. Beurteilung des Körpers 
im allgemeinen. —XI. Kopf und Hals. —XII. Rumpf. Schulter. Brust. Bauch, Rücken, 
Hüften und Gesäß.— XIII. Obere Gliedmaßen.— XIV. Untere Gliedmaßen. — XV. Schön- 
heit der Farbe. — XVI. Schönheit der Bewegung. Stellungen des ruhenden Körpers. 
Stellungen des bewegten Körpers. —XVII. Überblick der gegebenen Zeichen normaler 
Körperbildung. — XVlII. Verwertung in der Kunst und im Leben. — SacLveizeichuis. — 
Namenverzeichnis. 



►^M- Verlag von Ferdinand Enke in Stuttgart. -♦-«-♦-< 



Demnächst ersclieint: 



Der Körper des Kindes 

und seine Pflege. 

Für Eltern, Erzieher, Ärzte und Künstler. Von Prof. Dr. C. H. STRATZ. 

Fünfte Auflage. Mit zahlreichen Textabbildungen und 4 Tafeln. 

Lex. 8". 1920. Geheftet und in Leinwand gebunden. 




INHALT: Einleitung. — Allgemeiner Teil. I. Der Liebreiz des Kindes, — II. Die 
«mltryonale Entwickelung. — III. Das neugeborene Kind. — IV. Wachstum und Proportionen. 
— V. Hemmende Einflüsse. — VI. Die normale Entwickelung des Kindes im allgemeinen. 

Spezieller Teil. VII. Das Sauglingsalter (bis 1 Jahr). — VIII. Das neutrale Kindesalter 
U— I Jahre), a) Erste Fülle (1—4 Jahre;, b) Erste Streckung (5—7 Jahre). — IX. Das bi- 
sexuelle Kindesalter (8—15 Jahre), a) Zweite Fülle (8—10 Jahre), b) Zweite Streckung 
(11—15 Jahre). — X. Die Reife (15—20 Jahre). — XI. Die Pflege des gesunden Kindes. 
a) Körperliche Versorgung. 1. Ernährung. 2. Kleidung. 3. Lebensweise. 4. Körperpflege 
{Reinigung, Bad, Luftbad, Abhärtung), b) Erziehung. 1. Individuelle Erziehung. 2. Sexuelle 
Erziehung. — XII. Praktische Nutzanwendung. — Sachverzeichnis. — Namenverzeichnis. 

Es ist wahr, was Stratz in der Vorrede zu seinem neuen Buche sagt: ,,Es sind viele 
Bücher geschrieben worden über das kranke Kind und seine Pflege, über das gesunde kaum 
eines." Wenigstens keines, das in so klarer, eingehender und allgemein verständlicher 
Weise und in so gewählter, geistreicher Sprache, wie wir sie an Stratz gewohnt sind, die 
normale körperliche Entwickelung des Kindes bis zum Alter der Reife zur Darstellung 
bringt. . . . An Fülle und Glanz der Illustrationen reiht sich dieses neueste Stratzsche Werk 
seinen Vorgängern würdig an. Frankfurter Zeitung. 



Verlag von Ferdinand Enke in Stuttgart. 



-+^-4-« 



Die Körperformen 

in Kunst und Leben der Japaner. 
Von Prof. Dr. C. H. Stratz. 

Dritte Auflage. Mit 112 in den Text gedruckten Abbildungen und 4 farbigen 
Tafeln. Lex. 8°. 1919. Geheftet M. 12.— ; in Halbieinwand gebunden M. 16.— 

INHALT: Einleitung. — I. Die Köipeiformen der Japaner. 1. Das Skelett. 2. Maße 
und Proportionen. 3. Gesiclitsbildung. 4. Körperbildung. — II. Japanischer Schönheits- 
begriff und Kosmetik. 1. Auffassung der körperlichen Schönheit. 2. Künstliche Erhöhung 
der Schönheit. — 111. Das Nackte im täglichen Leben. 1. In der Öffentlichkeit. 2. Im 
Hause. — IV. Darstellung des nackten Körpers in der Kunst. 1. Allgemeines. 2. Ideal- und 
N'ormalgestalt. 3. Mythologische Darstellungen. 4. Darstellungen aus dem täglichen Leben, 
a) Straßenleben. Aufgeschürzte Mädchen. Arbeiter. Ringer, b) Häuslichkeit. Deshabille. 
Toilette. Bäder. Yoshiwara. Erotik, c) Besondere Ereignisse und Situationen. Über- 
raschung im Bade. Nächtlicher Spuk. Beraubung edler Damen. Awabiflscherinnen. 




Die Bücher von Stratz sind keine von denen, die bestimmt sind, einem Spezialinteresse 
zu dienen. Sie wenden sich an die Allgemeinheit, vor allem an die, die von der Not- 
wendigkeit einer Kultur des menschlichen Körpers überzeugt sind. Sie erfüllen gleichsam 
eine Mission, indem sie die Schönheit des Leibes, des Tempels Gottes, predigen. Nur 
ungesunde und unsaubere Geister werden hiergegen Einwände erheben. Das vorliegende 
Buch, das sich mit den Körperforraen der Japaner beschäftigt, ist für die Frage der Körper- 
schönheit und Körperpflege von ganz besonderer Bedeutung, denn hierin dürfen wir sie, 
die von unserer Kultur so viel erhielten , als Lehrmeister betrachten. Aber auch für die 
psychologische Kenntnis der Bewohner des „Landes der aufgehenden Sonne" ist dieses 
Buch von hohem Wert, denn die Rolle, die der Anblick des nackten menschlichen Körpers 
und dessen Darstellung in der bildenden Kunst bei den verschiedenen Völkern spielt,, 
gestattet außerordentlich interessante und wertvolle Einblicke in ihr Seelenleben. Der 
Verfasser ist Arzt, aber trotzdem hat er es meisterhaft verstanden, sein Werk von jedem 
gelehrten Schematismus freizuhalten und die Betonung auf das zu legen, was von allge- 
meinem Interesse ist. Und Interessantes bietet sicli hier in Hülle und Fülle. Solchen 
Büchern kann man nicht genug Verbreitung wünschen, sie dienen dem Heile der Menschheit 
mehr als alle .jene frömmelnden Traktätchen und sogenannten Erbauungsschriften, die nur 
von der Sündhaftigkeit und Kasteiung des Leibes zu spreclien wissen, anstatt von seiner 
Schönheit und Pflege. Monatschrift über Kunst und Kunstwissenschaft. 



M^M- Verlag von Ferdinand Enke in Stuttgart. -«-« 



Soeben erschien: 

Die Frauenkleidung 

und ihre natürliche Entwicklung, 
Von Prof. Dr. C. H. Stratz. 

Vierte Auflage. 

Mit 269 Textabbildungen und einer farbigen Tafel. Lexii<on-Oktav. 1920. 
Geheftet M. 21.— ; in Halbleinwand gebunden M. 28.— 

INHALT: Einleituug. — I Die 

\ I Naclvtlieit. — II. Die Körperveizie- 
riuig. a) Köi-perschmuck. b) Klei- 
dung. — III. Einfluß der Rassen, 
der geographischen Lage und der 
Kultur auf die Körperverzierung. — 

IV. Der Körperschmuck, a) Bema- 
lung. b) Nrti-benschniuck und Täto- 
wierung, c) Körperplastilv. d) Am 
Körper befestigte Sclimuckstiicke. — 

V. Die primitive Kleidung (Hüft- 
schmuck). — VI. Die tropisclie Klei- 
dung (Rock). — VII. Die arktische 
Kleidung (Hose, Jacke). — VIII. Die 
Volkstracht auiSereuropiiischer Kul- 
turvölker. 1. Chinesische Gruppe. 
2. Indische Gruppe. 3. Indochine- 
sische Gruppe. 4. Islamitische 
Gruppe. — IX. Die Volkstrachten 
europäischer Kulturvölker. 1. Die 
eigentliche Volkstracht. 2. Die 
Standestrachten. 3. Die Hose als 
weibliehe Volkstracht. — X. Die 

moderne europäische Frauenkleidung. — 1. Unterkleider. 2. Oberkleider. — XI. Einfluß 
der Kleidung auf den weiblichen Körper. — XII. Verbesserung der Frauenkleidung. 




Fuß einer Chinesin. 



►>»>*I**I**>»>»I**I**>»>*>*> 



Urteile der Presse: 



♦V»t»»l«»J.»jM>t**J.»J«»t»*?*»J.»J» 



Seinem klassisclien Werke: ..Die Schönheit des weibliciien Körpers'' läßt der ärztlich 
und künstlerisch gleich begabte Ethnograph und Anthropolog, Dr. Stratz im Haag, jetzt 
eine Art von Ergänzung folgen, welche sicher das größte Aufsehen erregen wird, da 
zurzeit die hygienische Reform der Frauenkleidung eine Tagesfrage bildet. Eine solche 
Reform ist aber nur dann auf sicherer Grundlage durchzuführen, wenn ihr das eingehend- 
ste Studium der weiblichen Körperform in ästhetischer und anatomisch-physiologischer 
Hinsicht vorangeht und wenn man die Entwicklung der Kleidung von den ältesten Zeiten 
sowie von den Naturvölkern aus bis zu den höchsten Stufen moderner Kultur schrittweise 
verfolgt. Hierzu ist nun gerade der Verfasser durch seine vielseitigen Kenntnisse be- 
sonders befähigt und darum wird wolil sein lehrreiches, fesselndes, trefflich illustriertes 
Bach künftig die Basis für derartige Reformbestrebungen, aber auch für den Künstler 
eine Fundgrube sein. Den .Abschnitten über die tropische und arktische Kleidung sowie 
über die Nationaltrachten läßt er eine .\bhandluug über „Mode", sowie seine Ansichten 
über den Einfluß der Kleidung auf den weiblichen Körper und dann wohldurchdachte 
Verbesserungsvorschläge folgen. Was Stratz in AngrifT nimmt, behandelt er wissen- 
schaftlich, sowohl was die medizinische als was die kunstästhetische Seite betriffst, aber 
zugleich mit einer ungemein interessanten, fesselnden Darstellungsgabe. Da auch die 
Ausstattung des Werkes splendid ist, so wird es sich rascli Freunde erwerben. 

Berliner Fremdenblatt. 



►»»> Verlag von Ferdinand Enke in Stuttgart. ^>m 

Die Körperpflege der Frau 

Physiologische und ästhetische Diätetik 
für das weibliche Geschlecht. 

Allgemeine Körperpflege <■ Kindheit - Reife • Heirat • Ehe - Schwangerschaft 
Geburt • Wochenbett ■ Blütenjahre - Wechseljahre. 

Von 

Prof. Dr. C. H. STRATZ. 

Sechste Auflage. 

Mit zwei Tafeln und 119 Textabbildungen. 
Lex. 8». 1919. Geh. M. 16.40; in Halbleinwand gebunden M. 20.— 




►►►»- Verlag von Ferdinand Enke in Stuttgart, -m-m 

Mit der „Schönheit des weibh'chen Körpers" wurde bei dem Erscheinen 
der ersten Auflage ein völlig neuer Zweig in der Literatur geschaffen, welcher 
sich die wissenschaftliche Ergründung des gesunden und schönen 
Körpers zur Aufgabe stellt und dazu in weit ausgedehnterem Maße als 
früher die Photographie nach dem Leben benutzt. — Trotzdem inzwischen 
zahlreiche andere Bücher über den gleichen Gegenstand erschienen sind, 
trotzdem das Stratzsche Buch durch die steigenden Anforderungen immer 
mehr zu einem Prachtwerk mit unvermeidlicher Preiserhöhung ausgestaltet 
wurde, hat es sich bis heute an führender Stelle auf diesem von Stratz 
selbst erschlossenen Gebiet behauptet. 

Völlig objektiv beweisen dies die steten Neuauflagen, deren Zahl von 
keinem ähnlichen Werke auch nur annähernd erreicht wird. 

Die vorliegende Auflage ist um mehr als dreißig neue Abbildungen, durch- 
weg Photographien nach dem Leben, bereichert und auch textlich erweitert 
worden. 

Das Werk hat in der Presse die wärmste Anerkennung gefunden, wie die 
nachstehend abgedruckten Besprechungen früherer Auflagen, ausgewählt aus 
der großen Zahl vorliegender Kritiken, genügend dartun. 

Es kann in seinem geschmackvollen Gewände auch zu Geschenken für 
Künstler, Kunstfreunde, Ärzte und Mütter, für welche Kreise es geschrieben 
ist, wärmstens empfohlen werden. 

Den ungewohnten Erfolg errang sich neben der geschmackvollen bilderreichen Aus- 
stattung vor allem der gesunde Gedanke, der dem Werke zugrunde liegt. Stratz stellt 
den Satz auf, daß sich Schönheit der menschlichen Gestalt uua höchste Gesundheit decken, 
und zwar Gesundheit vom ersten Moment embi-yonalen Entwickeins und durch Generationen 
hindurch. Um zu diesem Schönheitsideal zu gelangen, geht Stratz negativ vor und behan- 
delt vorerst eine Reihe von Fehlern und Mängeln, welche dem menschlichen Körper an- 
zuhaften pflegen. Unrichtige Proportionen, mangelhafte Entwicklung, ungünstige Ernäh- 
rung, naturwidrige Lebensweise, schlechte Ausprägung des Geschlechtscharakters, Alter, 
Erblichkeit, Krankheiten aller Art, ungesunde Kleidung usw. werden da ausgemerzt, ehe 
der Autor zu Positivem schreitet. — Der Bilderschmuck ist, wie erwähnt, ungemein reich. 
Stratz konnte da aus einem umfassenden Materiale wählen, und er hat überdies geschickt 
und mit Geschmack gewählt. Das Werk ist namentlich den bildenden Künstlern zu empfehlen, 
welche daraus großen Nutzen und wertvolle Erkenntnis schöpfen können. v. L arisch. 

Allgemeines Literaturblatt, Wien. 

Schon das Äußere dieses Werkes macht einen vornehmen und gediegenen Eindruck. 
Der Inhalt des Buches wird in 16 Hauptgruppen geteilt und der Verfasser hat es vorzüg- 
lich verstanden, in recht anschaulicher, interessanter und klarer Weise die Pflege bei der 
Entwicklung des weiblichen Körpers zu schildern , um die schönen Formen zu erhalten 
und zu fördern. Das Werk wird durch eine stattliche Anzahl sehr gut ausgeführter, meist 
nach der Natur photographisch aufgenommener Abl)ildungen im Text, sowie durch acht 
Tafeln in Heliogravüre geziert. Die Anschaflung dieses Werkes können wir jedem Kunst- 
liebhaber nur empfehlen, Deutsche Photographen-Zeitung. 

Der breite Leserkreis, den die Yeröffentlichungen von Stratz immer wieder finden, 
beschränkt sich nicht auf die Ärzte, sondern gerade das gebildete, gute Laienpublikum 
beschäftigt sieh mit besonderem Interesse mit seinen Arbeiten. Das Streben nach Schön- 
heit in der Kunst und in der Natur ist ja das Zeichen des modernen Kulturmenschen. 
Die „lebende Schönheit in Fleisch und Blut", wie sie in der Frau gesucht wird und gefunden 
werden kann, fesselt vor allem den ästhetisch empfindenden Menschen. Kein anderer als 
der Arzt, der unbefangen und kritisch, aber nicht nur mit anatomisch, sondern auch mit 
künstlerisch geschultem Blick der Frau gegenübertritt, ist der berufene Schilderer der 
Schönheit. Um so mehr, da .ja eigentlich immer vollendete Schönheit und vollkommene 
Gesundheit sich decken sollen. Wenn man auf der Suche nach der Schönheit diese Forde- 
rung im Auge behält, so ist auch die Möglichkeit gegeben, nach den Ursachen zu forschen, 
ob und durch welche Lebensart die Schönheit gefördert oder vermindert wird. 

Alles dies erfüllt Stratz in ausgezeichneter Weise. Nicht zum wenigsten tragen hierzu 
seine Abbildungen, die sich wegen ihrer Prägnanz und Vollständigkeit eines großen Rufes 
erfreuen, bei. Die „Schönheit des weiblichen Körpers" wird auch in der 21. Auflage, die 
vom Verlage wieder vorzüglich ausgestattet ist, für viele Leser ein erfreuliches und an- 
regendes Studium bedeuten. Z. 

Klinisch-Therapeutische Wochenschrift 1913. 



M-M- Verlag von Ferdinand Enke in Stuttgart. -^-^ 

Demnächst erscheint: 

DieRassenschönheitdes Weibes. 

Von Prof. Dr. C. H. Stratz. 

Zehnte, gänzlich umgearbeitete und erweiterte Auflage. Mit 379 Text- 
abbildungen und 3 Tafeln. Lex. S^. 1920. Geheftet und in Leinwand gebunden. 

INHALT: Einleitung. — I. Rassencharakter und Rassenschönheit.— II. Das weib- 
liche Rassenideal. — III. Älteste protomorphe Rassengruppe, l Australieiiunen (Pj) 
2. Papua iP] I. :;. Melanesierinnen (Mi: ISalomoiiiiisehi, Bisraarckarchiiiel, Admiralitiltsiuseln. 
— IV. Afrikanische Rassengruppe, l. Die Koikoius (Pj). 2. Akka und Zwergnegerinueu 
(P3). 3. Die schwarze Hauptrasse (A): Bantuuegeriuiien, Sudaimegerinuen. 4. Die äthio- 
pische Mischrasse (M). V. Spätere protomorphe Rassengruppe. 1. Amerikaneriunen (P.2). 
2. Ozeanerinnen (Pj) : Sandwicliinsulanerinnen, Samoanerinueu, Freuudschaftsinsulanerinnen, 
Xeuseeläuderiuueu (Maorii, Taliitierinnen, Fidsehiinsulanerinnen, Karolinen. 3. Malaiinnen 
(M): Die Sundainseln. — VI. Gelbe Rassengruppe. 3. Eskimos (P3). 2. Die gellie Haupt- 
rasse (Ai: Tungusinnen, Chinesinnen, Japanerinnen. 3. 'J'ataren und Turanier (M|. 4. Indo- 
chinesen (M) : Siam, Anam und Cochinchiua: Birma. — VII. Weiße Rassengruppe. 

1. Wedda (Pj). 2. Ainos (P3I. 3. Der asiatische Hauptstamtn der weißen Rasse. — VIII. Die 
weißen Rassenzweige. A. Mittelländischer Rassenzweig. 1. Die libysche (afrika- 
nische) Rasse: Ägypten. Berberische Stämme. Maurische Stämme. Jüdinnen. Zigeunerinnen 

2. Die romanische Rasse: Spanien. Italien. Griechenland. Frankreich. Belgien. B. Nordi- 
scher Rassenzweig. 3. Die slawische Rasse : Rußland. Finnland. Polen. Ungarn. 4. Die 
germanische Rasse: Kiederland. Österreich. Deutschland. Dänemark. Skandinavien. Groß- 
britannien. Amerika. Australien. 



♦^»♦^♦^»^»^♦^►^r^H^»^»^^* 


Urteile der Presse: 


.^^^^^^^^^. 



Klassisch wie seine anderen Werke, besonders sein Buch über die Schönheit des 
weiblichen Körpers, dürfte ohne Einschränkung auch diese Arbeit des als Anthropologen 
und kunstverständigen Arztes längst anerkannten und bewährten Forschers genannt 
werden, und in überraschender Vollständigkeit zeigt sie uns die Frauen der Erde in ihren 
körperlichen Vorzügen und Nachteilen. Der feinsinnige Schriftsteller, der strenge Forscher 
und der Freund und Bewunderer des Schönen haben sich in dem Verfasser zu einem har- 
monischen Ganzen vereint, und diese glückliche Begabung kommt in dem vorliegenden 
Werlce so durchaus zur Geltung, daß nicht nur der spezielle Gelehrte, sondern jeder Ge- 
bildete dasselbe mit dem größten Interesse lesen und sich des geboteneu Genusses auf- 
richtig freuen wird. Die Lektüre des Buches ist gleichsam eine schöne Reise um die Erde 
ohne die sonst damit verbundenen Unannehmlichkeiten, und der Verleger hat durch die 
vorzüglichen Abbildungen, mit denen er das Buch ausgestattet hat, wesentlich dazu bei- 
getragen, diese freundliche und angenehme Illusion zu vervollstäudigeai. 

Blätter für Volksgesundheitspflege. 

Die Werke von Stratz bedürfen keiner Empfehlung Auch dieses nicht. Ihre Lektüre 
bietet einen Genuß auserlesener Art. Keine wissenschaftliclfe Diskussion. Kein Streit 
um Theorien. Was das menschliche Auge geschaut, die photographische Kammer festge- 
halten hat, wird wiedergegeben, betrachtet, erläutert, verglichen. Und in gefälliger Form 
werden daraus Grundzüge abgeleitet, diese nicht aber zu Regeln verdichtet oder gar als 
Lehren begründet. Dieses Fehlen alles Doktrinären in Form und Inhalt gibt dem Buche 
seinen Reiz und seine immer junge, sich nie überlebende Schönheit. Es ist kein Lehrbuch, 
sondern ein Kunstschatz. Darum soll es nicht referiert werden. Man muß es schauen, 
lesen und genießen. Sexual-Probleme 1913. 

Daß das Werk glänzend illustriert ist, bedarf bei Stratz und seinem kunstsinnigen 
Verleger kaum der Hervorhebung, aber was hier in dieser Beziehung geleistet wurde, das ist 
eigentlich kaum noch zu übertreffen. Kr. Zentralblatt für Anatomie und Mikrotechnik. 



M.M- Verlag von Ferdinand Enke in Stuttgart, -m-m 

pi^^ WiriH seine körperliche und geistige Pflege 
LJdo IVlIlil von der Geburt bis zur Reife. ♦ 

Zweite Auflage. 

Unter Mitwiiiauig hcrvoriMgeudei- F.iclinKiiinev lier;iusgegelKMi von 

Prof. Dr. W. Rein, Jena und Prof. Dr. P. Seiter, Solingen. 
Zwei Bände. Mit 186 Abbildungen im Text. 

Lex. 8». 1911. Komplett in l J};nid geli M. 1« — : in Halhluinw. gel). M. 19.— 

I. Band: Die Körperpflege und Ernährung des Kindes. 

Mit 152 Textabbildungen. Lex. 8«. l'.Ul. Ceh M ;• - : in L^inw. geb. M. 10.60 

II. Band: Die Erziehung des Kindes. 

Mit 34 Textabbildungen. Lex. 8". 1911. (ieli M. 7.-: in Leinw. geb. M. 8.60 

Wer sich von den ausgezeichneten, in diesem Buche enthaltenen Ratschlägen leiten 
läßt wird sicher die besten Erfolge erzielen und das erreichen, was die Verfasser ja als 
schönstes Endziel anstreben, nämlich die Heninbildung eines körperlich iind geistig ge- 
sunden Kinde.s. Wiener klinische Wochenschrift 1911, Nr. 38. 

\lle Fragen der Pflege und Erziehung werden hier mit einer C4riiudlichlveit und Sach- 
lichkeit einem Ernst und einer Wärme besprochen, daß man sich keinen besseren Berater 
für junge Mütter und Pflegemütter, für Lehrer und Wärterinnen denken kann. Es wäre 
darum von Herzen zu wünschen, daß das prächtige, durch viele vorzügliche Abbildungen 
belebte und erläuterte Buch in die Hände aller derer käme, denen die Pflege des kostbaren 
kleinen Menschenmaterials anvertraut ist. Gartenlaube 1911, Nr. 45. 

Die Gesundheitspflege des Kindes. 

Für Studierende, Ärzte, Gesundheitsbeamte 
und alle Freunde der Volksgesundheit. 

Bearbeitet von 
Prof Dr Gustav Aschaffenburg in Köln, Prof. Dr. J. Bauer in Düsseldorf, Prof. Dr. 
H.Cramer in Bonn, Dr Paul Grosser in Frankfurt a. M. , Dr. Walter Kaupe m Bonn, 
Kreisarzt Dr. Franz Klaholt in Darkehmen, Med -Rat Dr. Hermann Kriege in Barmen 
Piof Dr W. Kruse in Leipzig, Prof. Dr. A. JVlachol in Bonn, Prot. Dr. F. A. Schmidt 
in Bonn, Prof Dr Hugo Seiter in Bonn, Prof. Dr Paul Seiter in Solingen und 
Prof Dr. C. H. Stratz, den Haag 
Herausgegeben von 

Prof. Dr. W. Kruse und Prof. Dr. Paul Seiter 

Geh. Med. -Rat, Dir. des Hygienischen Kinderarzt in Solingen. 

Instituts der Universität Leipzig 

Mit 122 Abbildungen, gr. 8«. 1915. Geh. M. 26.-; geb. M. 30.— 



Schwachbeanlagte Kinder. 

Gedanken und Vorschläge zu ihrer Unterweisung und Erziehung 
mit besonderer Berücksichtigung großstädtischer Verhältnisse. 

Von M. Glück. 

gr. 8". 1910. Geh. M. 2.40. 



Schwachbegabte Kinder. 

Ihre körperliche und geistige Entwicklung während und 

nach dem Schulalter und die Fürsorge für dieselben. 

Von Prof. Dr. E. Schlesinger. 

Mit 100 Schülergeschichten und 65 Abbildungen Schwachbegabter Kinder. 
Lex. S". 1913. Geh. M. 4.80. 



Hinzu kommt 60 "lo Teuerungszuschlag einschließlich Sortimenterzuschlag. 



»-♦-►>- Verlag von Ferdinand Enke in Stuttgart. -«-<-« 



Soeben erschien: 

Grundriß der 
ethnologischen Volkswirtschaftslehre. 

Von Prof. Dr. Max Schmidt. 

Zwei Bände. 

Erster Band: Die soziale Organisation der menschlichen Wirtschaft. 
Lex. 8*». 1920. Geheftet M. 18.-; in Pappband gebunden M. 24.— 

Der auf dem (iebiete der Völkerkiiinle liochangesehene Gelelirte und Forscher gibt iu 
dem ueuen, ;iuf zwei Bände beiechnetrii Werke eine zusammenfassende Darstellung des 
Wirtschaftslebens der primitiven Meiisihheit, dessen vorliegender ei-ster Band die soziale 
Oi'ganisation der menschlichen VViitschait enthalt. Bei dem gänzlichen Fehleu an einer 
passenden Anleitung für diejenigen, die sich in dieser Materie einzuarbeiten wünschten, 
dürfte durcli diese Neuerscheinung eine fühlbare Lücke ausgefüllt sein. 

Die Ausführungen des Verfassers sind iu allgemeinverständlicher Form gehalten, wes- 
halb als Käufer auch weitere Kreise in Betracht kommen. 

Der zweite Band, der den sozialen V\ irtschaftsprozel^ der außerhalli des enr(i]iiiiselien 
Kulturkreises stehenden Menschheit behandelt, ersclie.nt innerhalb .Jahresfrist. 

Atlas typischer Handgriffe 

für Krankenpflegerinnen. 
Von Dr. M. Friedemann, 

Chefarzt des Komm. -Krankenhauses zu Langendreer, Leiter der staatlich anerkannten 
Krankenpflegeschule der westfäl. Schwesterschaft vom Roten Kreuz. 

Mit 40 Tafelabbildungen, gr. 8". 1912. Steif geheftet M. 3.— 

Beschäftigungsbuch 

für Kranke und Rekonvaleszenten, Schonungsbedürftige 
jeder Art, sowie für die Hand des Arztes. 

Bearbeitet von Anna Wiest, Stuttgart. 
Mit 122 Textabbildungen. 

Mit einer Vorrede von Prof. Dr. E. v. Romberg in München. 

Lexikon-Oktav. 1912. Geh. M. 5.— ; in Halbleinwand geb. M. 6.60 

Daraus sind einzeln zu haben: 

I.Teil: Fröbelarbeiten . . . . mit 20 Textabbildungen, steif geh. M. — . 80 

11, Teil: Liebhaberkünste . . . mit 55 Textabbildungen, steif geh. M. 2.40 

HL Teil : Weibliche Handarbeiten mit 28 Textabbildungen, steif geh. M. 1. — 

IV. Teil: Verschiedene Arbeiten . mit 19 Textabbildungen, steif geh. M. 1.40 

Lazarettarbeiten. 

Anleitung für die Beschäftigung Kranker und Genesender. 
Bearbeitet von Anna Wiest, Stuttgart, 

Leiterin des Handfertigkeitsunterrichts in den Lazaretten Württembergs 
Abteilung XXI a des Roten Kreuzes. 

Mit 92 Textabbildungen und 3 Texttafeln, darunter eine farbige. 

Mit einer Vorrede von Prof. Dr. K. Schlayer in München. 
Lexikon-Oktav. 1915. Steif geheftet M. 4.— 

Hinzu kommt 60 "Vi Teuerungszuschlag' einschließlich Sortimenterzuschlag, 
bei Schmidt nur 20" o Sortimenterzuschlag. 



»-♦►►->- Verlag von Ferdinand Enke in Stuttgart. -<-«-« 




Soeben erschien: 

Die Frau 
als Mutter. 

Von 

Prof. Dr. H. MEYER-RÜEGG. 

Schwangerschaft, Geburt und 
Wochenbett sowie Pflege und 
Ernährung der Neugeborenen 

in gemein verständlicherDarstellung. 
Siebente bis zwö lfte Auflage. 

Mit 53 Abbildungen. 8». 1920. Geheftet 
M. 12.— ; in Pappband gebundenM. 16.— 

Aus dem Inhalt: Erster Teil. Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Erster 
Abschnitt. I. Die Scliwangerschaft. II. Wie bat sich die Frau in der Schwangerschaft zu 
verhalten? Zweiter Abschnitt. I. Die Geburt. II. Verhalten während der Gebuit. Dritter 
Abschnitt. I. Das Wochenbett. II. Die Wochenpflege. — Zweiter Teil. Die Pflege und 
Ernährung des Neugeborenen. Erster Abschnitt. Die Entwicklung und Pflege des Neu- 
geborenen. Zweiter Abschnitt. Die Ernährung des Neugeborenen. 1. Das Stillen an der 
Mutterbrust. 2. Aninieiiernährung. 3. Die künstliche Ernährung. 4. Die gemischte Ernäh- 
rungsweise. 5. „Ersatzmittel der Milch" und Beinahrung. — Anhang. Die Ernährungs- 
störungen. — Sachregister. 

Dieses Buch des bekannten Züricher Frauenarztes hat einen mit jeder Auflage steigen- 
den Absatz gefunden. 

Die „Deutsche Ärzte-Zeitung'" sagt über die 4. Auflage: Ein ausgezeichnetes Buch!... 
Es ist mit diesem Buche einem dringenden Bedürfnis abgeholfen worden , und ich werde 
hinfort jeder Jüngeren Frau meiner Klienten raten: „Kaufen Sie sich dieses Bucli '" 

Mutterschaft und Mutterpflicht. 

Von Prof. Dr. August Mayer. 

gr. 8". 1919. Geh. M. 1.60. 

Der im Auftrage des Württembergischen Landesau^scliusses für Säuglings- und Klein- 
kindersrhutz in mehreri'ii Stadien gelialtene (ittentliche Vortrag ist für weite Kreise bestimmt. 

Die Kleinkinderfürsorge. 

Von Dr. Gustav Tugendreich. 

Mit Beiträgen von Dr. Hans Guradze, Johanna Mecke und Prof. Lic. 

Dr. A. Sellmann. Mit 18 Kurven und 45 Tabellen. 

Lex. 8». 1919. Geh. M. 16.— ; in Haibleinwand geb. M. 19.— 

Das vorliegende Werk schließt sich dem in meinem Verlag erschienenen Handliuch der 
.Mutter- und Säuglingsfürsorge desselben Herrn Verfassers an. Es wird daher in gegen- 
wärtiger Zeit, in welcher die Aufmerksamkeit auf die Kleinkinderfürsorge in ber^onderem 
Maße gelenkt wird, viel Bcaclitiuis timlen. 

Hinzu kommt nur 20",, Sortimenterzuschlag. 

Vorträge über Ernährung und Pflege 
im ersten und zweiten Lebensjahre. 

Von Dr. G. Tugendreich. 

Gehalten in der städtischen Säuglingsfürsorgestelle 5 in Berlin. 

Zweite erweiterte Auflage. Nebst einem Vorwort von Prof. Dr. Finkel- 

stein. Mit 7 Abbildungen. 8«. 1914. Geh. M. 1.60; kart. M. 1.80. 

Hinzu Itommt 60",, Teuerungszuschlag einschl. Sortimenterruschlag. 

Aus den Besprechungen. In sechs Vorträgen hat der Verfasser alles Wichtige und 

Notwendige zusammengefaßt, was jede Mutter wissen und lernen sollte. Das Buch gehört 

zn dem Besten, was auf diesem Gebiete geschrieben ist. Kinderarzt 1914, Heft 8. 



M-^v Verlag von Ferdinand Enke in Stuttgart, -m-« 
Biedert und Langermanns 

Diätetik und Kochbuch für Magen- 
und Darmkranke. 

Nebst einem Abriß über Untersuchung und Behandlung. 
Neu herausgegeben gemeinsam mit ehem. Assistenz-Ärzten 
Dr. O. Langermann und Dr. F. Gernsheim von 

Geh. Rat Prof. Dr. Ph. Biedert. 

Zweite umgearbeitete Auflage. 

gr. S". 1909. Geh. M. 4.20; in Leinw. geb. M. 5.80. 

Der S(--Ii\verijuukt des Buches liegt auf den zwei von der UiiitetiU bzw. von der Krauken- 
küche handelnden Kapiteln und dürfte ein wesentliclier Vorzug wohl darin he.stehen, daß 
nicht, wie sonst üblich, lediglich eine bestimmte Diät und eine mehr weniger grolie Anzahl 
von Kochrezepten angegeben sind, sondern daß ganze Wochen-Sjieiseordnungen aufgeführt 
werden und dadurch gerade dem oft so launischen und hinsiclitlich der Abwechslung in der 
Küche so schwer zu befriedigenden Patienten immer wieder Neues und Appetitanregendes 
geboten werden kann. Münchner med. Wochenschr. 1910, Nr. 32, Jordan, München. 

Die Kinderernährung im Säuglingsalter 
und die Pflege von Mutter und Kind. 

Von Geh. Rat Prof. Dr. Ph. Biedert. 

Fünfte, ganz neu bearbeitete Auflage. 

Mit 17 Abbildungen im Text und einer farbigen Tafel. 
Lex. 8". 1905. Geh. M. 6.40. 

Diätetische Küche. 

Herausgegeben von Dr. L. Disque, 

Kreisarzt a. D., Spezialarzt für ^Magen-, Darm- und Nervenkranke in Potsdam. 

Mit besonderer Berücksichtigung der Diät bei inneren Erkran- 
kungen, nebst einem Anhang: Über Kinderernährung 
und Diätetik der Schwangeren und Wöchnerinnen. 

Sechste, völlig umgearbeitete und vermehrte Auflage. 

Oktav. 1913. Geh. M. 3.— ; in Halbleinw. geb. M. 4.40. 

Schon vor zwanzig Jahren liat uns Disque eine diätetische Küche geschenkt. Aus den 
einzelnen Auflagen kann man anschaulich den gewaltigen Aufschwung verfolgen, den die 
Diiitetik in den letzten zwei Jalazehuten genommen liat. Diese Auflage ist vollständig 
umgearbeitet. Wenn auch in den letzten Jahren mehrere gute Bücher auf dem Gebiete 
der Ernahrungsfrage erscliieneu sind, so liat uns doch ein Buch wie das Disciuesche noch 
gefehlt, das für praktische .\rzte geschrieben ist, welche keine Zeit zum Studium ein- 
gehender diätetischer Werke haben, das auch für die Hausfrauen sehr geeignet ist durch 
eine leichte, anschauliche Schreibweise. Es bringt nicht eine trockene schematische Auf- 
stellung von Kochrezepten, sondern erklärt die Art der Zubereitung und begründet sie 
Hier läßt uns ein alter Praktiker, ein langjähriger Sanatoriumsleiter, aus dem reichen Born 
seiner praktischen Erfahrung schöpfen, ein Arzt, der auch die Ernahrungsfrage wissen- 
schaftlich beherrsciit. Trotz der Kürze enthält es doch alles, was auf dem Gebiete der Diätetik 
wissenswert ist. Wir wünschen dem Buche von ganzem Herzen eine weite Verbreituii«;. 

Dr. med, Löwenthal, Bad Kissingen. 

Hinzu kommt 60"/,, Teuerungszuschlag einschließlich Sortimenterzuschlag. 



»-»►►► Verlag von Ferdinand Enke in Stuttgart. -*-<-♦-« 

Briefe an eine Mutter. 

Ratschläge für die Ernährung von Mutter und Kind, sowie die 
Pflege und Erziehung des Kindes. 

Von Prof. Dr. med. Erich Müller, 

Chefarzt am Großen Friedrichs-Waisenhause der Stadt Berlin in Rummelsburg. 

gr. 8". 1919. Geh. M. 12.— ; in Pappband geb. M. 14.— 

Inhaltsangabe: l. Brief. Einleitung. — 2. Brief. Die Ernährung der zukünftigen Mutter. 

— 3. Brief. Die Vorbereitun£4en für die Geburt des Kindes. — l. Brief. Die Besonderheiten 
des Neugeborenen. — ä. Brief. Die Pflege und die Erzieluing des Kindes im ersten Lebens- 
jahre. — ti. Brief. Die naturliche Ernährung des Kindes. — 7. Brief. Die Lebensweise und 
Ernährung der Wöchnerin. — 8. Brief. Stillhindernisse und Stillschwierigkeiten. Die Amme. 

— 9. Brief. Die künstliciie Ernährung des Kindes im ersten Lelienshalbjahre. — in. Brief. 
Die Entwöhnung und Ernährung des Kindes im zweiten Lebeushalbjahre. — 11. Brief. Die 
Entwicklung des Kindes im ersten Lebenshalbjahre. — 12. Brief. Kleine Störungen im Ver- 
halten und Gedeihen des junaen Kindes. — 13. Brief. Die Ernährung des Kindes im zweiten 
Lebensjahre. — 14. Brief. Die Eutwicklung des Kindes nach dem ersten Lebensjahre. — 
15. Brief. Die Ernährung des älteren Kindes. — l«. Brief. Bemerkungen über Krankheiten 
und Krankheitsverhütun^ im Kindesalter. — 1". Brief. Die Pflege und Erziehung des Kindes 
im Spielalter. — is. Brief. Die Schulzeit. — 19. Brief. Der .\lisctiluß des Kindesalters. — 
20. Brief. Anweisung zur Herstellung von besonderen Milchmischungen und Speisen für 
Kinder. — 21. Brief. Anweisung zur Herstellung von Packungen und Bädern und für die 
Ausführung örtlicher Wärmeanwendung und Einreibungen. — 22. Brief. Die private Wohl- 
tätigkeit in der Säuglings- und Kleiukinderfürsorge. — Register. 

Selbstbesinnung in deutscher Not. 

Rede an die aus dem Felde Zurückgel<ehrten der Universität Leipzig. 
Von Prof. Dr. Felix Krueger. 

Lex. 8». 1919. Geh. M. 1.— 

Derauf Wunsch des Senates und der Studentenschalt der Leipziger Universität gehaltene 
bedeutsame Vortraj^ dürfte bei dem hohen Ansehen des Herrn Verfassers bei allen Studie- 
renden und in den we i t e s te n Kr e i s en des Pu li 1 i k um s groliem Interesse begegnen. 

Weltanschauungsfragen. 

Von Prof. Dr. Paul Menzer. 

gr. 8". 191S. Geh. M. 12.60; in Halbieinwand geb. M. 15.— 

Der bekannte Hallenser Philosoph wendet sich mit seinem neuen Werke „Weltanscliau- 
uugsfragen" an den gebildeten Laienkreis, insbesondere aber an das akademische Publikum. 

Demnächst erscheint: 

Vom Jenseits der Seele. 

Die Geheimwissenschaften in l<ritischer Betrachtung. 

Von Prof. Dr. Max Dessoir. 

Vierte und fünfte Auflage. Lex. S". 1920. Geh. und in Pappband geb. 

Xach knr/.er Zeit ist von diesem in der Presse vielbesprochenen und gerühmten, von 
den Spiritisten scliarf angegriffenen Buch des bekannten Berliner .\sthetikers und Psycho- 
logen fiiii' l>nii]M'l;inf],iL:i- erfordeijicli f;eworilcii. 

Hinzu kommt 20"|o Sortimenterzuschlag; auf Menzer, Weltanschauungsfragen, 
60" ,, Teuerungszuschlag einschließlich Sortimenterzuschlag. 



M-M- Verlag von Ferdinand Enke in Stuttgart, -««m 

Die Medizin in der klassischen Malerei. 

Von Prof. Dr. E. Holländer, Berlin. 

Mit 272 in den Text gedruckten Abbildungen. Zweite Auflage. 

Hoch-Quart. 1913. Geheftet M.28.— ; gebunden M.40.— ; fein gebunden M. 46.— 

. . . Wie sehr hat der Autor die an sein Werk geknüpften Hoffnungen und Erwartungen 
zu übertrumpfen verstanden ! Denn ebenso gliinzeud, wie die äußere Aus- 
stattung, Auswahl, p h t g r a p h i s c li e Reproduktion der Gemälde 
und die sonstige typograi)hische Technik hervortritt, ebenso, ja 
noch glänzender ist der die Bilder begleitende Tp„xt. 

Prof. Pagel-Berlin in Deutsche Arzte-Zeitung 1904 

Plastik und Medizin. 

Von Prof. Dr. E. Holländer, Berlin. 

Mit 1 Tafel und 433 Abbildungen im Text. 

Hoch-Quart. 1912. Kartoniert M. 28.— ; gebunden M. 40.— ; fein gebunden M. 46.— 

. . . Ich möchte hoffen, daß in vielen Lesern die Lust erweckt wird, die ausgezeich- 
neten Abbildungen zu sehen und das Buch selbst zu studieren, welches außerordentlich 
anziehend geschrieben ist und mit seinen zahlreichen Hinweisen auf die Jetztzeit vielfach 
anregend wirkt. Der ganze Ärztestand ist dem Verfasser für sein überaus interessantes 
und inhaltreiches Werk zu großem Danke verpflichtet. Die Therapie der Gegenwart 1912. 

Der Hypnotismus oder die 
Suggestion und die Psychotherapie. 

Ihre psychologische, psychophysiologische und medizinische Be- 
deutung mit Einschluß der Psychanalyse, sowie der Telepathiefrage. 
Ein Lehrbuch für Studierende sowie für weitere Kreise. 

Von Prof. Dr. August Forel. 
Achte und neunte Auflage. 

Lex. 8«. 1919. Geh. M. 16.— ; in Pappband geb. M. 19.— 

Aberglaube und Zauberei 

von den ältesten Zeiten an bis in die Gegenwart. 

Von Dr. Alfr. Lehmann. 

Deutsche autorisierte Übersetzung von Dr. Petersen. 

Zweite, umgearbeitete und vermehrte Auflage. 

Mit 2 Tafeln und 67 Textabbildungen. 
Lex. S^ 1908. Geh. M. 14.— ; in Leinw. geb. M. 19.— 

Der Traum. 

Einführung in die Traumpsychologie. 
Von Herbert Silberer. 

8". 1919. Geheftet M. 4.—, in Pappband gebunden M. 6.— 

Psychologie der Simulation. 

Von Prof. Dr. Emil Utitz. 

Lex. 8». 1918. Geh. M. 4.— 

Hinzu kommt 60 "v, Teuerungszuschlag einschließlich Sortimenterzuschlag; 
auf Forel und Silbeier nur 20' ,, Sortimenterzuschlag. 



«►►>- Verlag von Ferdinand Enke in Stuttgart. -«-« 

Prof. Dr. H. Sellheim. 

Das Geheimnis vom Ewig-Weiblichen. 

Ein Versuch zur Naturgeschichte der Frau. Nach Vorträgen im Winter- 
semester 1910 11. Mit 1 farbigen Bilde von A. L. Ratzka. Lex. 8". 1911. 

geh. M. 2.— 

Die Reize der Frau und ihre Bedeutung für den 

k'nlflirfnrfQrhritf Nach einem am 17. Dezember 1908 im »Deutschen 
rvuiiui IUI la^^iii m. prauenverein für Krankenpflege in den Kolonien 
in Stuttgart gehaltenen öffentlichen Vortrag. Mit 1 Tafel. Lex. 8". 1909. 

geh. M. 1.60. 

Produktionsgrenze und Geburtenrückgang. 

Nach einem im Deutschen Frauenverein vom Roten Kreuz für die Kolonien, 
Landesverein Württemberg, am 4. Dezember 1913 in Stuttgart gehaltenen 
Vortrage. Mit 9 graphischen Darstellungen. Lex. 8". 1914. geh. M. 1.60. 

Was tut die Frau fürs Vaterland? ^^%%'^?,Zl'Sfü. 

hingen und im Deutschen Frauenverein vom Roten Krei.z für die Kolonien 
in Stuttgart. Lex. 8". 1915. geh. M. 1.20. 

Engelhorn, S^cf;."!'.; Das Samariterbuch. ^äe^'S'"bd un' 

glücksfällen und die Krankenpflege im Hause, insbesondere auch zum 
Gebrauch für Damen. Mit 75 Abbildungen. 8". 1909. 

geh. M. 3.— ; geb. M. 4.60. 

Grosse, ^Dr.L.?* Krankenpflege in Frage und Antwort. 

Zweite, umgearbeitete und vermehrte Auflage. Mit 11 Textabbil- 
dungen. 8". 1919! geh. M. 5.40; in Pappband geb. M. 7.— 

Krukenberg, Dr. H., Die Samariterin. 5'„",,S1I'.", u'n'ci 

Krankheiten im Hause. Mit 88 in den Text gedruckten Abbildungen. 
gr.S". 1904. geh. M. 3.20; geb. M. 4.80. 

Tugendreich, a; Die Mutter- und Säuglingsfürsorge. 

Kurzgefaßtes Handbuch. Mit Beiträgen von J. F. Lan d s berg und Dr. 
W.Weinberg. Mit 13 Textabbildungen und 2 farbigen Tafeln. Lex. 8". 
1910. geh. M. 12.— 

Wagner, Dr. A., DieWocIienbettpflege. ^SwI^tirinn^en'' 

Zweite Auflage. 8". 1909. geh. M. 1.20; kart. M. 2.40. 

Augstein, Geh. Rat Dr. C., Medizin und Dichtung. 

Die pathologischen Erscheinungen in der Dichtkunst. 8". 1917. geh. M. 3.20. 

Kapp, Dr. med. J. F., Vom vorzeitigen Altern. 

Mit 32 Textabbildungen. 8". 1917. geh. M. 3.— ; kart. M. 4.— 

Nassauer, Max, Doktorsfahrten. Ärztliches und Menschliches. 

8». 1902. geh. M. 2.80; geb. M. 4.40. 

Hinzu kommt 60 "n Teuerungszuschlag einschl. Sortimenterzuschlag, 
auf Grosse, Krankenpflege nur 20°,, Sortimenterzuschlag. 



>-►►>- Verlag von Ferdinand Enke in Stuttgart. 



Soeben erschien: 

Der Gesichtsausdruck des Menschen. 

Von Prof. Dr. med. H. Krukenberg, Elberfeld. 
Zweite, neubearbeitete und vermehrte Auflage. 

Mit 259 Textabbildungen meist nach Originalzeichnungen und photographischen 

Aufnahmen des Verfassers. 

Lex. 8". 1920. Geheftet M. 28.— ; gebunden M. 35.— 





INHALT: I. Einleitiiiig. — II. Liteiatiirveizeifhuis. — III. Historisches. Kritik der 
bisherigen 8chriften über Pliysiognoinik. — IV. Mimik der Tiere. — V. Entwicklung der 
Physiognomie. Antliropologisches. Entwicklung der einzelnen Rassenmerkmale. Ent- 
wicklung des Individuums. Geschlechtsmerkmale. Altersmerkmale. Pathologisches. — 
VI. Entstehung des menschlichen Mienenspiels. Entwicklungsgeschichte. Physiologie. 
Ausfallserscheinungen. Pathologie. — VII. Die Haut. — Vill. Das Auge. — IX. Das Ohr. — 
X. Die Nase. — XI. Der Mund. — XII. Zusammenfassung der einzelnen .\usdrucksweiseu. — 
Register. 

Duval's 
Grundriß der Anatomie für Künstler. 

Deutsche Bearbeitung von Prof. Dr. Ernst Gaupp. 

Fünfte Auflage. Mit 4 Tafel- und 108 Textabbildungen. 

gr. 8". 1919. Geheftet M. 16.— ; in Halbleinwand gebunden M. 19.20. 

Piastische Anatomie des Menschen 

für Künstler und Kunstschüler. 
Von Prof. L. Heupel-Siegen. 

Mit 199 teils farbigen Zeichnungen auf 85 Tafeln von Paul Mather, Düsseldorf, 
und 8 Aktstudien. Lex. 8". 1913. Geh. M. 18.— ; in Leinwand geb. M. 25.— 



Hinzu kommt 60 o),, Teuerungszuschlag einschl. Sortimenterzuschlag, bei Krukenberg 
und Duva! nur 20",, Sortimenterzuschlag.